Gibt es christliche Heilsgewissheit?
Was sagen die Bibel, Luther, katholische Kirche und Evangelikale?
Klaus Straßburg | 20/06/2025
Wesentlich für den christlichen Glauben ist die Hoffnung auf ein ewiges Heil. Wie immer man sich dieses Heil vorstellen oder nicht vorstellen mag ‒ es ist ein unendliches Leben jenseits von Leid und Tod, im dauerhaften, unzerstörbaren Frieden mit Gott, mit der Gemeinschaft der Heiligen und mit sich selbst.
Doch irgendwann stellt sich wohl jedem Christenmenschen die Frage, ob er sich dieses ewigen Heils wirklich gewiss sein kann. Muss die Frage nicht offenbleiben bis zu dem Tag, an dem der Mensch vor seinem Schöpfer steht und dieser die Entscheidung trifft: Daumen rauf oder Daumen runter ‒ ewig bei Gott sein oder ewig von ihm verstoßen sein?
Die Frage nach dem persönlichen Heil stellt sich den Glaubenden, weil sie immer wieder die Erfahrung machen, im Glauben und Lieben zu versagen. Ihr Glaube ist von Zweifeln durchsetzt, ihr Gottvertrauen von Misstrauen und ihre Nächstenliebe von Eigensucht. So bleiben sie zurück hinter den Ansprüchen an eine vertrauensvolle Gottesbeziehung und einen entsprechenden Lebenswandel, wie sie zum Beispiel in Jesu Bergpredigt (Mt 5-7) formuliert sind.
Und auch wenn der Glaube an die Vergebung der Sünden der Garant für das Heil sein soll: Wer kann sich seines Glaubens bis zum Tod sicher sein? Wir wissen nicht, ob wir in zehn Jahren noch von der Existenz eines Gottes überzeugt sind. Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir so dramatische Lebenserfahrungen machen, dass uns der Glaube an einen liebevollen Gott abhanden kommt.
Wie aber ist es möglich, sich seines Heils gewiss zu sein, wenn man sich seines Glaubens nicht sicher sein kann? Bei dieser Frage geht es nicht um die egoistische Sorge eines glaubenden Individuums um sein persönliches Seelenheil, sondern um eine Grundfrage des christlichen Glaubens. Um sie zu beantworten, müssen wir über einige fundamentale christliche Wahrheiten Rechenschaft ablegen.
1. Wie kommt es zum christlichen Glauben?
Zum christlichen Glauben gehört die Überzeugung, dass Gott existiert. Mit "Gott" ist dabei nicht ein irgendwie zu beschreibendes höchstes Wesen oder eine höchste Macht gemeint, sondern der Gott, der sich in Jesus Christus als ein Gott für uns erwiesen hat. Gott ist gerade darin Gott, dass er für uns ist: Gottlose werden von ihm angenommen (Röm 4,5; 5,6). Jedes andere Verständnis Gottes würde nicht den christlichen Gott beschreiben.
Ein solches Verständnis Gottes ist uns nicht von Natur aus mitgegeben. Die Bibel weiß um die abgrundtiefe Zerstörung der menschlichen Gottesbeziehung (1Mo/Gen 8,21; Röm 3,23). Der Mensch kann nicht aus eigener Kraft an den Gott glauben, der Gottlose annimmt und als seine Partner akzeptiert. Darum betont die Bibel, dass der Glaube eines Menschen ein Geschenk Gottes ist, zu dem der Mensch nichts beitragen kann.
Dass ein Mensch stark ist im Vertrauen zu Gott, kommt nicht vom Menschen her, sondern von Gott (2Kor 3,4-6). Die Kraft, an Christus zu glauben und um seinetwillen zu leiden, wird dem Menschen also von Gott geschenkt (Phil 1,29). Der Glaube ist demnach keine vom Menschen vollzogene Tat oder Entscheidung, sondern eine Gabe Gottes, die auf seiner Gnade beruht (Eph 2,8-10).
Paulus spricht deshalb davon, dass der glaubende Mensch ein "neues Geschöpf" sei, das alles Alte hinter sich gelassen hat (2Kor 5,17; Gal 6,15). Radikaler kann man die Verwandlung eines Menschen nicht ausdrücken, und deutlicher kann man nicht sagen, dass der Schöpfer selbst diese Verwandlung herbeiführt. Dem entspricht es, wenn das Johannesevangelium betont, dass ein Mensch "von neuem geboren wird", wenn er im Glauben lebt (Joh 3,3-8). Sowohl Geschaffenwerden als auch Geborenwerden sind Vorgänge, die sich so am Menschen vollziehen, dass dieser dabei vollkommen passiv ist.
Deshalb wird auch der Geist Gottes als die Kraft angegeben, die dabei am Menschen wirkt (Joh 3,8; 1Kor 2,12). Oder anders ausgedrückt: Der glaubende Mensch lebt in seinem Glauben; aber er lebt sein Glaubensleben nur so, dass Christus selbst es in ihm lebt (Gal 2,20b). Wenn ein Mensch glaubt, ist das also eine Tat Christi, der im Menschen "wohnt" (Eph 3,17). Diese Tat Christi bewirkt, dass ein Mensch an ihn glaubt.
Demnach tut nicht der Mensch den ersten Schritt auf Gott zu, woraufhin Gott ihm gnädig ist, sondern umgekehrt tut Gott den ersten Schritt auf den Menschen zu, woraufhin der Mensch überhaupt erst für Gottes Gnade empfänglich wird. Nicht der Mensch ergreift Gott, sondern er wird von Gott ergriffen (Phil 3,12); nicht der Mensch erkennt Gott als Grund seines Heils, sondern er wird von Gott als des Heils Bedürftiger erkannt (Gal 4,9).
