Kapitulieren, verhandeln oder den Krieg fortsetzen?
Wie die evangelische Kirche um die Friedensethik ringt (Teil 4)
Klaus Straßburg | 27/07/2025
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) diskutiert ihre zukünftige Friedensethik. Die bisherige, so meint man wohl, war nicht für den Kriegsfall bestimmt, sondern nur für den Frieden. Das verstehe, wer will.
Jedenfalls fand im Juni ein Gespräch zwischen dem Bischof der mitteldeutschen Kirche und Friedensbeauftragten der EKD, Friedrich Kramer, und dem Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Dr. Thorsten Latzel, statt. Der Rahmen war eine gemeinsame Tagung der Superintendentinnen und -intendenten der rheinischen und der mitteldeutschen Kirche in Wuppertal.
Natürlich ist der Krieg vorbei, wenn Russland Schluss mit ihm macht.Er ist aber auch vorbei, wenn die Ukraine Schluss mit ihm macht
Präses Latzel sagte in der Diskussion im Blick auf den Ukrainekrieg:
In einer unerlösten Welt ist auch die Eindämmung des Bösen legitim. Der Krieg wäre sofort beendet, wenn Russland Schluss macht.*
Zum ersten Satz ist anzumerken: Jesus hat eine entgegengesetzte Aussage gemacht. Er sagte nach Mt 5,38:
Ihr habt gehört, dass gesagt ist: "Auge um Auge, Zahn um Zahn." Ich aber sage euch, dass ihr dem Bösen nicht widerstehen sollt.
Ich weiß nicht, ob sich Latzel zu dieser Aussage Jesu geäußert hat. Jedenfalls müsste man die These, dass in einer unerlösten Welt die Eindämmung des Bösen christlich vertretbar ist, präzisieren. Man sollte sie also nicht einfach als ethischen Grundsatz in den Raum stellen, sondern müsste sich die Mühe machen, zu begründen, in welchen Fällen dem Bösen widerstanden werden sollte und in welchen nicht. Wenn man sich diese Mühe nicht macht, hat man eine scheinbar einfache Lösung, ignoriert aber das Wort Jesu und die Verschiedenheit möglicher Situationen.
Ich schließe aus dem biblischen Gesamtzeugnis, dass in bestimmten Fällen dem Bösen widerstanden werden sollte und in anderen nicht. Die ethische Diskussion beginnt aber erst und gewinnt an Niveau, wenn man darüber streitet, wann das eine der Fall ist und wann das andere.
Der zweite Satz von Präses Latzel ist oft in der deutschen politischen Diskussion zu hören. Er ist ein "Totschlagargument", das kein Argument ist, sondern eine Plattitüde. Natürlich ist der Krieg vorbei, wenn Russland Schluss mit ihm macht. Er ist aber auch vorbei, wenn die Ukraine Schluss mit ihm macht.
Den letzten Satz habe ich in der Diskussion noch nie gehört. Er ist ein Tabu-Satz, der aber genauso wahr ist wie der andere und ebenso wie er eine Plattitüde. Doch gilt es in Deutschland als Denkverbot, dass die Ukraine vor dem Angreifer kapitulieren könnte.
Die Kapitulation gegenüber einem Aggressor kann durchaussinnvoll sein und Leid vermeiden
Die Bibel kennt dieses Denkverbot nicht. Im 6. Jahrhundert v.Chr. wurde das Land Juda mit seinem König Zedekia von der babylonischen Großmacht unter dem Herrscher Nebukadnezar bedroht. Der Prophet Jeremia sah das Leid und die Zerstörung voraus, die ein Krieg nach sich ziehen würde, und empfahl Zedekia im Namen Gottes die Kapitulation. Auf diese Weise, so Jeremia, könnte der König die Zerstörung Jerusalems vermeiden und zugleich sein eigenes Leben und das seiner Familie retten. Andernfalls werde die Stadt verbrannt und der König samt Familie in Gefangenschaft geraten (Jer 38,17-23).
