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Ist Gott ein strafender Gott?

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Veröffentlicht von in Theologie verständlich · 15 Februar 2024
Tags: StrafeZornGerichtTat_und_FolgeEthikKriegGottesbild

Ist Gott ein strafender Gott?
Klaus Straßburg | 16/02/2024

"Der liebe Gott sieht alles!" Dieses bedrohliche Wort haben manche in ihrer Kindheit nicht nur einmal gehört. Es galt als Erziehungsmaßnahme und wollte sagen: "Tu nichts Böses, denn Gott sieht alles und bestraft es!" Damit wurde ein Angst machendes und bedrohliches Gottesbild weitergegeben.

Der Gedanke, dass Gott böse Menschen für ihre Taten bestraft, ist in der christlichen Tradition tief verwurzelt. Dem steht gegenüber, dass zumindest im Neuen Testament von einem strafenden Gott erstaunlich selten die Rede ist. Und im Hebräisch des Alten Testaments gibt es verschiedene Wörter, die in unseren Übersetzungen mit "Strafe" übersetzt sind, aber auch ganz andere Bedeutungen haben können.

Es lohnt also, sich einmal mit der Frage zu beschäftigen, was die biblischen Schriften wirklich über den strafenden Gott sagen. Das kann hier nur exemplarisch an einigen wenigen Bibelstellen geschehen; denn ein biblisches Gesamtbild würde ein ganzes Buch füllen. Aber auch einige exemplarische Stellen können zeigen, dass die biblischen Aussagen nicht so eindeutig sind, wie wir denken.


1. Gott weist uns zurecht, um uns den rechten Weg zu weisen

Blicken wir zuerst auf zwei Stellen aus dem Alten Testament. In Psalm 6 drückt ein Mensch eine Notsituation aus, in der er mit Übeltätern und Feinden (Vers 11) zu kämpfen hat, ja sogar mit dem Tode bedroht wird (Vers 5f). Er fleht Gott um Errettung an und wird am Ende des Psalms gewiss, dass Gott ihn erhört hat (Verse 9b-11). Der Vers 2 dieses Psalms wird in fast allen Übersetzungen, die sich um eine wörtliche Übersetzung bemühen, so wiedergegeben:

HERR, strafe mich nicht in deinem Zorn
und züchtige mich nicht in deinem Grimm.

Der Vers ist so aufgebaut, dass beide Glieder parallel zueinander stehen (sog. parallelismus membrorum). Das ist eine übliche poetische Figur alttestamentlicher Dichtung. In diesem Fall sagen beide Glieder mit unterschiedlichen Worten dasselbe oder Ähnliches aus.

Das hebräische Verb, das hier mit "strafen" übersetzt ist, kann laut Lexikon verschiedene Bedeutungen annehmen: "entscheiden, richten, Recht sprechen, Recht schaffen, zurechtweisen, zur Rechenschaft ziehen, züchtigen, strafen."

Das Verb, das mit "züchtigen" übersetzt wird, hat folgende Bedeutungsgehalte: "züchtigen, zurechtweisen (auch im Sinne von ermahnen), belehren."

Wer den Text übersetzt, muss also zwischen den verschiedenen Bedeutungsgehalten auswählen. Im ersten Teil des Verses muss man nicht mit "strafen" übersetzen, sondern könnte das Verb zum Beispiel auch mit "richten" wiedergeben. Im zweiten Teil des Verses könnte man statt "züchtigen" die Bedeutung "zurechtweisen/ermahnen" wählen. Der Vers würde dann so lauten:

HERR, richte mich nicht in deinem Zorn
und weise mich nicht zurecht in deinem Grimm.

Die zweite Übersetzung ergibt einen deutlich anderen Sinn als die erste. Sie geht davon aus, dass Gott über das Schicksal des in Not geratenen Menschen entscheidet. Er ist sozusagen der Richter, der uns für unsere Verfehlungen belangen kann.

In der konkreten Situation des Psalmbeters könnte das heißen: Wie es oft in unserem Leben ist, ist er nicht ganz unschuldig an dem Konflikt, in dem er steht. Er hat seinen Beitrag zur Eskalation des Konflikts geleistet. Nun schlägt das auf ihn selbst zurück: Seine Feinde bedrohen sein Leben. Er fleht Gott an, dass er ihn nicht für seine Mitschuld belangen möge, dass ihm diese Zurechtweisung erspart bleibe.

Diese Deutung entspricht dem alttestamentlichen Tat-Folge-Zusammenhang, wonach eine böse Tat auf den Täter zurückschlägt und ihn selbst in Bedrängnis bringt. Das geschieht nicht automatisch, sondern nur dann, wenn Gott dieses Zurückschlagen zulässt.

Aber könnte man nicht genauso gut vom Strafen Gottes sprechen statt von seinem Richten? Je nachdem, was man unter Strafe versteht. Wikipedia definiert Strafe so: "Die Strafe ist eine Sanktion gegenüber einem bestimmten Verhalten, das im Regelfall vom Erzieher, Staat oder Vorgesetzten als Unrecht bzw. als [...] unangemessen qualifiziert wird." Und was ist eine Sanktion? Wieder Wikipedia: "Als Sanktion wird [...] ein Zwangsmittel bezeichnet, durch das rechtsnormwidriges oder verhaltensnormwidriges Handeln dem so Handelnden Nachteile bringen soll, um ihn zur Einhaltung dieser Normen zu bewegen."

