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Erfahrungen mit Karls Freitag

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie mit Humor · 1 April 2021
Tags: KarfreitagSündeGnadeVergebungGottesdienst

T h e o l o g i e   m i t   H u m o r
Erfahrungen mit Karls Freitag
Klaus Straßburg | 01/04/2021

Darf man über den Karfreitag humorvoll schreiben? Wer diese Frage mit „Nein" beantwortet, den muss ich dringend bitten, nicht mehr weiterzulesen. Ich möchte niemandem den Karfreitagsernst nehmen oder die Zornesröte ins Gesicht treiben. Auch wer standhaft an traditionellen Bräuchen des Kirchenjahres hängt, sollte sich genau überlegen, ob er weiterliest.

Natürlich ist auch für mich der Karfreitag ein ernster Tag. Oder besser: Das, was an ihm geschehen ist, ist ein ernstes Ereignis. Wie ernst ich es nehme, habe ich in meinem Artikel Welchen Sinn hatte Jesu Tod am Kreuz dargelegt und ist dort nachzulesen.

Der Karfreitag gehört also zu den eher ernsten christlichen Feiertagen. Aber es ist nicht verkehrt, auch ernste Dinge einmal mit Humor zu betrachten. Nicht um sie lächerlich zu machen, sondern um ihren Ernst in unverkrampfter Weise hervorzuheben. Also nicht so, wie manche sich im alleinigen Besitz der Wahrheit wähnenden Christinnen und Christen, bei denen schon die verspannten Gesichtszüge signalisieren, wie schwer und ernsthaft die Verantwortung für diese Wahrheit auf ihren Schultern lastet.

Ich witzele hier also nicht über den Tod Jesu am Kreuz. Der war zweifellos schrecklich. Was ich hier mit Humor betrachte, ist der Umgang des Menschen mit diesem Ereignis. Und was den Menschen betrifft – den kann man manchmal wirklich nur mit Humor ertragen. „Gott hat Humor. Sonst hätte er nicht den Menschen erschaffen", meinte schon der englische Autor Gilbert Keith Chesterton. Wer also den Mut hatte, bis hierher mitzulesen (wenn auch mit einem flauen Gefühl in der Magengegend), kann vielleicht doch weiterlesen.

Einer meiner Konfirmanden sprach einmal vom „Karlfreitag". Ich weiß nicht, an welchen Karl er dachte. Karl Dall vielleicht? Oder Karl den Großen? Oder gar Karl Lagerfeld? Letzterer hätte sich wahrscheinlich geehrt gefühlt, so ernst, wie er sich immer genommen hat. Aber vielleicht hieß auch einfach der Vater des Konfirmanden Karl oder sein Onkel oder sein Meerschweinchen. Wer weiß. Oder er dachte, da jeder Tag bei den Katholiken einen Namen hat, sei das nun eben Karls Freitag. Vielleicht aber hat er die Bezeichnung des Tages auch einfach von seinen Eltern übernommen. Was nicht gerade für die Eltern spricht. Aber auch nicht für die Kirche, die es so weit hat kommen lassen.

Wie auch immer. Die Bezeichnung eines der höchsten christlichen Feiertage als „Karlfreitag" ist jedenfalls ein anschauliches Beispiel dafür, wie weit die Entkirchlichung in unserem Land bereits fortgeschritten ist. Unglücklicherweise sah ich mich in dieser Situation natürlich sofort in der Rolle des Aufklärers. Womöglich war es eine herbe Enttäuschung für den armen Konfirmanden, oder doch eher gelehrtes Gelaber, als ich ihn darauf hinwies, dass es „Karfreitag" heiße und dass das vom althochdeutschen Wort kara komme, was soviel bedeute wie „Trauer, Klage".

Der Karfreitag ist also in Deutschland der Trauer- oder Klagefreitag. Ganz anders im englischen Sprachraum: Dort heißt er der Good Friday, also der Gute Freitag. Das klingt schon ganz anders. Und in Frankreich ist es der Vendredi saint, der heilige Freitag.

Heilig kann man ihn nennen, ohne besonders traurig an ihm zu sein. Man stellt nur seine besondere christliche Stellung heraus, die er zweifellos hat. Und wenn man sogar Guter Freitag sagt, ist sowieso jede Traurigkeit ausgeschlossen. Der Gute Freitag ist ein guter Tag. Er ist ja auch ein Tag der Versöhnung, der Heilstag schlechthin.

Das wirft Fragen auf: Sind wir Deutsche besonders verkrampft im Umgang mit dem Tag der Versöhnung? Können wir uns über das Heil überhaupt noch freuen vor lauter Traurigkeit?

Ich erinnere mich lebhaft daran, was Karfreitag in meiner Jugend bedeutete. Der Tag wurde wie ein Trauertag begangen. Im Fernsehen kamen nur ernste Filme (wie laaaangweilig). Im Radio lief nur klassische Musik (noch schlimmer!!). Alle Discotheken (heute sagt man Clubs) und Jugendkneipen waren geschlossen. Sehen und gesehen werden, Tanz und Rockmusik, also alles, was das Leben schön macht, war verboten. Stattdessen verordnete Langeweile. Was für ein Tag!

