Irdisches Leid und himmlische Herrlichkeit
Entwertet Paulus das irdische Leben?
Klaus Straßburg | 28/03/2025
In der Bibel gibt es eine Fülle von Stolpersteinen: Sätze, die den Lesefluss unterbrechen, über die man unweigerlich stolpern muss, wenn man nicht schnell über sie hinwegliest. Über einen dieser Sätze möchte ich heute etwas sagen.
Paulus hat geschrieben (Röm 8,18):
Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nicht ins Gewicht fallen im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.
Der Satz steht im 8. Kapitel des Briefes, den der Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom geschrieben hat. Paulus entwirft dort eine kleine Theologie des heiligen Geistes: Die Glaubenden haben den Geist Gottes geschenkt bekommen. Von diesem Geist getrieben leben sie nun so, wie es Gottes Willen entspricht. Wenn aber Gottes Geist schon zu Lebzeiten den Glaubenden zu einem echten Leben verhilft, dann wird Gott sie nach ihrem Tod zum ewigen Leben erwecken – so wie er zuvor auch Jesus Christus zum ewigen Leben erweckt hat.
Doch diese Auferweckung zum ewigen Leben schließt Leid und Tod nicht aus. Im Gegenteil: Wie Jesus Christus auf Erden leiden und qualvoll sterben musste, so bleiben auch die Glaubenden mitunter vor schwerem Leid und qualvollem Tod nicht verschont. Soweit Paulus.
Das wirft Fragen auf, die sich uns immer wieder stellen: Warum müssen Menschen Unerträgliches erleiden? Welchen Sinn haben Leid und Tod Unschuldiger? Warum ist die Schöpfung überhaupt so konstruiert, dass sie ohne Werden und Vergehen gar nicht denkbar ist? Warum muss ein Tier das andere fressen, manchmal auf grausame Weise, um selber leben zu können? Warum lässt Gott all das zu? Hat er sich etwas dabei gedacht? Und wenn ja: Was?
Die Antwort auf solche Fragen fällt uns schwer. Wir wissen nicht, warum Gott schweres und sinnloses Leiden und Sterben zulässt oder was er sich dabei denkt.
Ein Prophet hat den deportierten Israeliten, die Jahrzehnte lang im babylonischen Exil lebten und litten, das Heil verkündet und ihnen zugerufen (Jes 55,8):
"Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege", spricht Gott. "Sondern so hoch der Himmel über der Erde ist, soviel sind meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken höher als eure Gedanken."
Wenn Gott sich auch über unser Leid Gedanken macht und uns bewusst leidvolle Wege führt, dann heißt das auch, dass er nicht einfach wegschaut und unser Leid ihm gleichgültig ist. Im Gegenteil: Er nimmt an Leid und Tod Anteil, er fühlt es mit. Das galt schon für Israels Leiden in der ägyptischen Sklaverei (2Mo/Ex 3,7):
Gott sprach: "Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten wohl gesehen, und ihr Schreien über ihre Treiber habe ich gehört; ja, ich kenne ihre Leiden."
Dieses Sehen, Hören und Kennen Gottes ist kein distanziertes, bloß beobachtendes, sondern ein Anteil nehmendes, mitleidendes.
Umso mehr stellt sich die Frage, warum Gott das unvorstellbare Leid zulässt – wenn er doch mit den Leidenden mitleidet.
Hier wird nun der Satz des Paulus wichtig, um den es mir geht:
Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nicht ins Gewicht fallen im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.
Paulus stellt hier unsere irdischen Leiden neben die herrliche Glückseligkeit des ewigen Lebens, die den Glaubenden verheißen ist, und vergleicht beide miteinander. Und er stellt fest: Das irdische Leid fällt gar nicht ins Gewicht, wenn man es mit der künftigen Herrlichkeit des ewigen Lebens vergleicht. Von der ewigen Glückseligkeit her gesehen haben unsere zeitlichen Leiden überhaupt keine Bedeutung mehr.
Wörtlich steht dort: Unsere zeitlichen Leiden sind "nicht wert", man kann ergänzen: nicht der Rede wert angesichts der Herrlichkeit des ewigen Lebens. Sie sind es nicht wert, verglichen zu werden mit dieser Herrlichkeit.