Überträgt man das auf Gott, dann wäre sein Richten ein Mittel, das dazu dient, die Einhaltung seiner Gebote zu erzwingen. Das finde ich schwierig. Es geht bei Gottes Richten nicht um ein Zwangsmittel, sondern um Gottes Ruf zu einem guten Verhalten. Vielleicht um die letzte Möglichkeit, uns auf einen guten Weg zurückzuführen. Gott schlägt uns nicht, um unsere Gebotserfüllung zu erzwingen, so wie die sogenannte "schwarze Pädagogik" das Ziel hatte, mit Schlägen den Willen des Kindes zu brechen. So verstehe ich Gottes Handeln nicht. Ich verstehe Gott vielmehr als einen, der um uns wirbt; der uns bittet, aus seiner Liebe und selber liebend zu leben, so wie Paulus schrieb: "Wir bitten anstelle von Christus: Lasst euch versöhnen mit Gott!" (2Kor 5,20b)

Mit einem strafenden Gott werden viele falsche Vorstellungen verbunden: Ein Gott, der uns Schmerzen zufügt, weil wir ungehorsam waren, gegen sein Gesetz verstoßen oder gar seine Autorität untergraben haben. Ein Gott, der Genugtuung fordert und uns deshalb bestraft.

Diese Gottesvorstellungen finde ich schwierig. Die Bibel spricht nicht von einem in Zorn geratenen Gott, der wütend oder auch nur gekränkt eine Strafe über die Menschen verhängt. Solch eine Strafe und Züchtigung verbinden wir oft mit einem in Zorn geratenen Vater, der sein Kind mit Schlägen züchtigt. Dieses elterliche Verhalten ist dem Alten Testament wie überhaupt dem alten Orient nicht fremd (z.B. Spr 13,24; 22,15). Es darf aber nicht einfach auf Gott übertragen werden.

Gott ist kein Vater, der in seiner Autorität gekränkt ist und uns straft, weil das göttliche Gesetz das so fordert; denn jede Übeltat muss eben bestraft werden. Ein solches göttliches Gesetz gibt es nicht. Gott will uns vielmehr durch sein richterliches, Recht schaffendes Handeln auf den rechten Weg zurückbringen. Er ist ein barmherziger Richter, der es gut mit uns meint. Auch unser deutsches Wort "zurechtweisen" meint ja nicht, dass jemand einen anderen mit Wutanfällen oder Schlägen bedroht, sondern dass er zum rechten Handeln und insofern auf einen guten Weg gewiesen wird.


2. Gott straft uns nicht, sondern macht uns Schuld und deren Folgen bewusst

Als zweites Beispiel aus dem Alten Testament schauen wir uns 2. Mose bzw. Exodus 34 Vers 7b an, der meist so übersetzt wird:

[...] aber ungestraft lässt er [Gott] niemanden, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied.

Ich gehe jetzt nicht auf den Beginn des Satzes ein (Vers 7a), der das unermessliche Übergewicht der Gnade und Vergebung Gottes gegenüber seiner Heimsuchung unserer Übeltaten beschreibt. Mir geht es jetzt wieder nur um die Bedeutung der Verben in diesem Vers 7b.

Das mit "ungestraft lassen" übersetzte Verb heißt in seiner Grundbedeutung "folgenlos sein lassen". Daraus ergeben sich laut Lexikon die Übersetzungsmöglichkeiten "für unschuldig erklären, lossprechen, ungestraft lassen". Das zweite Verb "heimsuchen" kann positiv bedeuten "nach dem Rechten sehen, beobachten, sich jemandes annehmen, jemanden besuchen" und negativ "kontrollieren, heimsuchen, Rechenschaft einfordern". Man kann also auch übersetzen:

[...] aber er [Gott] erklärt gewiss niemanden für unschuldig (und lässt ihn folgenlos davonkommen), sondern beobachtet die Missetat der Väter an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied.

Hält man beide Übersetzungen nebeneinander, so ist in der zweiten nicht mehr von einem Gott die Rede, der jede Schuld bestraft und sie an den Nachfahren der Übeltäter heimsucht, sondern von einem Gott, der die Schuld und den Übeltäter benennt und die Folgen seiner Taten gemäß dem Tat-Folge-Zusammenhang auch an den Nachfahren des Übeltäters beobachtet – und zwar nicht distanziert, sondern Anteil nehmend beobachtet und beachtet. Das entspricht unserer Erfahrung, dass wir manchmal erschüttert beobachten müssen, dass die Folgen von Übeltaten über Generationen hinweg nachwirken und von den kommenden Generationen getragen werden müssen.

Das Bild von Gott, das hier gezeichnet wird, ist nicht das eines Gottes, der die Kinder für die Schuld ihrer Väter bestraft. Hier wird vielmehr von einem Gott gesprochen, der Schuld tausendfach vergibt (Vers 7a), aber sie dennoch benennt und verurteilt, damit sie vom Übeltäter nicht wiederholt und fortgesetzt wird. Und weil Schuld immer leidvolle Folgen mit sich bringt, werden von ihr mitunter sogar die kommenden Generationen heimgesucht – woran Gott mitleidend Anteil nimmt. Das sollte uns besonders sensibel für die Folgen unserer Taten machen.

