Gottes Gnade und Gottes Gericht
Eine wichtige Verhältnisbestimmung
Klaus Straßburg | 10/03/2025
Das Buch, das wir gerade lesen, ist die "Einführung in die evangelische Theologie" von Karl Barth. Karl Barth war der wohl bedeutendste Theologe des 20. Jahrhunderts. Die "Einführung in die evangelische Theologie" war seine letzte Vorlesung, gehalten im Wintersemester 1961/62 in Basel.
Für Karl Barth ist jeder ernsthaft glaubende Mensch in seiner Weise ein Theologe. Denn er sehnt sich nach Gott, vertraut ihm, bindet sich an ihn und fühlt sich ihm verpflichtet. Und er tut das natürlich fragend, nachforschend und denkend.
Barths Theologie konzentriert sich auf Jesus Christus. Er ist für Barth das entscheidende Wort Gottes. Und das Wort Gottes besteht nach Barth in einem Doppelten: einerseits in einem Ja zum Menschen und andererseits in einem Nein zum Menschen. Das Ja zum Menschen ist Gottes Gnade und seine befreiende frohe Botschaft. Das Nein zum Menschen dagegen ist Gottes Gericht über den Menschen, also die dem Menschen drohende Verurteilung durch Gott. Denn der Mensch wird den Geboten Gottes nicht gerecht.
Und nun das Entscheidende: Gottes Ja, seine Gnade, und Gottes Nein, die Verurteilung des Menschen, stehen nicht gleichwertig nebeneinander. Es besteht zwischen dem Ja und dem Nein vielmehr ein Gefälle: Das Ja Gottes ist seinem Nein überlegen und folglich das Nein Gottes seinem Ja unterlegen.
An dieser Stelle setzt der Text ein, der die Teilnehmerin der Lektüregruppe und mich selbst so berührt hat. Wenn Barth hier von der Theologie spricht, dann meint er jedes christliche Nachdenken über den Glauben. Und er sagt über das Verhältnis zwischen Gottes Gnade und Gottes Gericht Folgendes (ich stelle den Text hier, weil Barths Sätze etwas lang sind, in Sinnabschnitten dar):
Da besteht nicht Gleichgewicht, sondern höchstes Ungleichgewicht.
sein Ja dann wohl gar in seinem Nein verschwinden lassen –
kurz: das Licht in den Schatten statt das Schattige ins Licht stellen dürfte.
Röm 7 darf dem Theologen weder offen noch heimlich vertrauter, wichtiger und lieber sein als Röm 8 –
die Hölle nicht eigentlich viel unentbehrlicher und interessanter als der Himmel –
und in der Kirchengeschichte die Hervorhebung der Sünden, Fehler und Gebrechen [...]
der Lutheraner und der Reformierten, der Rationalisten und der Pietisten,
der Orthodoxen und der Liberalen [...] nicht dringlicher als die Aufgabe,
sie alle in dem Licht der ihnen wie uns allen nötigen und verheißenen Vergebung der Sünden zu sehen
die wie ihm selbst so auch ihnen schon aufgegangen ist.
Und eben in dieser Überlegenheit dort und Unterlegenheit hier
hat die Theologie jenem Doppelten [nämlich dem Ja und dem Nein Gottes] gerecht zu werden.
Darf sie, was Gott will, tut und sagt, gewiss nicht auf ein triumphales Ja zum Menschen reduzieren,
so darf sie es doch auch dabei nicht sein Bewenden haben lassen,
dass seinem Ja sein Nein in gleicher Würde und Gewichtigkeit gegenüberstehen möchte –
geschweige denn, dass sie [die Theologie] sein Nein seinem Ja voranstellen,sein Ja dann wohl gar in seinem Nein verschwinden lassen –
kurz: das Licht in den Schatten statt das Schattige ins Licht stellen dürfte.
Röm 7 darf dem Theologen weder offen noch heimlich vertrauter, wichtiger und lieber sein als Röm 8 –
die Hölle nicht eigentlich viel unentbehrlicher und interessanter als der Himmel –
und in der Kirchengeschichte die Hervorhebung der Sünden, Fehler und Gebrechen [...]
der Lutheraner und der Reformierten, der Rationalisten und der Pietisten,
der Orthodoxen und der Liberalen [...] nicht dringlicher als die Aufgabe,
sie alle in dem Licht der ihnen wie uns allen nötigen und verheißenen Vergebung der Sünden zu sehen
und zu verstehen.
Und ihn darf die Gottlosigkeit der Weltkinder nicht mehr erregen als die Sonne der Gerechtigkeit,die wie ihm selbst so auch ihnen schon aufgegangen ist.
(Karl Barth: Einführung in die evangelische Theologie. Gütersloher Taschenbücher / Siebenstern 191. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn. 2. Aufl. 1977. Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung des Theologischen Verlages Zürich. © Theologischer Verlag Zürich 1962. S. 75f)
Was mich an diesem Text so berührt, ist, dass er eins ganz deutlich festhält: Es darf im christlichen Glauben keine Gleichstellung von Verurteilung und Gnade, von Schuld und Vergebung, von Zorn und Barmherzigkeit Gottes geben.