Jeremia verkündet dies dem König Zedekia unter der Voraussetzung, dass Gott dem babylonischen König offensichtlich die Macht eingeräumt hat, viele Länder einzunehmen (Jer 27,4-11). Wer sich Nebukadnezar widersetzt, widersetzt sich also letztlich dem Willen Gottes.
Dahinter steht ein für uns schwieriger, aber auch tröstlicher Gedanke: Nicht die Mächtigen dieser Welt, sondern Gott ist der Herr der Weltgeschichte. Darum sollen die an Gott Glaubenden sich im Vertrauen auf sein Geleit mitunter auch in solche Geschicke ergeben, die für sie unbegreiflich und leidvoll, aber unabänderlich sind. Denn der Widerstand gegen die von Gott zugelassene militärische Stärke der Großmacht könnte noch leidvoller sein.
Der König Zedekia ist dem Rat Jeremias nicht gefolgt. Die Folgen waren tragisch, nicht nur für den König und seine Familie, sondern auch für Jerusalem und seine Bevölkerung (Jer 39,6-10).
Die Kapitulation gegenüber einem Aggressor kann demnach durchaus sinnvoll sein und Leid vermeiden. Es kann für ein Volk erträglicher sein, sich einer Übermacht zu ergeben und unter Fremdherrschaft zu leben, als sich zu verteidigen und im Krieg unterzugehen.
Auch dies wird im Buch Jeremia anschaulich beschrieben. Nach der Einnahme Jerusalems durch die Babylonier wurde die Führungsschicht ins Exil verschleppt und musste fortan in der Fremde unter babylonischer Herrschaft leben. Jeremia, der in Jerusalem bleiben durfte, schrieb ihnen einen denkwürdigen Brief. Hier ein Auszug daraus (Jer 29,4-8.11-14a):
So spricht der Herr der Heerscharen, der Gott Israels, zu allen Verschleppten, die ich verschleppen ließ von Jerusalem nach Babel: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Frucht; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter; werbt um Frauen für eure Söhne und gebt eure Töchter Männern, damit sie Söhne und Töchter gebären, dass ihr euch dort vermehrt und ihr nicht weniger werdet. Strebt nach dem Frieden der Stadt, die ich dazu brachte, euch in sie zu verschleppen, und betet für sie zum Herrn; denn in ihrem Frieden wird [auch] für euch Frieden sein. [...] Ich weiß, was für Pläne ich für euch habe, spricht der Herr, Pläne zum Frieden [oder: zum Heil] und nicht zum Unheil, um euch Zukunft und Hoffnung zu geben. Und ihr werdet mich anrufen und zu mir beten, und ich werde euch erhören. Und ihr werdet mich suchen und finden. Wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, werde ich von euch gefunden, spricht der Herr, und ich werde euer Geschick wenden.
Kurz gesagt besteht Gottes Rat für die Verschleppten darin: Führt unter der Fremdherrschaft ein soweit wie möglich normales Leben. Leistet keinen Widerstand gegen die Fremdherrschaft, kämpft nicht gegen die, die euch Unrecht tun, sondern handelt und betet für den Frieden ihrer Hauptstadt; denn ihr Friede ist auch euer Friede. Und vergesst nie, dass ich, euer Gott, friedliche, heilvolle Pläne für euch habe und euer leidvolles Geschick wenden werde.
Nicht in jedem denkbaren Fall ist es sinnvoll,dass der Angegriffene kapituliert
Babylon ist nicht Moskau und Jerusalem ist nicht Kiew. Die alte Geschichte kann nicht einfach in die Gegenwart übertragen werden. Nicht in jedem denkbaren Fall ist es sinnvoll, dass der Angegriffene kapituliert. Dennoch sollte uns die alttestamentliche Geschichte zu Denken geben.
Denn es ist durchaus sinnvoll und sogar dringend nötig, dass jeder Angegriffene darüber nachdenkt, welches Opfer zu bringen er bereit ist und ob ein Krieg möglicherweise auf der eigenen Seite mehr Leid mit sich bringt als eine Kapitulation oder eine Verhandlungslösung. Es wäre ja absurd, einen Krieg zu führen, an dessen Ende im eigenen Land mehr Todesopfer und Leidtragende zu zählen sind, als es bei einer Kapitulation oder Verhandlungslösung der Fall gewesen wären.