Das alles bedeutet, dass nicht unser Glaube die Bedingung dafür ist, dass Gott uns als seine Kinder erwählt, sondern umgekehrt setzt sich Gottes bedingungslose Erwählung durch, indem er uns die Kraft zum Glauben schenkt.
2. Ist der Glaube eine Entscheidung des Menschen?
Dieses Verständnis der Gnade Gottes ist allerdings in der Christenheit umstritten. Man kann nämlich zu recht fragen: Wenn der Mensch absolut nichts zu seinem Heil beitragen kann ‒ wird dann nicht die menschliche Freiheit beschnitten, sich für oder gegen Gott zu entscheiden? Und muss der Mensch nicht zumindest das Geschenk des Glaubens annehmen?
Zur menschlichen Freiheit ist zu sagen, dass diese nach biblischer Vorstellung überhaupt erst durch den Glauben entsteht. Bevor der Mensch das Geschenk des Glaubens erhält, wird er von zerstörerischen Mächten beherrscht (Röm 6,20f; 8,21; Gal 5,1b), und zwar ohne sich dessen bewusst zu sein. Frei von diesen Mächten wird der Mensch erst dadurch, dass Christus oder, anders gesagt, sein Geist im Menschen wirkt (2Kor 3,17; Gal 5,1a).
Der Mensch ist also ohne Gottes in ihm wirkende Kraft nicht frei, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. Er hat sich vielmehr immer schon gegen ihn entschieden. Gottes Kraft, die in ihm wirkt, schenkt ihm allererst die Freiheit, sich für Gott zu entscheiden.
Aber muss der Mensch diese Entscheidung dann nicht doch aktiv ausüben? Muss er nicht das Geschenk des Glaubens annehmen? Ist das nicht der Beitrag des Menschen zu seinem eigenen Heil?
Man kann tatsächlich so argumentieren, dass das Annehmen des gnädigen Geschenks Gottes eine menschliche Aktivität bedeutet, so dass er nicht komplett passiv bei der Aneignung des Heils ist. Sein Verdienst wäre dann, das Geschenk des Glaubens nicht auszuschlagen, sondern in diesem Glauben zu leben oder dies zumindest nach bestem Vermögen zu versuchen.
Es entsteht dann allerdings ein Widerspruch zu den oben genannten biblischen Aussagen, wonach der Mensch sich aus eigener Kraft gar nicht für oder gegen Gott und eine Annahme seines Geschenks entscheiden kann. Als Lösung dieses Problems bietet sich an, einmal darüber nachzudenken, worin eigentlich so eine Annahme des göttlichen Geschenks besteht.
Der Mensch gleicht einem lebendigen Toten, der ohne das Geschenk des Glaubens am Grund seines Lebens vorbeilebt und deshalb als biologisch Lebender geistlich tot ist (Röm 6,13, Eph 2,1). Wenn Gott ihm nun das wahre Leben in Form des Glaubens anbietet ‒ was wird dieser Mensch dann wie selbstverständlich tun? Man sollte meinen, dass er nicht lange überlegt oder in sich geht, um zu entscheiden, ob er das Geschenk annimmt oder nicht. Er wird vielmehr spontan und selbstverständlich das rettende Geschenk ergreifen; bedeutet es doch nicht weniger, als das wahre Leben zu ergreifen und damit das vom Tod bestimmte Leben zu überwinden.
Man wird kaum von einer Entscheidung sprechen können, wenn ein Toter das Leben ergreift, das ihm angeboten wird. Eher handelt es sich um einen natürlichen Reflex, dem keine Überlegung und darum auch keine Entscheidung vorausgeht. Ein Mensch, der das Geschenk des Glaubens annimmt, vollbringt also keine Leistung, die ihm einen Anspruch an Gott eröffnet. Er leistet keinen Beitrag zu seinem Heil und verdient es sich nicht. Seine Tat beschränkt sich allein auf ein unvermitteltes Zugreifen, um vom Tod zum Leben überzugehen (Joh 5,24).
Wenn in der Bibel davon berichtet wird, dass Menschen zu glauben beginnen, wird das übrigens nie mit dem Wort "Entscheidung" beschrieben. Man sollte deshalb besser mit Paulus von einem "Ergreifen" des Glaubens sprechen, dem aber das Ergreifen des Menschen durch Gott vorausgeht (Phil 3,12). Ein lebendig Toter ergreift in seiner Not das Leben, das ihm angeboten wird, ohne sich dafür in einem Akt der Wahl zwischen zwei Möglichkeiten zu entscheiden. Nicht der Mensch hat Gott erwählt, sondern Gott den Menschen (Joh 15,16; Eph 1,4f; 2Thess 2,13).
3. Von der Treue Gottes zur Heilsgewissheit
All diese Überlegungen zum Geschenk des Glaubens und zur Annahme dieses Geschenks sind wichtig, um die Frage zu beantworten, ob es Heilsgewissheit gibt oder nicht. Denn wenn wir einmal davon ausgehen, dass einerseits der Mensch sich der Fortdauer seines Glaubens nicht sicher sein kann und andererseits nur die Glaubenden das Heil erlangen (worüber man durchaus diskutieren könnte), ist die notwendige Konsequenz dieses Gedankens: Es kann keine Heilsgewissheit geben.
