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Himmlische Klarheit in einer vieldeutigen Welt

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Veröffentlicht von in Glaubenszweifel · 22 November 2023
Tags: WirklichkeitLebenZweifelGotteserfahrungErkenntnisOrientierung

Himmlische Klarheit in einer vieldeutigen Welt
Ein Versuch über Ambivalenz
Klaus Straßburg | 22/11/2023

"25 Jahre glücklich verheiratet" stand auf der Einladung eines Freundes zu seiner Silberhochzeit. Das machte mich stutzig. Wirklich? 25 Jahre Eheglück?

Ist doch unser Leben mit Zwei- und Mehrdeutigkeiten behaftet. Nichts ist so klar, wie wir es gerne hätten und darstellen. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir gestehen, dass unser Fühlen, Denken und Handeln ein Schwebendes ist, ein Vages, Tastendes, mehr Suchendes als Wissendes. Und auch die glückliche Zeit ist durch Zwiespältiges gekennzeichnet.

Wer es gelehrt ausdrücken will, spricht von Ambivalenz und Ambiguität. Die Vorsilbe ambi- drückt die Zweideutigkeit, den Zwiespalt aus, die Mehrdeutigkeit einer Sache. Weil das Fremdwort die oben beschriebenen Bedeutungsgehalte zusammenfasst, bedienen wir uns auch hier des Begriffs der Ambivalenz.


Je stärker uns die Ambivalenz bewusst wird,
desto mehr sehnen wir uns nach etwas Greifbarem,
an dem wir uns festmachen können

Die Ambivalenz unseres Seins zeigt sich deutlich im politischen Diskurs. Dort werden immer neue Eindeutigkeiten formuliert, an denen es angeblich keinen Zweifel geben kann. Je stärker in den Debatten die unterschiedlichen Perspektiven ausgesprochen werden, umso lauter muss die scheinbare Eindeutigkeit zur Geltung gebracht werden. So diskutiert man ohne Ende, dreht sich im Kreise und kommt dem Ziel der Eindeutigkeit nicht näher. Man kann ihm auch gar nicht näherkommen, weil es diese Eindeutigkeit nicht gibt.

Auch der christliche Glaube und die Theologie sind von der Ambivalenz unseres Seins nicht ausgeschlossen. Überraschend offen reflektiert ein Satz des Apostels Paulus unser spirituelles Handeln – ein Satz, den wir in unserer eingebildeten religiösen Selbstsicherheit gern überlesen (Röm 8,26):

Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt.

Wer den Satz wirklich hört, muss erschrecken: Selbst der innigste Ausdruck unseres Glaubens, das Gebet, ist nichts Eindeutiges, Klares, sondern von Nichtwissen, Suchen und Tasten geprägt.

Wir erleben die Ambivalenz unseres Seins täglich, und wer sich ihr nicht ganz verschließt, dem ist sie nicht unbekannt. Sie wird von den Dichtern beschrieben und von großer Kunst augenfällig gemacht. Musik, die nicht nur zum Mitsummen gedacht ist, sondern die Tiefe unseres Seins auslotet, lässt sie uns fühlen.

Je stärker uns die Ambivalenz bewusst wird, desto mehr sehnen wir uns nach etwas Greifbarem, an dem wir uns festmachen können. Unser Dasein braucht einen festen Halt- und Orientierungspunkt. Doch diesen Punkt gibt es nicht im Diesseits, wo alles im Nebel der Unkenntlichkeit verschwimmt. Es gibt ihn nur auf der anderen Seite der Wirklichkeit, die wir manchmal Himmel nennen.

Also strecken wir uns aus nach dem Himmel, so wie es alle Kreatur tut (Röm 8,19). Wir greifen über das Diesseits hinaus, in den Himmel hinein, und fassen den Fixpunkt, der uns Eindeutigkeit bietet und an dem wir Halt gewinnen. Doch in demselben Moment, in dem wir ihn ergreifen, vermischt sich die Eindeutigkeit mit unseren Trieben, Sehnsüchten, Wünschen und Ängsten – und alles wird wieder zweideutig, vieldeutig, unbestimmt, zweifelhaft. Es gelingt uns nicht, den ersehnten Halt in unser irdisches Leben übertragen.

Bleibt also die Eindeutigkeit, die Klarheit dem Jenseits vorbehalten?