Das heute geltende Völkerrecht gewährt einem Staat das Recht, sich gegen einen Aggressor zu verteidigen. Das Völkerrecht ist aber nicht identisch mit dem Gottesrecht oder dem jeweiligen Willen Gottes. Bei aller Achtung vor dem Völkerrecht: Es kann im Einzelfall klüger sein und Leid verhindern, sich kampflos zu ergeben oder in den vielleicht schmerzlichen Kompromiss einer Verhandlungslösung einzustimmen.
Ein Beispiel für einen sinnvollen kampflosen Rückzug ist ein Ereignis des Zweiten Weltkriegs: Die Franzosen übergaben ihre Hauptstadt Paris kampflos an die vorrückenden deutschen Truppen, um die Stadt vor unnötigen Kämpfen und Zerstörungen zu bewahren.** Heute gehört Paris zu den von Touristen meistbesuchten Städten der Welt.
"Der Krieg wäre sofort beendet, wenn Russland Schluss macht", hatte Präses Latzel gesagt. Daran besteht kein Zweifel, und man kann nur dafür beten, dass Russland diesen Schritt tut. Danach sieht es aber aktuell nicht aus.
Deshalb ist die Frage für die Ukraine, wie viele Hunderttausende Tote und unzählige Leidtragende das Land noch in Kauf nehmen will, indem es diesen Krieg weiterführt, und ob nicht eine Verhandlungslösung das Leid mindern könnte. Diese Frage kann sich die Ukraine nur selbst beantworten.
Eine Verhandlungslösung wäre keine Kapitulation, aber mit Gebietsabtretungen und dem Verzicht auf eine NATO-Mitgliedschaft verbunden. Außerdem gäbe es wahrscheinlich keine Sicherheitsgarantien für die Ukraine, so dass das Land dem Risiko eines erneuten Angriff Russlands ausgesetzt wäre. Die konkrete Frage lautet: Sind diese Verzichte und ist dieses Risiko weitere Hunderttausende Tote und vielleicht Millionen Leidtragende allein im eigenen Land wert?
Eine differenzierte christliche Antwort orientiert sich an derVielfalt der biblischen Texte und an der bestmöglichenVermeidung von Gewalt und Leid
Das Alte Testament jedenfalls beschreibt – entgegen einer weit verbreiteten Meinung – nicht nur Kriege und grausames Hinschlachten von Menschen, sondern auch den bewussten Verzicht auf Krieg. Denn der Krieg ist nach alttestamentlichem Glauben nicht einfach ein Mittel der Politik, sondern eine Entscheidung Gottes, die dazu dient, das Volk Israel zu retten und zu bewahren (z.B. 2Mo/Ex 14,13f). Deshalb kann auch ein Krieg nur dann gewonnen werden bzw. dauerhaften Segen für das Land bringen, wenn er mit Gottes Zustimmung und im Sinne Gottes geführt wird, also nicht in weltlichem Machtstreben oder Machterhalt gründet (z.B. 4Mo/Num 14,40-45; 5Mo/Dtn 2,4f; 1Sam 30,8; Ps 46,10; Jes 37,33-36).
Sowohl die Entscheidung für einen Krieg als auch die Entscheidung gegen ihn sind also nach alttestamentlichem Denken im Einzelfall legitime ethische Möglichkeiten. Nimmt man das Neue Testament hinzu, dann verschiebt sich die Bereitschaft zum Führen eines Krieges hin zur Liebe auch gegenüber dem Feind und zum Gewaltverzicht (z.B. Mt 5,38-48; 26,51-53).
In der friedensethischen Diskussion der EKD geht es nicht darum, der Ukraine vorzuschreiben, wie sie sich zu verhalten habe. Es geht vielmehr um die Bewertung von Krieg und Frieden angesichts des Evangeliums von Gottes Liebe zu allen Menschen. Und es geht um das christliche Handeln in der Frage einer direkten oder indirekten Beteiligung an Kriegen.
