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Habe ich Freisein gelernt?

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie to go · 30 Dezember 2022
Tags: FreiheitHoffnungVertrauenEwigkeitJahreswendeAngstUkraine

T h e o l o g i e   t o   g o
Habe ich Freisein gelernt?
Klaus Straßburg | 30/12/2022

Kann man Freisein lernen? Kann man in schlechten Zeiten frei sein – in Zeiten, in denen man verunsichert ist und gefangen in Angst und Sorgen? Kann die Freude des Freiseins die Angst vertreiben?

Das ausklingende Jahr war nicht gerade ein schönes. Vor allem für die Ukraine nicht und für die gefallenen und an Leib und Seele verwundeten Soldaten auf beiden Seiten nicht. Natürlich auch nicht für deren Angehörige.

Diesen allen gegenüber haben wir in Westeuropa es gut gehabt. Dennoch war es auch für mich kein besonders schönes Jahr. Der Krieg und die vielen Opfer haben manches Mal die Stimmung gedrückt. Die bedrohliche Konfrontation zwischen Russland und dem Westen hat mir Angst gemacht. Das Damoklesschwert, in den Krieg hineingezogen zu werden, schwebte über uns. Und es machte mich traurig, dass es bei alldem letztlich um Einflussbereiche, also um politische Macht ging.

Ich wollte das alles nicht verdrängen und einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern ich wollte die Lage einschätzen und verstehen. Darum habe ich versucht, mich zu informieren. Ich war zutiefst enttäuscht über viele deutsche Politiker, Expertinnen, Journalisten und über einseitige Information. Auch Kirchenvertreterinnen haben mich enttäuscht.

Dennoch habe ich in diesem Jahr vielleicht gelernt, ein Stück weit freier zu werden. Es ist eine Freiheit nicht in Perfektion, sondern in aller menschlichen Unvollkommenheit.

Wie kann man in einer bedrohlichen Situation frei sein? Ich fühle mich frei, wenn ich mir vergegenwärtige, dass mein Leben trotz aller Gefahren bei der guten Macht bestens aufgehoben ist, die wir Gott nennen und die in Jesus Christus in der Welt erschienen ist. Dabei ist es egal, was auf Erden geschieht. Denn das Gefühl der Geborgenheit kann stärker sein als das Gefühl der Bedrohung.

Ich fühle mich dann ein Stück weit frei von Ängsten – nicht vollkommen frei, denn natürlich will ich nicht leiden und habe Angst davor. Aber ich fühle mich viel freier als ohne den Glauben an einen Gott, der an meiner Seite ist und mich geleiten und bewahren wird. Auch dann, wenn ich durchs finstere Tal muss; denn auch dort wird er mich stärken und trösten.

Beim Gefühl, frei zu sein, hat mir geholfen, mir vorzustellen, was ich im konkreten Notfall tun würde. Wenn ich all mein Hab und Gut zu verlieren drohe, würde ich versuchen, eine Bibel zu retten. Ich würde ein dickes Heft mit vielen leeren Seiten einpacken und einen Stift, um meine Erlebnisse, Gedanken und Gefühle aufschreiben zu können. Wenn es geht, würde ich noch ein Gesangbuch oder Liederbuch mitnehmen, um – zusammen mit anderen – singen zu können. Vielleicht würde das schon zum Überleben reichen. Die Gitarre mitnehmen wäre schön, aber wahrscheinlich zu viel Gepäck. Sie ist auch nicht unbedingt nötig.

Wäre ich dann in der Not mit anderen zusammen, würde ich mich frei fühlen, wenn ich sie (und darin auch mich selbst) trösten könnte mit Worten der Bibel oder mit Liedern. Ich würde versuchen, für andere da zu sein, und sei es auch in einem finsteren Bunker.

