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Gottes Verheißungen - Aufbruch in die Zukunft (Teil 1)

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Gottes Verheißungen – Aufbruch in die Zukunft (Teil 1)
Klaus Straßburg | 23/04/2023

Leben ist nicht nur Weiterführung des Vergangenen und auch nicht nur Existieren im Gegenwärtigen. Es ist in beidem immer auch Ausrichtung auf das Zukünftige. Wir kommen von dem her, was gewesen und vergangen ist; wir leben in dem, was uns der jeweilige Augenblick erfahren lässt; aber wir sind ausgerichtet auf das, was in jedem gegenwärtigen Augenblick auf uns zukommt. Weil wir ein Ziel haben, weil wir nicht nur den Augenblick genießen, sondern auch von vielen ihm folgenden Augenblicken ein erfülltes Leben erwarten, haben wir Hoffnung.

Darum gehört die Hoffnung zu den drei Charakteristika des christlichen Glaubens, von denen der Apostel Paulus in 1Kor 13,13 spricht: Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Liebe ist die größte unter ihnen, schreibt der Apostel. Sie ist die Kraft der Veränderung und Erneuerung des Menschen und seiner Lebensverhältnisse. Basis und Fundament der Liebe ist der Glaube. Ihr Spielraum aber, in dem ihre alles verändernde und erneuernde Kraft sich entfaltet, kommt in den Blick durch die Hoffnung.

In diesem dreiteiligen Artikel gebe ich einen Einblick in die mit Glaube und Liebe gegebene Hoffnung oder, anders gesagt, in die Zukunftsbezogenheit von Glaube und Liebe. Der vorliegende erste Teil behandelt die Verheißungs- und Zukunftsaussagen der Hebräischen Bibel, unseres Alten Testaments. Der zweite Teil beschreibt, wie diese Aussagen aufgenommen und weitergeführt werden in der Griechischen Bibel, unserem Neuen Testament. Im dritten Teil schließlich werfe ich einen Blick auf die praktischen Konsequenzen, die Verheißung und Hoffnung für das christliche Leben und das Dasein der Kirche haben.

Ich lehne mich dabei an vor allem an das im Jahr 1964 erstmals erschienene Buch "Theologie der Hoffnung" von Jürgen Moltmann. Das Buch machte den evangelischen Theologen weltweit bekannt, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und ist in Deutschland bis heute in ca. 15 Auflagen erschienen.


1. Die Religionen Israels und Kanaans

Die historische Forschung geht davon aus, dass die Stämme Israels, bevor sie sesshaft wurden, als Nomaden durchs Land zogen. Die immer zu neuen Weidegründen aufbrechenden und um ihr Überleben kämpfenden Nomaden haben Gott als einen erfahren, der sein Volk führt, indem er ihm voranzieht (2Mo/Ex 13,21f) und ihnen Weisungen für ein gedeihliches Leben auf der Wanderschaft erteilt (2Mo/Ex 20; 5Mo/Dtn 5). Schon die Geschichte des Stammvaters Abraham wirft ein Licht auf das Nomadenleben, in dem es nicht darum ging, sein Leben an ein und demselben Ort zu verbringen, sondern im Vertrauen auf Gottes Geleit seinem Ruf in eine neue, unbekannte und deshalb unsichere Zukunft zu folgen (1Mo/Gen 12,1f).

Israels Geschichte beginnt mit der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, wo die Stämme unterdrückt wurden, Schwerstarbeit verrichten mussten und ihre männlichen Neugeborenen mit dem Tode bedroht wurden (2Mo/Ex 1,8-22). Unter der Führung des Mose und mit der Hilfe ihres Gottes gelang es dem Volk, aus der ägyptischen Unterdrückung zu fliehen. Die folgende lange Zeit des Nomadentums wird im Alten Testament als 40jährige Wüstenwanderung beschrieben. Nach dieser langen Zeit des Umherwanderns in unfruchtbaren Gebieten wurde Israel sesshaft im fruchtbaren Lande Kanaan – dem von Gott verheißenen Land, in dem "Milch und Honig" fließen (2Mo/Ex 3,8 u.ö.).

Im Land Kanaan gab es schon sesshafte Völker. Sie verehrten – ihrer Sesshaftigkeit entsprechend – Landes- und Fruchtbarkeitsgötter. Das waren Götter, die mit dem Land verbunden waren und als Garanten der Fruchtbarkeit des bebauten Landes verstanden wurden. Die dort siedelnden Menschen wurden sozusagen zu Wohngenossen der dort seit jeher lebenden Götter. Der kanaanäische Kult diente dazu, die Ackerbaukultur vor dem Untergang zu bewahren. In den religiösen Festen wurde die Ankunft der Götter gefeiert und um ihren Segen für das Gedeihen der Ernte und das Weiterleben im Land gebeten.

Israel brachte seine nomadische Religion mit, als es im Land Kanaan sesshaft wurde. Diese Religion war anders strukturiert als die kanaanäische. Im nomadischen Leben hatte Israel gelernt, dass es nicht nur um die Segnung der Gegenwart ging, sondern ebenso und vielleicht noch mehr um die Sicherung der unbekannten Zukunft. Die Sicherung der Zukunft aber erfuhr das Volk durch die Verheißungen seines Gottes und die entsprechenden Erfüllungen. So wurde das Leben Israels als Geschichte unter den Verheißungen seines Gottes verstanden. Der Nomade bricht immer wieder auf von der Gegenwart in die Zukunft und lässt dabei das Vergangene hinter sich. Das Leben Israels in seiner Nomadenzeit bestand darin, sich im Vertrauen auf die Verheißungen Gottes beständig nach neuen Horizonten auszustrecken und in sie hinein fortzuschreiten.

Das ist ein anderer Umgang mit Geschichte, als wir ihn unter dem Einfluss der alten Griechen und Römer kennen. Die Griechen und Römer fragten nicht nach der Zukunft, sondern nach der Vergangenheit als dem immerwährenden Ursprung. Sie fragten nach dem Wesen der Dinge und der Götter, nach dem ewig Unveränderlichen im Wandel der Zeiten. Es ging ihnen um die immer gültigen Ideen, nicht um die wandelbare, sich ständig verändernde Geschichte und ihre Zukunft.

Die jüdisch-christliche Tradition hat dazu beigetragen, Geschichte als Fortschreiten in eine bessere Zukunft zu verstehen. Das Wesentliche ist nicht einfach das Immerwährende, Unveränderliche, sondern das sich Wandelnde, Kommende. Unter jüdisch-christlichem Einfluss wird die Zukunft und der Fortschritt zum entscheidenden Parameter des Geschichtsverständnisses.


2. Der Überschuss der Verheißungen über die Erfüllungen

Die alttestamentlichen Verheißungen also richteten den Blick auf die Zukunft. Sie weckten Hoffnung auf das Kommende. Diese Hoffnung gründete in dem, was Gott möglich ist. Das konnte auch das nach menschlicher Erfahrung Unmögliche sein.