Die Gottesdienste (die ich dann irgendwann sowieso nicht mehr besuchte) fanden ohne Glockengeläut statt, es standen keine Blumen auf dem Altar, die Liturgie musste ohne „Halleluja" auskommen, und alle Gesänge waren noch trauriger als sonst schon im Gottesdienst. Die Orgel spielte so langsam, dass einem beim Anhalten der Töne die Luft ausging, und jeder Choral zog sich wie ein nicht endender Trauerzug. Alle Leute in der Kirche guckten ganz ernst, niemand wagte zu lachen. Aber: War da nicht doch ein verschämtes Lachen zu hören nach dem Gottesdienst draußen vor der Tür? Warum aber dann nicht im Gottesdienst? Rätsel über Rätsel. Was für ein Tag! Ich hoffte nur: „Mach End, o Herr, mach Ende" (für nicht Eingeweihte: Die letzte Strophe des Liedes „Befiehl du deine Wege", EG 361).

Am Karsamstag begann dann wieder das Leben, und es trieb uns Jugendliche in die Fußgängerzone, wo wir immer jemanden aus einer der Jugendgruppen trafen, in denen wir uns bewegten. In den Jugendgruppen gab es Gottes Wort und obendrein noch einen Haufen liebreicher und hübscher Mädchen. Oder war's umgekehrt? Egal. In der Fußgängerzone traf man jedenfalls immer jemanden, ein dritter kam hinzu, dann noch zwei und so weiter, bis sich nach einigen Minuten eine dicke Traube langhaariger Mädchen und ebenso langhaariger Jungs gebildet hatte. Ein Kalauer jagte den anderen, und Verabredungen wurden getroffen. Das Leben kam endlich wieder zu seinem Recht.

Ein vorweggenommenes Ostern sozusagen. Darum nannten wir und fast alle anderen diesen Tag ja auch Ostersamstag, obwohl er eigentlich Karsamstag hieß. Das erfuhr ich aber erst viel später. Immerhin war mir damals schon klar, dass er nicht Karlsamstag hieß. Aber das nur nebenbei. Jedenfalls durfte wieder gelacht und gekalauert werden. Wahrscheinlich hätte auch niemand noch einen zweiten freudlosen Kar-Tag ausgehalten. Darum blickten alle schon auf Ostern voraus. Ostern durfte wieder gelacht werden. Wir lachten schon am Oster... – Entschuldigung: Karsamstag.

Ich glaube nicht, dass Jesus so viel Traurigkeit gewollt hätte. Natürlich war es für ihn ein Tag äußerster Qualen und absoluter Verlassenheit. Insofern ist es ein trauriger Tag. Andererseits ist es ein Tag des Heils und der Befreiung von Schuld, also ein wirklich guter Freitag. Sollte man gerade an diesem Tag nicht lauthals „Halleluja" singen und den Altar mit Blumen schmücken? Auf die Gräber legen wir wie selbstverständlich Blumen. Am Todestag des Herrn fehlen die Blumen. Warum?

Es hängt wohl damit zusammen, dass der Karfreitag in evangelischer Tradition der Tag der Sündenvergebung ist. Dem einzelnen Christenmenschen steht seine Schuld vor Augen, die den Herrn ans Kreuz gebracht hat. Dass man bei einer solchen Haltung jegliche Lust zum Fröhlichsein verliert, dürfte ziemlich klar sein. Ähnlich gedrückt ist die Stimmung mancher Gemeindeglieder bei der Abendmahlsfeier.

Beim Kreuzestod Jesu geht es um etwas Ernstes – um den Ernst der Liebe Gottes. Es ist ihm so ernst damit, dass er uns trotz unserer Lust, Gott, unseren Mitgeschöpfen und uns selbst den Todesstoß zu versetzen, nicht den Garaus macht. Bei so viel Liebe bleibt Gott nur, die blinde Zerstörungswut seiner geliebten Geschöpfe zu ertragen. Dieser unendlich großen Liebe dürfen sich Christinnen und Christen von Herzen freuen. Auch am Karfreitag.

Jedenfalls berichtet das Neue Testament in seinen Erzählungen vom letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngern nichts davon, dass alle in Traurigkeit versunken waren. Vielmehr sangen sie auch nach diesem Mahl, wie es sich gehörte, den Lobgesang. Trotz des bevorstehenden Todes Jesu. Und gleich nach dem Lobgesang gingen sie in den Garten Gethsemane, wo das Unheil seinen Lauf nahm.

Aber „Unheil" ist wohl das falsche Wort. Es war eben Heil in diesem „Unheil". Es waren die Liebe und das Leben, die stärker waren als der Tod. Darum folgt auf den Karfreitag der Ostersonntag. Für uns Jugendliche begann er schon am Karsamstag.

