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Freiheit durch Bindung

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Veröffentlicht von in Theologie verständlich · 2 Juni 2023
Tags: FreiheitGeboteLiebeLeidTod

Freiheit durch Bindung
Wie der christliche Glaube uns befreit
Klaus Straßburg | 02/06/2023

Erfülltes Leben gibt es nur als verbindliches. Wer unverbindlich hin und her schwankt, wem nichts "heilig", nichts der letzten Hingabe würdig ist, der wird keinen Sinn in seinem Leben finden und schließlich in bewusst oder unbewusst verzweifelter Weise bloß vegetieren anstatt hingebungsvoll und von seiner Aufgabe erfüllt zu leben.

Aber wie, so stellt sich sogleich die Frage, kann Bindung mit dem höchsten Gut des modernen Menschen, nämlich der Freiheit, zusammenkommen? Herrscht hier nicht ein unüberwindlicher Widerspruch? Und gilt dieser Widerspruch nicht besonders für die Bindung an das Wort Gottes, das absoluten Gehorsam fordert, so dass der sich dem Gehorsam hingebende glaubende Mensch niemals zugleich ein freier Mensch sein kann?


1. Freiheit und innerer Zwang

Merkwürdig genug, dass der Apostel Paulus keinen Widerspruch zwischen Bindung und Freiheit zu sehen scheint. Er weiß um die Freiheit des Glaubens, erlebt sein Verkündigen aber zugleich als einen inneren Zwang (1Kor 9,16):

Wenn ich das Evangelium verkünde, habe ich keinen Ruhm. Denn ein Zwang liegt auf mir. Denn wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!

Noch deutlicher hat fast 700 Jahre zuvor der Prophet Jeremia von der unerträglichen Qual gesprochen, die ihn überfällt, wenn er das Reden im Namen Gottes verweigert (Jer 20,7-9):

Du hast mich betört, o Herr, und ich habe mich betören lassen; du hast mich ergriffen und überwältigt. Ich bin zum Gelächter geworden den ganzen Tag, jeder spottet über mich. Sooft ich rede, muss ich aufschreien; "Unrecht! Gewalttat!" muss ich rufen. Denn das Wort des Herrn ist mir zur Schmach und zum Hohn geworden den ganzen Tag. Sage ich mir aber: "Ich will seiner nicht mehr gedenken, will nicht mehr reden in seinem Namen", dann wird es in meinem Herzen wie brennendes Feuer, eingeschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühe mich ab, es zu tragen, und vermag es nicht.

Der Hohn und Spott, den der von Gott überwältigte und im Namen Gottes redende Prophet über sich ergehen lassen muss, ist ihm erträglicher als das Verstummen. Kann man da noch von Freiheit sprechen? Ist der sich Gott hingebende Mensch nicht Inbegriff einer schwachen Seele, die sich einem unterdrückenden Machthaber, einer unüberwindlichen Autorität willenlos ausliefert?

Prophet und Apostel haben es offenbar anders erlebt. Sie mussten tun, was sie taten; denn sie taten, was in ihnen war; wozu ihr Innerstes sie getrieben hat. Sie waren sie selbst, als sie ihr Wort sprachen – nein, das aussprachen, was Gott in sie hineingelegt hatte. Außen und Innen, von außen auf sie Kommendes und von innen aus ihnen Wachsendes waren beim Propheten und Apostel nicht mehr zweierlei, sondern waren zur Einheit untrennbar zusammengebunden. Hätten sie verschwiegen, was von außen über sie gekommen ist und von innen her aus ihnen herausdrängte, so hätten sie sich gegen Gott aufgelehnt, indem sie ihr Innerstes leugneten, und gegen sich selbst, indem sie Gott leugneten. Sie hätten sich nicht nur von Gott entfremdet, sondern ebenso von sich selbst, wären sich selbst fremd geworden, hätten ihre Seele verraten. Dieser Schmerz wäre unerträglich gewesen.