Verheißungen drängen darauf, erfüllt zu werden. Eine Verheißung, die sich nicht erfüllt, wird unglaubwürdig. In der Geschichte Israels kam es jedoch immer wieder vor, dass Verheißungen sich nur teilweise erfüllten. Das führte aber in Israel nicht dazu, dass man den Verheißungen Gottes den Abschied gab. Man interpretierte vielmehr eine Verheißung, die sich nicht in erwarteter Weise erfüllte, in neuer Weise. Israels geschichtliche Erfahrungen führten dazu, dass es Gottes Verheißungen neu auslegte. Man erkannte, dass die Erfüllung meist nicht mit dem, was Gott verheißen hatte, deckungsgleich ist, sondern dass oft ein unerfüllter Überschuss der Verheißung bleibt, der sich noch nicht erfüllt hat.

Insofern steckt in jedem Erlebnis einer Erfüllung auch eine Enttäuschung. Erfüllungen bekommen einen Beigeschmack der Traurigkeit. Aber sie setzen gerade dadurch noch größere Hoffnungen frei. Nicht Resignation und Zweifel an Gottes Treue und Geschichtslenkung folgen dann aus enttäuschten Erwartungen, sondern es verändert sich die Erwartung, und die Hoffnung wird noch größer als zuvor. Eine Verheißung Gottes ist nach diesem Verständnis nichts Starres, Unwandelbares, sondern ein lebendiger Weg hin zu einer alle Erwartungen übertreffenden zukünftigen Erfüllung der Verheißung.

Auch die Israel gegebenen Gebote oder Weisungen für das künftige Leben sind keine starren Normen, die für jede denkbare geschichtliche Situation gleichermaßen gelten. Sie sind vielmehr wandelbar wie die Verheißungen. Wie die Verheißung in veränderter geschichtlicher Situation ein anderes Gesicht bekommt, so auch die Weisung Gottes. Sie bleibt gültige Weisung, muss aber auf die neue geschichtliche Situation bezogen werden, um in ihr dem Leben zu dienen und nicht nur ein starres Gesetz aus der Vergangenheit zu sein.

Die von den Verheißungen Gottes und von seinen Weisungen geprägte Geschichte hat ein bestimmtes Gefälle, eine Richtung hin zur Erfüllung der Verheißungen und zur Verwirklichung der Weisungen. Die Zukunft wird also nicht bestimmt durch einen gesellschaftlichen oder technischen Entwicklungsfortschritt, sondern durch das verheißende und weisende Wort Gottes. Dieses Wort entwirft eine zu erwartende und anzustrebende Zukunft und kennzeichnet damit zugleich eine vergehende und aufzugebende Vergangenheit und Gegenwart. Dadurch entsteht für den Menschen eine Situation, die ihn in die Frage nach Gehorsam oder Ungehorsam, Hoffnung oder Resignation stellt. Es ist die Frage, ob er den Weg zur von Gott verheißenen Zukunft einschlagen will oder nicht.


3. Die Verheißungen der Propheten

Die Verheißungen der alttestamentlichen Propheten richteten sich, wie auch die ihnen vorangehenden Verheißungen, nicht auf ein Jenseits, sondern auf eine geschichtliche Zukunft im Diesseits. Doch weil die komplette Erfüllung der Verheißungen oftmals ausblieb, wurden die Verheißungen in neuer geschichtlicher Situation neu interpretiert. Die Zukunftsperspektive weitete sich über das bisher in Israels Geschichte Geschehene hinaus aus. Das bisher Geschehene war noch nicht die komplette Erfüllung der Verheißung, so dass noch etwas Ausstehendes zu erwarten war. Was einer früheren Generation als das Letzte erschien, galt einer späteren Generation als durchaus überholbar.

Wenn die Verheißungen zunächst nur dem Volk Israel galten, so wurden von den Propheten auch die anderen Völker in die Verheißungen Gottes einbezogen. Schon Amos, der erste Prophet mit einem eigenen Buch im Alten Testament, kündigt ein Gericht über verschiedene Völker in Israels Nachbarschaft an (Am 1,1-2,3). Gott richtet über alles Unrecht, auch über das der anderen Völker. Das Gericht dient aber nicht der Vernichtung, sondern der Erneuerung und Vollendung. Die Treue Gottes zu Israel und allen Völkern hat auch im Gericht kein Ende, sondern will zum Heil führen (Am 5,15; 9,7-15).

So entstehen nach und nach Visionen von einem Heil, von dem zuvor nie die Rede war: ein umfassendes Heil, an dem alle Völker teilhaben (z.B. Jes 2,2-4; 52,7-12), ein neuer Bund Gottes mit Israel (Jer 31,31-34), eine Herrschaft Gottes über die ganze Erde (Jes 66). Was Gott tun wird, sprengt alle bisherigen Vorstellungen: Nicht nur Israel, nicht nur die Völkerwelt, sondern die ganze Schöpfung wird in das Handeln Gottes einbezogen. Eine Grenze bleibt allerdings in der prophetischen Botschaft zunächst erhalten, und das ist der Tod. Erst in den spätesten prophetischen Texten taucht der Gedanke auf, dass auch der Tod oder zumindest der frühe Tod überwunden werden wird (Jes 65,23; Hes/Ez 37,1-14). Denn der Gott Israels ist ein Gott der Lebendigen.

Damit ist eine letzte Grenze überschritten. Die Verheißung der Todesüberwindung ist das non plus ultra, das ultimativ Neue. Damit sind wir bei der Eschatologie angekommen, wie man theologisch sagt: bei der Lehre von den "letzten Dingen"; vielleicht sollte man besser sagen: von der letzten Zukunft.

Für die Propheten hat die Geschichte noch keinen festgelegten Endpunkt. Sie bleibt vielmehr immer in Bewegung, und auch Gott kann seine Pläne widerrufen. Er kann sich von seiner Fürsorge distanzieren und stattdessen Gericht ankündigen, wenn Israel oder ein anderes Volk es mit der Bosheit übertreiben. Er kann umgekehrt auch das schon angekündigte Gericht widerrufen, wenn Israel oder ein anderes Volk Reue übt und sein Verhalten ändert. Weder der Segen noch das angedrohte und verheißene Gericht sind ein unabänderliches Schicksal. Selbst der Tod ist kein unabänderliches Schicksal. Was bleibt von Gottes Geschichtsplänen, ist einzig und allein sein unbezwingbarer Wille zum Heil für Israel und alle Völker, und sei es auch Heil durch das Gericht hindurch.


4. Die Apokalyptik

Die spätesten Texte des Alten Testaments nehmen die Zukunft noch einmal anders in den Blick. Diese Texte haben eine andere Wortwahl und eine andere Vorstellung von der Geschichte. Sie sprechen davon, dass der Geschichtsablauf ein für allemal von Gott her festgelegt ist. Die Geschichte entrollt sozusagen nur nach und nach den von Ewigkeit her feststehenden göttlichen Plan. Dieser Plan wird einem Menschen in besonderen Offenbarungen Gottes bekanntgegeben. Wir sprechen deshalb von Apokalyptik, was übersetzt nichts anderes heißt als "Offenbarung".