Das ist ein echter Stolperstein. Denn uns ist ja kaum etwas wichtiger, als dass unser Leben zumindest von schweren Leiden verschont bleibt. Im christlichen Glauben haben wir sogar mehr oder weniger die Erwartung, dass Gott in seiner großen Liebe uns vor schwerem Leid bewahrt. Und wenn er das nicht tut, ist sofort die Frage da: Warum verschont er mich nicht, wenn er mich doch so sehr liebt?
Aber könnte es sein, dass Gott eine ganz andere Perspektive auf unser Leid hat als wir? Könnte es sein, dass all unser Leid gar nicht so bedeutsam ist, wie wir meinen? Andererseits: Sollen wir etwa schweres Leid – eigenes und fremdes – nicht ernst nehmen, sondern einfach auf die "Erlösung unseres Leibes" hoffen (Röm 8,23), von der Paulus nach dem Stolperstein-Satz mit großen und auch tröstlichen Worten spricht?
Das Gewicht dieser Fragen wird deutlich, wenn wir uns schweres Leid konkret vorstellen: Kinder sterben an Krebs. Kranke sterben unter entsetzlichen Schmerzen. Menschen müssen jahre-, wenn nicht jahrzehntelang ans Bett gefesselt leben. Manche leiden unter Krankheiten, in denen sie über Jahrzehnte den langsamen Verfall ihres Körpers ertragen müssen. Einer Frau wird von ihrem Mann der Schädel zertrümmert, so dass sie seither querschnittgelähmt ist. Hunderttausende oder gar Millionen Unschuldige sterben in sinnlosen Kriegen. Anderen werden Qualen zugefügt, die zu lebenslangen Depressionen, Ängsten und Einschränkungen führen.
Die Beispiele ließen sich endlos fortsetzen.
Nach Unglücksfällen lässt sich beobachten, dass wir Menschen oft erst dann klug werden, wenn wir den Karren schon an die Wand gefahren haben. Längst fällige Maßnahmen werden erst dann vorgenommen, wenn ein Unglück geschehen ist und Menschen verletzt wurden oder gestorben sind. Ich denke manchmal: So hat ihr Leid oder ihr Tod doch noch etwas Gutes bewirkt. Aber darf man so denken? Ist unser Leben Gott so wenig wert, dass er Menschen leiden und sterben lässt, damit etwas Gutes daraus entsteht?
Darf man menschliches Leid im christlichen Glauben so beurteilen, dass es keine Bedeutung hat, nicht ins Gewicht fällt angesichts der Herrlichkeit des ewigen Lebens? Ist das nicht eine eklatante Abwertung des irdischen Lebens?
Oder haben wir in unserer säkularisierten Welt das irdische Leben so sehr aufgewertet, dass wir jede Relativierung der großen Bedeutung dieses Lebens instinktiv ablehnen?
Ich lasse diese Fragen einmal offen und bin gespannt auf eure Gedanken dazu und eure Kommentare.
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Foto: Klaus Straßburg.

Das Merkmal von endlichen Strukturen ist, das sie Gegenpole erzeugen. Wer das Gute entwickelt offenbart das Böse. Für alles entwickelt sich so das Anti. Plus und Minus usw. Leid und Freud. Sobald man in teil-unendliche Strukturen gelangt verändert sich dies und damit vieles, zumindest die Häufigkeit und das Verhältnis der Gegenpole zueinander. Die irdische Variante und damit die 1. Episode des Lebens für Lebewesen ist nicht absolut. Dann folgenden Selektionen und wird eine Zwischenbilanz der Lern-Entwicklungen gezogen. Ja, es gibt "Ausschuß-Ware", vieles kommt in die Schleife der Nachbearbeitung, und manches kommt mit allen Toleranzen bei der Qualitätskontrolle sofort durch und darf weiter. Weiter für neue und größere Entwicklungen und Aufgaben ...