Vielleicht hat uns die katholische Kirche ja in diesem Punkt etwas voraus. Da heißt die Mahlfeier ja nicht „Abendmahl", sondern „Eucharistie" – vom lateinischen eucharistia, und das heißt „Danksagung". Wer von Herzen „Danke" sagt, kann ja wohl kaum in Traurigkeit versinken.

Später dann, in meiner ersten Gemeinde als Pfarrer, stellte sich dasselbe Problem für mich in ganz anderer Weise. Wie jeden Sonntag begrüßte ich die Gottesdienstbesucher auch am Karfreitag vor der Kirchentür. Aber an diesem Tag wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Durfte ich meine Schäfchen, deren Hirte ich doch als Pastor war, am Karfreitag vor dem Gottesdienst freundlich und gelöst anlächeln? Oder musste ich sie mit todtraurigem Ernst begrüßen? In unserer dreijährigen praktischen Ausbildung hat uns diese Frage niemand beantwortet. Ehrlich gesagt, sie wurde auch nie gestellt. Wer kommt auch schon darauf, dass man sich in der praktischen Gemeindearbeit mit solchen Problemen herumzuschlagen hat?

Ich wollte meine Gemeindeglieder jedenfalls freunlich willkommen heißen. Wenn man sich über jemanden freut, lächelt man ihn gemeinhin an. Nicht aber am Karfreitag. Am Karfreitag war Anlächeln unpassend. Also versuchte ich, irgendein Mittelding hinzukriegen. Gut, dass ich mich selber dabei nicht im Spiegel sehen konnte.

Während des Gottesdienstes wurde es nicht besser. Irgendwie stolperte ich auf dem schmalen Grat zwischen Sündenzerknirschung und Gnadenfreude dahin. Nach dem Gottesdienst fühlte ich mich dreimal so angestrengt wie nach einem normalen Gottesdienst.

Vielleicht sollten wir uns selbst nicht so ernst nehmen. Auch unsere Sündenschuld nicht. Nicht dass sie eine Bagatelle sei, keinesfalls! Aber sie muss uns auch nicht die Lebensfreude rauben. Das gerade nicht! Denn das Leben ist uns – trotz aller Schuld – geschenkt. Auch den Karfreitag gibt es nämlich nicht ohne den Ostersonntag. Da muss doch auch gute Laune möglich sein an so einem guten Freitag. Halleluja!

Mit etwas mehr Humor angesichts unserer eigenen lächerlichen Zerstörungswut wäre uns vielleicht geholfen. Wer Humor hat, neigt nämlich dazu, sich selbst nicht so ernst zu nehmen. Und das wäre schon ein erster Schritt weg von unserer elenden Gottlosigkeit und hin zu einer fröhlichen Gottesbeziehung.

Nur darum habe ich es gewagt, über den Karfreitag etwas augenzwinkernd zu schreiben. Wem dabei der Ernst fehlte, dem sei nochmal mein oben genannter Artikel zur Lektüre empfohlen. Allen anderen wünsche ich einen besinnlichen, aber auch dankbaren und gnadenfrohen Karfreitag.


* * * * *




4 Kommentare
Jochen
2021-04-03 11:06:34
Hallo Klaus,
Humor ist bei Christen nicht weniger verbreitet als anderswo. Der Stein wird weg gerollt sein und Christen wissen daher: "Ausgangssperren haben zu Ostern noch nie funktioniert". Aber natürlich sehen das nicht alle Gemeindemitarbeiter so unverkrampft. Nix für ungut.
2021-04-03 15:22:40
Hallo Jochen,

ich denke sogar, Christ*innen haben mehr Grund zu Humor als andere, und zwar eben aus dem Grund, den du nennst. Leider sieht die Realität manchmal anders aus - was nicht von Glaubensstärke zeugt.

Willst du mit deinem Hinweis auf Ausgangssperren auf die mancherorts gültigen Corona-Beschränkungen Bezug nehmen? Meines Wissens gelten nächtliche Ausgangssperren nicht für Gottesdienstbesucher. Die Osternacht darf also stattfinden, jedenfalls bei uns. Ist das bei euch anders?
Jochen
2021-04-03 17:02:24
Hallo Klaus,
wir werden eine Osternacht besuchen können, haben allerdings eine Anfahrt von ca. 50 km. Im Bistum Hamburg sind was ich gehört habe keine Gläubigen zu den Gottesdiensten zugelassen. In einer bayrischen Gemeinde, die ich kenne, wird die Osternacht quasi noch bei Tageslicht gefeiert, damit man die Sperrzeiten einhalten kann.
2021-04-03 21:45:23
Hallo Jochen,

das tut mir leid, dass es für euch so kompliziert ist, eine Osternacht mitfeiern zu können. Ich wünsche euch trotzdem einen erhebenden Gottesdienst, viel Freude und gesegnete Ostertage.
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