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Freude im Angesicht des Todes?

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Veröffentlicht von in Theologie zum Weiterdenken · 27 Juli 2022
Tags: LeidFreudeLebenTodGlaubeZweifelAlterHoffnungEwigkeit

T h e o l o g i e   z u m   W e i t e r d e n k e n
Freude im Angesicht des Todes?
Der Schriftsteller Martin Walser und der Theologe Jürgen Moltmann
über das Leben und die Erwartung einer Erlösung
Klaus Straßburg | 27/07/2022

Die Alten müssten es doch wissen: Worauf kann man sich freuen, wenn das Leben kurz vor dem Ende steht? Oder auch wenn ein Ende, eine Hoffnungslosigkeit schon früh im Leben begegnet? Zwei ausgesprochen Alte, heute 95 und 96 Jahre alt, geben Antwort.


1. Martin Walser

Die Wochenzeitung DIE ZEIT hat den Schriftsteller Martin Walser (95 Jahre alt), der in seinen Büchern immer wieder religiöse Fragen angesprochen hat, gefragt: Worauf freuen Sie sich nach dem Tod?*

Walsers Antwort überrascht. Von Freude ist in seinem Text nicht die Rede. Eher vom Elend des Lebens, besonders des Altseins. In einer Reihe von Gedankenblitzen und Metaphern lotet der Schriftsteller die Beschwernisse des Alters aus. Wenn man es ernst nimmt, vergeht einem die Lust, alt zu werden.

Abschied auf jeder Seite,
jede Bewegung Flucht,
Fluch aller Weite,
gesucht wird die Schlucht.

Glaubt keinem, der über das Altwerden und Altsein spricht. Er lügt. Keiner kann die Wahrheit sagen über das Altwerden und das Altsein: Es ist zu scheußlich. Je älter man wird, desto mehr muss man lügen.

Am Anfang ist jeder ein reicher Bettler. Am Ende ein armer Fürst, der durch Hallen tanzt mit seinem Partner Tod.

Wer über den Tod nachdenkt, muss das Leben kennen. Der 95-Jährige lehrt uns, was Leben ist: der Weg vom Reichen, der nichts hat, zum Armen, der alles hat. Anders gesagt: Alle Habe nützt uns nichts, weil wir als Arme enden.

Das Armwerden beginnt bereits mit der Geburt. Wir sterben von der ersten Minute unseres Lebens an. Der letzte Partner, mit dem wir tanzen müssen, ist der Tod.

Wir sind ein Geschmier und kennen den Schmierer nicht. Die meisten nennen ihn Gott.

Hingeschmiert sind wir also. Wir haben es uns nicht ausgesucht. Niemand wurde gefragt, ob er geboren werden will. Einer hat uns in diese Welt geschmiert. Die meisten nennen ihn Gott.

Nichts von "und es war sehr gut". Der Alte, Erfolgreiche blickt zurück und erkennt, was er ist: ein Geschmier.

Und dennoch gibt es das Schöne, das Gute. Man muss es nur lesen. Aber wir lesen es nicht.

Jeder Tag ist ein Gedicht, das wir aus Unachtsamkeit nicht lesen. Geschichte tobt. Es übt ein Klavier. Wir hängen zum Trocknen im Wind und klingen, solang die Hände noch beten.

Unachtsam nehmen wir das Schöne und Gute nicht wahr. Vielleicht aber kann aus dem nassen, faltigen Geschmier noch etwas Trockenes, Farbiges werden, ein schöner Klang – wenn die Hände noch beten.

Beim Beten geht der Blick weg – weg von der Schlucht, der Lüge, dem Fluch, der Armut. Aber wer kann noch beten?

Hart geworden, splittern unsere Zungen, wenn sie beten müssten. Aus den Augen strömen Schmutz und Asche. Unglücksvulkane sind wir.

Die Worte fehlen, die Zunge zersplittert, die Augen weinen Übel und Tod. Ein Vulkan will ausbrechen, das Feuer des Lebens, aber es gefriert in der Kälte des Todes zum Unglück. Kälte statt Kraft.

Wohin soll ich mich drehen, dass etwas ins Vorstellungsfeld geriete, was mir helfen könnte? Die Widerlegung alles bisher Erfahrenen erwarte ich. Die Erlösung.

Es gibt keine Flucht aus dem Unglück, außer dass dieses Leben widerlegt wird. Erlösung: Das ist die Befreiung vom Leben. Was für ein Wort! Nichts davon zu sehen, zu fühlen, zu schmecken. Nur ein Wort: Erlösung. Das Leben schreit danach. Aber es muss sich widerlegen lassen.

Wer nicht weiß, wovon er erlöst werden muss, hat noch nicht erfasst, was Leben ist.

Wie konnte man tändeln damals am Ufer der Gewissheit, die's nicht gibt.