Und schon gar nicht darf die Verurteilung der Gnade vorgeordnet werden, so dass die Gnade Gottes letztlich ganz verschwindet, weil sie keine Rolle mehr spielt. Und die Sünde des Menschen darf Gottes Vergebung nicht abwerten oder gar zunichte machen. Und der Zorn Gottes darf niemals die Oberhand über seine Barmherzigkeit erlangen.
Es gibt zwar einerseits eine Verurteilung des Menschen durch Gott, weil das Böse, Zerstörerische, Lebensfeindliche, das in jedem Menschen ist, verurteilt und ausgerottet werden muss. Es wird keinen Bestand haben. Aber es gibt andererseits eine Gnade Gottes, eine Vergebung der Schuld, die größer ist als all das Böse, das wir getan haben oder noch tun werden.
Zuweilen habe ich den Eindruck, dass für manche Christinnen und Christen Gottes Verurteilung wichtiger ist als seine Gnade, sein Zorn wichtiger als seine Barmherzigkeit, unsere Sünde wichtiger als Gottes Sündenvergebung. Manche Christen reden mit großem Ernst von Gott dem Richter, von seinem Zorn, von der drohenden Hölle, und manchmal reden sie davon sogar mit einem Lächeln auf den Lippen.
Und so kann man auch die Schuld der Kirche und der ganzen Christenheit und all die furchtbaren Verfehlungen, die sie sich in ihrer langen Geschichte hat zuschulden kommen lassen, für wichtiger nehmen als Gottes Vergebung.
Doch das Gegenteil ist richtig. Die Schuld darf weder verschwiegen noch banalisiert werden. Sie muss benannt und beseitigt werden. Dem dient das Gericht Gottes am Ende der Zeiten. Aber es muss dabei immer vor Augen bleiben, dass die Gnade Gottes unvergleichlich größer ist als alle menschliche Schuld.
Denn Gottes Barmherzigkeit gilt allen Menschen, von seiner Gnade ist niemand ausgenommen, und allen Menschen gilt die Verheißung der Vergebung, auch den gottlosen Weltkindern, wie Barth sie nennt. Denn auch sie sind von Gott unendlich geliebt. Die Sonne der Gerechtigkeit, die Sonne der vergebenden Liebe Gottes ist bereits aufgegangen – auch über den gottlosen Weltkindern.
Gottes Liebe ist zwar kein augenzwinkerndes "Schwamm drüber" oder "Wir sind alle kleine Sünderlein". Nein, unsere Verfehlungen sind keine Lappalien, sondern sie sind etwas Zerstörerisches und Todbringendes. Aber dennoch dürfen Hölle, Tod und Teufel auf keinen Fall genauso ernst genommen werden wie der gnädige Gott, wie die Verheißung der Vergebung und die Hoffnung auf das ewige Leben.
Und mehr noch: Der gnädige Gott, seine Verheißung und die Hoffnung auf ihn müssen Hölle, Tod und Teufel vorgeordnet werden. Denn der Teufel ist bereits vom Himmel gefallen (Lk 10,18). Er muss schon jetzt nach Gottes Pfeife tanzen (Hi 1,12; 2,6). Der Tod hat den Kampf um uns schon verloren (1Kor 15,55). Und sogar die Hölle darf auf Gottes Gnade hoffen; denn Gott wird einmal "alles in allem sein" (1Kor 15,28).
Das alles hat sich Karl Barth nicht ausgedacht, weil es angenehmer ist, an einen gnädigen Gott zu glauben als an einen zornigen und richtenden. Das Ungleichgewicht zwischen Gottes Gnade und seinem Zorn ist vielmehr gut biblisch:
So erkenne nun, dass der Herr, dein Gott, der wahre Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Gnade bis auf tausend Generationen denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote halten, und der denen, die ihn hassen, ins Angesicht vergilt, um sie umkommen zu lassen.
(5Mo/Dtn 7,9.10a)
Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht an den Nachkommen bis in die dritte und vierte Generation derer, die mich hassen, der aber Gnade erweist an Tausenden bei denen, die mich lieben und meine Gebote halten.
(2Mo/Ex 20,5b.6)
Hier wird etwas geradezu Unvorstellbares verheißen: Gott wird bei denen, die ihn lieben und in seinem Sinne ihr Leben gestalten, den nachfolgenden tausend Generationen oder Tausenden Nachkommen gnädig sein. Das ist eine unübersehbar große Zahl: Tausend Generationen, Tausenden von Nachkommen ist Gott gnädig – wer kann sich das vorstellen? So groß ist Gottes Gnade!
Das Böse aber, das ein Mensch tut, wird sich nur bis in die dritte und vierte Generation hinein auswirken. Nur bis in die dritte und vierte Generation sucht Gott die Schuld der Väter heim. Das ist schlimm genug, dass die Nachkommen unter der Schuld ihrer Vorfahren leiden müssen. Aber es sind eben nur bis zu vier Generationen – doch es sind tausend Generationen, an denen sich der Glaube und die Liebe der Vorfahren positiv auswirkt.