Leid entsteht durch Anpassungsdefizite, Überforderung, Beschränktheit körperlich wie geistig im Miteinander in der Endlichkeit. Aus den Umständen und Ergebnissen sollte gelernt werden, zum eigenen und anderen Wohl. All dies findet sich sich in Jesus wieder. Wer Jesus Worte begreift beginnt irgendwann aus dem Gelernten auch n+1 zu machen und den Limes auf die Unendlichkeit auszurichten, weil der Geist wirksam wird und dann wird es erst so richtig spannend. Allerdings muss eines klar sein, diejenigen die die endlichen System lieben. in sie investieren, absolutisieren und sich darin wohlfühlend werden denen die weiter wollen, das Leben sehr sehr schwer machen. Allein schon durch ihr Unverständnis und so denen die weiter wollen und sich vorwärtskämpfen noch mehr Leid hinzufügen. Das konnte Paulus mehr als deutlich erkennen und erleben. Ja, Leid kann erschreckend, überfordernd, extrem und grausam erlebt werden und dennoch ist es nur relativ, weil alles nach der 1. Episode von Neuem ohne Altlasten beginnt. Und diese Perspektive ist nicht Wunschdenken, sondern einfache Mathematik.
danke für diese mathematische Darstellung deiner Gedanken. Wenn ich dich richtig verstehe, ist alles irdische Leid für dich relativ im Blick auf das "Neue ohne Altlasten", das danach beginnt. Das würde dem Satz des Paulus nahekommen, der dem gegenwärtigen, zeitlich begrenzten Leid ja angesichts des kommenden Ewigen sogar jede Bedeutung abspricht.
Ich bin gespannt, was die weiteren Kommentare dazu sagen. Interessant ist in dem Zusammenhang die Frage, ob das irdische Leben nicht durch jede Relativierung seiner Bedeutung entwertet wird.
Andererseits möchte ich Leid und Tod aus der gedanklichen Ecke herausholen, in der es als ein Unmögliches und Unerträgliches verstanden wird, das auf jeden Fall vermieden werden muss. Und ich möchte an dem Gedanken des Paulus festhalten, dass irdisches Leid und Tod kein Gewicht haben im Vergleich zur Herrlichkeit des ewigen Lebens. Ich halte das für einen tröstlichen Gedanken, auch wenn diejenigen, die unter schweren Qualen leiden, vielleicht erst danach zu dieser Einsicht gelangen können.
So ist wohl beides richtig: Leid soll nach Gottes Willen nicht sein. Gott ergötzt sich nicht an menschlichen Leiden, sondern er teilt sie. Es schmerzt ihn, wenn die, die er liebt, Schmerzen leiden müssen. Das wird vor allem im Alten Testament immer wieder betont (z.B. 1Mo/Ex 2,23; 3,7; 1Sam 9,16; Ps 106,44; Apg 7,34).
Von Gott selbst verfügtes Unheil dient wohl immer dem Heil. Die irdischen "Gerichte" über Israel sind keine sinnlosen Strafen, sondern sie haben den Sinn, das Volk zu Gott zurückzuführen. Wir wissen alle, dass wir uns manchmal erst dann für Gott öffnen, wenn uns unverkennbar gezeigt wird, wie armselig, vergänglich und ohnmächtig unser Leben mit all seinem Denken und Tun ist.
Zugleich ist aber richtig, dass wir diese Glaubenseinsicht nicht instrumentalisieren dürfen. Die Einsicht, dass Schweres zum Guten führen kann, ist uns nicht verfügbar. Der Sinn des Schweren kann uns vollkommen verschlossen sein. Gerade wenn wir schweres Leid erdulden müssen, ist uns die Einsicht seiner Sinnhaftigkeit meist unzugänglich. Sie kann nicht erzwungen, sondern muss einem leidenden Menschen geschenkt werden. Darum dürfen wir diese Einsicht von keinem Leidenden einfordern oder ihn mit seichten Sätzen, die seinem Leid nicht gerecht werden, überfordern.
So ist es tröstlich, dass unser Blick in schweren irischen Qualen nicht an der Unausweichlichkeit des Leids hängenbleiben muss, sondern über das Leid hinausgehen kann in eine herrliche Zukunft ohne Leid und Tod. Dennoch bleibt das Schmerzhafte bestehen, und uns bleibt nur, es zu ertragen. Wir dürfen wissen, dass Gott im Leid an unserer Seite ist und mit uns leidet. Er will nicht, dass wir leiden; und wenn er es geschehen lässt, dann will er uns durch Leid und Tod hindurch zum Leben führen.
Der Satz des Paulus sagt mir: Dereinst werden alle irdischen Qualen keine Rolle mehr spielen. Wir werden sie weit hinter uns gelassen haben und uns an die Schmerzen kaum mehr erinnern. Denn alles wird überstrahlt von der wunderbaren "Herrlichkeit der Kinder Gottes" (Röm 8,21).