Heilsgewissheit ist nur dann möglich, wenn der Glaube nicht in einer Tat des Menschen gründet, sondern in einem Geschenk Gottes an den Menschen. Denn das Geschenk Gottes an den Menschen zieht Gott nicht zurück. Darum wird im Neuen Testament immer wieder betont, dass Gott treu ist und das im Menschen begonnene Werk bis zum Ende fortsetzen wird (1Kor 1,6-9; 10,13; Phil 1,6; 1Thess 5,23f; 2Thess 3,3; Hebr 10,23).
Das gilt trotz allen menschlichen Unglaubens und Zweifels, die den Glauben und die Gewissheit immer begleiten (Mk 9,24). Unser Glaube steht also im Kampf mit dem Unglauben, unsere Gewissheit im Streit mit dem Zweifel. Der Mensch kann sich dabei nicht darauf verlassen, dass sein Glaube diesen Kampf gewinnen wird. Er kann sich aber darauf verlassen, dass Gott das, was er im Menschen begonnen hat, als er ihm den Glauben schenkte, zum Ziel bringen wird (noch einmal Phil 1,6; 1Kor 1,8; 1Thess 5,23f sowie 1Petr 5,10f).
Der vielleicht berührendste Beleg für Gottes Treue findet sich in Röm 8,33-39. Paulus hat dort geschrieben:
Wer wird gegen Gottes Auserwählte Anklage erheben? Gott ist es, der rechtfertigt. Wer ist, der verdamme? Christus ist es, der gestorben, ja noch mehr, der auferweckt, der auch zur Rechten Gottes ist, der sich auch für uns verwendet. Wer wird uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Angst oder Verfolgung oder Hungersnot oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: "Deinetwegen werden wir getötet den ganzen Tag; wie Schlachtschafe sind wir gerechnet worden." Aber in diesem allen sind wir mehr als Überwinder durch den, der uns geliebt hat. Ich bin überzeugt, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Mächte, weder Höhe noch Tiefe noch irgendein anderes Geschöpf uns wird scheiden können von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.
Damit ist gesagt: Gottes Liebe zu uns bleibt durch alle Anfechtungen, Wirren und Qualen unseres Lebens, auch durch allen Unglauben und alle Zweifel hindurch bestehen. Auf dieser Verlässlichkeit Gottes allein gründet unsere Heilsgewissheit. Der Kampf ist sozusagen bei Gott schon entschieden; denn Gottes Liebe hat kein Ende. Und solange ein Mensch nicht das Unfassbare tut und diesen Halt loslässt; solange er die Liebe Gottes nicht bewusst wegwirft und damit sich selbst zerstört – solange kann er, unabhängig vom jeweiligen Zustand seines Glaubens, in Heilsgewissheit leben.
4. Wenn nur ein abgründiger und verzweifelter Glaube bleibt ...
Aber ist damit das Heil und damit die Heilsgewissheit nicht doch wieder in die Hand des Menschen gelegt, der eben an Gottes Liebe festhalten muss, um seines Heils gewiss zu sein?
Ich würde es so ausdrücken: Zweifel und Unglaube können uns die Heilsgewissheit nicht nehmen, solange wir uns Gott in die Arme werfen, sei es auch in Unglaube und Verzweiflung. Erst wenn es einmal geschehen sollte, dass Gott uns gänzlich gleichgültig geworden ist, wird auch unser Heil fraglich werden. Dieser Zustand der totalen Gleichgültigkeit Gott gegenüber ist aber sehr unwahrscheinlich – um nicht zu sagen: undenkbar – für jemanden, der wirklich im Glauben gelebt und die Wohltat dieses Glaubens erfahren hat.
Von daher kann jeder Glaubende gewiss sein: Gott wird den Glauben, den er mir geschenkt hat, zu seinem Ziel bringen. Nur dann, wenn ich in einem Akt des Aufstands und der gewaltsamen Selbstverletzung das empfangene Geschenk des Glaubens zerstöre, kann mir das Heil verloren gehen. Und selbst dann besteht immer die Möglichkeit der Rückkehr zu einem – vielleicht vollkommen abgründigen und verzweifelten – Glauben.
5. Heilsgewissheit in der reformatorischen Theologie
Es ist ein fundamentaler Grundsatz der reformatorischen Theologie, dass der Mensch unfähig ist, aus eigener Kraft an Gott zu glauben. Er kann in keiner Weise an seiner Errettung mitwirken und ist insofern rein passiv. Martin Luther hat das in seiner Erklärung des dritten Glaubensartikels, der sich mit dem Heiligen Geist beschäftigt, deutlich herausgestellt:
Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten.
Prägnanter kann man den Geschenkcharakter des Glaubens kaum ausdrücken: Nicht aufgrund eigener Kraft oder Vernunft glaube ich oder erlange ich das Heil. Sondern die Kraft Gottes, sein Geist, hat mich erwählt und mir die Berufung zugedacht, im Glauben zu leben. Dieselbe göttliche Kraft hat mich aber nicht nur berufen, sondern mich zugleich mit göttlichen Begabungen ausgestattet, mir den rechten Glauben geschenkt und ihn mir bis heute bewahrt.