2. Freiheit im Bund Gottes mit uns

Darum haben sie ausgesprochen, was Gott in einem neuen Bund mit Israel ihnen ins Herz geschrieben hatte: die Weisungen Gottes, die ihnen nichts Fremdes, Äußeres, von außen ihnen Aufoktroyiertes waren, kein Gesetz, dem man zu folgen genötigt war, indem man den eigenen Willen unterdrückte, sondern Gedanken und Worte, die mit unwiderstehlicher Macht aus tiefster Seele hervorquollen und in die Freiheit des Aussprechens drängten und deren Drang sie sich weder widersetzen konnten noch wollten. Denn so hatte Gott in seiner unermesslichen Güte gesprochen (Jer 31,33):

Das ist der Bund, den ich [...] mit dem Hause Israel schließen will, spricht der Herr: Ich werde meine Weisung in ihr Inneres legen und sie ihnen ins Herz schreiben; ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.

Soweit die Verheißung. Ihr folgt die Erfüllung, solange der Mensch sich dem inneren Drang nicht widersetzt; solange er das lebt, was zu leben seine Bestimmung ist. Aber der Mensch hat seine eigenen Vorstellungen davon, was ihm bestimmt sei. Er kann sich dem, was in ihm ist und in die Freiheit drängt, entgegenstellen, kann seine inneren Antriebe ignorieren und überschreiben durch andere Antriebe, die dann scheinbar sein ursprünglich Innerstes sind. Schlimmer noch: Er kann die Überzeugung gewinnen, dass das, was in ihn gelegt ist, gar nicht existent sei, dass es eine Illusion sei, ein Hirngespinst, das seiner Freiheit im Weg stehe. Er kann das alles tun im Namen seiner Autonomie. Und er tut es immer wieder.

Unter Freiheit versteht er dabei die Wahlfreiheit seines Willens. Doch verdrängt er die Frage, wer oder was seinen Willen eigentlich bestimmt. Ist der Wille wirklich frei? Oder unterliegt er Mächten und Gewalten, die ihn bestimmen, ohne dass der Mensch sich ihrer bewusst wird?

Angesichts dieser Fragen kommt zutage, dass der Mensch niemals eine tabula rasa ist, ein unbeschriebenes Blatt, sondern dass er immer schon von etwas herkommt, was ihn prägt und beeinflusst, und dass er zeitlebens Einflüssen ausgesetzt ist, die ihn drücken und ziehen, die an ihm arbeiten und sein Wollen zumindest mitbestimmen. So steht er beständig im Gedränge der an ihn herangetragenen Ansprüche und im Kampf darum, in diesem Gedränge er selbst zu bleiben. Wer aber spricht das Urteil darüber, ob er in diesem Kampf bestanden hat oder nicht? Kann der Mensch über sich selbst das Urteil sprechen?

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir eingestehen: Er kann es nicht. Er weiß nicht, wer oder was ihn treibt, und es bleibt ihm verschlossen, von welchen Mächten sein Wille, den er fälschlich als frei erachtet, getrieben und gedrängt wird. Sein Herz kann gute oder böse Geister beherbergen, sein Wollen kann vom Guten oder vom Bösen getrieben sein. Und in des Menschen Selbsterkenntnis kann das Gute böse und das Böse gut erscheinen.

So kann der Freispruch nur durch Gott erfolgen. Es ist der unwiderrufliche Freispruch für uns, die wir das uns ins Herz geschriebene Gute nicht wollen. Dieser Freispruch bedeutet Freiheit in aller Unfreiheit des Wollens. Diese Freiheit ist keine durch eigene Wahl hervorgerufene, sondern eine durch unendliche Liebe gewonnene Freiheit. Diese Liebe macht denjenigen Menschen frei, der sich bedingungslos an sie bindet, der sich durch sie, was immer auch geschehen mag, anerkannt und angenommen weiß. Es ist der Mensch, der dem Liebeswort Gottes traut, der auf die Treue dieses Gottes setzt, darauf, dass nichts ihn von dieser Liebe trennen kann, weder Hohes noch Tiefes, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Tod noch Leben, weder Mächte noch Gewalten und auch er selber nicht. Dessen war der Apostel Paulus gewiss (Röm 8,38f).