Die Klarheit Gottes, sein alles erhellendes und
veränderndes Licht, stellt sich auf Erden von selber ein

Das Neue Testament spricht vielfach von der "Herrlichkeit Gottes". Das griechische Wort für "Herrlichkeit" (dóxa) heißt in seiner Grundbedeutung auch "Lichtglanz". Der Begriff ist im Neuen Testament oft von Bildern des Lichts begleitet. Gottes Herrlichkeit, selbst voller Glanz und Helligkeit, strahlt aus und bringt Licht und Klarheit. Martin Luther hat "Herrlichkeit" deshalb an einigen Stellen des Neuen Testaments mit "Klarheit" übersetzt*. In der revidierten Lutherübersetzung von 2017 finden sich drei Stellen mit dieser Übersetzung.

Am bekanntesten ist die Stelle aus der Weihnachtsgeschichte (Lk 2,9):

Und der Engel des Herrn trat zu ihnen [den Hirten], und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

Die zweite Stelle ist die von der Verklärung Jesu. Es wird berichtet, dass die Jünger Petrus, Johannes und Jakobus, die mit Jesus auf einen Berg gestiegen waren, bei Jesu Verklärung vom Schlaf übermannt wurden. Dann heißt es (Lk 9,32):

Als sie aber aufwachten, sahen sie seine [Jesu] Klarheit.

Schließlich berichtet Paulus über sein "Bekehrungserlebnis" (Apg 22,6.11):

Da umleuchtete mich plötzlich um die Mittagszeit ein großes Licht vom Himmel. [...] Als ich aber, geblendet von der Klarheit dieses Lichtes, nicht sehen konnte, wurde ich an der Hand geleitet von denen, die bei mir waren, und kam nach Damaskus.

Alle drei Texte erzählen davon, dass die Klarheit Gottes bzw. Jesu für die Menschen vollkommen unerwartet und ohne ihr Zutun aufleuchtet: bei den Hirten, die nachts über ihre Herde wachten und von der Geburt Jesu nichts ahnten, bei den drei schlafenden Jüngern Jesu und bei Paulus, dem Christenverfolger. Die Helligkeit und Klarheit Gottes tritt also gänzlich überraschend und für Menschen unverfügbar ein.

Und es verändert die Situation der betroffenen Menschen radikal: Die Hirten bekommen angesichts des unbekannten Lichts zunächst einen großen Schreck. Dann suchen sie Jesu Geburtsstätte in Bethlehem auf, und als sie auf ihr Feld, in ihr normales Leben, zurückkehren, hat sich alles für sie verändert (Lk 2,8-20).

Die Jünger wollen den Berg gar nicht mehr verlassen, sondern ihr Leben dort fortsetzen, können aber dieses Erlebnis der Klarheit nicht festhalten und müssen wieder herunter in den Alltag. Dort scheint das Erlebnis keine positiven Folgen zu haben, im Gegenteil, wie ihr Unverständnis und ihre Unfähigkeit in den nachfolgenden Geschichten zeigt (Lk 9,28-48). Erst später zeigt sich, dass sich etwas in und mit ihnen verändert hat, wenngleich ihre Ambivalenz bestehen bleibt (z.B. Lk 10,17.20).

Bei Paulus schließlich ist die Veränderung am augenfälligsten. Er ist vorübergehend erblindet, ein Bild für die Irritation und Orientierungslosigkeit, die durch das Licht Christi zunächst eintreten kann. Dann aber wird ihm verheißen und durch ein weiteres Erlebnis klar, dass er fortan kein Christenverfolger mehr ist, sondern ein Christusverkünder (Apg 22,12-21). Wie ambivalent die Situation in den nächsten Jahren dennoch für ihn bleibt, zeigen die Schwierigkeiten, die er mit den von ihm gegründeten Gemeinden hat (z.B. 1Kor 3,1-4; Gal 1,6f) und zeigt schließlich auch seine wahrscheinliche Hinrichtung in Rom.

Damit ist gesagt: Die Klarheit Gottes, sein alles erhellendes und veränderndes Licht, stellt sich auf Erden von selber ein – in aller bleibenden Ambivalenz unseres Lebens. Der Halt aus dem Himmel, nach dem wir uns sehnen, ergreift uns auf Erden, ohne dass wir in den Himmel gegriffen haben. Wir müssen gar nicht versuchen, den Fixpunkt, der uns von aller Zweideutigkeit befreit, vom Himmel auf die Erde zu holen. Denn er kommt von sich aus zu uns auf die Erde.