Gott ruft uns also nicht zu sich, ohne uns zugleich mit den nötigen Eigenschaften auszustatten, zu denen vor allem der Glaube gehört. Wir müssen uns diese Begabungen nicht verdienen und können das auch gar nicht; denn Gott ist hier der allein Handelnde. Und wir können seines Handelns nach Luther auch in Zukunft gewiss sein:
Da Gott mein Heil aus meinem Willen fortgenommen und in seinen Willen aufgenommen hat und nicht durch mein Werk oder mein Laufen, sondern durch seine Gnade und Barmherzigkeit mich zu bewahren verheißen hat, bin ich sicher und gewiss, dass er treu ist und mir nicht lügen wird, auch mächtig und stark ist, dass keine Teufel, keine Widerwärtigkeiten ihn überwältigen oder mich ihm entreißen können. Niemand – spricht er – wird sie aus meiner Hand reißen; denn der Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer denn alles [Joh 10,28f].1
Unser Heil ist keine Entscheidung unseres eigenen Willens, sondern eine ewige Entscheidung des Willens Gottes, die er aus reiner Gnade getroffen hat und zu der wir nichts beigetragen haben (Eph 1,11; 2Tim 1,9). Wir können dazu auch gar nichts beitragen. Denn nach reformatorischer Vorstellung hat der Mensch nicht den freien Willen, sich für oder gegen das Heil zu entscheiden. Vielmehr ist der Wille jedes Menschen durch die Macht der Sünde beherrscht, die ihm die Entscheidung für das Heil verschließt. Luther hat den menschlichen Willen mit einem Reittier verglichen:
Also steht der menschliche Wille in der Mitte, als ein Reittier. Wenn Gott sich draufsetzt, so will und geht er, wo Gott hinwill [...] Wenn Satan sich draufsetzt, so will und geht er, wo Satan hinwill. Und [es] ist nicht in seiner Willkür [...], zu einem der beiden Reiter [zu] laufen oder ihn [zu] gewinnen, sondern die Reiter selbst streiten sich, es einzunehmen und zu besitzen.2
Der menschliche Wille ist demnach ein Kampfplatz, um den Gott und der Satan im Kampf miteinander liegen. Von sich aus aber kann der Mensch sich nicht für Gott und damit für sein Heil entscheiden.
Gerade weil es aber der Wille Gottes ist, der über den Menschen entscheidet, kann dieser Mensch gewiss sein, dass die Entscheidung Bestand hat. Denn Gott bleibt sich treu. Er hat die Macht, mich zu bewahren, so dass nichts, auch keine dämonischen Mächte, diese Entscheidung rückgängig machen können. Meine Heilsgewissheit gründet gerade darin, dass mein Heil nicht in meinem eigenen Beschließen und Handeln seinen Grund hat, sondern allein in Gottes Beschließen und Handeln, also außerhalb von mir. Die Heilsgewissheit beruht also nach Luther darauf, dass es
gar aus unsern Händen genommen und alleine in Gottes Hand gestellt sei, dass wir fromm werden [...] Denn wir sind so schwach und ungewiss, dass, wenn es bei uns stünde, würde freilich nicht ein Mensch selig.3
Es ist demnach ein großer Trost und eine Befreiung von allem religiösen Leistungsdruck, dass unser Heil außerhalb von uns, nämlich in Gott, gründet. Luther hat diese Befreiung selbst in einem langen Ringen um Heilsgewissheit erfahren und kann ihren Trost deshalb eindringlich beschreiben:
Diese Lehre gibt den allerbeständigsten Trost den betrübten, angefochtenen Menschen, dass sie wissen, dass ihre Seligkeit nicht in ihrer Hand stehe; sonst würden sie diese viel leichter, als Adam und Eva im Paradies geschehen [ist], ja alle Stunden und Augenblicke verlieren; sondern [ihre Seligkeit steht] in der gnädigen Wahl Gottes, die er uns in Christus offenbart hat, aus dessen Hand uns "niemand reißen" wird [...].4
Die reformatorische Theologie unterscheidet von daher Gewissheit und Sicherheit. Gewissheit bezeichnet das Vertrauen auf Gottes Heilswillen für mich. Sicherheit hingegen bezeichnet das Vertrauen auf eigene Verdienste vor Gott, zu denen gute Taten oder auch der eigene Glaube gehören kann. Dann wird der Glaube zu einem Verdienst, aufgrund dessen man meint, sich das Heil sichern zu können. Diese Selbstversicherung ist aber eine Illusion, eine eingebildete Sicherheit.
Dabei ist sich Luther klar darüber, dass wir auch als Glaubende immer Sünder bleiben, die womöglich auch ihre Heilsgewissheit immer wieder anzweifeln. Aber wir sind als Sünder bleibend von Gott geliebt und angenommen. Denn Gottes Liebe entzündet sich nicht an meiner Liebenswürdigkeit, sondern allein an seinem Liebeswillen. Wenn ich also vor mir selbst ein gottloser Sünder bin, bleibe ich doch vor Gott sein geliebtes Kind, dem er das Heil schenken wird. Denn Gott ist größer an Gnade und Vergebung als unser eigenes Herz (1Joh 3,20)!5
6. Heilsgewissheit in der katholischen Theologie
Die katholische Theologie geht traditionell vom freien Willen des Menschen aus. Der Mensch ist zwar Sünder, aber die Freiheit seines Willens ist davon nicht betroffen. Er kann sich frei entscheiden, ob er Gottes Heil annehmen will oder nicht. Insofern gibt es die Glaubensentscheidung des Menschen nicht ohne seine Mitwirkung.
Während es in der reformatorischen Theologie die Willensfreiheit des Menschen nur als Befreiung von Gott her gibt, ist die Willensfreiheit nach katholischer Tradition ein vorhandenes Gut jedes Menschen.