3. Stationen auf dem Wege zur Freiheit

Dieses Vertrauen auf eine unauslöschliche Liebe birgt in sich die Freiheit, Berge zu versetzen (Mk 11,23). Denn dieses Vertrauen scheut weder Tod noch Leben, um die Liebe, die im Herzen des Menschen Wohnung genommen hat, in die Welt zu tragen. Der geliebte Mensch kann von seinem Geliebt-sein nicht schweigen. Er lebt fortan dem Gott, der ihn über alles liebt, und gibt sich dessen Willen hin, ohne dabei etwa seinen eigenen Willen aufzugeben, trägt er doch Gottes Willen in seinem Herzen und will nichts anderes, als in freiem Gehorsam sich diesem Willen hingeben.

Darum hat Dietrich Bonhoeffer in einem Gedicht vier "Stationen auf dem Wege zur Freiheit" genannt: Zucht, Tat, Leiden und Tod. Der sich für autonom haltende Mensch wird weder Zucht noch Leiden und Tod mit Freiheit in Verbindung bringen. Diese Stationen vertragen sich nicht mit der angestrebten, doch nie erreichten Wahlfreiheit. Es sind Wegmarken auf einem anderen Weg – auf dem Weg in die Freiheit des unauslöschlichen Geliebt-seins [1].


a) Zucht

Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem
Zucht der Sinne und deiner Seele, dass die Begierden
und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen.
Keusch sei dein Geist und dein Leib, gänzlich dir selbst unterworfen
und gehorsam, das Ziel zu suchen, das ihm gesetzt ist.
Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht.

Die Freiheit erlangt man nicht durch autonome Wahl des Weges, sondern durch die Hingabe an den, der das Ziel und damit auch den Weg für uns gesetzt hat. In solcher freien Hingabe zu leben vermag der Mensch, der, wie Bonhoeffer in seinem bekanntesten Gedicht formulierte, sich "von guten Mächten wunderbar geborgen" weiß und deshalb "getrost erwarten" kann, "was kommen mag".

Wer in dieser Weise Geborgenheit bei Gott erfährt, kann sich ihm in Zucht – wir würden heute Disziplin oder Selbstbeherrschung sagen – und in Keuschheit hingeben. Unter Keuschheit versteht Bonhoeffer keinen "Verzicht auf Lust, sondern eine Gesamtausrichtung des Lebens auf ein Ziel" [2]. Weder die hierhin und dorthin treibende Richtungslosigkeit noch die auf kurzfristige Belustigung ausgerichtete Zerstreuung führen zur Freiheit, sondern die disziplinierte Selbstkontrolle, die Freude und Sinn darin erfährt, das Ziel des Lebens konsequent zu verfolgen.


b) Tat

Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,
nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,
nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.
Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens,
nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,
und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.

Noch einmal wird der Finger in die Wunde des Schwankens gelegt, das sich nicht festlegen mag und im Beliebigen sich aufhält, niemals sich bindet, niemals sich konzentriert und deshalb auch niemals bei sich selbst ist, nämlich bei dem, was als das Rechte erkannt worden ist. Nur im Wagnis, das jedes Tun mit sich bringt, beginnt der Mensch wirksam und wirklich zu werden und entsagt er dem Schweben im Unwirklichen, Abstrakten, Ideologischen, im Möglichen, das niemals zur Wirklichkeit drängt.

Diese Tat freilich ist nicht das simple, ungestörte, scheinbar selbstverständliche Tun, das sich der Stimmung, dem Zeitgeist, dem Erfolg ausliefert, sondern sie ist das tapfere Heraustreten in den Sturm des Geschehens, in den Kampf um das Rechte; sie ist der Einsatz für die Gebeutelten, Erniedrigten, ihrer Würde Beraubten, die zu Opfern einer das Leben verfehlenden "Kultur" gemacht wurden.

