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Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott?

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie to go · 8 Juli 2021
Tags: WeltregimentVertrauenSegenGelassenheitSorgen

T h e o l o g i e   t o   g o
Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott?
Klaus Straßburg | 08/06/2021

Den Satz habe ich schon unzählige Male gehört: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!"

Irgendwie klingt das ja auch logisch: Allein kommt man nicht immer zurecht, aber mit Gottes Hilfe geht es dann doch.

Man könnte sogar meinen, das sei eine fromme Einstellung.

Doch wenn man einmal genau hinsieht, merkt man, dass der Satz das glatte Gegenteil von fromm ist. Denn er besagt: „Gott hilft dir zwar, aber nur dann, wenn du dir selber hilfst."

Wer so denkt, der macht flugs sein eigenes Tun zur Bedingung dafür, dass Gott ihm helfen kann. Er macht Gott abhängig von seinem eigenen Handeln.

Das ist ganz schön eingebildet, Gott von sich selbst abhängig zu machen!

Umgekehrt klingt es schon besser: Gottes Handeln ist die Bedingung dafür, dass ich mir selbst helfen kann. Ich kann zwar versuchen, mir selber zu helfen, aber gelingen wird es nur dann, wenn Gott mir hilft. Ich bin abhängig von Gottes Handeln.

So meint es auch der bekannte Satz „An Gottes Segen ist alles gelegen".

Der Satz vom Anfang würde dann richtig lauten: „Wenn Gott dir hilft, dann hilf dir selbst!"

Also soll ich dann, wenn Gott mir hilft, nicht einfach die Hände bequem in den Schoß legen. Wenn ich krank bin, reicht es nicht aus, Gott um Genesung zu bitten, sondern ich sollte auch zum Arzt gehen. Wenn mir die Armen leid tun, reicht es nicht aus, Gott um Brot für sie zu bitten, sondern ich sollte auch selber mein Portemonnaie auftun.

Es gibt aber auch nicht wenige Situationen, in denen kann ich mir gar nicht mehr selbst helfen. Da bin ich schlicht mit meinem Latein am Ende! Wenn ich mir das eingestehe, dann erkenne ich, wie unsinnig der Satz vom Anfang ist und dass ich ganz auf Gottes Hilfe angewiesen bin. Denn Gott kann mir auch weiterhelfen, ohne dass ich etwas dazu beitrage.

Es bleibt also dabei, dass uns nur das gelingt, wozu Gott seinen Segen gibt.

Der Psalm 127 sagt ganz deutlich, dass all unser Tun umsonst ist, wenn nicht Gottes Hilfe dabei ist. Und mehr noch: Unsere übertriebene Mühsal ist unnötig, weil Gott uns auch ohne unser Zutun das gibt, was er uns geben möchte: Er hilft uns, während wir nicht etwa schuften, uns mühen und sorgen, sondern – schlafen.

Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.
Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.
Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzt
und esst das Brot der Mühsal;
denn seinem Freund gibt er es im Schlaf.


* * * * *




6 Kommentare
2021-07-10 21:18:39
Hallo Klaus,

den Satz "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!" halte ich, genau wie du, für unfromm. Ich bin sogar der Meinung, dass statt des Kommas fast schon gleich das Ausrufezeichen dastehen könnte. "Hilf dir selbst!" Der zweite Teilsatz ist kaum mehr als eine Konzession an das Reden traditionsverhafteter Leute, so etwas wie ein Verweis auf das auch sprichwörtliche Glück der Tüchtigen in religiöser Sprache.

Bei deinem auf diesem Spruch aufsetzenden Beitrag musste ich sofort an einen Brief Bonhoeffers denken. Ich habe ihn mal herausgesucht. Am 8.4.1944 schreibt Bonhoeffer an Bethge: "Die Attacke der christlichen Apologetik auf die Mündigkeit der Welt halte ich erstens für sinnlos, zweitens für unvornehm, drittens für unchristlich. Sinnlos - weil sie mir wie der Versuch erscheint, einen zum Mann gewordenen Menschen in seine Pubertätszeit zurückzuversetzen, d. h. ihn von lauter Dingen abhängig zu machen, von denen er faktisch nicht mehr abhängig ist, ihn in Probleme hineinzustoßen, die für ihn faktisch nicht mehr Probleme sind" (Widerstand und Ergebung, 12. Auflage, GTB Siebenstern 1983, S. 160.

Viele Grüße

Thomas
2021-07-10 21:21:33
Nachtrag/Korrektur: Der zitierte Brief ist vom 8.6.1944.
2021-07-10 22:49:19
Hallo Thomas,

um dir antworten zu können, muss ich zunächst zwei Rückfragen stellen:

1. Willst du für den Satz "Hilf dir selbst!" eine Lanze brechen, weil Gott sowieso nicht hilft? Das würde dann der Meinung Dorothee Sölles entsprechen, Gott habe keine anderen Hände als unsere.