Gewissheit entpuppt sich als Illusion. Man hielt sich für stark, unbesiegbar. Aber auch die Gewissheit einer Erlösung ist vom Zweifel durchsetzt. Es gibt keine fraglose Gewissheit, es gibt nur dieses Wort: Erlösung. Wir tanzen weiter mit dem Tod, und niemand weiß, was danach kommt. Das Leben, das nach Erlösung schreit, beraubt uns zugleich ihrer Gewissheit.

Manchen jedoch ist Gewissheit geschenkt: Sie erwarten die Widerlegung alles Erfahrenen.

Ich bin ausgelaufen, danach vertrocknet, hat mich jemand aufgewischt, war's Gott.

Damit endet Walsers Antwort auf die Frage, worauf er sich freue nach dem Tod. Von Freude ist nicht die Rede. Mag sein, dass das Geschmier aufgewischt wird. Auch das bleibt offen. Er behauptet es nicht, er schließt es aber auch nicht aus – wenn das letzte Wort "Gott" ist.

Walser präsentiert uns einen Blick auf das Leben, der von den Beschwernissen des Alters geprägt ist; eine ungeschönte Sicht auf unser Leben und auf die Qualen des Altseins. Man mag dieser Sicht widersprechen, sie für zu pessimistisch halten. Sie birgt aber Wahrheiten, die von vielen in der lustbetonten Wohlstandsgesellschaft verdrängt werden und die sich vielleicht erst in den Qualen des Alters unübersehbar nach vorne drängen.


2. Jürgen Moltmann

Walsers Text hat mich angeregt, einen anderen sehr Alten zu befragen: den evangelischen Theologen Jürgen Moltmann (96 Jahre alt). Er hat im Jahr 2020, also mit 94 Jahren, ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Auferstanden in das ewige Leben". Da mir das Buch selbst nicht zur Verfügung steht, beziehe ich mich auf eine Rezension, aus der auch alle dem Buch entstammenden Zitate entnommen sind (in Klammern Seitenzahlen).**

Moltmann führt die Frage nach dem ewigen Leben auf die Freude am irdischen Leben zurück:

"Aus der Freude am geliebten und gelebten Leben fragen wir nach der Fülle des Lebens und nennen sie ewiges Leben" (11).

Aber wie gelangt man zu dieser Freude, wenn das Alter da ist oder das Leben, so wie es ist, uns die Freude raubt? Überspringt der Theologe flugs die Wirklichkeit, jedenfalls ihre unerfreulichen Seiten, um einen Anhaltspunkt für das ewige Leben zu haben?

Wer zu laut von der Freude des Lebens spricht, stößt diejenigen ab, denen das Reden von Freude im Hals stecken bleibt. Und wer die Freude des Lebens unterschlägt, stürzt sich selbst und andere unweigerlich in die Depression.

Die Auferstehung Jesu Christi (15-39) nimmt ihren Ausgang in der gekreuzigten Hoffnung der Jünger und im gestörten Weltvertrauen, ihrem namenlosen Entsetzen am Grab (15, 17).

Wie selbstverständlich redet der Theologe von Auferstehung und ewigem Leben. Doch er weiß, dass es auch Anderes gibt: den Niedergang, das ungelebte Leben, den Tod.

Das ewige Leben, die Fülle des Lebens, setzt voraus eine gekreuzigte Hoffnung, ein namenloses Entsetzen, ein gestörtes Weltvertrauen – also unser aller Leben. Wie viele unserer Hoffnungen sind hingerichtet worden, wie viel unverstandenes Entsetzen gab es, wie viel Vertrauen in die Welt, in das Leben ging verloren? Und wie kann man zu neuer Freude finden, zu einer ewigen Freude gar, wenn der, der uns geschaffen hat, uns so viel Entsetzen und Verlust zumutet?

Jesu Gottverlassenheit am Kreuz bedeutet, dass er bei uns ist in unserer umfassenden Gottlosigkeit und Gottverlassenheit.

Jesus wurde gekreuzigt wie ein Gottloser und erlebte es, von Gott verlassen zu sein. Er kennt unsere Gottlosigkeit und Gottverlassenheit, weil er sie am eigenen Leib erfahren hat. Er war kein vom Leid der Welt unberührter Gott, keiner, der seinen Weg heroisch und ohne Kenntnis der Schmerzen ging, so wie die Helden der Welt es zu tun scheinen. Er nahm das menschliche Geschick – unser Geschick – auf sich. Darum kennt er unsere Verzweiflung, unsere Einsamkeit und religiöse Verlassenheit.

Moltmann geht davon aus, dass der nachösterliche Glaubensmut der Gruppe von Jüngern in Jerusalem nur aus ihrem Erleben begründet werden kann: "Die einzige Antwort, die mir einleuchtet, war ihre Überzeugung von der Auferstehung Jesu und von ihrer eigenen Auferstehung mit ihm" (38).