Dem Sturm, den ein solches Tun auslöst, dem Kulturkampf, der angesichts dieses Tuns anhebt, kann sich nur stellen, wer sich konsequent bestimmen lässt von dem von Gott Gebotenen, von seinen das Leben preisenden Weisungen, und wer sich getragen weiß von der Gewissheit des durch nichts ihm zu nehmenden Geliebt-seins. In diesem Geliebt-sein erfährt der dem Sturm Ausgesetzte seine Freiheit.


c) Leiden

Wunderbare Verwandlung. Die starken, mächtigen Hände
sind dir gebunden. Ohnmächtig, einsam siehst du das Ende
deiner Tat. Doch atmest du auf und legst das Rechte
still und getrost in stärkere Hände und gibst dich zufrieden.
Nur einen Augenblick berührtest du selig die Freiheit,
dann übergabst du sie Gott, damit er sie herrlich vollende.

Das Tun des Rechten führt nicht zwingend zum Erfolg, sondern verwandelt sich oft genug in Leiden, doch in wunderbarer Weise. Das Ende unserer Taten ist schnell erreicht im Ansturm der Widerstände, die sich in Lüge, Verführung und Machtmissbrauch durchsetzen. So erfahren wir unsere engen Grenzen.

Und dennoch ist diese Verwandlung des Tuns in Leiden eine wunderbare, die aufatmen lässt: Das Rechte kann getrost in stärkere Hände gelegt werden, in Hände, die unmerklich wirken und sich sogar durch Lüge und Gewalt nicht aufhalten lassen, im Gegenteil durch sie und gegen ihre ureigene Intention sich durchsetzen. So vollenden Gottes Hände, was durch unsere unvollendet bleiben muss. Die Hoffnung darauf führt zum inneren Frieden, wenn auch der äußere verloren geht, und in die Freiheit, wenn auch die Gefangenschaft einer ganzen Gesellschaft zur Herrschaft kommt.

Freiheit ist nicht Aufgeben der Hoffnung angesichts der eigenen Begrenztheit und Schwäche, sondern Abgeben des Erhofften in stärkere Hände, damit diese die Freiheit herrlich vollenden. Bonhoeffers Werk hat diese Vollendung wie kaum ein anderes erfahren. Was im Gefängnis geschrieben wurde, in seinem Kampf zwischen Widerstand und Ergebung, was auf seine Ermordung hinauslief, das hat in die Welt hinein gesprochen, hat Millionen bewegt und bewegt sie bis heute. Was von diesem Theologen, der in den Sturm des Geschehens tapfer hinausgetreten war, vor seiner Inhaftierung geschrieben wurde vor hundert Jahren, was mit seinem Tod leicht hätte in Vergessenheit geraten können, das ist herrlich vollendet worden zur Freiheit eines weltweiten Weiterwirkens.


d) Tod

Komm nun, höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit,
Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern
unsres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele,
dass wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen missgönnt ist.
Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden.
Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.

Der Tod scheint die Vernichtung aller Freiheit zu sein, ist er doch die Macht, die uns aller Möglichkeiten beraubt und all unserem Wollen und Tun ein Ende setzt. Für Bonhoeffer ist der Tod jedoch geradezu das Gegenteil, nämlich das höchste Fest auf dem Wege zur Freiheit, die nun eine ewige ist. Weder beraubt der Tod noch setzt er ein Ende, vielmehr beschenkt er und vollendet, was auf Erden begonnen hat.

Die Freiheit, die in Zucht, Tat und Leiden gesucht wurde, entblößt sich als eine zeitlich begrenzte, angreifbare und verlierbare Freiheit, und so sehnt sich der glaubende Mensch nach der himmlischen, unverlierbaren, von der jene nur ein unzulängliches Abbild ist, sehnt sich nach der Freiheit, in welcher nichts mehr Gott und Mensch, Mensch und Mensch, Mensch und Kreatur voneinander entfremdet und trennt.

Bezeichnenderweise ist es gerade der Tod, der alles diesseitig Beschwerliche, Vergängliche und Verblendete aufbricht, das uns gefangen hält, der die Mauern einreißt, an denen unsere Anstrengungen und Hoffnungen zerschellen, und der unserem getrübten Blick die unendliche Weite eröffnet, die ihm auf Erden fehlt, auf dass wir, sterbend, im Angesicht des unendlich liebenden Gottes in Vollkommenheit erkennen, was wir immer schon suchten: die ewige Freiheit.