Der göttliche Plan spielt sich nach apokalyptischer Vorstellung ab in einer Welt, die in Gut und Böse aufgeteilt ist. Gegenspieler sind nicht Israel und die anderen Völker, die an andere Götter glauben, sondern Gegenspieler sind Gott und die Welt, die unter der Macht des Bösen steht. Die apokalyptischen Texte erwarten keine Überwindung des Bösen durch das Gute mehr, sondern die Vernichtung der bösen Welt, die von einer himmlischen Welt abgelöst wird. An die Stelle der Erwählung Israels, die zum Gehorsam und zur Hoffnung ruft, tritt die Vorsehung Gottes, die alles vorherbestimmt hat.

Trotzdem gibt es auch in der Apokalyptik ein ermunterndes Element. Es ist die Ermunterung, in den Drangsalen der Endzeit und im Kampf mit der bösen Welt am Glauben festzuhalten. Denn es gibt eine Welt, die vergeht, und eine Welt, die kommt. Und wer am Glauben festhält, findet Eingang in die kommende Welt, in den neuen Äon (Dan 7,13f.27). Der neue Äon ist eine Umgestaltung des ganzen Kosmos. Gott wird einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, in denen ewige Freude herrschen wird (Jes 65,17-25).

So hat die Apokalyptik eine wichtige Funktion in den biblischen Texten. Ohne sie bleibt die letzte Zukunft vor allem eine Sache der Völkergeschichte, also etwas Diesseitiges, und erst am Rande taucht die Hoffnung auf die Überwindung des Todes auf. Mit der Apokalyptik aber wird das Heil so groß, dass es alles umfasst. Die umfassende Auferstehung der Toten und eine neue Welt werden nun angekündigt (Dan 12,2). Der endgültige Sieg Gottes über das Böse steht bevor (Sach 14,9). Mit der Auferstehung aller Menschen ist der Tod entmachtet. Das Böse, das diese Welt beherrscht, die Gottverlassenheit, alles Elend und Leid werden ein Ende haben (Jes 25,6-8). Ein neuer Äon für alle, die am Glauben festgehalten haben, löst den bisherigen Kosmos ab.


5. Gottes Verheißungen und unser Aufbruch in die Zukunft

Gottes Offenbarungen im Alten Testament stehen meist im Zusammenhang mit Verheißungen für Israels Zukunft. Daraus kann man schließen, dass Gott sich dort offenbart, wo er Israel Zukunft verheißt und sich dazu bekennt, dieser Verheißung treu zu bleiben und sie zu erfüllen. Gott offenbart sich also als ein Gott der Geschichte: als jemand, der in der Weltgeschichte Zukunft eröffnet und in diese Zukunft leitet (Ps 146,5-10). Menschliche Erkenntnis Gottes bedeutet dann, Gottes Treue zu der von ihm eröffneten Zukunft zu erkennen. Glaube an Gott ist dann – gemessen an der alttestamentlichen Geschichte der Verheißungen – Hoffnung auf die von Gott verheißene Zukunft und Sehnsucht nach dieser Zukunft.

Das hat auch Folgen für unser Verständnis von Wahrheit. Nach herkömmlichem Verständnis ist Wahrheit die Entsprechung zwischen einer Sache und der Aussage des Verstandes über diese Sache (für die philosophisch Interessierten mit lateinischem Fachausdruck: adaequatio rei et intellectus). Weil die Hoffnung sich aber nach einer Zukunft sehnt, die nicht mit der Gegenwart übereinstimmt, besteht die Wahrheit der Hoffnung gerade in der fehlenden Entsprechung zwischen der Gegenwart und der Zukunft (lateinisch müsste man dann sprechen von der inadaequatio rei et intellectus). Denn Gottes Verheißung steht in einem Widerspruch zu jeder Gegenwart, die der Wahrheit Gottes nicht entspricht.

Die Verheißungen Gottes eröffnen im Widerspruch zur Gegenwart einen Prozess, der in die Zukunft führt. Man könnte sagen: Sie eröffnen einen Spielraum der Geschichte. Es wird eine Offenheit der Geschichte wahrgenommen, die jedem starren Verharren in der Gegenwart entgegensteht. Dieses Verharren ist ausgeschlossen, weil es noch keine Wirklichkeit gibt, die dem Willen Gottes vollkommen entspricht, also keine Wirklichkeit, die Gott nicht der Verwirklichung seines Reiches zuführen will.

Solange Gottes Verheißungen noch nicht vollkommen erfüllt sind, weisen sie uns in eine Zukunft, die in der Gegenwart noch nicht abgebildet ist. Gottes Verheißungen setzen kritische Kräfte frei und führen in einen von Gott angestoßenen Erneuerungsprozess der Wirklichkeit. Deshalb ruft die Verheißung zum Aufbruch in die Zukunft.


* * * * *


Verwendete Literatur:
  • Jürgen Moltmann: Theologie der Hoffnung. Untersuchungen zur Begründung und zu den Konsequenzen einer christlichen Eschatologie. Chr. Kaiser Verlag, 10. Aufl. München 1977.
  • Horst Dietrich Preuß: Theologie des Alten Testaments. Band 2: Israels Weg mit JHWH. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart u.a. 1992.


Bild: Klaus Straßburg.




15 Kommentare
2023-04-27 08:21:08
Lieber Herr Straßburg,

sehr gerne gelesen und nachgesonnen. Erlauben Sie mir folgenden Gedanken dazu: Das „Zukünftige“ ist im Sinne der Botschaft Jesu weniger ein bestimmter „Zeitpunkt“ als vielmehr ein Synonym für das Gegenwärtige und das Zeitlose. Nur das Zeitlose, das Ewige hat Zukunft. Das Hoffen auf einen bestimmten Zeitpunkt der Erlösung ist eine trügerische Hoffnung, denn die Erlösung, die Jesus bringt, geschieht entweder im Heute, hier und Jetzt oder sie geschieht gar nicht. Unsere Erlösung ist eine innere, die die äußere hervorbringt.

„Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein, wenn das alles vollendet werden soll? Jesus sagte zu ihnen: Sehet zu, dass euch nicht jemand verführe!“ Luk 13, 24

Das Zeitlose eröffnet sich uns im Zustand im unmittelbaren Einsicht in die Richtigkeit der Botschaft Jesu. In jedem Zustand dieser Einsicht – in jedem Zustand der Gegenwärtigkeit betreten wir die Sphäre des Reiches Gottes. Insofern ist das Zukünftige nichts zeitlich Fernes, denn es liegt außerhalb der Zeit – es ist zeitlos und das heißt, es ist ewig und es ist in uns:

„Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Luk 17, 21

„Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.“ Joh 5,24

„Sollte Gott nicht Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen und sollte er's bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch, er wird ihnen Recht schaffen in Kürze.“ Luk 18, 7-9



Herzliche Grüße

Elmar Wieland Vogel
2023-04-27 10:38:50
Lieber Herr Vogel,

vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie erinnern zu recht an die gegenwärtige Dimension des Reiches Gottes. Die biblischen Schriften verweisen aber neben dieser gegenwärtigen Dimension auch auf eine zukünftige, z.B. in Lk 21,6, wodurch die Frage der Jünger Jesu provoziert wird, wann dies alles geschehen wird. Die umfassende Auferstehung der Toten und das Ende des Todes wird es nicht im Diesseits geben, sondern erst im Jenseits. Wann dieses Jenseits anbrechen wird, ist uns nicht bekannt.