Dennoch spielt natürlich auch Gottes Gnade im katholischen Denken eine fundamentale Rolle. Die katholische Tradition hat dazu drei Formen der Gnade unterschieden, die Gott dem Menschen gewährt:
Zuerst schenkt Gott dem sündigen Menschen seine allem menschlichen Tun und Glauben "zuvorkommende Gnade", mit der er den Menschen beruft, sich ihm zuzuwenden und seine Gnade anzunehmen.
Sodann gewährt Gott dem Menschen seine "helfende Gnade", die ihn dabei unterstützt, sich Gott zuzuwenden und sein Heilsangebot anzunehmen. Denn durch dieses Annehmen des Heilsangebots muss der Mensch an seinem Heil mitwirken. Er kann dies zwar nicht aus eigener Kraft, sondern nur in der Kraft der Gnade Gottes, aber doch "mit Hilfe" seines freien Willens oder "durch" seinen freien Willen. Obwohl hier also Gottes gnädige Kraft fast alles wirkt, kommt es doch zu einer Kooperation zwischen Gott und dem Menschen.
Wenn der Mensch das Heilsangebot Gottes angenommen hat, erhält er von Gott die "rechtfertigende Gnade", die ihm nach Gottes Urteil das Heil zusagt. Mit dieser Gnade werden dem Menschen auch Glaube, Liebe und Hoffnung "eingegossen". Die Eingießung besagt, dass der Mensch diese Gnade als einen inneren Besitz bekommt, den er aber auch wieder durch das Begehen einer Todsünde verlieren kann.
Eine Todsünde ist eine besonders schwerwiegende Sünde. Traditionell werden Abfall vom Glauben, Mord und Ehebruch genannt. Der Mensch muss sich der Schwere dieser Sünde bewusst sein, bevor er sie tut, und er muss sie aus freiem Willen getan haben. Die volkstümliche Bezeichnung von sieben "Hauptlastern" als Todsünden ist falsch.
Wie immer man zu dieser katholischen Vorstellung der unterschiedlichen Formen der Gnade steht: Deutlich ist, dass trotz des hauptsächlichen Wirkens Gottes der Mensch an seinem Heil mitwirken muss. Wenn er sich dem Heil durch seinen freien Willen verweigert, kann er es auch nicht erhalten. Und wenn er aus freiem Willen eine Todsünde begeht, verliert er die rechtfertigende Gnade Gottes, also die Zusage des Heils.
So stellte schon das Konzil von Trient (1545-1563), das die katholische Lehre im Widerspruch zur reformatorischen Theologie formulierte, fest: Niemand kann
mit der Gewissheit des Glaubens [...] wissen, dass er Gottes Gnade erlangt habe.6
Wie stark die menschliche Mitwirkung an seinem Heil im katholischen Denken verankert ist, zeigt auch die offizielle Antwort des Vatikans auf die im Jahr 1997 verabschiedete "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre", die von Vertretern des Lutherischen Weltbundes und Vertretern des Vatikans ausgehandelt worden war. In dieser Antwort hält der Vatikan ausdrücklich fest, dass das ewige Leben
gleichzeitig sowohl Gnade als auch Lohn ist, der von Gott für die guten Werke und Verdienste erstattet wird.7
Man kann aus alldem nur den Schluss ziehen, dass es nach offizieller katholischer Lehre Heilsgewissheit für die Glaubenden nicht geben kann. Und zwar deshalb nicht, weil der Mensch, wenn auch nur in geringfügiger Weise, immer an seinem Heil mitwirkt und es sich durch Verdienste erwerben muss. Weil aber der Mensch sich seiner dauerhaften Mitwirkung und dem Erwerb von Verdiensten bzw. dem Nichtvollzug von Todsünden nicht sicher sein kann, kann es für ihn auch keine Heilsgewissheit geben.
7. Heilsgewissheit im evangelikalen Glauben
Der evangelikale Glaube ist nicht einheitlich. Ein konservativer evangelikaler Glaube betont die Glaubensentscheidung, mit der der Mensch Gottes Gnade annehmen muss, um das Heil zu erlangen. Dazu hat Gott dem Menschen einen freien Willen gegeben. Das Heilsangebot Gottes gilt zwar allen Menschen; aber nur diejenigen, die dieses Angebot annehmen, werden das ewige Leben erhalten. Gottes Gnade verwirklicht sich demnach nur an den Glaubenden.
Hier wird oft in einem einfachen Schema von Gottes gnädigem Angebot, menschlicher Annahme des Angebots und göttlicher Belohnung der Annahme gedacht. Der Mensch wirkt hier an entscheidender Stelle an seinem Heil mit. Bleibt diese Mitwirkung aus, so ist das Heil für den Menschen verloren.
Diese Auffassung setzt den Menschen unter Druck. Denn sein Glaube ist untrennbar mit der Erlangung des Heils verbunden. Wer nicht glaubt, kann nicht selig werden. Punkt. So wird der Glaube letztlich zu einem Verdienst vor Gott. Und es wird Angst erzeugt, wenn allen, die nicht glauben, mit der Hölle gedroht wird.
Das Problem, dass jeder Glaube mit Unglauben durchsetzt ist, wird bei dieser Vorstellung kaum einmal ernst genommen. Es wird nicht die Frage gestellt, wie viel Glaube denn nötig sei, um das Heil zu erlangen, und wo die Grenze sei, bei der man des Heils verlustig geht. Es wird nicht die Frage gestellt, ob die eigene Glaubenskraft möglicherweise zur Erlangung des Heils nicht ausreichen könnte.
