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Hoffnung in Zeiten des Krieges |35

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Hoffnung in Zeiten des Krieges · 7 Mai 2022

Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis, und lässt sich nie und nimmer sichern. Friede ist das Gegenteil von Sicherung. Sicherheiten fordern heißt, Misstrauen haben, und dieses Misstrauen gebiert wiederum Krieg. Sicherheiten suchen heißt, sich selber schützen wollen. Friede heißt, sich gänzlich ausliefern dem Gebot Gottes, keine Sicherung wollen, sondern in Glaube und Gehorsam dem allmächtigen Gott die Geschichte der Völker in die Hand legen und nicht selbstsüchtig über sie verfügen wollen.

Dietrich Bonhoeffer (1934 auf der dänischen Insel Fanö)


Bonhoeffer will "in Glaube und Gehorsam dem allmächtigen Gott die Geschichte der Völker in die Hand legen" und damit auch seine eigene Geschichte. Das ist für ihn der Friede, der ohne Sicherheit auskommt; das eine große Wagnis, das darin besteht, sein eigenes Leben hinzugeben an Gott und, wenn es sein soll, an den Tod. Das eine große Wagnis, das sich weigert zu töten und stattdessen den Tod auf sich nimmt.

Bonhoeffer setzte seine Hoffnung auf den Gott, der die Geschichte lenkt. Wir hingegen setzen unsere Hoffnung auf Sicherheit und damit auf uns selbst.

Aber ist es nicht weltfremd, auf alle Sicherheiten zu verzichten? Kann man die Welt den Unbarmherzigen und den Psychopathen überlassen? Hat nicht der Staat mit Recht ein Gewaltmonopol?

Bonhoeffer selbst hat sich später am Attentat auf Adolf Hitler beteiligt. Er wählte in dieser Situation den Weg der Gewalt. Und er sprach davon, dass wir manchmal nur die Wahl haben zwischen Schuld und Schuld.

Worin in welcher Situation unsere Hoffnung und unsere Schuld besteht, ist deshalb ein immer neues Nachdenken wert.

Bonhoeffer hat seinen Glauben nicht nur beschrieben, sondern ihn gelebt – und mit dem Tod dafür bezahlt. Seine letzten Worte an seine Mitgefangenen waren: "Das ist das Ende. Für mich aber der Beginn des Lebens."


Quelle: Friedrich Schorlemmer (Hg.): Was protestantisch ist. Große Texte aus 500 Jahren. Herder Verlag Freiburg u.a. 2010. S. 257f.





4 Kommentare
2022-05-08 08:23:38
Hallo Klaus,

danke für diesen Auszug aus der Fanö-Predigt. Eines der wichtigsten Dokumente der christlichen Friedensbewegung. 1934 war noch Frieden, die Nazis waren allerdings schon an der Macht und viele Deutsche, wahrscheinlich sogar eine Mehrheit, von ihnen begeistert.

Bonhoeffer finde ich sehr bemerkenswert, glaubwürdig und überzeugend. Vermutlich aber gerade deswegen, weil er später auch die Berechtigung der weltlichen Sicht gesehen und unter Einsatz seines Lebens unterstützt hat. Ähnlich wirken seine späteren Briefe aus dem Gefängnis ("Widerstand und Ergebung") auf mich. Ich kenne keine andere derart schonungslose, ehrliche und berechtigte Kritik von Kirche und Theologie seitens eines gleichwohl gläubig Bleibenden.

Viele Grüße

Thomas
2022-05-08 21:00:35
Hallo Thomas,

ja, Bonhoeffer ist immer wieder überzeugend und lehrreich. Unter anderem deshalb, weil er aus seiner konkreten Lebenssituation heraus schreibt und die biblischen Texte darauf bezieht. Ich habe gerade begonnen, erstmalig seine "Nachfolge" zu lesen, in der er auch die Bergpredigt auslegt. Bin gespannt auf seine Auslegungen.

Viele Grüße
Klaus
2022-05-09 19:53:08
Hallo Klaus,

beim Lesen der "Nachfolge", von der ich mir viel versprochen hatte, war ich bald ziemlich irritiert; ich konnte meinen gewohnten Bonhoeffer praktisch nicht wiedererkennen. Mir kam das alles sehr altmodisch und fast sektiererisch vor, ich hatte einen Eindruck wie im Evangelisationszelt. Aber lies selbst!

Viele Grüße

Thomas
2022-05-09 21:05:47
Hallo Thomas,

Bonhoeffer hat offenbar zwei spirituelle Phasen durchlebt, wovon die zweite durch ein Studienjahr in New York 1930/31 angestoßen wurde. Im Jahr 1936 schreibt er in einem Brief davon, dass er vor dieser Zeit "noch kein Christ geworden" war. Die Erfahrungen in New York, besonders in der schwarzen Abessinian Baptist Church in Harlem, in der er auch ein halbes Jahr lang mitarbeitete, müssen ihn tief beeidruckt und verändert haben. Es gibt wissenschaftliche, hoch abstrakte Arbeiten Bonhoeffers aus der Zeit vor dem Amerika-Aufenthalt, aber danach hat er allgemeinverständlich und ohne wissenschaftlichen Anmerkungsapparat geschrieben - aber nicht mit weniger Tiefgang. Ich finde das beeindruckend, weil es auch eine Kritik an der wissenschaftlichen Theologie ausdrückt. Es mag wirklich altmodisch oder fast sektiererisch klingen, aber ich denke, Bonhoeffer war keins von beidem, sondern vielleicht einfach nur in einen bibeltreuen persönlichen Glauben hineingewachsen, anders, als es nach seiner eigenen Aussage zuvor der Fall gewesen war.

Viele Grüße
Klaus
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