Insofern gibt es die Hoffnung auf innerweltliche Verwirklichungen des Reiches Gottes und die Hoffnung auf eine universale Vollendung des Reiches Gottes, das mit "einem neuen Himmel und einer neuen Erde" beschrieben wird (Offb 21,1). Beides gehört untrennbar zusammen. Denn die innerweltlichen Verwirklichungen nehmen die himmlische ansatzweise vorweg, und die himmlische Verwirklichung ist die Vollendung der innerweltlichen.

Wenn Sie die innerweltliche Erlösung betonen, ist das nicht falsch. Es ist aber nur ein Teil dessen, was die biblischen Schriften unter Erlösung verstehen. Man kann, wenn man will, auch sagen, dass das Zukünftige uns im Glauben nicht zeitlich fern ist - es hat uns als Hoffnung schon ergriffen. Aber wir sind noch nicht am Ziel, auch nicht im Glauben, der auf Erden immer ein angefochtener und mit Unglauben durchsetzter Glaube sein wird. Der Evangelist Johannes drückt diese doppelte Dimension dadurch aus, dass er eine gegenwärtige und eine zukünftige Dimension des ewigen Lebens miteinander verbindet (präsentische und futurische Eschatologie). In Joh 5,25 ist beides in einem Satz ineinander verschränkt (Verbformen im Präsenz und im Futur). Jesu Handeln ist auch ein zukünftiges (Joh 14,2f). Von einer allgemeinen und noch ausstehenden Auferstehung der Toten sprechen deutlich Joh 5,28f; 6,39f.44.54.

Die gegenwärtige Dimension des Reiches Gottes wird in der Christenheit manchmal vernachlässigt. Alles richtet sich dann auch die Auferstehung der Toten und das eigene Seelenheil. Das heilvolle Miteinander in dieser Welt wird dadurch schnell vergessen. Gegen dieses Vergessen richtete sich auch mein Artikel. Dass Sie ebenfalls an die Gegenwartsdimension des Reiches Gottes erinnern, verbindet uns. Zugleich erwarte ich aber vom Diesseits nicht das Ende von Leid und Tod. Darum ist mir die Hoffnung auf das Jenseits wichtig.

Viele Grüße
Klaus Straßburg
2023-04-27 11:41:20
Lieber Herr Straßburg,

vielen Dank für Ihre Antwort. Dennoch, Ihre Sichtweise; die Auferstehung sei ausschließlich etwas Zukünftiges teile ich (aufgrund der Darstellung Jesu, der Auferstehung vor allem und auch als etwas Hiesiges und Gegenwärtiges beschreibt) so nicht:

"Die umfassende Auferstehung der Toten und das Ende des Todes wird es nicht im Diesseits geben, sondern erst im Jenseits."

Amen, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen. Amen, amen, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, daß die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören; und die sie hören werden, die werden leben. Joh 5, 24-25

Es existiert auch kein Jenseits, sondern nur eine Gegenwärtigkeit Gottes, die erkannt werden will. Und wer sie erkennt wird leben. Denn überall dort, wo wir Gott als gegenwärtig erkennen (eben auch in Unrecht, Schwäche, Leid und Tod) dort hat unser Leben Unvergänglichkeit angenommen. Und wo es Unvergänglichkeit angenommen hat, dort haben wir Unsterblichkeit und den Zustand der Auferstehung erreicht.

"Ich bin die Auferstehung, und ich bin das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt." Joh 11,25

Oder, wie es das Philippusevangelium überspitzt formuliert:

"Diejenigen, die sagen: „Der Herr ist zuerst gestorben und dann auferstanden“, sind im Irrtum. Denn er ist zuerst auferstanden und dann gestorben. Wenn jemand nicht zuerst die Auferstehung erwirbt, wird er sterben." Philippusevangelium Spruch 21

Mit besten Grüßen

Elmar Wieland Vogel
2023-04-27 12:37:29
Lieber Herr Straßburg, noch ein kleiner Nachtrag zu Ihrem Satz:

"Zugleich erwarte ich aber vom Diesseits nicht das Ende von Leid und Tod. Darum ist mir die Hoffnung auf das Jenseits wichtig."

Doch, das Ende von Leid und Tod ist eine diesseitige Angelegenheit, denn die Erkenntnis dass alle Dinge (eben auch das Schwache, Mangelhafte, Ungerechte, Leidvolle und Sterbliche) dem dienen, der Gott liebt, kann uns nur hier zuteil werden. Und indem wir dies erkennen sind wir von neuem geboren - sind wir bereits auferstanden. In diesem Sinne sagte Jesus vor seiner Passion: "Es ist gut für Euch, dass ich gehe, denn wenn ich nicht gehe, kann ich den Tröster nicht zu euch senden." Das Gute liegt also inmitten dieser Welt. Das Ende von Leid und Tod liegt in der Erkenntnis, dass uns auch in diesen Dingen (Passion) das Gute begegnet, das Gott selbst ist, sofern wir ihm (wie Jesus) auch hierin bedingungslos vertrauen.

Beste Grüße
Ihr
Elmar Wieland Vogel
2023-04-27 18:28:22
Lieber Herr Vogel,

ich verstehe das Neue Testament anders. Zum Johannesevangelium habe ich in meiner Antwort auf Ihren ersten Kommentar schon etwas geschrieben. Präsentische und futurische Vorstellungen vom ewigen Leben sind im Johannesevangelium miteinander verbunden. In den Johannesbriefen gibt es mehrere Stellen, die von einem zukünftigen ewigen Leben sprechen (z.B. 1Joh 3,2).

Paulus spricht deutlich davon, dass unser Erkennen jetzt Stückwerk ist, einst aber kein Stückwerk mehr sein wird (1Kor 13,9f). Wir erkennen jetzt nur wie durch einen antiken Spiegel in rätselhafter Gestalt, werden Gott aber von Angesicht zu Angesicht sehen (1Kor 13,12). Ich kann von mir nicht behaupten, dass ich Gott schon von Angesicht zu Angesicht gesehen hätte. Wie Jesus von den Toten erweckt wurde, so gibt es auch für die anderen Menschen eine Auferweckung von den Toten (1Kor 15,12). Eine gegenwärtige Auferweckung von den Toten, d.h. die Erweckung eines toten Körpers zu einem lebendigen Geistkörper, habe ich nicht erlebt. Alle werden lebendig gemacht werden, wenn Christus wiederkommen wird (1Kor 15,22f). Dann erst wird Gott jede irdische Macht zunichte machen (1Kor 15,24). Zuletzt wird der Tod zunichte gemacht (1Kor 15,26). Dass der Tod jetzt schon zunichte gemacht ist, d.h. dass Menschen nicht mehr sterben, kann ich nicht behaupten. Dann erst wird Gott in allem alles sein, d.h. es wird nichts mehr geben, was nicht von ihm durchdrungen ist (1Kor 15,28). Dass dies jetzt schon der Fall ist, leuchtet mir angesichts des abgrundtief Bösen, das in der Welt geschieht, nicht ein.