Auf die dabei entstehenden Fragen gibt es keine einfachen, einseitigen oder rein politisch begründeten Antworten. Eine differenzierte christliche Antwort orientiert sich vielmehr an der Vielfalt der biblischen Texte, die unterschiedliche Situationen in den Blick nehmen, und an der bestmöglichen Vermeidung von Gewalt und Leid. Denn das christliche Handeln ist begründet in der Liebe Gottes, die allen Menschen gilt, den Freunden Gottes und sogar seinen Feinden (Röm 5,10).
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Verwendete Literatur:
Werner H. Schmidt: Das Buch Jeremia. Kapitel 21-52. Das Alte Testament Deutsch, Teilband 21. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2013.
Die drei vorangehenden Teile zum Thema "Wie die evangelische Kirche um die Friedensethik ringt" findest du hier:
Foto: Evada auf Pixabay.

Politik ist Interessenvertretung. Macht ist die Möglichkeit, jemanden gegen dessen Willen zu etwas zu zwingen. Es ist in den letzten Jahren erschreckend deutlich geworden, wie sehr Krieg wieder zu einem Mittel der Politik, einem Mittel der Machtausübung geworden ist, es vielleicht die ganze Zeit war.
Die beste, vielleicht so gar die einzige Möglichkeit, Krieg zu verhindern, ist, stark genug zu sein, einen Angriff abzuwehren. Wenn man seinen Staat erhalten will, muss man in der Lage und bereit sein, Krieg zu führen, und der potenzielle Kriegsgegner muss es einem glauben. Die Alternative ist Unterwerfung und Selbstaufgabe. Dann machen eben andere mit der einheimischen Bevölkerung weiter. Das römische "si vis pacem, para bellum" ("wenn du den Frieden willst, rüste zum Krieg") gilt weiter.
Garantien sind wenig wert. Die Ukraine hatte eine Sicherheitsgarantie Russland gegen Abgabe ihrer Nuklearwaffen erhalten. Auf der anderen Seite ist unter Trump die Garantie der NATO unzuverlässig geworden, was uns Europäer viel Geld und evtl. den Frieden kostet.
Dass die EKD hier eine neue Friedensethik ausarbeitet, ist für mich belanglos. Die Grundlage des Christentums sollte Jesus Christus gelegt haben, der ein Evangelium der Liebe verkündet und die Ausübung weltlicher Macht abgelehnt hat, nicht geflohen ist und sich nicht verteidigt hat, mit der ganz persönlichen Konsequenz, dass er von der weltlichen Macht gekreuzigt wurde.
Dass man mit der Bergpredigt nicht regieren kann, ist fast ein geflügeltes Wort geworden. Kirche und Theologie, die der Versuchung weltlicher Macht nicht widerstehen können, versuchen trotzdem, diese Widersprüche verbal zu überbrücken. Sie sollten es lassen.
Viele Grüße
Thomas
danke für deine kritische Stellungnahme. Weil wir uns darüber schon verschiedentlich auseinandergesetzt haben, versuche ich hier eine Widerlegung durch kurze Thesen:
1. Es geht in der christlichen Ethik nicht primär darum, das eigene Staatswesen um jeden Preis zu bewahren, sondern das eigene und fremde Leid der von Gott geliebten Geschöpfe so gering wie möglich zu halten.
2. Die beste oder gar einzige Möglichkeit besteht deshalb (auch nach dem biblischen Gesamtzeugnis) weder darin, einen Krieg um jeden Preis zu führen, noch darin, ihn um jeden Preis zu verhindern.
3. Unterwerfung muss nicht Selbstaufgabe sein, sondern kann in höchstem Maße Selbstverwirklichung sein, wie Jesus mit seinem bewusst auf sich genommenen Leiden und Sterben gezeigt hat.
4. Die Selbstverwirklichung einer Unterwerfung kann (auch im eigenen Volk) weniger Leid mit sich bringen als das Führen eines Kriegs (siehe Jer 38f).