4. Schluss

Freiheit in Zucht, Leiden und Tod zu erfahren, widerspricht dem Lebensgefühl des modernen Menschen. Lediglich die Tat könnte er als Freiheitsakt begreifen, verdrängt dabei aber ihre Begrenztheit und Vorläufigkeit. Echte Freiheit aber gibt es nicht ohne Selbstüberwindung, Anfechtung, Kampf und Leidensbereitschaft, die vielmehr die unumgänglichen Stationen auf dem Weg zur Freiheit sind.

Wer glaubt, er sei bindungslos frei, ist gerade in diesem Glauben unfrei. Die in die Freiheit führende Bindung besteht in der Gewissheit, unzweifelhaft gewollt, unverlierbar anerkannt und unendlich geliebt zu sein. Jedes Kind, das von der Liebe seiner Eltern lebt, weiß um diese Freiheit; dem tätigen, machtbewussten, sich die Verschiebung aller Grenzen zum Ziel setzenden Menschen aber ist sie in Vergessenheit geraten. So ringt er zeitlebens um eine Freiheit, die keine ist, ihn vielmehr immer tiefer in der Unfreiheit sich verstricken lässt.

Frei ist, wer bewusst in der Bindung des unendlichen Geliebt-seins lebt. Es ist, weil kein Mensch zuverlässig, treu und unvergänglich lieben kann, die Bindung an den ewigen Gott.


* * * * *


[1] Alle Zitate des Gedichtes aus: Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. Herausgegeben von Eberhard Bethge. Neuausgabe. Christian Kaiser Verlag, 3. Aufl. München 1985. S. 403. Die Sinnabschnitte, die ich hier durch jeweils neue Zeilen dargestellt habe, sind bei Bonhoeffer, wohl aus Mangel an Papier im Gefängnis, lediglich durch Schrägstriche voneinander abgesetzt. Die Zwischenüberschriften entsprechen den Überschriften, die Bonhoeffer über die jeweiligen Strophen setzte. Die Orthographie habe ich an die neue deutsche Rechtschreibung angepasst.
[2] Widerstand und Ergebung, S. 408.

Weitere verwendete Literatur:
Gerhard Ebeling: Frei aus Glauben. Sammlung gemeinverständlicher Vorträge und Schriften aus dem Gebiet der Theologie und Religionsgeschichte (SgV). Nr. 250. Verlag J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1968.

Foto: Gerd Altmann auf Pixabay (bearbeitet).




4 Kommentare
Michael Kröger
2023-06-05 20:47:48

"Die in die Freiheit führende Bindung besteht in der Gewissheit, unzweifelhaft gewollt, unverlierbar anerkannt und unendlich geliebt zu sein. ....

Frei ist, wer bewusst in der Bindung des unendlichen Geliebt-seins lebt. Es ist, weil kein Mensch zuverlässig, treu und unvergänglich lieben kann, die Bindung an den ewigen Gott."

Hallo Klaus,

WOLFGANG HUBER bezieht sich in seinem Buch " Menschen, Götter und Maschinen.
Eine Ethik der Digitalisierung" (2022) auf den u.a. von Paul Tillich verwendeten Begriff der Theonomie, den er " nicht als Gegenpol zu menschlichen Freiheit, sondern als unentbehrlichen Bezugspunkt dafür, der Einsicht in die Endlichkeit menschlicher Freiheit Raum zu geben." Mit Paul Ricoeur, so Huber weiter, könne man Theonomie als "doppelte Verheißung geprägt durch das Band wechselseitigen Treue zwischen Mensch und Gott" verstehen. Und Hiber kommentiert weiter:
" So wie die Liebe nicht weniger, sondern mehr Gerechtigkeit verlangt, so mindert die Theonomie die Autonomie nicht sondern steigert sie."

Zur Freiheit in diesem theonomen Sinne gehöre "das Eingeständnis, dass jegliche Form von Selbstbestimmung an Bedingungen geknüpft sei über welche die Menschen nicht verfügen." (W. Huber)

Es geht offenbar in Deiner und der neueren Diskussion um die Markierung der Bedingungen von Freiheit - also auch um die Beobachtung von Freiheitsgraden, die theologisch als Ausdruck von Gottes Liebe und soziologisch als Reflexion der sozialen Beobachtung der Bedingungen von deren Entfaltung beschrieben werden können.