Dass Jesus am Ende der Tage wiederkommen wird, ist im Neuen Testament verheißen (Joh 14,3.28; Apg 1,11). Auch von einem Jüngsten Gericht oder jüngsten Tag ist oft die Rede (Mt 12,41f; Joh 6,39; 11,24; 12,48). Die Offenbarung endet mit der Verheißung des Kommens Jesu (Offb 22,20). Dass damit kein irdisches Kommen gemeint ist, bezeugt die Vision eines neuen Äons, in dem Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde erschaffen, also alles neu machen wird, und in welchen es kein Leid, kein Geschrei, keine Schmerzen und keinen Tod mehr geben wird (Offb 21,1-5).

Man kann das alles spiritualisieren und als Metaphern für eine gegenwärtige Erneuerung des einzelnen Menschen verstehen. Mein Verständnis dieser Texte ist ein anderes. Und es ist das Verständnis der Kirche seit 2.000 Jahren, dass diese Texte von einer noch bevorstehenden neuen Welt reden. Dass diese Welt in die Gegenwart hineinreicht, ist damit nicht in Frage gestellt. Eine Frage ist aber: Sollte man sich wirklich gegen die 2.000 Jahre alte Lehre der Kirche stellen? Man kann das tun, und es gab immer welche, die das getan haben. Aber sollte man wirklich davon ausgehen, dass die überwältigende Mehrheit der Glaubenden 2.000 Jahre lang geirrt hat und nur einige wenige die wahre Erkenntnis hatten? Bei aller Kritik an der Kirche und auch an verschiedenen Lehren in ihrer langen Geschichte denke ich, dass man dazu schon sehr gewichtige Gründe haben müsste.

Herzlich grüßt Sie
Klaus Straßburg
Elmar Wieland Vogel
2023-04-28 11:57:38
Lieber Herr Straßburg,

ich denke wir reden hier aneinander vorbei. Dass das Reich Gottes am Ende der Zeit für uns offenbar werden wird, das will ich gar nicht in Abrede stellen. Aber es wird eben genau das offenbar, was wir hier durch Jesus Christus schon als Gewissheit erkannt und geschaut haben, nämlich das Antlitz Gottes in der Botschaft und Passion Jesu und das Antlitz Gottes in uns:

Sie schreiben: Ich kann von mir nicht behaupten, dass ich Gott schon von Angesicht zu Angesicht gesehen hätte.

Wirklich nicht? Aber eben das ist doch die Grundlage des christlichen Glaubens, die Jesus in der Berpredigt explizit so formuliert: Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen. Mat 5,8

Ich möchte Ihnen an dieser Stelle kurz meinen inhaltlichen Zugang zu dieser Seligpreisung skizzieren, um zu verdeutlichen, was ich persönlich unter der Schau Gottes in meinem Herzen verstehe:

Während in weltlichen Gesellschaftssystemen, Schwäche und Schuld als ein Instrument zur Demütigung oder Unterdrückung der Menschen dient, verhält es sich in der Botschaft Jesu – in der geistigen Sphäre – umgekehrt.

Je mehr der Mensch sich in seiner Schwäche selbst erkennt, desto mehr Wahrhaftigkeit kann er daraus gewinnen. Ein heute geläufigeres Wort für Wahrhaftigkeit ist Authentizität. Soviel Authentizität wir erlangen, so viel Göttlichkeit haftet uns an. Und ganz in diesem Sinne lehrt Jesus:

„Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“ Matthäus 5, 8

Auch dieser Lehrsatz wurde und wird immer wieder dahingehend missdeutet, dass ein guter Christ frei sein müsse von “unreinen” Gedanken. Doch das ist zu kurz gegriffen, der Mensch soll die Unreinheit seiner Gedanken genau betrachten. Reinheit des Herzens ist ein Sinnbild dafür, dass wir uns in unserem Innersten (Herzen) genau so sehen, wie wir in Wahrheit sind: überheblich, unvollkommen, schwach, irrend, zweifelnd, fehlbar und sterblich. Die ungeschminkte und reine Einsicht in uns selbst ist jene Schau Gottes in unserem Herzen. Denn sehen wir uns so, wie wir in Wahrheit sind, so sehen wir nichts anderes als die Wahrheit, die wiederum Gott selbst ist. Und nur diese innere Einsicht kann uns nun dazu befähigen, die Schwäche und Unvollkommenheit unseres Mitmenschen zu verstehen und diese zu vergeben. Hierin liegt übrigens die einzig sinnvolle und geistvolle Konsequenz, die wir aus unserer menschlichen Schwäche überhaupt ziehen können, nämlich Angesichts eigener Unvollkommenheit, die Unvollkommenheit unserer Mitmenschen zu verzeihen. Auf diese Weise kann das Kranke, das Falsche, das Schwache und das Sterbliche eine neue Bedeutung erfahren, wodurch allein es grundlegend überwunden wird.

Hat unsere menschliche Unvollkommenheit und Schwäche auf diese Weise eine Notwendigkeit und eine grundlegende Bedeutung erfahren, so kann uns nichts mehr anklagen. Daher beinhaltet der christliche Vergebungsgedanke das Ende jeglicher Anklage und Verurteilung.

Von der jüdischen Philosophin Simone Weil stammt das folgende Zitat, das ich in diesem Zusammenhang auch gerne erwähne:

"Reinheit heißt, die Befleckung zu betrachten." Simone Weil

Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Elmar Wieland Vogel
Elmar Wieland Vogel
2023-04-28 12:30:08
Korrektur: Das Zitat von Simone Weil lautet korrekt:

"Die Reinheit ist das Vermögen, die Befleckung zu betrachten."
2023-04-28 15:50:04
Hallo Herr Vogel,

es freut mich, dass wir uns darin einig sind, dass das Reich Gottes am Ende der Zeit offenbar werden wird. Das bedeutet doch wohl, dass es uns in anderer Weise offenbar werden wird als jetzt. Auch in der Unterscheidung zwischen weltlichen Gesellschaftssystemen und dem Reich Gottes bin ich ganz bei Ihnen, ebenso wie in der Bedeutung der Erkenntnis unserer Zweifel, Überheblichkeiten, Unvollkommenheiten etc.

Dennoch liegt mir daran, dass die biblischen Zukunftsaussagen, auch in Mt 5,8, nur bedeuten können, dass es bei aller Kontinuität zwischen Jetzt und Dann auch eine Diskontinuität gibt. Sonst könnte es nicht heißen, dass Gott alles neu machen wird (Offb 21,5). Wie auch immer man sich die Kontinuität zwischen Jetzt und Dann vorstellt: Wir leben jetzt noch nicht im universalen Reich Gottes, in dem es kein Leid und keinen Tod mehr geben wird, wir leben darin auch dann nicht, wenn wir in der "Schau Gottes in meinem Herzen", wie Sie es nennen, leben. Wir werden Gott schauen (Mt 5,8).

Der Ausdruck "Schau Gottes in uns" erinnert an die mystische Theologie. Ich will gar nicht bezweifeln, dass Sie etwas erlebt haben, das Sie Schau Gottes nennen. Viele Mystiker und Mystikerinnen haben das erlebt. Viele andere Christinnen und Christen haben es aber nicht erlebt. Ich kann von solch einem Erlebnis nicht berichten. Gott hat offenbar viele Wege, sich Menschen kundzutun.