5. Dass ein Wort zum geflügelten geworden ist, bedeutet nicht, dass es wahr ist.
6. Es gab und gibt viele (auch theologische) Versuche, die Bergpredigt zu entschärfen. Dass man mit ihr nicht regieren könne, ist von Jesus aber nicht gesagt worden. Diese These gehört deshalb zu den Versuchen, die Bergpredigt zu entschärfen und zu verharmlosen.
7. Dass Feindesliebe, wie Jesus sie in der Bergpredigt fordert, nicht in jedem denkbaren Fall geübt werden sollte, entnehme ich dem Gesamtzeugnis von Altem und Neuem Testament. Gegen Jesu Gebot der Feindesliebe darf (im tiefen Bewusstsein, schuldig zu werden!) dann verstoßen werden, wenn sie mehr Leid mit sich bringt als der Verstoß gegen Jesu Gebot (vgl. These 2).
8. Kirche und Theologie haben nicht die Aufgabe, weltliche Macht auszuüben, sondern die weltlichen Machthaber an das Evangelium von der Liebe Gottes zu allen Menschen und an die aus ihm folgende Ethik zu erinnern und, wenn nötig, zu ermahnen (sog. "Wächteramt" der Kirche).
9. Die Liebe Gottes zu den Seinen (die z.B. auch in Jer 38,17-23 und Jer 29-11-14 deutlich wird) und das Vorbild Jesu ermuntern die Glaubenden dazu, im Vertrauen auf Gottes Geleit eigenes Leid dann auf sich zu nehmen, wenn andernfalls größeres Leid für andere Menschen (aus dem eigenen Volk und aus anderen Völkern) entstehen sollte.
Viele Grüße
Klaus
danke für deine Antwort in Kurzthesen. Mit Punkt 5 und Punkt 9 stimme ich überein, mit Punkt 1, Satz 1 ebenfalls.
Zu Punkt 6: Dass man mit der Bergpredigt nicht regieren könne, hat Jesus nicht gesagt. Ich kenne es von Helmut Schmidt. Schmidt war Bundeskanzler, Jesus Religionsstifter. Insofern ist das alles schlüssig.
Es gibt zwei Punkte, die sich bei dir durchziehen.
1. Minimierung eigenen und fremden Leids als Leitlinie.
a) Klingt gut, aber wonach willst du das bemessen? Zahl der Toten, Zahl der Verletzten (jeweils eigene und gegnerische, Militär und Zivilisten), psychisches Leid durch Unterdrückung, usw., wie gemessen und abgewogen? Und selbst wenn man das im Nachhinein bestimmen könnte: im Vorhinein, wenn die Entscheidung getroffen werden muss, weiß man es nicht. Vielleicht wäre der Erste Weltkrieg unterblieben, wenn die Beteiligten am Anfang gewusst hätten, was daraus wird.
b) Wenn das ein spezifisch christlicher Ansatz sein sollte, wieso tut sich dann die Kirche so schwer, wenn es um Sterbehilfe geht? Da kann man zumindest genauer einschätzen, was den Betroffenen an Leid erspart werden kann.
c) Das Christentum zeichnet sich durch eine irritierende Rücksichtslosigkeit hinsichtlich eigenen Leidens für die Sache des Glaubens aus. Gleichzeitig macht das einen Teil seiner Stärke aus. Es sind allerdings fast aussschließlich individuelle Entscheidungen mit der Folge individuellen Leidens.
2. Biblisches Gesamtzeugnis
a) Ich halte das für einen sehr unscharfen Begriff, zu unscharf, als dass er für praktisch ethische Zwecke zu sinnvollen Ergebnissen führen könnte. Allein wenn man die beiden Untergruppen AT-Gesamtzeugnis und NT-Gesamtzeugnis bildete, würden diese deutlich voneinander abweichen.
b) Wie soll z.B. konkret das Gesamtzeugnis aussehen, wenn Jesus explizit der Tradition widerspricht (Mt 5, 38-48, Vergebung und Feindesliebe)? Will die Theologie Jesus dort korrigieren?
c) Sind wir Christen oder Biblisten?