Es gibt aber Heilsgewissheit nach dieser konservativen evangelikalen Vorstellung nur unter der Bedingung, dass der Mensch seinen Glauben bewahrt. Wenn es aber stimmt, dass der Mensch nicht dafür garantieren kann, seinen Glauben zu bewahren, dann kann es nach dieser Vorstellung eigentlich keine Heilsgewissheit geben. Viele der konservativen evangelikalen Christen sind sich aber trotzdem des eigenen Heils sicher. Sie gehen davon aus, ihren Glauben nicht zu verlieren. Auf diese Weise sichern sie sich ihr Heil dadurch, dass sie auf ihre eigene Glaubensstärke setzen.
Statt auf Gottes Gnade zu vertrauen, die auch den Zweiflern, ja sogar den Gottlosen gilt (Röm 4,5; 5,6), vertrauen diese Glaubenden offenbar auf sich selbst, nämlich ihre fortdauernde Beziehung zu Gott, in der sie ihn bis zum Lebensende um die Vergebung aller ihrer Sünden und um die Gnade des ewigen Lebens bitten werden. Sie meinen: Wenn sie das tun, können sie sicher sein, das Heil zu erlangen.
Es ist deutlich, dass dieses Denken der reformatorischen Theologie fundamental widerspricht. Denn nach reformatorischem Denken steht die Gnade Gottes und damit sein Heil unter keinerlei menschlicher Bedingung. Allein durch Gottes Gnade (lateinisch sola gratia) wird das Heil bewirkt. Der Mensch muss Gottes Gnade nichts hinzufügen und kann dies auch gar nicht.
Die Evangelikalen stützen sich auf biblische Aussagen, die besagen, dass diejenigen, die nicht glauben, von Gott "verurteilt" werden (nicht: "verdammt"; Mk 16,16b). Nur wer bis zum Ende am Glauben festhält, wird gerettet (Mt 10,22b; 24,13; Offb 2,10b). Es besteht aber die Möglichkeit, sich von Christus zu lösen, aus der Gnade herauszufallen (Gal 5,4) und schließlich aus dem "Buch des Lebens" gestrichen zu werden (Offb 3,5).
In einem Beitrag auf der Website des evangelikalen Evangeliumsrundfunks wird nach der Wahrnehmung verschiedener Bibelstellen zum Thema gesagt:
Eine automatische, selbstverständliche Heilssicherheit, die sich mit einem Bekenntnis zu Jesus Christus einstellt und völlig losgelöst vom persönlichen Handeln selbst den Abfall vom Glauben unbeschadet übersteht, scheint es biblisch gesehen nicht zu geben. […] Die völlige, bewusste und willentliche Entfremdung von der Frohen Botschaft durch Ungehorsam und Unglauben kann das Heil in Gefahr bringen und seine Vollendung in Frage stellen. Trotzdem bleibt die hoffnungsvolle Betonung darauf, dass Gott das Heil vollenden wird.8
Diese Darstellung ähnelt der zu Beginn beschriebenen, wonach ein lebendig Toter, der von Gott das Leben empfängt, in der Kraft des Geistes Gottes wie selbstverständlich dieses Leben ergreift, ohne darüber eine reflektierte Entscheidung zu treffen. Es wird ihm als Totem ja das Leben angeboten. Was sollte er da anderes tun, als zuzugreifen? Er schreitet nicht zur freien Tat, er erwirbt sich keinen Verdienst vor Gott durch seine freie Entscheidung, sondern er greift in seiner Not einfach zu ‒ wie ein Bettler, der das rettende Brot ergreift. Kein Bettler würde darüber nachdenken und sich nach allen Abwägungen dafür entscheiden. Keiner würde das als sein Verdienst bezeichnen, das einen Anspruch gegenüber dem Spender des Brotes begründet.
Und doch gibt es das völlig Unbegreifliche, dass Tote dieses Leben nicht ergreifen. Im Angesicht des rettenden Lebens ergreifen sie den Tod. In der Gegenwart Gottes bleiben sie ihm bewusst fern. Genau das scheint auch mit der Lästerung gegen den heiligen Geist gemeint sein, von der in Mt 12,31f die Rede ist. Dies ist die einzige Sünde, die nicht vergeben wird, sagt Jesus dort. Und diese Sünde besteht darin, die Gegenwart Gottes zu leugnen, obwohl Gottes Geist unverkennbar wirkt.
8. Wer kann seines Heils gewiss sein?
Mit anderen Worten: Wer die Kraft des Geistes Gottes unverkennbar spürt, wer sozusagen das Wirken dieser Kraft vor Augen hat und dennoch bewusst die Gegenwart Gottes leugnet, dem ist nicht zu helfen ‒ dem wird das Heil nicht aufgezwungen. Alle andere Schuld aber, alle Zweifel, aller Unglaube, jede verbrecherische Tat und jedes Hadern mit Gott wird vergeben. Jede erdenkliche Sünde und Lästerung, selbst jedes Wort gegen Jesus wird vergeben (Mt 12,31a.32a). Aber die Leugnung Gottes in einer Situation, in der er mir in der Wirksamkeit des Geistes deutlich vor Augen steht, ist von der Vergebung ausgeschlossen.
