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Ist Gott allwissend? Und wenn ja, wozu?

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Veröffentlicht von in Theologie mit Humor · 18 Juli 2024
Tags: WissenGottesbildGnadeJüngstes_Gericht

Ist Gott allwissend? Und wenn ja, wozu?
Augenzwinkernde Gedanken über eine Eigenschaft Gottes
Klaus Straßburg | 18/07/2024

Das Schild auf dem Foto oben habe ich an einer Holzwand gesehen. "Der liebe Gott weiß alles – die Nachbarschaft noch mehr!" Das ist doch endlich mal 'ne klare Aussage über Gott. Und zugleich über die Nachbarschaft. Jedenfalls, wenn man es mit Humor sieht. Und außerdem hängt das Schild auch noch in aller Öffentlichkeit, an der es jeder sehen kann. Also eine echt missionarische Maßnahme. Ich fand es jedenfalls lustig und habe gleich ein Foto davon gemacht.

Es wäre doch toll, wenn mehr Menschen bei uns sich trauen würden, ihre Glaubensüberzeugung an die Hauswand oder Haustür zu heften.

Also der liebe Gott weiß alles. Darin stecken zwei Aussagen: Erstens, dass Gott lieb ist. Und zweitens, dass er alles weiß. Jedenfalls fast alles. Denn die Nachbarn wissen eben noch etwas mehr als der liebe Gott. Und darum sind die Nachbarn eben nicht lieb wie der liebe Gott, sondern einfach nur Nachbarn. Ohne "lieb". Die wissen zu viel.

Wer zu viel weiß – das kennt man aus Western und Krimis –, muss das manchmal mit dem Leben bezahlen. Denn wer zu viel weiß, ist gefährlich. Schließlich hat jeder das Recht auf Privatsphäre. Auch der Gauner. Oder du und ich. Eine ziemlich ätzende Vorstellung, dass jemand alles über mich weiß. Wirklich alles! Big brother hoch drei. Nee, das macht mich fertig. Wenn der das weitererzählt. So einer muss zum Schweigen gebracht werden.

Blöde Nachbarn! Da ist uns der liebe Gott schon lieber, der weiß eben nur fast alles. Der wahrt unsere Privatsphäre. Vielleicht heißt er auch deshalb der "liebe" Gott.

Aber ehrlich gesagt: Irgendwie erscheint mir das nun doch unlogisch. Stehen jetzt die Nachbarn über dem lieben Gott? Sind sie die Übergötter? Oder ist der liebe Gott nur ein Göttlein, weil er ja nicht wirklich alles weiß? Aber warum sagt man dann, er sei allwissend?

Fragen über Fragen! Warum wird eigentlich alles so schwierig, wenn man über Gott nachzudenken anfängt?

Also die Theologen, die müssen es ja wissen. Die haben das ja studiert. Und die sagen: Gott ist allwissend.

Aber wenn man erst Theologen fragt, dann wird es meistens noch schwieriger. Denn die stellen dann gleich die nächste Frage: Was heißt das denn, dass Gott allwissend ist?

Also, allwissend ist doch allwissend, oder? Bei den Theologen aber nicht.

Die sagen dann zum Beispiel so Sätze wie: "Gottes Allwissenheit ist kein abstraktes Alles-wissen, sondern ein konkretes Wissen um die Zukunft mit dem Ziel, Gutes zu wirken und Heil zu schaffen."

Uff! Wer soll das denn verstehen? Also ist Gott jetzt allwissend oder nicht?

Man kann das ja wohl auch etwas verständlicher ausdrücken. Vielleicht so: Gott ist allwissend, um Gutes zu bewirken. Sein Allwissend-sein besteht nicht darin, einfach alles zu wissen, und das war's. Gottes Allwissend-sein ist keine megagroße Festplatte, auf der die bloßen "harten" Fakten gespeichert sind; also wo alles ganz "objektiv" und ohne persönliche Anteilnahme festgehalten ist, was jemals im Universum geschah und geschehen wird.

Wir sind ja heute technisch denkende Menschen. Da kann man ein Gehirn schon mal mit einer Festplatte vergleichen. Aber Gottes Gehirn ist keine Festplatte. Und Gott ist kein PC.

Also liegt Gottes Alles-Wissen nicht einfach auf einem Speichermedium rum und verkümmert dort, weil Gott sich gar nicht dafür interessiert. So wie unsere zigtausend Fotos, die wir uns nie wieder ansehen werden.

Aber Moment mal! Wer sagt denn, dass Gott sich unsere Vergangenheit nicht mehr ansieht? Es gibt doch noch das Jüngste Gericht (zitter). Und da könnte Gott doch – o Graus – unsere Vergangenheit von der Festplatte abrufen und daraus seine Anklageschrift zusammenstellen.

Oh Mann, dann sieht's aber übel aus! Dann werden die Bücher geöffnet, steht irgendwo in der Bibel. Sind das die Ordner mit unseren Verfehlungen, nach denen der Richter uns dann verurteilt?

"Ja aber", sagen jetzt wieder die Theologen. Wie gesagt, wenn man die fragt, wird's schwierig. "Ja, aber Gott meint es doch gut mit uns" sagen die Theologen. "Der Richter ist Jesus Christus (z.B. Joh 5,22;2Kor 5,10). Und der ist ein Friedensrichter. Der will uns nicht fertig machen, sondern zurecht bringen. Darum muss die Wahrheit mal auf den Tisch. Und wenn wir dann nicht starrköpfig sind, sondern unsere Schuld einsehen, wird Christus uns gnädig sein. Jedenfalls können wir darauf hoffen. Denn wir wollen ja seinem Urteil nicht vorgreifen. Aber Christus war ja schon zu Lebzeiten ausgesprochen gnädig. Darum können wir auch auf seine Gnade im Jüngsten Gericht vertrauen, wenn wir sein Gnadenurteil annehmen."

