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Eine weihnachtliche Begegnung

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie to go · 26 Dezember 2022
Tags: WeihnachtenMigrationMenschenwürdeSchönheitNächstenliebe

T h e o l o g i e   t o   g o
Eine weihnachtliche Begegnung
Klaus Straßburg | 26/12/2022

Eine Begegnung in der Fußgängerzone an einem Abend wenige Tage vor dem Fest geht mir bis heute nach. Sie gehört zu jenen Geschehnissen, die einen bleibenden Eindruck in uns hinterlassen, ohne dass uns diese Einprägung im Moment des Erlebnisses selbst schon bewusst wäre.

Ich habe Zeit, möchte nur ein bestelltes Buch im Laden abholen. So kann ich mich treiben und das Leben auf mich wirken lassen. Ich sauge alles ein: die Masse der Menschen, die faszinierende Weihnachtsbeleuchtung, die dichte Atmosphäre dieser besonderen Zeit vor dem Fest.

Es dunkelt schon, so dass das Leuchten in den Bäumen seine volle Wirkung entfalten kann. Nicht einfach Lampen, sondern fallende Lichter werden angedeutet, Sternschnuppen oder Schneeflocken gleich. Fassaden sind mit hunderten Lichtquellen ausgestattet, die sich in den Fenstern anderer Gebäude spiegeln und den Effekt vervielfachen. Die Auslagen in den Schaufenstern mit ihrer bunten Vielfalt tun ein Übriges, die Blicke anzulocken. Wohin man schaut, es leuchtet, flackert und blitzt allerorten.

Massen von Menschen bewegen sich behende durch die Stadt, allein, zu zweit oder in größeren Gruppen. Die meisten bepackt mit Taschen und Rucksäcken. Manche in Eile, andere ruhigen Schrittes, wieder andere im angeregten Gespräch miteinander. Es gibt gestresste Gesichter, aber auch lächelnd entspannte. Eine Bettlerin am Rand sieht die Massen an sich vorüberziehen.

Eine Traumwelt voller Lichter, Spiegel und Farben, in die ich gern eintauche. Der Himmel ist dunkel, umso mehr zieht uns das Licht an. Wie sehr sind wir doch auf Licht angewiesen. Zugleich legt aber das Halbdunkel auf die im Getümmel sich Bewegenden einen sanften Schleier, der manchen Makel verhüllt. Sowieso sind alle mehr oder weniger mit sich selbst beschäftigt. Die letzten Erledigungen vor dem Fest, die Geschenke für die Lieben.

Plötzlich fällt mein Blick auf zwei junge Frauen, die mir entgegenkommen. Meine Augen wollen schon weiterschweifen, da zieht es sie zurück zu einer der beiden. Sie kommt mir bekannt vor, aber ich muss im Dämmerlicht zweimal hinschauen. Es ist die leibliche Schwester unserer Adoptivtochter.

Meine Frau und ich haben vor vielen Jahren ein Mädchen aus Asien adoptiert. Das Mädchen hatte eine leibliche Schwester, die ebenfalls von deutschen Eltern adoptiert wurde. Seit der Adoption stehen wir in Kontakt miteinander, so dass die beiden Schwestern ihre enge Beziehung zueinander aufrecht erhalten konnten. Es gehört zu den Wundern, die man sich schwerlich ausdenken kann, dass wir vor sechzehn Jahren wegen meiner neuen Stelle an einen Ort zogen, der die beiden Schwestern nur 20 Kilometer voneinander trennt.

Die Schwester unserer Tochter ist in Begleitung einer Schwarzafrikanerin. Sie hat mich als erste erkannt, schaut mich an, nun erkenne ich sie auch und gehe auf sie zu. Wir begrüßen uns und wechseln ein paar Worte. Ich weiß, dass sie gerade ein halbes Jahr in einem afrikanischen Land als Krankenschwester gearbeitet hat, für eine Missionsgesellschaft. Sie sagt, es sei eine intensive Zeit mit reichen Erfahrungen gewesen. Einige dünn geflochtene und mit bunten Perlen durchsetzte Zöpfe sind in ihr dunkles Haar eingebunden, über ihre Wangen fallen zwei lange Zöpfe weit nach unten.