Der Glaubensmut der Jünger, deren Lebenssinn dahin war, die jede Hoffnung verloren hatten, deren Leben nur noch ein Geschmier war, Abschied auf jeder Seite, jede Bewegung Flucht – dieser Glaubensmut ist unerklärlich. Es gibt solche Menschen, die alles verloren haben, die sich wie ein Geschmier fühlen, auch heute. Und es gibt das Unerklärliche: Aus dem Tod ersteht Glaubensmut – woher eigentlich? –,  ersteht eine Überzeugung, eine Gewissheit, dass es trotz allem eine Fülle des Lebens gibt – eine Erlösung.

Kann man etwas sagen über die Gestalt dieser Erlösung?

"Im Reich Gottes durchdringen sich der Himmel und die Erde. In der Freude Gottes berührt uns die Erde und öffnet sich der Himmel für uns. Der Himmel wird irdisch und die Erde wird himmlisch" (64).

Moltmann spricht von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, die sich nicht mehr, wie Himmel und Erde jetzt, entgegenstehen, sondern sich gegenseitig durchdringen. In der Gegenwart Gottes haben wir teil an Gottes Freude über einen irdischen Himmel und eine himmlische Erde.

Das Reden über die Gestalt des ewigen Lebens ist nur in Bildern möglich. Deutlich ist aber, dass das ewige Leben weder eine Fortsetzung des irdischen Lebens ist noch ein Neueinsatz ohne Bezug zum irdischen Leben. Vielmehr: Leid und Tod gehen voran; ohne sie ist das ewige Leben nicht zu haben.


3. Zwei Glaubensweisen

Wie unterschiedlich diese beiden alten Männer doch auf das Leben und die Erlösung blicken! Der eine redet wortgewaltig in Bildern von unaussprechlichem Elend, das unter die Haut geht und den Glauben in Zweifel stürzt, und er kommt gleichwohl nicht vorbei am Wort "Erlösung" und am letzten Wort "Gott". Das Leben, gerade das verzweifelte, schreit danach. Es kann nicht aufhören zu schreien – und zu zweifeln.

Der andere redet sachlich mit scheinbarer Gewissheit von der Freude am Leben, von der er herkommt und an der er festhält trotz des Kreuzes von Golgatha und der unzähligen, die ihm folgten, trotz der Verluste jeglicher Hoffnung, der Vernichtung alles Vertrauens, des Entsetzens an den Gräbern; hält fest an dem Gott, der uns verlässt, den wir loslassen und an den wir uns dennoch klammern; hält fest an der Überzeugung, die nur eine verzweifelte sein kann, dass dieses Leben nicht das letzte, das einzige ist, sondern dass ein irdischer Himmel, eine himmlische Erde mit einem Gott der Freude unser wartet.

So reden sie doch beide vom Schweren, Unerträglichen, Bezweifelbaren und zugleich vom Erhofften, Geglaubten, Erlösenden. Sie reden davon, wenn auch mit unterschiedlicher Stimme. Das mag unterschiedlicher Lebenserfahrung im Alter entsprechen oder einem unterschiedlichen Naturell: der eine eher tiefschürfend-erschrocken, der andere eher träumend-hoffnungsvoll.

Es mag auch aus unterschiedlich starkem Vertrauen kommen: Der eine eher zweifelnd, der andere eher gewiss. Und doch sind Glaube und Zweifel in beiden. Denn es gibt keinen Glauben ohne Zweifel, und ein Zweifel ohne Glauben wäre kein Zweifel, sondern Wissen.

Beides, Glaube und Zweifel, begleiten diejenigen, die keine Wissenden sind; die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, die noch nicht eingestimmt haben, noch nicht einstimmen konnten in ein Leben, das nur die banale Diesseitigkeit kennt, in der jede Bewegung Flucht und kein Tag mehr ein Gedicht ist.

Darum auch gibt es unterschiedliche Glaubensweisen – und unterschiedliche Antworten auf die Frage, worauf (und auf welche Weise) man sich freuen kann im Angesicht des unweigerlich kommenden Todes.


* * * * *


*    Siehe DIE ZEIT vom 21. Juli 2022, S. 45.
**  Rezension von Pfarrer Dr. Jochen Eber auf AfeT Rezensionen zu dem Buch von Jürgen Moltmann: Auferstanden in das ewige Leben. Über das Sterben und Erwachen einer lebendigen Seele. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2020.

Foto: Klaus Straßburg





2 Kommentare
2022-09-23 10:36:11
Ich bedanke mich sehr für Deinen tollen Post;)
2022-09-23 12:28:22
Vielen Dank, Zou, und vielleicht hören wir öfter voneinander!

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