Zum Thema "Wächteramt" der Kirche? Ich wüsste nicht, dass ihr dieses Amt vom Staat bzw. dem deutschen Volk als Souverän übertragen worden wäre. Sie mag sich früher so gesehen haben, aber angesichts ihrer heutigen Situation ist das doch realitätsfern. Vgl. z.B.: https://www.evangelisch.de/inhalte/223552/22-11-2023/ueberschaer-kirche-als-moralisches-waechteramt-hat-ausgedient
Und müsste man in einer pluralistischen Gesellschaft nicht konsequenterweise auch anderen Glaubensgemeinschaften (z. B. Muslimen) solche Wächterämter zugestehen?
Viele Grüße
Thomas
uff, das ist ein Haufen richtig guter Fragen, über die man ein längeres Gespräch führen müsste, anstatt in schriftlicher Rede und Gegenrede zu kommunizieren. Ich will versuchen, auf die Fragen zu antworten.
1. Wonach kann man Leid bemessen?
Die Frage ist berechtigt. Leid ist nicht in Zahlen messbar und ausdrückbar. Wenn es um zukünftiges Leid geht, kommt hinzu, dass die Zukunft nicht gewusst werden kann, so dass gewisse Unwägbarkeiten dazukommen. Leid ist aber auch keine gänzlich unverfügbare Größe.
Wie jeder Angreifer, so muss auch jeder Verteidiger sich fragen, wie viel Leid er in Kauf nehmen möchte, was zu opfern er bereit ist. Das gilt ja auch im Kampf eins gegen eins. Wenn ein durchtrainierter Muskelprotz von zwei Meter Größe mich angreift, werde ich kaum zurückschlagen, sondern wenn möglich das Weite suchen oder klein beigeben. Wenn mein Gegenüber 1,50 Meter misst und schmächtig wirkt, werde ich wahrscheinlich anders reagieren, obwohl ich nicht genau wissen kann, wie der Kampf ausgeht. Der andere könnte ja ein Messer aus der Tasche ziehen.
Im Krieg ist es ja vielleicht ähnlich. Der Angreifer wird sich, bevor er angreift, überlegen, ob er den Krieg gewinnen kann. Der Verteidiger wird sich auch überlegen, ob er überhaupt eine Chance hat, und wenn nicht, zähneknirschend ein Friedensangebot machen. Ich will damit sagen: Auch wenn nicht alles berechenbar ist, gibt es doch Anhaltspunkte. Und in einem schon begonnenen Krieg können beide Parteien das Leid, auf das sie nach beispielsweise drei Monaten zurückblicken, auf die Zukunft hochrechnen. Auch das ist dann keine fixe Größe, aber doch ein nicht zu unterschätzender Anhaltspunkt.
Noch schwieriger ist es natürlich, das Leid eines Krieges (Tote, Verletzte, Zerstörung etc.) mit dem Leid einer längeren Besatzung (Unfreiheit, Diktatur, Unrecht etc.) zu vergleichen. Die Entscheidung darüber hängt von der konkreten Ausgestaltung einer militärischen Niederlage ab: Wird der besiegte Staat dauerhaft besetzt? Wird er zu einem Vasallenstaat gemacht, ohne direkt besetzt zu sein? Wird es in dem Staat bleibend Hinrichtungen, Folter und Willkür geben? Wird der Bevölkerung das Leben zur Hölle gemacht? Je nachdem wird ein bedrohter Staat anders entscheiden, ob er in den Krieg zieht oder nicht.
Normalerweise entscheiden die Staatslenker, was passiert. Deren Entscheidung muss nicht mit der des Volkes im Einklang sein. Oder muss man sagen, dass sie es sogar in der Regel nicht sein wird? Meine Idee wäre jedenfalls, dass zu dieser Frage eine Volksabstimmung stattfindet. Ich denke, dass dann weit weniger Kriege stattfinden würden. Denn die Entscheidungsträger kämpfen ja heute nicht an der Front, sondern schicken andere dorthin, die das oft gar nicht wollen. Das finde ich unerträglich.