Ich würde das, was ich erfahren habe, nicht Schau Gottes nennen, sondern eher Erkenntnis Gottes. Ich glaube, dass Gott in mir wirkt, wann und wo er es will und ob ich es spüre oder nicht. Sein Wirken ist nicht von mir abhängig. Ich bin dankbar dafür, dass er mir auch die Einsicht in meine eigene Schwäche und Unvollkommenheit geschenkt hat. Ich nenne das aber nicht Schau Gottes, sondern Selbsterkenntnis. Ich bin, wie wohl auch Sie, zu der Erkenntnis gekommen, dass mich nichts mehr vor Gott anklagen kann - aber nicht, weil ich nach innen geschaut und mich oder Gott erkannt habe, sondern weil Gott mir den Blick nach außen erlaubt hat, in welchem ich Gott in Jesus Christus erkannt habe als den, der mir in seiner unvorstellbaren Liebe gnädig ist (Röm 8,33-39).

Nun habe ich also doch so etwas wie eine Schau Gottes erfahren 😲. Aber mit zwei Unterschieden: Es ist nicht der Gott in mir, sondern der Gott außerhalb von mir, und es ist keine Schau von Angesicht zu Angesicht, sondern wie durch einen antiken, das Bild verzerrenden Spiegel; es ist eine Erkenntnis als Stückwerk, wie Paulus schreibt (1Kor 13,12). Diese beiden Unterschiede sind mir bei allen mich erfreuenden Gemeinsamkeiten doch wichtig.

Viele Grüße
Klaus Straßburg
Elmar Wieland Vogel
2023-04-28 17:50:42
Lieber Herr Straßburg,
vielen Dank für Ihre Antwort. Aus Zeitgründen kann ich zunächst nur kurz auf Ihren ersten Einwand kurz eingehen: Ich persönlich deute Aussagen der Offenbarung nicht isoliert, sondern ausschließlich im Kontext der Worte Jesu. Nur von dort her können Sie m. E. eine befriedigende Deutung erfahren. Ihren Hinweis auf das Wörtchen „werden“ als rein zukünftige Angelegenheit teile ich nicht, sondern ich verstehe das „Werden“ in diesem Zusammenhang als eine Folgerichtigkeit im Sinne von: „Ziehe erst den Balken aus deinem Auge, dann „wirst“ du klar sehen.“ Denn wenn es so wäre, wie Sie sagen, dann würden die Seligpreisungen allesamt in die Zukunft verweisen, was Sie sicher so nicht meinen können. In Christus
erlangen wir „jetzt“ Gottes Barmherzigkeit, indem wir barmherzig sind, in ihm „sind“ wir schon jetzt Gottes Kinder, indem wir Frieden stiften, in ihm „sind“ wir bereits jetzt in unserer Trauer getröstet und in ihm „sind“ wir schon jetzt Gott schauend, wenn wir aufrichtige Selbsterkenntnis üben usw.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr Elmar Wieland Vogel
Elmar Wieland Vogel
2023-04-28 18:22:17
Lieber Herr Straßburg,

Nun zu Ihrem zweiten Einwand: Ich weiß nicht, weshalb sie den Akt aufrichtiger Selbsterkenntnis nicht mit der Schau Gottes in Verbindung bringen wollen bzw., weshalb sie hier die Mystik bemühen. Gott ist die Wahrheit und wer in der Lage ist, die Wahrheit über sich selbst zu betrachten und einzusehen, der ist selig, denn er betrachtet Gott (die Wahrheit) in seinem Herzen. Der Akt aufrichtiger und schonungsloser Selbsterkenntnis ist überhaupt DIE Herzensangelegenheit Jesu und so verstehe ich auch die entsprechende Seligpreisung: Selig sind, die ein reines Herz haben, denn Sie werden Gott schauen. Da ist kein Mystizismus, der bemüht werden müsste. Im Gegenteil, diese Lehre ist äußerst schlicht. Denken Sie an den Inhalt der vielen Gleichnisse, die Jesus allein dieser Thematik widmet: Der ungerechte Knecht, der Balken im eigenen Auge, der Barmherzige Samariter, die Arbeiter im Weinberg, der verlorene Sohn oder auch der Hinweis: Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein auf sie. In allen diesen Gleichnissen und Reden, tritt uns das Bild der Selbstgefälligkeit, des falschen Privilegs und damit das Bild der Verblendung entgegen, das uns daran hindert, Gott zu schauen.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Elmar Vogel

PS: Bei aller Divergenz unserer beider Meinungen, freue ich mich sehr über diesen Austausch hier mit Ihnen, lieber Herr Straßburg. Sie sind eigentlich der Einzige (den ich kenne) der das tut, was Kirche in Zeiten schwindender Mitgliederzahlen eigentlich dringend tun sollten, nämlich den öffentlichen Meinungsaustausch im Netz suchen, Rede und Antwort stehen, wenn es um
Glaubensfragen geht. Die Kirchen vergeben sich durch ihre Unnahbarkeit und Unsichtbarkeit im Netz ungeahnte Chancen. Allein auf Twitter folgen mir über
300 Theologinnen und Theologen, die mich auch regelmäßig lesen. Aber die Resonanz ist gleich Null. Desinteresse? Saturiertheit?
2023-04-28 20:17:34
Lieber Herr Vogel,

ich verstehe die Bergpredigt Mt 5 tatsächlich anders. In der ersten Seligpreisung (V 3) und in den beiden letzten (V 10-12) ist ausdrücklich vom "Reich der Himmel", wie Mt sagt, die Rede. Das Reich der Himmel kann aber nicht das Reich der Erde sein. Da alle Seligpreisungen durch diesen doppelten Hinweis auf das Reich der Himmel eingerahmt sind, können die dazwischen liegenden Seligpreisungen nicht die Jetztzeit meinen. Das schließt natürlich nicht aus, dass die Seliggepriesenen auch schon jetzt etwas von dem Trost und der Hoffnung erfahren können, die Jesus ihnen verheißt. Aber es muss nicht so sein. Was ist mit den Trauernden, die in ihrer Trauer sterben? Sie werden dennoch getröstet werden im Reich der Himmel. Die Sanftmütigen werden das Land wohl eher nicht in diesem Äon besitzen, wohl aber auf der neuen Erde unter dem neuen Himmel. Was ist mit denen, die an Hunger und Durst sterben, also nicht gesättigt werden? Sie werden im Reich Gottes gesättigt werden. Was ist mit den Barmherzigen, die auf Erden keine Barmherzigkeit erlangen? Sie werden sie im Himmel erfahren - usw. bis zur letzten Seligpreisung.

So ist mein Verständnis. Man kann das natürlich alles spiritualisieren und sagen, man habe das Reich der Himmel doch schon, wenn man Gott im Inneren schaut oder wenn man sich Gott ganz anvertraut. Das ist sicher in gewissem Sinne richtig. Aber es nicht das Reich der Himmel, wie wir es nach dem "Jüngsten Tag" erleben werden. Es ist nur ein "Angeld", eine Anzahlung darauf (2Kor 1,22) - und das ist schon sehr viel. Aber es ist noch nicht das herrliche Leben, das in Zukunft an uns offenbart werden soll (Röm 8,18).