Die junge Frau neben ihr, etwa zehn Jahre jünger und im Teenie-Alter, schweigt schüchtern. Erst im Laufe des Gesprächs wird mir bewusst, wer sie ist. Ich habe sie zuletzt als kleines Mädchen gesehen. Denn die Eltern haben nach der ersten Adoption noch zwei weitere durchgeführt, beides Kinder aus Schwarzafrika. Eins davon steht nun neben mir, nicht mehr als Kind.

Sie kennt mich nicht. Als ihre Begleiterin sie aufklärt, schaut sie mich mit großen Augen an, die sich wie weiße Lichter von ihrer tiefschwarzen Haut abheben. Auch sie hat Zöpfe ins Haar geflochten. Ich staune über die Schönheit dieser Frisuren, über die Schönheit der Hautfarbe, durch welche die Augen viel stärker zur Geltung kommen als bei uns Weißen. Ich lächle sie an, um ihr etwas die Scheu zu nehmen, sie lächelt zurück.

Ihre Schwester und ich reden noch ein wenig weiter, nichts Bedeutendes, aber es entsteht durch wenige Worte Nähe. "Im Anfang ist die Beziehung", sagte Martin Buber, und vielleicht meinte er so etwas, wie ich es gerade erlebte: Eine unerklärliche Nähe, ein wundersames Einssein dreier unterschiedlicher Menschen, das niemand gemacht und das sich dennoch unerwartet und unverfügbar eingestellt hat. Ein Anfang echten Lebens.

Als wir uns trennten, wusste ich noch nicht, wie sehr diese Begegnung nachwirken würde. Ich staune noch immer über die Schönheit des Unterschiedlichen, über die Vielfalt, die uns reich macht. Aber was tun wir, dass wir diese Schönheit nicht wahrnehmen und sie von uns fernhalten? Wir merken gar nicht, wie sehr wir selbst daran verarmen, dass wir das Bereichernde zum Bedrohlichen machen.

Der Schöpfer hat uns die Andersartigen, die Fremden in all ihrer Schönheit geschenkt, um unser Leben zu bereichern. Er liebt sie und will ihr Leben, so wie er auch uns liebt und unser Leben will.

Der Herr, euer Gott, ist der Gott der Götter und der Herr der Herren, der große, starke und furchterregende Gott, der [...] den Fremden liebt, zu geben ihm Brot und Kleidung. Auch ihr sollt den Fremden lieben; denn Fremde seid ihr selbst gewesen im Lande Ägypten.
(5Mo/Dtn 10,17-19)

Die langsam aussterbende Generation war durch ihre Kriegsleiden mit einem Wissen gesegnet: Sie wusste, was es für Menschen bedeutet, Fremde zu sein – und was es bedeutet, als Fremde geliebt zu werden. Den Spätgeborenen fehlt diese Erfahrung.

Würden wir uns dennoch der Liebe zu den Fremden öffnen, zu den Fremden, die uns schön und bereichernd sind, gerade weil sie anders sind als wir – wir würden die flackernde Vielfalt des Lebendigen uns anstrahlen, hundertfältig blinkende Lichter sich unter uns spiegeln lassen, würden lebendige Sterne, die der Himmel uns bereitet hat, in die Welt fallen lassen wie beglückende Sternschnuppen.

Möge der Herr der Herren uns gnädig sein! Möge er, so wie wir unsere Weihnachtsstädte in Lichter tauchen, SEIN Licht in uns aufleuchten lassen. Dann werden unsere Begegnungen uns reich machen und nicht nur unsere Städte, sondern auch unsere Herzen in ungeahntem Glanz erstrahlen.


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Foto: Couleur auf Pixabay.





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