Deutlicher kann man das Ungleichgewicht zwischen der Gnade Gottes und seinem Gericht wohl kaum ausdrücken!
Übrigens: Ob wir bereit sind, dieses Ungleichgewicht zu glauben, wird man uns ansehen. Barth hat das so ausgedrückt:
Warum gibt es so viel ausgesprochen trübselige, mit ewig besorgten, wenn nicht verbitterten Gesichtern herumlaufende, immer im Sprung zu irgendwelchen kritischen Vorbehalten und Negationen befindliche Theologen? Weil sie dieses [...] Kriterium echter theologischer Erkenntnis: [...] die Überordnung des Ja über das Nein Gottes, des Lebens über den Tod nicht respektieren, sondern eigenmächtig in eine Gleichordnung verwandeln oder gar umkehren wollen.
(Karl Barth: Einführung in die evangelische Theologie [siehe oben]. S. 76)
Wenn Theologen, also Christinnen und Christen, mit ebenso trübseligen, besorgten oder gar verbitterten Gesichtern herumlaufen wie ihre Mitmenschen, dann zeugt das nicht von der Frohen Botschaft, die ihnen ins Herz geschrieben ist. Und der Grund dafür könnte ja tatsächlich sein, dass sie das unermessliche Übergewicht der Gnade Gottes über sein Gericht nicht von Herzen glauben.
Denn dieser Glaube besagt: Auch wenn Gott zornig ist und uns die negativen Folgen unserer Taten spüren lässt, ist das der Zorn seiner Liebe. Und wenn er uns richtet, damit wir von bösen Wegen umkehren, ist es sein gnädiges Gericht, das wir spüren. Und wenn uns unsere Schuld vor Augen steht und bedrückt, ist es immer die vergebene Schuld, mit der wir es zu tun haben.
In dieser Gewissheit müssten wir tatsächlich – wenn auch nicht jeden Tag, so doch an den meisten Tagen unseres Lebens – fröhlich, zuversichtlich und hoffnungsfroh dreinschauen. Tragen wir doch in allen deprimierenden Zuständen dieser Welt die unverlierbare Hoffnung in uns, dass es zuletzt ein gutes Ende mit uns nehmen wird.
Ich möchte jedenfalls nicht mit einem trübseligen, besorgten oder verbitterten Gesicht herumlaufen, auch wenn die Zustände in der Welt nicht gerade rosig aussehen. Und ich möchte auch nicht andauernd irgendwelche kritischen Vorbehalte anmelden, wenn es um die Liebe Gottes zu allen seinen Geschöpfen geht und um die Möglichkeiten Gottes, die Zustände in der Welt wieder in eine bessere Richtung laufen zu lassen.
Ich schaffe es gewiss nicht, mich jeden Tag und in jeder Lebenslage über die Barmherzigkeit und Gnade Gottes zu freuen. Und ich schaffe es nicht, über Gottes unendliche Liebe andauernd zu jubeln – über diese Liebe, die immer größer ist als die größte menschliche Schuld. Ich schaffe es nicht, aber ich kann mit Paulus sagen (Phil 3,12): "Ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Jesus Christus ergriffen bin". Und ich bitte darum, dass Jesus Christus mir diese Fröhlichkeit, Zuversicht und Hoffnung ins Herz pflanzt, damit auch mein Angesicht davon etwas ausstrahlt.
Vielleicht war er es ja, der mich mit den Zeilen Karl Barths so sehr berührt hat ...
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Foto: ohne Name auf Pixabay.

die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ist weder eine Gleichstellung noch kann sie „vorgeordnet werden". Der Mensch JEDER ist ein Sünder lebenslang. Wer Christus fand, erhielt die Gewissheit gerechtfertigt zu sein, weiß gleichzeitig, er bleibt ein Sünder, vgl. Abraham, Hiob, Hiskija, u.a.
Grüße Johanne, 2.4.25
ich stimme dir zu. Deshalb habe ich auch nicht von einer Gleichstellung der Gnade Gottes mit seinem Gericht gesprochen, sondern von einem Ungleichgewicht. Seine Gnade währt unermesslich länger als sein Zorn, wie die Bibelstellen belegen. Sie ist deshalb größer, hat größeres Gewicht und größere Bedeutung als sein Zorn, was für uns tröstlich ist.
Du weichst der „Gerechtigkeit die vor Gott gilt" aus! Wir können nur durch Christus vor Gott bestehen, D. Bonhoeffers: „Christus steht dort wo wir nicht stehen!" UND beide Testamente beschreiben die „Gerechtigkeit die vor Gott gilt". Karl Barth fand keine Antwort, Dietrich Bonhoeffer schon, wie Paulus und auch einige kath. Theologen lebten und schrieben mit Christus! Das ist entscheidend. Der Geist Gottes steckt NUR in Texten die mit dem Geist geschrieben wurden, nur dadurch kann der Leser die „Gerechtigkeit die vor Gott gilt" finden, 3.000 v. Chr. und heute.
Grüße Johanne, 3.4.25
"wir können nur durch Christus vor Gott bestehen". Das sehe ich ganz genauso.
Viele Grüße Klaus