Mir drängt sich die Frage auf: Hat das herrliche Leben in der vollendeten Gemeinschaft mit Gott denn gar keine Bedeutung für Sie? Oder meinen Sie, dieses Leben schon jetzt zu haben, so dass überhaupt nichts mehr aussteht? Betrifft das vollendete Leben nicht auch unseren Körper, der von seinen Leiden befreit wird, was aber auf Erden nicht möglich ist? Und betrifft es nicht auch unsere Seele, unser Geistesleben, das auf Erden durchaus erkranken kann und dessen Einsichten begrenzt sind?

Zur Mystik: Sie ist für mich nichts Verwerfliches. Sie hat eine große christliche Tradition. Gegen die Selbsterkenntnis wollte und will ich auch gar nichts einwänden; ich halte sie für wichtig und für eine Gabe Gottes. Selbsterkenntnis oder Sündenerkenntnis ist ein Stück Wahrheit. Meine Frage ist aber: Sehen wir, wenn wir Sündenerkenntnis erlangen, Gott? Sehen wir dann nicht vielmehr uns selbst im Licht Gottes?

Ich kann es auch so formulieren: Gott ist die Wahrheit. Aber die Wahrheit ist nicht Gott. Die Sätze lassen sich nicht wie eine mathematischen Gleichung verstehen: Wenn Gott = Wahrheit, dann gilt auch: Wahrheit = Gott. Unsere Sprache ist differenzierter. Der Satz "Gott ist die Wahrheit" besagt: Von Gott lässt sich aussagen, dass er die Wahrheit ist. Der Satz "Die Wahrheit ist Gott" besagt: Von der Wahrheit lässt sich aussagen, dass sie Gott ist. Was wir als Wahrheit erkennen, z.B. dass mein Telefon schwarz ist, ist aber nicht Gott. Dasselbe gilt für das Verhältnis von Gott und Liebe: Gott ist die Liebe. Aber die Liebe ist nicht Gott - und zwar deshalb nicht, weil das, was wir als Liebe erleben, nicht mit Gott gleichzusetzen ist. Die Liebe zwischen zwei Menschen ist ein hohes Gut, vielleicht das höchste, das es gibt, aber sie ist nicht dasselbe wie Gott. Die Liebe ist eher ein Ausfluss Gottes, eine Gabe Gottes, etwas von Gott Gegebenes, aber sie ist nicht Gott, sondern in der uns bekannten Form etwas Irdisches. Diese Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschaffenem ist wichtig, um nicht das Geschöpf mit dem Schöpfer zu verwechseln.

Es freut mich, dass Sie unseren Austausch schätzen. Ich kann Ihnen versichern, dass ich (auch wenn es vielleicht nicht so scheinen mag) aus ihm lerne. Ich will Ihnen auch nicht Ihren Glauben ausreden, sondern vielleicht vor Gefahren warnen, die ich sehe. Zum Beispiel die Gefahr, Schöpfer und Geschöpf nicht ausreichend zu unterscheiden. Ich könnte nicht wie Sie von der Schau Gottes in uns sprechen. Ich glaube zwar, dass Gott in uns Wohnung nimmt und sich uns offenbart. Aber diese Offenbarung ist ein Akt Gottes, der je und je dann geschieht, wenn Gott es will. Gott wird uns nicht handhabbar, wir können eine "Schau Gottes" nicht erzwingen oder ermöglichen. Die Möglichkeiten liegen allein bei Gott. Andernfalls würde er zum Objekt menschlichen Denkens und Handelns. Vielleicht wird daran deutlich, dass es bei dem, was wir diskutieren, nicht um überflüssige "Theologenfündlein" geht, sondern um Differenzierungen, die große Bedeutung haben. Letztlich geht es dabei darum, die Menschwerdung Gottes zu verstehen, ohne Gott und Mensch miteinander zu verwechseln.

Viele Grüße
Klaus Straßburg
Elmar Wieland Vogel
2023-05-02 10:56:53
Den vorhergehenden Kommentar (und auch diese Zeile) bitte ich Sie zu löschen. Ich habe noch Fehler darin gefunden, korrigiert und ergänzt. Vielen Dank!

Lieber Herr Straßburg,

Ich verstehe Ihr Anliegen offen gesagt nicht: Weshalb reißen Sie Dinge auseinander, die untrennbar zusammengehören? Selbstverständlich ist das Reich der Himmel nicht das Reich der Erde, aber das Reich Gottes ist durch Jesus Christus mitten in diese Welt gekommen. Er hat es mitten unter uns und in uns aufgerichtet. Das heißt durch ihn wird das Reich Gottes schon jetzt und hier für all jene schaubar, die diese Welt – die ihr Dasein im Licht der Botschaft Jesu neu erkennen und begreifen. Das Reich Gottes liegt durch Jesus Christus nun ausgebreitet vor unseren Augen und es liegt gleichzeitig in uns. Denn in seiner Botschaft dient von nun an ausnahmslos alles dem Guten, da ist absolut nichts mehr, was uns trennen könnte, von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, wie Paulus es beschreibt.

Das Gute in dieser Welt liegt dank Jesus Christus nun in der Fähigkeit und Möglichkeit, dass wir das Reich Gottes bereits, heute, hier und jetzt für wahr erkennen, dass wir es schon als Wirklichkeit schauen und glauben zu können - durch die Gnade Gottes. Darin liegt die Gnade und Versöhnung Gottes mit dem Menschen begründet, dass er in Christus alle Geschehnisse einem Sinn und Ziel zuführt – dass er uns mit allem womit wir bisher entzweit waren eint. Oder mit den Worten Sören Kierkegaards: „Es muss ja alles gut werden, weil Christus auferstanden ist!” Und in dieser Erkenntnis werden selbstverständlich die Trauernden bereits heute, hier und jetzt schon getröstet und eben nicht erst in ferner Zukunft. Weshalb hätte Jesus sonst vom Tröster reden können, den er uns sendet? Oder wenn er sagt: In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Joh 16,33. Das ist eben kein zukünftiges und jenseitiges Trostwort, sondern es ist ganz konkret an die sich Ängstigenden hier in dieser Welt gerichtet.
Alle Seligpreisungen erfüllen sich bereits heute, hier und jetzt und das hat mit Spiritualisierung, wie Sie es nennen, überhaupt nichts zu tun. Und warum erfüllen sie sich bereits heute, hier und jetzt? Ich will es Ihnen sagen: Weil Jesus uns in der Bergpredigt zeitlose (ewige) Wahrheiten vermittelt hat. In der Zukunft werden sie sich erfüllen, weil nur das Zeitlose echte Zukunft hat – weil das Zeitlose sich immer und jederzeit in zwingender und selbstverständlicher Notwendigkeit erfüllt. Und insofern zeitlose Wahrheiten ewige Gültigkeit besitzen, kommt ihnen schon heute allerhöchste Wirklichkeit zu. Was wahr und wirklich ist, das war von Beginn an wahr, nicht erst dann, wenn es aller Welt bewiesen wird. Die Wahrheit eines unschuldig Verurteilten wird ja nicht erst dann wahr, wenn der Beweis seiner Unschuld erbracht wurde – vielmehr war seine Unschuld von Anfang an wahr. Genauso verhält es sich auch mit der zukünftigen Welt. In der zukünftigen Welt wird für alle Welt unübersehbar offenbar, was wir hier durch Jesus Christus bereits für wahr erkannt, geschaut, geglaubt und wonach wir gelebt haben.