Deshalb muss niemand um sein Seelenheil fürchten, der vor dem unbegreiflichen Abgrund des Wirkens oder Nichtwirkens Gottes steht und dem deshalb Gott zweifelhaft geworden ist. Niemand muss um sein Heil bangen, der aus der Tiefe des Schmerzes oder der Verzweiflung zu Gott schreit (Ps 130,1) ‒ zu dem Gott, der ihm fremd geworden ist und ihm wie ein Feind erscheint. Niemand muss Gott fürchten, der Gottes Vergebung angesichts seiner großen Schuld nicht glauben kann; er möge nur weiter um Vergebung flehen.
Denn Gott weiß um unsere Glaubensnöte. Und wenn unser Herz uns verurteilt und die Angst vor Gottes Urteil uns das Herz verschließt, dann ist Gott größer als unser Herz (1Joh 3,20).
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Verwendete Literatur:
- Althaus, Paul: Die christliche Wahrheit. Lehrbuch der Dogmatik. Carl Bertelsmann Verlag. 4. Aufl. Gütersloh 1958. S. 607-612.
- Bär. Joachim: Heilsgewissheit. Abrufbar unter: https://www.erf.de/lesen/glaubens-faq/heilsgewissheit/33618-31.
- Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. Vandenhoeck & Ruprecht. 9. Aufl. Göttingen 1982.
- Hirsch, Emanuel: Hilfsbuch zum Studium der Dogmatik. Die Dogmatik der Reformatoren und der altevangelischen Lehrer quellenmäßig belegt und verdeutscht von Emanuel Hirsch. Walter de Gruyter & Co., 4. Aufl. Berlin 1964.
- Jüngel, Eberhard: Das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des christlichen Glaubens. Eine theologisch Studie in ökumenischer Absicht. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck). Tübingen 1998.
- Ringleben, Joachim: Heilsgewißheit. Eine systematische Betrachtung. Zeitschrift für Theologie und Kirche, Bd. 95, Beiheft 10 (1998). S. 65-100.
- Weber, Otto: Grundlagen der Dogmatik. Band II. Neukirchener Verlag der Buchhandlung des Erziehungsvereins. Neukirchen / Moers 1962. S. 477-479.
- https://de.wikipedia.org/wiki/Todsünde.
Quellennachweise:
1 Zitiert nach Althaus: Die christliche Wahrheit, S. 609. Dort zitiert nach WA 18, 783. Sprachlich und orthographisch angepasst.
2 Zitiert nach Hirsch: Hilfsbuch, S. 148. Sprachlich und orthographisch angepasst.
3 Zitiert nach Weber: Grundlagen der Dogmatik II, S. 477. Dort zitiert nach WA DB 7,23. Orthographisch angepasst.
4 Zitiert nach Althaus: Die christliche Wahrheit, S. 609. Dort zitiert nach FC SD XI, 89f (= Konkordienformel, siehe auch Bekenntnisschriften, S. 1089). Sprachlich und orthographisch angepasst.
5 Den Hinweis auf diesen Bibelvers mit seiner schönen Formulierung verdanke ich Ringleben: Heilsgewissheit, S. 96.
6 Zitiert nach Jüngel: Das Evangelium von der Rechtfertigung, S. 207. Dort zitiert nach: Dekret über die Rechtfertigung, c. 9, DH 1534. Orthographisch angepasst.
7 Zitiert nach Ringleben: Heilsgewissheit, S. 66. Dort zitiert nach KNA-Basisdienst (25.6.1998), Präzisierungen Nr. 3.
8 Joachim Bär: Heilsgewissheit.
Foto: Klaus Straßburg.

danke für diese weitere ausführliche Übersicht zu einem theologisch wohl wichtigen Thema, insbesondere unter Berücksichtigung anderer Konfessionen.
Gewissheit halte ich für einen Begriff, der ein subjektives Element enthält. Damit ist er individuell und aus meiner Sicht nicht sinnvoll dogmatisierbar.
Wenn ich bereits hinsichtlich Gottes, seiner Existenz, seines Wesens und seiner Wirkungen keine vollständige Gewissheit haben kann (vgl. 1. Kor 13, 12), dann erübrigen sich solche 100-Prozent-Annahmen hinsichtlich weiterer Details, die bereits ein bestimmtes Gottesbild voraussetzen, von vornherein. Das gilt entsprechend auch für die Heilsgewissheit.
Die katholische Position, so wie du sie hier beschreibst, wirkt auf mich logischer und schlüssiger. So etwas passiert mir übrigens nicht zum ersten Mal. Und ich habe erneut den Eindruck, dass die Reformation und ihre theologischen Ansätze eine Reaktion auf bestimmte Fehlentwicklungen in der katholischen Kirche waren, aber davon unabhängig gesehen keineswegs besser sind.
Schließlich und endlich: Wenn, grob gesagt, die Hälfte der Theologen davon ausgeht, dass es eine Heilsgewissheit gibt, die andere Hälfte diese Heilsgewissheit aber verneint, dann ist das zusammenfassende Resultat für mich als Außenstehenden, dass Ungewissheit besteht.
