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Gleichnisse aus dem Alltag

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Gleichnisse aus dem Alltag
Klaus Straßburg | 20/08/2022

Gestern war ich mal wieder Wandern. Es war angenehm warm, unterhalb des Wanderwegs plätscherte leise ein Fluss, der Weg lag im Schatten der hohen Bäume, und die Sonne warf ihre flimmernden Lichter zwischen den Blättern und Zweigen hindurch auf den Boden. Gleich zu Beginn der Wanderung ging mir das Herz auf, und ich hatte den vollkommen verrückten Gedanken, dass hinter jedem Busch oder jeder Biegung der Schöpfer hervorspringen und mich grüßen könnte.



Das war natürlich komplett irreal, und ich fragte mich, wie ich nur auf so einen Gedanken kommen konnte. Wahrscheinlich hat mich das Naturerlebnis so tief beeindruckt, dass ich empfand, nicht nur die Natur würde mich beglücken, sondern der Schöpfer selbst. Durch die Schöpfung begegnete mir sozusagen der Schöpfer.

Danach ging mir ein Liedvers nicht mehr aus dem Sinn, und ich summte die Melodie eine ganze Weile vor mich hin:

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben,
sich ausgeschmücket haben.
(Evangelisches Gesangbuch Nr. 503)

Zwei Dinge fallen mir bei diesem Vers auf: Die Natur, die mich gestern wieder so in ihren Bann gezogen hat, enthält eine Fülle von Gaben Gottes. Sie ist nicht nur da, sondern sie ist für uns da. Sie ist uns zugute geschaffen. Darum wird die Natur mit Gärten verglichen. Damit ist gesagt: Die Natur ist nicht zufällig entstanden, sondern sie ist angelegt, entsprechend dem Garten Eden, den Gott für die Menschen angelegt hat (1Mo/Gen 2,8).

Die Natur hat heilende und beglückende Wirkung. Das ist sogar wissenschaftlich erwiesen. Die Natur tut uns gut, sie wirkt positiv auf unsere Stimmung. Darum wird Menschen mit Depressionen unter anderem empfohlen, sich in die Natur zu begeben und sie zu genießen. Das stärkt die Seele.

Zum anderen steckt in dem Liedvers der Gedanke, dass die Natur ein Eigenleben führt: Die angelegten Gärten haben sich selbst für uns ausgeschmückt. Die Natur entwickelt sich also durchaus selbsttätig; sie hat eine eigene Wirksamkeit, die in ihr angelegt ist. Das ist keine Erfindung des Lieddichters Paul Gerhardt, sondern das steht schon in 1Mo/Gen 1, wo es heißt:

Und Gott sprach: Die Erde lasse sprossen junges Grün: Kraut, das Samen trägt, und Fruchtbäume, die nach ihrer Art Früchte tragen auf der Erde, in denen ihr Same ist! Und es geschah so.
(Vers 11)

Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebende Wesen: Vieh, kriechende Tiere und Wild des Feldes, ein jegliches nach seiner Art! Und es geschah so.
(Vers 24)

Auch wenn es in Vers 25 heißt, dass Gott all die Tiere "machte", so bleibt doch der Erde eine Eigenwirksamkeit – was nicht bedeutet, dass der Schöpfer aus dem Spiel genommen ist, sondern nur, dass er der Erde eine gewisse Selbstständigkeit gelassen hat.





Diese von Gott geschaffene und auch selbsttätig schaffende Natur wird mir immer wieder zum Gleichnis für Gottes Güte und für das "Himmelreich", das Reich Gottes. Ein Gleichnis ist kein Beweis dafür, dass Gott oder das Himmelreich existiert. Aber es ist mir ein Hinweis darauf, dass es existiert; ja mehr noch, dass es sogar naheliegt, dass der gütige Gott und sein Reich existieren.