Vielleicht würdest du andere Dinge retten, die dir wichtig sind. Versuch dir einmal vorzustellen, was dir so wichtig wäre, dass es dir beim Überleben helfen würde – Nahrung und Kleidung einmal ausgenommen. Und wie du damit anderen und dir selbst das Überleben erleichtern könntest.

Zu meinem Freisein gehört auch, dass der Tod mich nicht so stark schrecken kann. Einen gewissen Schrecken behält er immer, denn er ist immerhin unser Feind – aber einer, der vernichtet werden wird (1Kor 15,26). Die Machtlosigkeit des Todes ist also schon beschlossene Sache. Wir müssen nur noch beschließen, diese beschlossene Sache für uns gelten zu lassen. Dann mag es ruhig so schlimm kommen, dass man uns das Leben nehmen will – wir können dann darauf vertrauen, dass uns niemand das Leben nehmen kann, das der Ewige in Ewigkeit für uns vorbereitet hat (Joh 14,2). Dieses Vertrauen befreit.

Und noch eins gehört zu meinem Freisein: dass ich mich nicht hinters Licht führen lasse mit all dem Lug und Trug, der verbreitet wird. Es ist schon wahr: Wenn der Krieg beginnt, stirbt als erstes die Wahrheit. Sie stirbt auch dort, wo der Krieg noch gar nicht heiß ist, aber schon um Einflussbereiche gerungen wird. Auch das ist mir im letzten Jahr quälend bewusst geworden.

Aber ich konnte mir die Freiheit bewahren, mich nicht vereinnahmen zu lassen, mich den Manipulationen zu widersetzen und meine eigene Sicht der Dinge zu entwickeln. Dabei half mir eine Instanz, die bedeutender ist als alle Zeitungen und Nachrichtensendungen: die Bibel. Sie ist mir zum wahren Wegweiser geworden, wo fast alles andere, was den Weg weisen wollte, in dieselbe Richtung wies.

Es ist schon merkwürdig, dass mir das Gefühl des Freiseins gerade in Zeiten der Bedrohung widerfahren ist. Wirklich erklären kann ich das nicht. Vielleicht ist es das Vertrauen auf Gott, das gerade die Not in uns weckt und das dann auch das Freisein in uns wachsen lässt.

Das Freisein ist dann immer auch von Freude begleitet. Es macht in gewissem Sinne unangreifbar. Es sagt uns: "Ihr könnt uns nehmen, was ihr wollt, es wird mir nicht schaden. Wenn ich leiden muss, wenn Schmerzen mich drücken, wird das zwar nicht angenehm sein, ja ich werde mich vielleicht quälen – aber mir wird die Gewissheit bleiben, dass das Leid ein Ende haben wird. Selbst der Tod kann mir nicht das Leben nehmen, das ich bei Gott habe. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!"

Was also können uns die Angriffe auf unser Leben noch anhaben? Niemand weiß, was das nächste Jahr bringen wird. Niemand weiß, welche Freude und welches Leid ihm bevorsteht. Ich weiß nicht, ob mein Gefühl des Freiseins in Notzeiten Bestand haben wird. Aber auch wenn dieses Gefühl schwindet, kann ich im Glauben wissen, dass Leib und Leben in eines anderen Hand sind. Und dass dieses Wissen wieder zum Grund großen Freiseins werden kann.


* * * * *


Foto: Franz P. Sauerteig auf Pixabay.





2 Kommentare
2023-01-12 14:40:54
Hallo Klaus,

vielleicht kann man diese Freiheit und Befreiung einen Schritt weiterdenken mit dem Wort "Frieden". Schließlich will uns ja der Sohn Gottes genau diesen geben. Eine Gelassenheit, die Menschen, die Gott, als dem "himmlischen Vater" nicht kennen und ihm nicht vertrauen, nie erleben und erfahren werden.
2023-01-12 15:38:23
Hallo Pneuma,

ja, die innere Freiheit bringt durchaus inneren und, soweit an uns liegt, auch äußeren Frieden mit sich. Innere Gelassenheit macht tatsächlich friedlich.

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