Viele Grüße
Thomas
es ist tatsächlich in beinahe allen theologischen Fragen so, dass es unterschiedliche Meinungen dazu gibt. Das kann eine bedrückende Erkenntnis sein, aber auch eine befreiende. Sie erinnert uns nämlich daran, dass wir die Wahrheit Gottes nicht "besitzen" und vor allem ein Einzelner sie nicht "besitzt", und dass auch der Glaube und die Gewissheit keine Dauerzustände sind. Du weist ja schon auf 1Kor 13,12 hin. Dennoch kann Paulus auch sagen: "Ich bin gewiss ..." (wörtlich: "Ich bin überzeugt ...") (Röm 8,38) oder "Wir wissen ..." (Röm 8,28), und zwar im Zusammenhang mit dem Wirken des Geistes Gottes in uns (Röm 8,26f). Demnach kann es im Glauben Gewissheit dadurch geben, dass der Geist sie dem Glaubenden schenkt. Das ändert aber nichts daran, dass der Einzelne sich irren oder eines Besseren belehrt werden kann. Darum ist er auf den Austausch mit den anderen Glaubenden (Paulus würde sagen: mit der Gemeinde, heute können wir sagen: mit der weltweiten Christenheit) angewiesen.
Vielleicht kann man es so ausdrücken: Wir leben in dieser Welt immer zwischen Erkenntnis und Irrtum, Gewissheit und Unwissenheit, Glaube und Zweifel, Verstehen und Nichtverstehen Gottes - und zwar nicht als bleibende Zustände, sondern schwankend zwischen dem einen und dem anderen. Wir sollten uns dieser unserer Unwissenheit und Irrtumsmöglichkeit immer bewusst sein, aber uns nicht auf sie konzentrieren oder an ihr "festbeißen". Besser wäre es wohl, dass man sich über das freut, dessen man gewiss ist, was man meint erkannt zu haben, was man glauben und verstehen kann. Und dennoch sollten wir offen bleiben für neue Erkenntnisse und Gewissheiten, die uns geschenkt werden, also auch dafür, gewohnte und liebgewonnene Erkenntnisse und Gewissheiten zu revidieren. Und das alles in der Freiheit, die um die eigene Unzulänglichkeit weiß und zugleich der gnädigen Annahme durch Gott gewiss ist.
Gewissheit kann immer wieder in Frage gestellt, das Geglaubte bezweifelt werden, das Verstandene kann sich verdunkeln und das Erkannte sich als Irrtum erweisen. Das ist sozusagen "der real existierende Glaube". Aber dadurch werden Ungewissheit und Zweifel nicht zu etwas Erstrebenswertem oder einer theologischen Tugend. Sie sind und bleiben etwas möglichst zu Überwindendes, und zwar durch das Gespräch mit anderen, durch immer neues Nachdenken, durch die Fähigkeit, das Wahrheitsmoment im Andersdenkenden wahrzunehmen und vor allem durch das Gebet um den heiligen Geist, der uns in alle Wahrheit leiten kann (Joh 16,13a).
Viele Grüße
Klaus
deine Definition – Punkt 8 – trifft nicht zu.
Wer den Geist erhielt weiß dies. Er lebt mit und in der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, darum leitet Gott alles Schritte/Begegnungen dieser Person! Wie die Menschen darauf reagieren, liegt in deren PERSÖNLICHEN Verantwortung!
Grüße Johanne, 25.5.25
das sehe ich auch so: Wie die Menschen auf Gottes Geist reagieren, liegt in ihrer persönlichen Verantwortung. Leider reagieren sie (wir alle!) nicht immer so, wie sie es sollten. Ich habe in Punkt 8 nichts Gegenteiliges behauptet.
Grüße Johanne
Ich habe mit großem Interesse gerade die Ausführungen zum Thema Heilsgewissheit gelesen. Ich bin mittlerweile zu der Ansicht gelangt, dass alle Theologien in Worte gepresste Gottesbilder sind. Und jeder, der eine andere Ansicht hat, vertritt diese mit dem frommen Hintergedanken: ich glaube besser als der andere! Nach den Ausführungen zur orthodoxen Kirche im letzten Newsletter habe ich festgestellt, dass wir Christen lernen müssen, was Jesus sagt: an der Liebe wird die Welt erkennen, dass ihr meine Jünger seid. Leider sind alle Kirchen und Gemeiden lieber mit Grabenkämpfen über den richtigen Glauben beschäftigt als Jesu Auftrag auszuführen: Zeugen seiner Liebe zu sein.
Danke für die tiefgründigen Worte, die uns immer wieder zum Nachdenken und Besinnen auf Jesu Liebe bringen. Und die zeigen, dass alles Erkennen Gottes nur Stückwerk ist. Paulus formuliert das so: ich schaue in einen Spiegel und erkenne nur schemenhaft, wenn ich aber bei Gott bin werde ich alles erkennen und keine Fragen mehr haben.
Viele Grüße
Andreas
vielen Dank für deinen ehrlichen und nachdenkenswerten Kommentar. Ich kann dir vollständig zustimmen. Die Paulusstelle, an die du am Ende erinnerst, habe ich auch schon oft zitiert.
Natürlich sollte man nicht Theologie treiben mit dem Hintergedanken, dass der eigene Glaube besser oder wahrer sei als der des Mitchristen. Andererseits geht es ja immer um die christliche Wahrheit, die man nicht verschweigen soll, sondern um die im Dialog mit den Mitchristen gerungen werden muss. Es ist sicher eine Gratwanderung, das, was man als Wahrheit erkannt zu haben meint und wovon man überzeugt ist, zu vertreten und zugleich dem Andersdenkenden nicht rundweg die Wahrheit abzusprechen. Das geht nur mit einer gehörigen Portion Selbstkritik und, wie du schreibst, mit der Liebe. Ich versuche in meinen Texten, andere Theologien und Konfessionen mit Liebe darzustellen und hoffe, dass mir das meistens gelingt. Wo nicht, bitte ich das zu entschuldigen.
Viele Grüße
Klaus