2. Verstehst du den Satz "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!" als Ausdruck der Mündigkeit der Welt? Das würde bedeuten, dass die Mündigkeit der Welt darin besteht, Gottes Handeln vom eigenen Handeln abhängig zu machen oder aber von Gottes Handeln oder einem handelnden Gott ganz abzusehen.

Wenn mir dein Anliegen klarer geworden ist, werde ich gern meine Meinung dazu schreiben.

Viele Grüße
Klaus
2021-07-11 07:55:25
Guten Morgen Klaus!

Ich weiß nichts sicher über Gott. Weder, dass er hilft, noch, dass er nicht hilft. Noch nicht einmal, ob er überhaupt existiert. Vieles von dem, was traditionell über Gott erzählt wird, trifft vermutlich so nicht zu und entspringt archetypischen menschlichen Vorstellungen und Projektionen. Deswegen halte ich mich mit allzu bestimmtem Reden über Gott zurück, um mich nicht vor mir selbst lächerlich zu machen. Es ist alles ein Glauben, nicht mehr und nicht weniger.

Gleichwohl halte ich es für denkbar, dass selbst der Glaube an einen nicht existenten Gott und das Beten zu ihm etwas bewirken könnte. Den Sölle-Satz, den du zitierst, finde ich gut. Aber ob das alles ist, weiß ich ebenso wenig. Es kann ja auch sein, dass Zufall einer der Namen Gottes ist.

Die Mündigkeit der Welt ist eine Behauptung Bonhoeffers, nicht des Satzes: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott! Ich würde diesen Satz auch nur Menschen sagen, die sich selbst helfen könnten, aber stattdessen beten und die Verantwortung von sich wegschieben. Gegenüber jemandem, der sich nicht oder nicht mehr helfen kann, fände ich diese Aufforderung herzlos.

Dir einen schönen Sonntag

Thomas
2021-07-11 11:20:51
Hallo Thomas

Wie definierst du Zufall?
Vielleicht ist es ja nur das beschränkte und endliche Wissen darüber, was alles definiert wurde, mit all seinen gegenseitigen Abhängigkeiten und Verbindungen? Nicht selten erscheinen Endlichkeiten wie Unendlichkeiten, obwohl sie es nicht sind. Das gilt natürlich auch für "Zufälle".
2021-07-11 21:19:39
Hallo Thomas,

es gibt tausend Gründe, die Existenz eines Gottes zu bezweifeln. Und es gibt für den, der sie trotzdem glaubt, wiederum tausend Gründe, sein helfendes Handeln in der Welt zu bezweifeln. Wer nicht nur naiv, sondern reflektiert glaubt, weiß um diese Gründe und hat sie selbst durchlebt.

Wer also kann sich dessen, was er über Gott "weiß", schon vollkommen sicher sein? Nur der, der entweder naiv ist oder vollkommen unkritisch gegenüber sich selbst.

Der Zweifel ist des Glaubens Gesell. Und manchmal oder auch öfter einmal ist er wohl auch Herr über ihn.

"Ich glaube; hilf meinem Unglauben!" (Mk 9,24) So sagte der Vater des epileptischen Jungen zu Jesus. Er wusste, dass er seinem Sohn nicht helfen konnte. Darum war seine Bitte seine einzige, seine letzte Möglichkeit. Und Jesus half ihm.

Er hat vielen Menschen geholfen. Und noch viel mehr Menschen hat er nicht geholfen. Er war kein Weltverbesserer und keiner, der sich Autorität durch Wunder erkaufen wollte. Er wollte keine "Zeichen" liefern, aufgrund derer die Menschen glaubten.

Was Menschen glauben, kann - rein logisch betrachtet - auch ganz anders sein. Aber es kann eben - rein logisch betrachtet - auch so sein, wie sie es glauben. Ob man es glaubt oder nicht, was man glaubt oder nicht, ist keine Frage der Logik. Ob Gott existiert oder nicht, ist keine Frage der Logik. Die Überzeugung, dass er nicht existiert und hilft, ist ebenso ein Glaube wie die, dass er existiert und hilft.

Die Glaubenden können keine ewigen Wahrheiten verkünden. Aber sie können auch nicht schweigen. Das ist die Situation aller Glaubenden auf Erden.

So leben wir alle irgendwo zwischen Glauben und Zweifeln - der eine mehr hier, die andere mehr dort oder auch mal hier, mal dort. Und letztlich bleibt nur die Bitte: "Ich glaube; hilf meinem Unglauben!" Ich glaube, dass Jesus es tun wird.

Liebe Grüße
Klaus
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