Ich vermute, dass wir solche Hinweise brauchen. Wir brauchen sie, weil sonst in unserer Welt nichts, aber auch gar nichts auf Gott hinzuweisen scheint. Im Gegenteil: Es scheint sogar sehr viel gegen seine Existenz zu sprechen. Es tut uns darum gut, solche Anhaltspunkte zu haben – Haltepunkte, an denen sich der Glaube festhalten kann und die für uns in einer gottfernen Welt ungemein hilfreich sein können.



Jeder Mensch hat wohl seine eigenen Gleichnisse, die für ihn hilfreich sind. Ich kann hier nur beispielhaft einige nennen. Ein Gleichnis für das verborgene Wirken Gottes kann sein,

  • dass gewisse physikalische Konstanten in der Natur bis ins Kleinste aufeinander abgestimmt sind. Ohne diese Feinabstimmung gäbe es kein Leben auf der Erde (siehe den Artikel Kein Platz für Gott?, dort der Abschnitt 6);
  • dass das Christentum durch einen Hingerichteten und seine verschwindend kleine Zahl von Anhängerinnen und Anhängern in einer unbedeutenden römischen Provinz entstanden ist und sich über die ganze Welt ausgebreitet hat;
  • dass es das Christentum nach 2.000 Jahren, nach Verfolgungen und unzähligen Verfehlungen der Christen, überhaupt noch gibt;
  • dass das Christentum in seiner Geschichte immer wieder durch charismatische Persönlichkeiten einen unerwarteten Aufschwung erhielt – vor allem durch Menschen, die einen solchen Aufschwung gar nicht beabsichtigten. Der bekannteste unter diesen Menschen ist Martin Luther, aber es gab auch etliche andere;
  • dass es in der Kirchengeschichte neben allen furchtbaren Entgleisungen immer wieder überzeugende Menschen gab, Menschen, die für viele ein Vorbild des Glaubens und Handelns wurden. In der katholischen Kirche sind das die Heiligen. In der evangelischen Kirche haben wir solche Menschen auch, ohne dass wir sie Heilige nennen. Einer der bekanntesten ist Dietrich Bonhoeffer, aber es gibt auch viele andere;
  • dass man wundersame Erlebnisse hatte, die man sich nicht erklären kann, die einem aber Halt und Orientierung gegeben haben;
  • dass man Gottes Güte am eigenen Leib erfahren hat, indem man in der Not bewahrt oder aus einer Not gerettet wurde. Das können einschneidende Erfahrungen sein, die einem ein Leben lang ein Hinweis auf die Existenz Gottes sind.

Das sind nur einige Beispiele für Hinweise auf einen gütigen Gott und sein paradiesisches "Himmelreich". Vielleicht kannst du noch andere Beispiele hinzufügen.

Es ist gut, dass es solche Haltepunkte gibt, an denen sich unser Glaube festhalten kann. Sie sind nicht das Himmelreich, aber sie können uns zu Gleichnissen des Himmelreichs werden. Vielleicht lebt der Glaube ja mehr von ihnen, als uns bewusst ist.

Am Ende seines Liedes hat Paul Gerhardt der Tatsache Rechnung getragen, dass auch dieser Glaube nicht eine Fähigkeit von uns ist, sondern – wie der Sommer – der Kraft und des Segens Gottes bedarf: Unser Glaube blüht und bringt Früchte, weil Gottes Gnade, sein guter Geist in uns wirkt (Strophen 13 bis 15):

Hilf mir und segne meinen Geist
mit Segen, der vom Himmel fleußt,
dass ich dir stetig blühe;
gib, dass der Sommer deiner Gnad
in meiner Seele früh und spat
viel Glaubensfrüchte ziehe,
viel Glaubensfrüchte ziehe.

Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum,
und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben,
und Pflanze möge bleiben.

Erwähle mich zum Paradeis
und lass mich bis zur letzten Reis
an Leib und Seele grünen,
so will ich dir und deiner Ehr
allein und sonsten keinem mehr
hier und dort ewig dienen,
hier und dort ewig dienen.




* * * * *


Fotos: Klaus Straßburg






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