Auf Basis ihrer zeitlosen Gültigkeit erfüllen sich sämtliche Seligpreisung schon heute, hier und jetzt. Und würden sie sich nicht schon heute, hier und jetzt erfüllen, so wären sie weder wirklich noch wären sie wahr. Das ist ja die gute Nachricht für alle Menschen, die in diese Welt geboren werden, dass das Licht der Erkenntnis Jesu sie heute, jetzt und hier in dieser Welt schon erreicht und erleuchtet, so wie es auch der Johannesprolog beschreibt: Das war das wahrhaftige Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen ... Joh 1,9.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Elmar Wieland Vogel

2023-05-02 20:32:25
Hallo Herr Vogel,

ich kann in meinem Programm leider nur ganze Kommentare löschen, aber keine einzelnen Teile aus einem Kommentar.

Sie schreiben: "In der zukünftigen Welt wird für alle Welt unübersehbar offenbar, was wir hier durch Jesus Christus bereits für wahr erkannt, geschaut, geglaubt und wonach wir gelebt haben." Bis auf das Wort "geschaut" kann ich dem zustimmen. Mir scheint, wir reden aneinander vorbei; denn Sie sagen ja auch, dass das Reich der Himmel nicht das Reich der Erde ist. Das heißt doch, dass das Reich der Himmel uns noch bevorsteht, oder sehen Sie das anders?

Ich trenne die beiden Reiche nicht, sondern unterscheide sie voneinander. Eine Unterscheidung ist etwas anderes als eine Scheidung. Jesus sagte: "Das Reich Gottes ist angebrochen." Was angebrochen ist, ist aber noch nicht vollendet. Es hat einen Anfang genommen, ist aber noch nicht am Ziel. So verstehe ich auch Paulus in 2Kor 5: Er spricht davon, dass wir ein ewiges Haus haben, nachdem unser irdisches Zelt abgebrochen wurde (Vers 1). Deshalb seufzen wir noch und sehnen uns danach, "mit der Behausung aus dem Himmel überkleidet zu werden" (Vers 2). Wir sind noch bedrückt, weil wir wünschen, dass das Sterbliche an uns vom Leben verschlungen wird (Vers 4). Wir haben aber den Geist Gottes als Angeld, als Anzahlung auf das Kommende (Vers 5). Darum sind wir schon jetzt getröstet, obwohl wir wissen, dass wir noch "fern vom Herrn auf der Wanderung sind - denn im Glauben wandeln wir, nicht im Schauen". Wir sind aber schon jetzt getrost; denn obwohl wir schon "im Leibe" (in unserem leiblichen, irdischen Leben) zu Hause sind, sind wir zugleich noch fern vom Herrn und "haben Lust, auszuwandern aus dem Leibe (aus dem leiblichen, irdischen Leben) und zu Hause beim Herrn zu sein" (Verse 6-8).

In dieser spannungsvollen Dialektik beschreibt Paulus unser irdisches Dasein. So auch in Röm 8,24: "Denn auf Hoffnung hin sind wir gerettet worden. Eine Hoffnung aber, die man sieht, ist keine Hoffnung. Denn was einer sieht, weshalb hofft er noch? Wenn wir dagegen hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf mit Geduld".

Wie gesagt, bis auf das Wort "schauen" in Ihrem obigen Satz bin ich ganz mit Ihnen einig. Auch darin, dass nichts uns von der Liebe Gottes trennen kann. Dennoch glaube ich, dass diese Liebe uns noch nicht in die Herrlichkeit des ewigen Lebens geführt hat, sondern dass diese Herrlichkeit uns noch bevorsteht. Und darauf freue ich mich von ganzem Herzen.

Um nichts anderes geht es mir als darum, dass wir noch nicht am Ziel angekommen sind, auch wenn wir seiner schon gewiss geworden sind und ihm im Glauben, Hoffen und Lieben entgegengehen.

Viele Grüße
Klaus Straßburg
Jochen
2023-05-14 17:17:23
Hallo Klaus,
klitzeleiner Widerspruch im Zusammenhang mit dem Naturbegriff der "alten Griechen" im Namen meines ev. Religionslehrers, der uns Kindern damals physis als einen Spannungsbogen zwischen Werden und Vergehen beibrachte, im Gegensatz dazu den Naturbegriff der Römer, die Natur gewissermassen als Summe aller (gegenwärtigen) nutzbaren Güter sahen.
Bestätigt durch Aristoteles: "Physis ist das Wesen derjenigen, welche den Ursprung eines Übergangs in sich selbst haben" (Methaphysik, gesehen in Heribert Boeder, "Was ist Physis", Abhandlungen der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft 32 (1981), 129).
Wenn Jesus also im Senfkorn den ganzen Baum sieht, so ist das für einen griechischen Naturphilsophen doch eigentlich sehr nachvollziehbar. Leider hat die Moderne den römischen Naturbegriff übernommen und weiterentwickelt. Es ist sicher nicht Dein Anliegen in Deiner Reihe, aber ich finde es immer bemerkenswert, wie Jesus seine Zuhörer und mich mit Vergleichen aus der Natur und der Landwirtschaft zu überzeugen versucht.
2023-05-14 18:54:18
Hallo Jochen,

vielen Dank für deine Ergänzung. Mit dem Naturbegriff der alten Griechen habe ich mich noch nicht beschäftigt, umso wichtiger ist dein Beitrag. Ich kann mir vorstellen, dass beides zusammenpasst: Die Entwicklungen innerhalb der natürlichen Vorgänge wurden sicher auch von den Griechen beobachtet, ebenso wie die Veränderungen in der Geschichte. Jede Veränderung war ihnen aber unwesentlich gegenüber dem eigentlichen Wesen der Dinge. Das Wesen eines Dinges aber suchten sie in dessen Ursprung: Was ist das Unveränderliche in allen Entwicklungen? Vielleicht könnte man Aristoteles dann so verstehen: Das Wesen des Physischen besteht darin, in sich selbst schon den Ursprung der Veränderung zu tragen - während die Götter natürlich von ihrem Ursprung her ewig und damit unveränderlich sind.

Ich denke auch, dass ein griechischer Naturphilosoph es gut nachvollziehen konnte, wenn Jesus im Senfkorn schon den ganzen Baum sah. Welche zerstörerischen Probleme es mit sich bringt, die Natur vornehmlich unter ihrem Nutzenaspekt zu sehen, ist heute offensichtlich.

Dass Jesus viele Naturgleichnisse erzählte, finde ich auch interessant. Ich habe in meinem Artikel Gleichnisse aus dem Alltag mal etwas darüber geschrieben.

Theologische Einsichten für ein gutes Leben
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