Wir müssen an dieser Stelle verstehen, dass eine Schuld nach biblischem Verständnis nicht einfach eine böse Tat ist, sondern zugleich die Folgen dieser Tat zur Tat dazugehören. Eine böse Tat ist nicht mit dem Ende der Tat abgeschlossen, sondern setzt sich fort in den bösen Folgen, die sie mit sich bringt.


3. Gott unterweist uns durch Krisen und schwere Zeiten

Im Neuen Testament werfen wir einen Blick auf Hebräer 12,5-7. Die Elberfelder Übersetzung, die als besonders wortgetreu gilt, lautet:

5Ihr habt die Ermahnung (wörtl. Ermunterung) vergessen, die zu euch als zu Söhnen spricht: "Mein Sohn, schätze nicht gering des Herrn Züchtigung, und ermatte nicht, wenn du von ihm gestraft (wörtl. zurechtgewiesen) wirst! 6Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er; er schlägt (wörtl. geißelt) aber jeden Sohn, den er aufnimmt." 7Was ihr erduldet, ist zur Züchtigung: Gott behandelt euch als Söhne. Denn ist der ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt?

Das Wort in Vers 5, das hier mit "Züchtigung" wiedergegeben ist, heißt laut Lexikon in seiner Grundbedeutung "Erziehung, Unterweisung". Das Verb "strafen" in Vers 5 bedeutet laut Lexikon vor allem "ans Licht bringen, jemanden einer Sache überführen, jemanden tadeln, zurechtweisen". Das "züchtigen" in Vers 6 bedeutet wieder "erziehen, unterweisen". Das "schlagen" in demselben Vers bedeutet "peitschen, auspeitschen, strafen, züchtigen, misshandeln". Hier ist offenbar das Handeln Gottes mit dem eines Vaters parallelisiert, der sein Kind erzieht – es handelt sich nämlich um ein Zitat aus Spr 3,11f. Dementsprechend steht in Vers 7 wieder "Erziehung/Unterweisung" und am Schluss "erziehen/unterweisen".

Es wird hier also das erzieherische Handeln eines Vaters als Beispiel für das Handeln Gottes benutzt. Mit einer "Strafe" im juristischen Sinn, bei der auf ein Vergehen notwendig eine Strafe folgen muss, weil das Gesetz es so erfordert, hat das nichts zu tun. Und auch eine Strafe, bei der ein Gott durch unseren Ungehorsam seine Autorität untergraben sieht und uns deshalb bestraft, ist nicht gemeint. Es geht vielmehr um eine "Zurechtweisung" Gottes, durch den der Mensch einer bösen Tat "überführt" wird mit dem Ziel, dass er das Böse in Zukunft unterlässt.

Wichtig ist deshalb, dass Gottes Handeln nicht einfach darin besteht, uns sinnlos oder als notwendige Folge unserer bösen Tat Schmerzen zuzufügen, sondern dass Gott uns auf einen rechten Weg weisen will und in diesem Sinne uns zurechtweisen. Weil das aus Liebe geschehen soll (Vers 6), kann damit nicht ein Peitschen oder gar Misshandeln gemeint sein. Die körperliche Züchtigung in der Erziehung war zwar damals üblich. Das aber auf Gott zu übertragen, wäre überzogen. Es ist nicht gemeint, dass Gott uns körperliche Schmerzen zufügt, um uns zu maßregeln.

Wir wissen heute, dass es sinnvoll ist, wenn Erziehungsmaßnahmen im Zusammenhang mit der Tat stehen, die in Zukunft nicht mehr verübt werden soll. Wenn ein Kind zum Beispiel sein Geschwisterkind ärgert, soll es nicht dafür geschlagen werden, sondern vom Geschwisterkind getrennt werden, so dass das Ärgern nicht mehr möglich ist. Das Kind spürt dann die Folgen seiner eigenen Tat, nämlich die Isolation. Es muss jetzt für gewisse Zeit alleine spielen.

So kann es sein, dass Gott einen Menschen die Folgen seiner Tat spüren lässt. Gerade so kann der Mensch lernen, sich in Zukunft anders zu verhalten. Hier spielt wieder der Tat-Folge-Zusammenhang eine Rolle: Wenn ich Böses tue, muss ich selber an den Folgen der Tat leiden. Gerade dies gibt mir zu denken und bewirkt eine Veränderung meines Verhaltens.

Eine alternative Übersetzung des Textes könnte dann so lauten:

5Ihr habt die Ermunterung vergessen, die zu euch als Kindern spricht: "Mein Kind, schätze die Unterweisung Gottes nicht gering, und werde nicht schwach, wenn du von ihm zurechtgewiesen wirst! 6Denn wen der Herr liebt, den unterweist er; er geißelt aber [natürlich nicht körperlich, sondern im übertragenen Sinn] jedes Kind, das er annimmt." 7Im Blick auf die Unterweisung haltet aus! Gott begegnet euch als [seinen] Kindern! Denn welches Kind unterweist sein Vater nicht?

So verstanden ist der Text eine tröstliche Ermutigung und Ermunterung (Vers 5!), schwere Zeiten durchzustehen. Jeder ernsthafte Glaube kennt Anfechtungen, die ihm das Glauben schwer machen. Gerade solche Anfechtungen können aber den Glauben stärken und wachsen lassen.

Wichtig ist sich klarzumachen, dass nicht jedes Leid eine Erziehungsmaßnahme Gottes ist. Es gibt viel Leid, das nicht gottgewollt ist. Darum sollte niemand vom Leid eines anderen vorschnell behaupten, es sei eine Zurechtweisung Gottes, die er willig zu ertragen hätte. Dass in einer schweren Zeit Gott an einem Menschen arbeitet, kann nur dieser Mensch selber erkennen, und zwar oft erst im Nachhinein.