Dem entspricht die Fortsetzung der Bemerkung des Paulus über unsere Unfähigkeit zum rechten Beten (Röm 8,26):

Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; aber der Geist [Gottes] selbst tritt [vor Gott] für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern.


Insofern ist auch die Ambivalenz selber ambivalent

Die Klarheit Gottes ist demnach auf Erden gegenwärtig. Dennoch bleibt die Ambivalenz alles irdischen Seins bestehen. Denn der göttliche Lichtglanz, die göttliche Klarheit wird durch irdische "Finsternis" verdunkelt (2Kor 4,3f). Auch von den Glaubenden lassen sich Licht und Klarheit nicht festhalten. Das Licht wird vielmehr durch die menschlichen Prägungen, Vorentscheidungen, Sehnsüchte, Wünsche, Ängste seiner leuchtenden Klarheit beraubt. Die Dämmerung irdischer Mehrdeutigkeit legt sich über Gottes Klarheit.

Und doch leuchtet das Wunder der Klarheit auch in der irdischen Ambivalenz. Die menschlichen Mechanismen der Vernebelung und Verunklarung können das Licht Gottes nicht dauerhaft verdunkeln und seiner Wirksamkeit berauben. Dann geschieht es, dass die Herrlichkeit und Klarheit Gottes so weit, wie es auf Erden eben möglich ist, einem Menschen offenbar wird und alle Ambivalenz für ihn eine Zeit lang in den Hintergrund tritt. Insofern ist auch die Ambivalenz selber ambivalent.

Es gibt diese "hellen Momente", in denen uns plötzlich etwas klar und unbezweifelbar vor Augen steht. Dieser Moment der Klarheit kann so stark sein, dass er, obwohl bald wieder vergangen, dennoch seine Wirkung im Leben entfaltet und mehr verändert, als wir zunächst geahnt haben. Es gibt auch das langsame Wachsen von Einsichten, die sich nach und nach, vielleicht über Jahre hin, entwickeln und etwas verklaren und so unser Leben nachhaltig prägen. Oder wir erleben es, dass jemand in großer Klarheit und unangefochten von aller Ambivalenz seinen Weg durch das undurchsichtige Weltgeschehen geht.

Das alles geschieht nicht durch unsere Frömmigkeit, sondern dort, wo Gott sein Licht leuchten lassen will; wo der Geist Gottes uns in die Wahrheit leitet und wir Kinder des Lichts (Joh 12,36; 16,13) werden.

Und so ist meinem Freund und seiner Frau vielleicht doch in ungeahnter Weise die Klarheit widerfahren, wie glücklich die 25 Jahre ihrer Ehe waren – auf einer anderen Ebene als der oberflächlichen, die die Tage des Glücks und die des Streits zählt und gegeneinander aufwiegt. Eher so, dass sie das Ganze ihrer Ehe in aller Ambivalenz des Lebens als ein Geschenk empfunden haben und dieses Geschenk als ein großes Glück – ein Glück, das ihnen auch die ambivalenten Stimmungen und Erfahrungen nicht nehmen konnten.


* * * * *


* Vgl. hierzu Wolf Krötke: Gottes Klarheiten. Eine Neuinterpretation von Gottes "Eigenschaften". Verlag J.C.B. Mohr (Paul Siebeck). Tübingen 2001. S. 34f und 104-108.

Foto: Klaus Straßburg.




2 Kommentare
2023-11-24 22:30:33
Vielleicht besteht das Glück auch darin, gute und bestenfalls gemeinschaftsfördernde Lösungen, Antworten, Gedanken und damit Gedankengänge finden zu können. Wenn das Glück einen vorwärtsbringt ohne ständig zurückzuschauen, dann findet sich bestimmt immer etwas Neues das die tiefe Freude am Leben erhält.
2023-11-25 10:06:30
Gemeinschaftsfördernde Gedankengänge und Lösungen - sehr wichtig! Einen Weg finden zwischen Selbstbestimmung und Selbstzurücknahme - heute gern vergessen, macht aber glücklich.
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