Natürlich ist auch eine Volksabstimmung (die mindestens jedes Jahr, wenn der Krieg noch läuft, wiederholt werden müsste) nicht ohne Probleme. Denn die vom Staat ausgehende Manipulation wäre gewaltig. Aber eine Volksabstimmung in jährlichem Abstand wäre m.E. die bessere Lösung gegenüber der, dass eine Regierung oder ein Präsident allein entscheidet, ob der Krieg begonnen oder weitergeführt wird oder nicht. Das Volk, dass dann die Entscheidung fällt, kann nämlich viel besser entscheiden, ob es das Leid des Krieges auf sich nehmen will oder nicht. Denn das Volk ist der Leidtragende, nicht die Regierung oder der Präsident.
2. Sterbehilfe
Ich kann nicht für die evangelische Kirche sprechen, sondern nur für mich. Bei der Sterbehilfe geht es um eine Selbsttötung zwecks Vermeidung eigenen Leids, meistens eines Siechtums, an dessen Ende dann auch der Tod steht. Man kann die christliche Meinung vertreten, dass allein Gott über Anfang und Ende des Lebens entscheiden soll. Die Selbsttötung in dem von mir geschilderten Fall, an dessen Ende immer der Tod steht, ist aber etwas anderes, als eine bestimmte Form des Leids bewusst auf sich zu nehmen, um eine andere Form des Leids und zugleich fremdes Leid zu vermeiden. Der Staatslenker, der in diesem Fall entscheidet, entscheidet aber immer über fremdes Leid, und zwar Leid von immensem Ausmaß. Ich finde, auch wenn er demokratisch gewählt ist, muss, wie gesagt, das Volk, das der Leidtragende ist, hier die Entscheidung treffen. Das entspräche dann der Entscheidung eines Individuums für oder gegen die Selbsttötung, nur dass hier ein Kollektiv entscheidet, welche Art von Leid (z.B. Krieg oder Besatzung) es auf sich nehmen will.
3. Christliche individuelle Entscheidungen, Leid auf sich zu nehmen
Es ist in der vom Individualismus beherrschten Neuzeit eigentlich immer eine individuelle Entscheidung, ob jemand bewusst Leid auf sich nimmt oder nicht. Auch wenn eine Gruppe sich für das eine oder andere entscheidet, muss die Möglichkeit bestehen, dass Einzelne aus der Gruppe eine gegenteilige Entscheidung treffen.
Als solche Gruppenentscheidungen fallen mir ein: Die Zeugen Jehovas, die jede Kriegsbeteiligung ablehnten und lieber dafür starben. Die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, die ihr Leben riskierte, um Hitler zu stürzen. Der Widerstand der Gruppe um Graf Staufenberg. Eine Gruppe hat sich entschieden: Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas. Weiße Rose. Hitler-Widerstand um Staufenberg.
In der Antike hat man sich weit mehr von der Volkszugehörigkeit her definiert als heute. Im Alten Testament entscheidet sich das Volk Israel als „Gesamtperson“ z.B. für oder gegen Gott. Das ist ein Verständnis von Personalität, das wir heute kaum noch nachvollziehen können. Wahrscheinlich gibt es in der Kirchengeschichte noch mehr Beispiele für Gruppenentscheidungen, die mir nicht bekannt sind. Auch im Alten Testament behält der Einzelne ein gewisses Recht zur eigenen Entscheidung, wenn es um Krieg geht: Im sog. Kriegsgesetz von 5Mo/Dtn 20 wird in V 5-9 den potentiellen Kämpfern sogar gewährt, aus verschiedenen Gründen (Haus gebaut, Weinberg gepflanzt, verlobt, Angst vor dem Kampf!) den Kriegsdienst zu verweigern.