4. Gott kann uns den leidvollen Folgen unserer Taten aussetzen

Dass Gott uns unseren eigenen unheilvollen Taten ausliefern kann, ist biblisches Allgemeingut. So heißt es schon Spr 1,30f:

Meinen Rat haben sie nicht gewollt, jede Ermahnung von mir haben sie verschmäht, darum müssen sie essen von der Frucht ihres Weges und satt werden von ihren Plänen. Denn ihre Untreue bringt die Einfältigen um, und die Dummen richtet ihre Sorglosigkeit zugrunde. Wer aber auf mich hört, wohnt sicher und hat Ruhe vor dem Schrecken des Unheils.

Der Text spricht über Menschen, die nicht nach Gottes Wegen gefragt und jeden Fingerzeig, jede Ermahnung von ihm ignoriert haben. Gott hat also versucht, sie vor dem Unheil zu bewahren. Sie wollten ihm aber in ihrer Untreue und dummen Sorglosigkeit nicht folgen. Nun müssen sie die Suppe auslöffeln, die sie sich selbst eingebrockt haben. Das Unheil besteht in ihren eigenen Taten, die nun auf sie zurückschlagen.

Paulus drückte es dann später kurz und prägnant so aus (Gal 6,7b):

Was der Mensch sät, das wird er auch ernten.

An anderer Stelle sagt Paulus einmal, dass Gott die törichten und unverständigen Menschen an die "Unreinheit", an das Unheil "dahingegeben" hat, das sich "im Verlangen ihrer Herzen" und in ihren Taten breit gemacht hat (Röm 1,22-25). Gott tut das nicht, um uns unseren Ungehorsam heimzuzahlen, sondern um uns einen Spiegel vorzuhalten. Dadurch können wir erkennen, was wir in Zukunft anders machen sollten, um Unheil und Leid zu vermeiden. Denn Gott will, dass alle Menschen die Wahrheit erkennen (1Tim 2,4).

All das lässt den Schluss zu: Nicht Gottes Strafen stürzen uns ins Unheil, sondern unser eigenes Handeln. Darum sollten wir nicht vor Gott Angst haben, sondern vor uns selbst.


5. Gottes Gerichte und sein Zorn: gnädige Wegweisungen

Zum Schluss möchte ich noch einen Blick auf Gottes Zorn und sein auf Erden richtendes Handeln an den Menschen werfen. Und ich tue dies im Anschluss an einige spannende und höchst aktuelle Einsichten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Christenheit gemacht wurden.

Gottes Zorn und Gericht – sein warnendes, wegweisendes und uns unserer Verfehlungen überführendes Handeln hat ja nicht nur persönliche Dimensionen, sondern auch weltweite. Denn die Welt und ihre Geschichte ist Gott nicht gleichgültig. Immerhin kam er, als er in Jesus Christus in die Welt kam, in sein Eigentum (Joh 1,11).

Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Christinnen und Christen klar, dass sie schon vor dem Beginn des Krieges die wegweisenden und warnenden Zeichen Gottes übersehen hatten. So bekannte die erste Synode der Bekennenden Kirche von Berlin im Juli 1945:

Gottes Zorn war über uns. "Gottes Güte ist es, dass wir nicht gar aus sind" [Klgl 3,22a]. Wer noch lebt, weiß dafür keinen anderen Grund. Die Gottes Wort kannten, haben seinen Zorn gefürchtet und kommen sehen und haben schwer daran getragen.

Längst ehe Gott im Zorn sprach, haben wir das Wort seiner Liebe überhört. Längst ehe die Kirchen in Schutt sanken, waren Kanzeln entweiht und Gebete verstummt. Hirten ließen die Herde verschmachten, Gemeinden ließen ihre Pfarrer allein. –

Längst ehe die Scheinordnung des Reiches zerbrach, war das Recht verfälscht. Längst ehe man Menschen mordete, waren Menschen gottverloren und daher nichtig geworden. Wessen Leben nichtig ist, dem fällt es nicht schwer, zu vernichten. Wer die Liebe verachtet, kämpft nicht um das Recht.1

Man konnte nach den grauenvollen Erfahrungen des Krieges anscheinend offen von Gottes Zorn sprechen – und zugleich von seiner Güte. Und man wusste darum, dass diejenigen, die Gottes Wort kannten, den Zorn Gottes an den Ereignissen der Weltgeschichte haben kommen sehen.

Zugleich bekannte die Synode das eigene Versagen: Gottes Wort der Liebe war überhört worden, so dass Gott schließlich im Zorn zu sprechen begann. Kanzeln waren missbraucht und Gebete eingestellt worden, so dass schließlich die Kirchen in Schutt und Asche versanken. Pfarrer hatten versagt, so dass Gottes warnendes Wort nicht durchdringen konnte. Wo das Wort Gottes nicht durchdringt, wird das Leben nichtig, bedeutungslos. Wo das Leben nichtig ist, ist das Vernichten nicht weit.