Soweit die Theologen. Jedenfalls einige. Andere behaupten was anderes. Es gibt ja auch viele Theorien über die Hölle. Also bleibt in der wichtigen Frage, was im Jüngsten Gericht eigentlich passiert, alles ziemlich unklar. Sogar die Theologen sind sich da nicht einig.

Aber ehrlich gesagt: Dass unser ganzes Leben in allen Einzelheiten, und vor allem unsere bösen Gefühle, Gedanken und Taten und unser aller ziemlich halbseidener Glaube und ziemlich großer Unglaube – dass das alles nur deshalb auf einer himmlischen Festplatte gespeichert ist, damit es am Ende gegen uns verwendet werden kann – das widerspricht irgendwie meiner Vorstellung von Gott. Dann wäre Gott ja doch wieder der Big brother und wäre denjenigen Nachbarn sehr ähnlich, die unsere Sünden auch nur deshalb genau registrieren, um uns später einen Strick daraus zu drehen.

Da scheint es Gott schon näher zu kommen, dass sein Alles-Wissen erstens kein Datenmüll ist und zweitens auch nicht dazu dient, uns den Garaus zu machen, sondern dass sein Alles-Wissen ein konkretes Ziel hat: nicht zu verurteilen, sondern Gutes zu bewirken. Schließlich ist ja Gott Liebe und nicht Verdammung (1Joh 4,8.16). Und seine Gnade ist unendlich viel größer als sein Zorn (2Mo/Ex 34,6f; 5Mo/Dtn 5,9).

Also nehmen wir mal an, Gott weiß alles, um Gutes zu bewirken. Er kennt unsere Vergangenheit, um uns zurecht zu bringen, und er kennt unsere Zukunft, um uns vor Unheil zu bewahren. Also das wäre dann ein echt "lieber" Gott. Keiner wie ein lieber Teddybär, aber einer, den man ernst nehmen kann und vor dem man trotzdem keine Angst haben muss, sondern dem man sich anvertrauen kann.

Gottes Alles-Wissen wäre dann wirklich kein abstraktes Sammeln von Fakten ohne Sinn und Zweck und auch nicht, um uns wie ein Scharfrichter zu verurteilen. Sondern Gottes Alles-Wissen wäre ein konkretes Wissen, weil Gott so ist, wie der Mensch Jesus Christus war: Er wollte helfen, heilen und unser Leben zum Guten wenden. Das will Gott auch. So, wie es einmal beim Propheten Jeremia steht (Jer 29,11f):

Ich kenne die Pläne, die ich über euch hege,
spricht Gott,
Pläne zum Heil und nicht zum Unheil,
um euch Zukunft und Hoffnung zu geben.
Und ihr werdet mich anrufen,
werdet hingehen und zu mir beten,
und ich werde euch erhören.

Ach ja, und dass Gott um die Vergangenheit weiß, hat auch einen konkreten Grund: Er nimmt teil an unseren Leiden, er fühlt mit uns und leidet mit uns. Das klingt sehr ungöttlich, aber sorry: Gott ist eben ganz anders, als wir ihn uns oft vorstellen. Das ist übrigens der Grund dafür, dass viele mit Gott nichts anfangen können: Sie stellen ihn sich einfach falsch vor. Mit einem Big Brother-Gott wollte ich auch nichts zu tun haben.

Also Gott ist nicht ohne alles Leid, wie wir meinen, dass es sich für einen Gott gehört. Sondern er ist voller Mitleid mit uns und voller Anteilnahme an unserem Leid. Siehe wieder Jesus Christus. Gott hat ja schon vor Urzeiten am Leid des Volkes Israel Anteil genommen und ihm aus der Not herausgeholfen (2Mo/Ex 3,7.8a):

Und Gott sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Schreien über ihre Bedränger gehört; ja, ich kenne ihre Leiden. Und ich bin herabgekommen, um sie aus der Gewalt der Ägypter zu retten.

Dass Gott um unsere vergangenen und gegenwärtigen Leiden weiß, hat also den Grund, dass er uns davon befreien will. Ist doch cool, oder?

Okay, er befreit uns nicht unbedingt sofort davon und vielleicht auch nicht so, wie wir es erwarten. Gott ist ja kein Wunscherfüllungsautomat, in den man Geld einwirft, und dann kann man sich das Gewünschte ziehen. Manchmal lässt Gottes Hilfe ziemlich lange auf sich warten. Oder – das finden wir nicht so cool – sie kommt erst nach dem Tod. Aber dafür dauert sie dann ewig.

So, zum Schluss fasse ich mal alles kurz zusammen:

1. Gott weiß alles, indem er an allem teilnimmt und alles mitfühlt.

2. Gott kennt unsere Übeltaten, um uns mit der Nase auf sie zu stupsen, damit wir uns bessern.

3. Gott kennt unsere Leiden und leidet mit, um uns von den Leiden zu befreien.

4. Gott kennt unsere Zukunft, um uns auf guten Wegen zum Ziel zu geleiten.

5. Gott weiß mehr als unsere Nachbarn. Die wissen eigentlich nichts von uns.

6. Gott will uns nicht wie manche Nachbarn einen Strick drehen, sondern uns von allen Fallstricken und
    Verstrickungen befreien.

Da fällt mir nur noch ein: Halleluja! – Lobt den Herrn. Und verurteilt nicht die Nachbarn!


* * * * *


Foto: Klaus Straßburg.




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