4. Biblisches Gesamtzeugnis
Du hast recht: Der Begriff ist unscharf und muss inhaltlich gefüllt werden. Ich nutze ihn auch nur als Bezeichnung dafür, dass man sich nicht einzelne Bibelsprüche herauspicken darf, die einem gerade in den Kram passen, und andere links liegen lassen. Was das für mich beim Thema Krieg bedeutet, habe ich auf diesem Blog vielfach dargelegt. Ich bin deshalb auch kein strenger Pazifist, sondern halte die Entscheidung für den Krieg für legitim, allerdings nur in seltenen Ausnahmefällen und in dem Bewusstsein, damit Schuld auf sich zu laden.
In den Punkten, in denen Jesus das Alte Testament auslegt und damit der jüdischen Tradition widerspricht, plädiere ich dafür, dem Wort Jesu zu folgen. Wichtig ist, dass er dabei nicht dem Alten Testament widerspricht, sondern es nur in damals neuer Weise auslegt (siehe sein Wort Mt 5,18).
Deine Frage, ob wir Christen oder Biblisten/Biblizisten sind, zielt wahrscheinlich auf meine häufigen Bibelverweise ab. Ich gebe zu, dass man das biblizistisch missverstehen kann. Der Hintergrund ist folgender: Ich habe mich schon während meines Studiums darüber geärgert, dass dogmatische Aussagen oft nicht ausreichend biblisch begründet wurden, so dass ich mich fragte: Woraus stützt sich diese dogmatische Erkenntnis? Hat dieser Theologe sich das ausgedacht? Ist das eben sein persönlicher Glaube, der irgendwie beliebig ist? Von dieser Erfahrung her habe ich mir vorgenommen, meine Aussagen möglichst genau biblisch zu begründen.
Das bedeutet aber nicht, dass ich einem fundamentalistischen Buchstabenglauben anhänge, sondern dass ich die Vielfalt der biblischen Aussagen ernst nehmen, sie miteinander ins Gespräch bringen und einander vermitteln möchte. Man könnte noch hinzufügen, dass alle biblischen Aussagen an der Person Jesu Christi, seinem Reden und Handeln, gemessen werden müssen. Insofern ist es für mich kein Widerspruch, entweder Christ oder bibeltreu zu sein, sondern beides gehört für mich untrennbar zusammen.
5. Wächteramt der Kirche
Ich weiß nicht, was die Theologin Ueberschär, auf die du verweist, sich unter einem Wächteramt vorstellt. Ein “moralisches Wächteramt“, von dem sie spricht, klingt sehr nach erhobenem Zeigefinger. Darum geht es nicht. Es geht aber darum, dass es der Kirche am Herzen liegen muss, Leid unter den Menschen soweit wie möglich zu vermeiden (z.B. Hunger, Ertrinken von Flüchtlingen im Mittelmeer, Klimawandel). Um dies zu erreichen, ist es ihre Verantwortung, ungute politische Entwicklungen anzusprechen, den Staat an seine Verantwortung vor Gott und den Menschen zu erinnern und ggf. auch zu ermahnen. Das alles in Bescheidenheit und im Bewusstsein eigener Schuld. Ich denke, dagegen kann auch Ueberschär nichts haben.
Diese Verantwortung muss der Kirche nicht vom Staat übertragen werden, weil sie in der Barmherzigkeit gründet, die Gott der Christenheit aufgetragen hat. Wenn andere Menschen, Gruppen oder Religionsgemeinschaften sich dieser Barmherzigkeit anschließen, kann ich das nur begrüßen.
Uff, das war nun wirklich viel. Ich hoffe, etwas zur Klärung beigetragen zu haben.
Viele Grüße
Klaus
du hast völlig recht: unsere Diskussion könnte jetzt ausufern und würde den Rahmen einer solchen Kommentierung sprengen.
Nur eine Bemerkung: mir ist klar, dass du kein Biblizist bist. Ich habe den unüblichen Begriff "Biblist" deswegen auch sehr bewusst gewählt. Es ging mir darum, dass schon mit der Bezeichnung unserer Religion klar wird, wo die Priorität liegt.
Viele Grüße
Thomas
Grüße Johanne, 4.8.25
Grüße Johanne, 4.8.25