Und heute? Werden wir das Wort der Liebe Gottes noch hören und um Gottes Gnade bitten, auf dass er nicht im Zorn zu uns spreche? Noch beten wir um den Frieden und um die Bewahrung seiner Schöpfung. Aber handeln wir auch danach? Es ist vielleicht entscheidend, dass das warnende und uns überführende Wort Gottes verkündigt wird. Damit deutlich wird, dass das von Gott geschenkte Leben heilig ist. Denn nur was uns heilig ist, bleibt von unserem Vernichten verschont.

Beeindruckend ist auch das, was der Schweizer Karl Barth 1945 in einem Offenen Brief an die reformierten Gemeinden in Basel schrieb:

Wir können den Ausbruch und das Ende dieses Krieges weder als blindes Schicksal und Naturgeschehen, noch als bloßes Menschenwerk verstehen. In diesen Ereignissen hat Gott geurteilt und gerichtet über bestimmte menschliche Fehlentwicklungen. Aber eben an diesen Fehlentwicklungen hatten und haben auch wir Anteil. Die Willkür des Menschen, in der er zum Sklaven seiner eigenen Macht wird, in der er das Recht und die Würde der Schwachen mit Füßen tritt, in der er den Namen und das Wort Gottes missachtet und lästert und in der er sich schließlich vor seiner eigenen Schuld verbirgt, indem er den Juden verklagt, das alles war und ist nicht nur die deutsche, sondern auch die schweizerische Sünde, obwohl sie diesmal bei uns so krass nicht offenbar wurde.2

Der Krieg war nach Barth nicht einfach Menschenwerk, sondern zugleich auch ein Geschehen, in dem Gott über das Menschenwerk geurteilt und gerichtet hat. Aber wie passt beides zusammen? So, dass Gott die Menschen an ihr eigenes Werk ausgeliefert und gerade dadurch zu ihnen gesprochen hat: "Seht, was eure Taten anrichten!"

Gott hat also die Menschheit nicht gestraft, indem er ihr einen Krieg "schickte", sondern er hat die Menschheit an den von Deutschland angezettelten Krieg hingegeben und dadurch "bestimmte menschliche Fehlentwicklungen" offengelegt. Er hat das sicher nicht willkürlich getan, sondern um die Menschheit zur Einsicht zu bewegen, auf dass der Mensch nicht erneut "zum Sklaven seiner eigenen Macht" werde. Denn die Folgen waren furchtbar: die Verletzung jeder Menschenwürde, die Gotteslästerung und die grausame Übertragung eigener Schuld auf die Juden, die als "Sündenbock" herhalten mussten.

Nach dem Krieg, unter dem unmittelbaren Eindruck seiner Furchtbarkeit, war diese Einsicht in die eigene Schuld noch vorhanden. Heute sucht man die Schuld längst wieder bei den anderen. Das ist immer höchst gefährlich, weil es eigene Verhaltensänderungen ausschließt. Müsste die Christenheit, müssten die Kirchen nicht auch heute auf die eigene politische Mitschuld verweisen, um zu einer Entspannung der Weltlage beizutragen? Müssten sie das nicht dringend tun, damit wir nicht wieder zum Sklaven unserer eigenen Macht werden und das Gericht Gottes hervorrufen?

Ich schließe mit zwei Texten Dietrich Bonhoeffers, die vermitteln, was Gottes Gericht und Zorn bedeuten. Bonhoeffer erlebte im Gefängnis der Nazis Bombenangriffe und schrieb darüber:

Wenn die Bomben so um das Haus herum einschlagen, kann ich gar nicht anders, als an Gott, an sein Gericht, an den "ausgereckten Arm" seines Zorns (Jes. 5,25 und 9,11-10,4), an meine mangelnde Bereitschaft zu denken; [...] es ist eben doch so, dass die Not kommen muss, um uns aufzurütteln und ins Gebet zu treiben, und ich empfinde das jedes Mal als beschämend, und es ist es auch.

Dass wir die grauenhaftesten Dinge des Krieges jetzt so intensiv erleben müssen, ist, wenn wir sie überleben, für später wohl die notwendige Erfahrungsgrundlage dafür, dass nur auf dem Boden des Christentums ein Wiederaufbau des Lebens der Völker im Innern und Äußern möglich ist. Darum müssen wir das, was wir erleben, wirklich in uns bewahren, verarbeiten, fruchtbar werden lassen und es nicht von uns abschütteln. Noch nie haben wir den zornigen Gott so handgreiflich zu spüren bekommen, und auch das ist Gnade. "Heute, so ihr seine Stimme hört, verstocket eure Herzen nicht." Die Aufgaben, denen wir entgegengehen, sind ungeheuer; für sie sollen wir jetzt vorbereitet und reif gemacht werden...3

Was will nach Bonhoeffer Gottes Zorn? Uns aufrütteln und ins Gebet treiben. Uns Erfahrungen vermitteln, die wir bewahren und fruchtbar werden lassen, um unsere Aufgaben in dieser Welt zu erfüllen. Darum ist Gottes Zorn eine Gnade.

Müssen wir heute einen solchen Zorn Gottes fürchten? Ich denke: noch nicht. Noch geschieht viel Gutes, noch wird für den Frieden gebetet, noch gibt es zwar viel Kriegsbereitschaft, aber auch Kriegsskepsis und keine Kriegsbegeisterung. Die heutige Situation ist eine andere als die der Naziherrschaft in Deutschland. Aber es gibt Entwicklungen, die zu denken geben, und die Kirchen sollten Gottes Wort mit seinen Warnungen nicht überhören, sondern rechtzeitig und deutlich vor Fehlentwicklungen warnen.