(Alle Zitate bei W. Huber, S. 160 u. 161.)

Mit besten Grüssen
Michael






2023-06-06 11:22:13
Hallo Michael,

vielen Dank für deine ausführliche und hilfreiche Ergänzung. Mir scheint, dass Huber in dieselbe Richtung denkt, die ich in meinem Artikel einzuschlagen versucht habe. Ich verstehe die von Gott uns gegebenen Weisungen ebenfalls nicht als Gegenpol, sondern als Ausdruck unserer Freiheit - wenn nämlich diese Weisungen unser Herz ergriffen haben und dadurch unser Wollen und Tun bestimmen. Unsere Freiheit hat dann tatsächlich im "Band wechselseitiger Treue zwischen Mensch und Gott" ihren Grund.

Da diese Treue von menschlicher Seite aus nur unvollkommen gegeben ist, haben wir auch die Freiheit nur in unvollkommener Weise - will sagen, dass wir uns immer wieder bewusst an der göttlichen Weisung orientieren müssen, und das ist es wohl auch, was Bonhoeffer mit "Zucht" meinte: die Selbstbeherrschung und Disziplin, die gegen die immer wieder in uns aufbrechenden negativen Antriebe Orientierung an Gottes Weisungen sucht. Aber je mehr wir uns an diesen Weisungen orientieren, desto freier werden wir auch von unseren negativen Antrieben. Insofern bedeutet die Orientierung, die Gottes Weisungen uns bieten (Theonomie), auch eine Steigerung der Freiheit.

Ich finde es völlig richtig, dass Huber von der "Endlichkeit menschlicher Freiheit" spricht. Gerade diese Einsicht hat aber der sich für autonom haltende Mensch in der Regel nicht. Insofern lebt er in einer ihn bindenden Freiheits-Illusion.

Viele Grüße
Klaus
Michael Kröger
2023-06-06 17:56:51
Neuere systemische Ideen zur Freiheit möchte ich sehr verkürzt so formulieren:
Man sollte anstelle von Freiheit wohl angemessener von Freiheitsgraden sprechen, die im operativen Widerstreit miteinander liegen.

Unterbestimmt ist Freiheit, wenn ihre Einschränkungen nicht ausreichend definiert sind - Liebe und Verantwortung sind zwei Optionen. Überbestimmt ist Freiheit, wenn man versucht sie eindeutig einem höheren Medium - etwa Gott - zuzurechnen. Diese Perspektive verdanke ich : Dirk Baecker, Beobachter unter sich. Eine Kulturtheorie. Ffm 2013, bes. S.197.

Viele Grüsse
Michael
2023-06-06 18:23:45
Hallo Michael,

danke für deinen systemischen Blick auf die Freiheit. Was du zu den Freiheitsgraden schreibst, sehe ich auch so. Ich verstehe menschliche Freiheit als immer eingeschränkte Freiheit. Insofern denke ich auch, dass man eigentlich von unterschiedlichen Freiheitsgraden sprechen müsste. Doch scheint mir eine Skalierung schwierig zu sein. Wie soll man den Grad der Freiheit eines Straftäters im Gefängnis, der Christ ist, mit dem Grad der Freiheit eines geliebten Ehemanns, der unter einer unheilbaren Krankheit leidet, vergleichen? Freiheit ist so vielfältig eingeschränkt und andererseits so vielfältig begründet, dass eine Einordnung verschiedener Freiheitsgrade mir kaum möglich erscheint.

Warum es nicht möglich sein soll, Freiheit Gott zuzurechnen, verstehe ich nicht - ist er doch eigentlich der Inbegriff aller Freiheit. Wir sprechen Gott ja auch z.B. Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zu. Dabei ist mir bewusst, dass alle menschlichen Zusprechungen Gottes hinken. Aber da wir keine anderen Begriffe haben als die menschlichen, bleibt uns nichts anderes übrig, als sie zu benutzen - wenn wir nicht von Gott schweigen wollen.

Aber ich kenne das von dir genannte Buch nicht und habe da vielleicht etwas missverstanden.

Viele Grüße
Klaus

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