Denn wir sollten uns bewusst machen: Nicht Gott ist die Gefahr – wir selbst sind es. Wir strafen uns selbst, wenn wir so weitermachen wie bisher. Diese Einsicht würde viel verändern. Ich sorge mich um die weitere Entwicklung: nicht um das gnädige Handeln Gottes, aber um die Folgen unseres Tuns. Ich hoffe, dass die Menschheit zur Einsicht kommt und vielen Menschen bewusst wird, was jetzt der Wille Gottes ist. So wie Karl Barth 1945 über die Deutschen schrieb:

Ist es nicht, als ob alle Engel des Himmels den Atem anhielten in Erwartung dessen, was jetzt – jetzt, wo es mit allem deutschen Reichtum, Ruhm und Stolz zu Ende ist – unter den Deutschen geschehen könnte, geschehen müsste? 4

Es könnte sein, dass die Engel des Himmels auch heute wieder den Atem anhalten – heute, da Reichtum, Ruhm und Stolz wieder zu Fehlentwicklungen führen und gerade deshalb unter uns etwas geschehen müsste. Die Engel warten auf unsere Antwort.


* * * * *


Quellennachweise:
1 Zitiert nach Dietrich/Link: Die dunklen Seiten Gottes, S. 178. Dort zitiert nach Spandauer Synode (29. bis 31. Juli 1945), hg. im Auftrag des Bruderrates der Bekennenden Kirche von Berlin im Christlichen Zeitschriftenverlag Berlin 1945, S. 7. Orthographisch angepasst.
2 Zitiert nach Dietrich/Link: Die dunklen Seiten Gottes, S. 178f. Dort zitiert nach Karl Barth: Offene Briefe 1945-1968, hg. von D. Koch, GA V.15, Zürich 1984, S. 45f. Orthographisch angepasst.
3 Die letzten beiden Zitate aus Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, S. 223 und 164f.  Orthographisch angepasst.
4 Zitiert nach Dietrich/Link: Die dunklen Seiten Gottes, S. 180f. Dort zitiert nach Karl Barth: Offene Briefe 1945-1968, hg. von D. Koch, GA V.15, Zürich 1984, S. 52.

Verwendete Literatur:
  • Bauer, Walter: Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der übrigen urchristlichen Literatur. Walter de Gruyter, 5. Aufl. Berlin/New York 1971.
  • Bonhoeffer, Dietrich: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. Herausgegeben von Eberhard Bethge. Neuausgabe. Chr. Kaiser Verlag, 3. Aufl. München 1985.
  • Dietrich, Walter / Link, Christian: Die dunklen Seiten Gottes. Band 1: Willkür und Gewalt. Neukirchener Verlag. 3. Aufl. Neukirchen-Vluyn 2000. S. 168-181.
  • Gesenius, Wilhelm: Hebräisches und aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament. Springer-Verlag, 17. Aufl. Berlin u.a. 1962.
  • Goldstein, Horst: ekd
    í
    kesis etc. In: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament. Hg. von Horst Balz und Gerhard Schneider. Band I. Verlag W. Kohlhammer. 2. Aufl. Stuttgart u.a. 1992. Sp. 991-993.

  • Janowski, Bernd: Ein Gott, der straft und tötet? Zwölf Fragen zum Gottesbild des Alten Testaments. Neukirchener Verlagsgesellschaft, Neukirchen-Vluyn 2013. S. 153-158.
  • Koch, Robert: Strafe. In: Bibellexikon. Hg. von Herbert Haag. Benziger Verlag. 3. Aufl., Zürich u.a. 1982. Sp. 1649f.
  • Schneider, Johannes: kolázo, kólasis. In: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament. Hg. von Gerhard Kittel. Band III. Verlag W. Kohlhammer. Stuttgart u.a. 1990. S. 815-817.
  • Stoebe, H.J.: raa - schlecht sein. In: Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament. Band II. Hg. von Ernst Jenni. Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus. 6. Aufl. Gütersloh 2004. Sp. 794-803.
  • Werbick, Jürgen: Bilder sind Wege. Eine Gotteslehre. Kösel Verlag, München 1992. S. 185-200.

Foto: Thánh Kiêt Lý auf Pixabay (Ausschnitt).




6 Kommentare
2024-02-18 08:57:08
Hallo Klaus

Ich vermisse ein wenig die Perspektive und Bezüge, die mit der Sintflut oder Sodom & Gomorra aber auch mit Ninive oder die 40jähre Wüstenwanderung als Strafmaßnahme in Verbindung stehen.
2024-02-18 17:51:53
Hallo Pneuma,

danke für deine wichtige Anmerkung. Ich bin die entsprechenden Bibelstellen einmal durchgegangen und habe die Frage gestellt: Warum hat Gott das jeweilige Unheil verhängt?

Nach 1Mo/Gen 6,5-8.13 ist sind die Menschen "böse immerdar", so dass Gott es bereut, sie erschaffen zu haben. Ihre Bosheit und Gottlosigkeit "schreit zum Himmel" (vgl. Gen 4,10), und das bekümmert Gott zutiefst. Er mag die Ignoranz der Menschen ihm gegenüber und infolgedessen das Leid, das sie einander zufügen, nicht mehr mit ansehen, weil er ein mitfühlender, Anteil nehmender Gott ist. Darum will er alles Fleisch vernichten (Verse 7 und 13) - aber sozusagen nur für einen Augenblick. Denn schon in Vers 8 heißt es: "Aber Noah fand Gnade vor dem Herrn."

Die Vernichtung allen Fleisches geschieht also, um dem Unheil auf Erden ein Ende zu machen. Die Bosheit des Menschen fällt auf ihn selbst zurück. Weil er von Grund auf böse ist (Vers 5) und deshalb so unendlich viel Leid über die Welt bringt, muss er schließlich nach Gottes Willen selber in dieser Bosheit und diesem Leid untergehen. Was hier geschieht, ist eine Tat Gottes aus Liebe zum Leben und zum Menschen. Denn nicht zum Leiden hatte Gott den Menschen geschaffen, sondern um füreinander einzustehen. Es ist also eine Tat Gottes für die Menschen, nämlich um das unfassbare Leid, das sie einander zufügen, zu beenden. Es ist keine Strafe, weil jede Bosheit eben bestraft werden muss oder weil Gott in seiner Autorität gekränkt ist. Es ist in diesem Fall auch keine Erziehungsmaßnahme Gottes, um den Menschen zur Einsicht zu bringen und zur Umkehr zu bewegen. Es ist, wenn man so will, die letzte Möglichkeit Gottes, dem selbstgemachten Leiden auf Erden ein Ende zu machen. Dass Gott nach der Sintflut sozusagen seine Reue bereut und in Zukunft niemals mehr eine Sintflut über die Erde kommen lassen will (Gen 8,21f), zeigt einmal mehr, dass seine Gnade größer ist als seine Enttäuschung über den von ihm geschaffenen Menschen.

Nach 1Mo/Gen 18,20f; 19,13 ist "großes Geschrei" (wörtl. "Klageruf") vor Gott gekommen über die Übeltaten der Einwohner Sodoms und Gomorrhas. Der "Klageruf" ist der Hilferuf eines in einem Rechtsverfahren gewaltsam Benachteiligten und lautete "Gewalttat" (vgl. z.B. Jer 20,8). Ähnlich wie vor der Sintflut geschieht also in den beiden großen Städten viel Unrecht und Gewalt und unzählige Menschen leiden darunter. Dem will Gott ein Ende machen. Es geht also auch hier wieder darum, Gewalt einzudämmen und nicht durch Gottes Tat zu vergrößern. Bei Sodom und Gomorrha liegt offenbar der seltene Fall vor, dass Leid nur eingedämmt werden kann, indem das Leben der Täter beendet wird. Doch auch hier ist Gott gnädig: Er lässt mit sich reden und will die Städte bewahren, wenn sich in ihnen nur zehn Gerechte finden (Gen 18,22b-33). Er ist also bereit, das Leben tausender Übeltäter um nur zehn Gerechter willen zu bewahren. Leider finden sich nicht einmal diese zehn.

Ich sehe es hier wie bei der Sintflut: Keine Strafe um des Strafens willen oder weil ein göttliches Gesetz es so fordert wird hier vollzogen, sondern das unermessliche Unrecht und die Gewalt wird beendet - um der Liebe zu den um ihr Recht Betrogenen willen. Die Täter sollen nicht weiter über ihre Opfer triumphieren. Ihre eigene Gewalt wird von Gott auf sie zurückgewendet. "Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen" (Mt 26,52).

Man mag das ja "Strafe" nennen, wenn man will, aber man muss sich dabei bewusst sein, dass es keine automatische Rechtsfolge einer Straftat ist (wie im weltlichen Recht) und kein göttlicher Zorn, der sich in der Strafe entlädt (wie manches Mal beim elterlichen Zorn), sondern dass es um Gottes Mitleid mit den Leidenden geht und darum, ihrer Gewalt ein Ende zu bereiten. Ich würde darum lieber von (Wieder-)Herstellung des Rechts und der Gewaltlosigkeit sprechen statt von dem missverständlichen und weitgehend negativ besetzten Wort "Strafe".

Nach Jona 1,2b ist die Bosheit der Großstadt Ninive vor Gott gekommen. Das ist eigentlich dieselbe Situation wie bei Sodom und Gomorrha. Mit dem Unterschied, dass Gott die Stadt durch Jonas Ankündigung des Unheils zur Umkehr bewegen will. Die Unheilsankündigung dient also dazu, Ninive auf den rechten Weg zurückzuführen. Das gelingt auch, so dass Gott der Stadt gnädig ist und sie nicht vernichtet. Auch hier geht es nicht um eine Strafe, die unbedingt durchgesetzt werden muss, sondern eher um eine Warnung, um die Stadt vor sich selbst zu retten. Und es geht nicht um eine Genugtuung bewirkende Strafe Gottes ("Das haben die Bösen nun davon!"), durch die die Bösen ihre Bosheit sühnen müssen ("Wer Böses tut, muss die Strafe tragen"), sondern um Gottes Mitleid mit den Menschen, die schließlich ihre Bosheit bereuen - was der Prophet so gar nicht verstehen kann (Jona 4,10f).

Über die Wüstenwanderung Israels gibt es zu viele Texte, um sich hier alle zu besprechen. Ich würde diese Texte aber im Rahmen des Geschilderten auslegen. Nach Dtn 8,2 hat Gott Israel 40 Jahre durch die Wüste geführt, um es "demütig zu machen" (Zürcher, Menge) oder "zu demütigen" (Luther, Elberfelder, Schlachter) oder um es "gefügig zu machen" (Einheitsübersetzung), jedenfalls aber, um es "zu prüfen und zu erkennen", ob es Gottes Gebote halten wird. Das alles ist nichts Schlechtes: ein Volk Demut zu lehren und es zu prüfen. Von einer Strafe würde ich da nicht sprechen. Nach Hos 2,14ff will Gott Israel sogar noch einmal in die Wüste führen, wo Israel zu ihm umkehrt. Die Wüste ist also nicht einfach eine Strafe als Folge von Unglaube und Bosheit, sondern eine Zeit der Läuterung und der Umkehr.

Wir müssen an jeder Bibelstelle neu schauen, ob dort wirklich von einer Strafe die Rede ist und, wenn es so ist, was dies eigentlich im Zusammenhang bedeutet. Wir dürfen nicht einfach über jede Bibelstelle, die so klingt, das Schema "Strafe" legen. Zumindest aber müssen wir, wenn wir das Wort "Strafe" benutzen, genau erklären, was damit eigentlich gemeint ist und dass Gottes "Strafen" etwas anderes ist als das Strafen in einem weltlichen Gerichtsverfahren oder das Strafen von Eltern, die ihr Kind in falscher, unangemessener und sinnloser Weise bestrafen. Gottes "Strafen" hat immer einen positiven, dem Menschen hilfreichen Sinn und niemals den Sinn, bloß Schmerzen zuzufügen, den Willen eines Menschen zu brechen, seinem Ärger freien Lauf zu lassen, sich Genugtuung zu verschaffen, seine Aggression zu kanalisieren oder eine Gesetzesvorschrift gewaltsam durchzusetzen. Weil all dies aber viele Menschen mit einer Strafe verbinden, würde ich das Wort lieber vermeiden.
Michael Kröger
2024-02-21 21:45:46
hallo Klaus

Ich lese aus deinem Text diese - auch erschreckende? - These: Gott vermeidet es genau nicht, dass wir uns in unserer potentiellen Gewaltätigkeit selbst erkennen können - im Gegenteil: er offenbart sie uns so auf dass wir uns besser kennen lernen können ....
2024-02-21 22:21:57
Hallo Michael,

gut, dass du schreibst. Das ist wohl ein Missverständnis. Ich weiß zwar nicht, auf welche Textpassage du dich beziehst, aber was ich gemeint habe, ist Folgendes: Gott will, dass wir unsere potentielle Gewalttätigkeit erkennen und gibt uns wahrscheinlich auch einige entsprechende Fingerzeige. Wir Menschen können diese Fingerzeige aber ignorieren, ebenso wie das, was Gott will und von uns erwartet. Wenn wir Gottes Willen und Wegweisungen permanent ignorieren, kann es geschehen (muss aber nicht geschehen), dass Gott uns an unsere selbstgewählte Gewalttätigkeit sozusagen ausliefert. Oder besser gesagt: dass er es zulässt, dass unsere Gewalttätigkeit auf uns selbst zurückschlägt - wie Jesus sagte: "Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen." Das ist sicherlich kein Automatismus, aber immerhin eine Möglichkeit - und wohl doch auch eine menschliche Erfahrung. Vielleicht auch eine erschreckende Erfahrung - aber doch eine läuternde und zur besseren Selbsterkenntnis führende. Der Sinn dieses Zurückschlagens ist ja ein positiver: Wir sollen dadurch unsere Gewalttätigkeit erkennen und zur Gewaltlosigkeit umkehren. Das gilt aber nur unter dem im Text erwähnten Vorbehalt, dass nicht jedes Leid und jede Gewalterfahrung selbstverschuldet ist.

Ich hoffe, dass ich deinen Kommentar richtig verstanden und damit beantwortet habe. Es ist sicher erschreckend, dass Gott nicht jedes Zurückschlagen unserer Gewalt auf uns selbst verhindert. Und ich denke, dass er das ganz oft mit großer Geduld tut. Aber wenn alles nichts hilft, kann er auch sozusagen zum letzten Mittel greifen, um uns zur Vernunft zu bringen.

Meine Hoffnung ist aber, dass Gott auch die Gebete um ein Ende der Gewalt hört und die Menschen sieht, die sie verabscheuen und sich ihr widersetzen. Und dass der Punkt noch nicht gekommen ist, dass unsere Gewalt auf uns selbst zurückschlägt.
Michael Kröger
2024-02-21 22:40:09
"Der Sinn dieses Zurückschlagens ist ja ein positiver: Wir sollen dadurch unsere Gewalttätigkeit erkennen und zur Gewaltlosigkeit umkehren. Das gilt aber nur unter dem im Text erwähnten Vorbehalt, dass nicht jedes Leid und jede Gewalterfahrung selbstverschuldet ist."

...Danke für deine Präzisierung, die ich ja dzrchaus gerne teilen möchte. Aber noch verhalten sich die aktuellen Wirklichkeiten in der Welt so gewalttätig wie nie zuvor und wir sind - immer noch - offenbar blind und taub gegenüber dem Angebot Gottes uns jeweils selbst in dieser Gewaltspirale zu erkennen....
2024-02-22 10:25:29
Ja, unsere Blindheit und Taubheit ist letztlich der Grund des Problems. Die "Sünde" beginnt nicht erst mit der Tat, sondern schon lange vorher - wie auch das Wort der Berliner Synode der Bekennenden Kirche von 1945 eindrucksvoll zeigt.

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