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Eine österliche Gemeinschaft

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie verständlich · 26 April 2025
Tags: EwigkeitOsternEthikWirtschaftsordnungArmutKrieg

Eine österliche Gemeinschaft
Verheißene Zukunft und gesellschaftlicher Auftrag
Klaus Straßburg | 26/04/2025

Am Ostersonntag war ich Gast einer Geburtstagsfeier, die in einem großen Gartengrundstück stattfand. Die Sonne strahlte, Büsche, Bäume und Blumen erfreuten das Herz, die Gäste fanden Platz auf Bänken und labten sich am Essen, das in großer Vielfalt und verschiedensten Geschmacksrichtungen aufgetischt war; denn jeder Gast hatte etwas mitgebracht. Das sanfte Rauschen eines Flusses direkt neben dem Garten belebte das Gemüt. Kinder spielten auf der Wiese, die Erwachsenen fanden sich in Gruppen zusammen, um sich auszutauschen, lernten sich kennen und bereicherten einander.

Natur und Menschen bildeten eine wundersame Einheit, in der es nichts Störendes gab. Es herrschten Freundlichkeit und Interesse füreinander, keine Spur von Streit oder auch nur unterschwelliger Aggression. In aller Unterschiedlichkeit der Menschen ereignete sich etwas, was den Anderen und Unbekannten zu einem anregenden Erlebnis werden ließ, auch wenn man nicht alle seiner Ansichten teilte. Ein unglaublicher Reichtum und Friede strahlte davon aus.


Bilder einer neuen Welt versuchen, mit menschlichen Worten
das Unbeschreibliche zu beschreiben

Als ich dies alles in einem Augenblick der Stille wahrnahm, wurde es mir zu einem Gleichnis des von Gott verheißenen österlichen Lebens. Das war das Leben, wie es sein soll. Sicher nur ein kurzer Moment in dieser unvollkommenen und mühseligen Welt – aber in diesem Moment steckte eine doppelte Erinnerung: zum einen an die Verheißung eines neuen Lebens in einer anderen Welt und zum anderen daran, was unser Leben schon jetzt sein könnte.

Ich musste angesichts dieses friedlichen Bildes an die kriegsgeplagten Menschen in der Ukraine, im Gazastreifen und im Sudan denken – Menschen, die auch nichts anderes wollen als ein Leben zu leben, das es wert ist, so genannt zu werden. Sie wollen im Miteinander und Füreinander zusammen sein, sich aneinander freuen und ihr Glück teilen. Die Kinder wollen sorglos spielen und eine lebenswerte Welt entdecken, die Jugendlichen sich verlieben, die Erwachsenen ihre Zukunft bauen und die Alten in Frieden die Früchte ihrer Arbeit ernten, bis sie einst aus dieser Welt abberufen werden.

Die Bibel zeichnet unterschiedliche Bilder einer neuen Welt, die schon deshalb keine fotografischen Abbildungen des Kommenden sein können, weil sie in großer Vielfalt auftreten. Es ist selbstverständlich, dass gerade im Blick auf diese Zukunft all unser Erkennen Stückwerk bleibt (1Kor 13,12). Dennoch sind diese Bilder nicht belanglos. Sie versuchen, mit menschlichen Worten das Unbeschreibliche zu beschreiben.

Die Bilder zeichnen eine Welt, in der den Hilflosen und Elenden Recht widerfährt, dem Treiben der selbstsüchtigen Unterdrücker und gottlosen Menschenfeinde aber ein Ende bereitet wird (Jes 11,1-5). Kein Tier ist dem anderen feind, und Säuglinge spielen gefahrlos bei der Schlange (Jes 11,6-9). Alles Lebendige ist miteinander versöhnt, und die Völker der Welt strömen nach Jerusalem, um anzubeten (Jes 2,1-4a; 11,10). Keiner wird als Fremder ausgeschlossen, keinem wird der Zutritt zur Stadt verweigert. Alle sind willkommen, um gemeinsam das Leben zu feiern.

Ein anderes Bild spricht von einem feierlichen Gastmahl, zu dem, als die geladenen Gäste Wichtigeres zu tun haben, die Bettler, Blinden und Krüppel eingeladen werden und diejenigen, die als Ausgeschlossene vor der Stadt leben müssen. Sie alle können die Speisen, den Frieden und die Heiterkeit dieses Festmahls erleben, was den ursprünglich Geladenen versagt bleibt (Lk 14,15-24).

 
Die Machtzentren unserer Welt haben keinen Bestand

Wieder ein anderes Bild zeichnet das neue Jerusalem, das "von Gott her aus dem Himmel herabkommt" – eine Gartenstadt, ähnlich wie das Paradies (Offb 22,1f), und eine Stadt von kosmischen Dimensionen, die in ihrer Würfelform bis an den Himmel reicht und in der es weder Leid noch Tod gibt (Offb 21,1-5.16). Hier ereignet sich das, woran der Turmbau zu Babel kläglich scheiterte: Gottes Gegenwart ist spürbar (1Mo/Gen 11,1-9). Die Stadt strahlt die Herrlichkeit Gottes aus wie ein Jaspis, ihre Mauer ist aus demselben Edelstein gebaut und die Stadt selbst besteht aus reinem Gold (Offb 21,11.18). Sie hat nach jeder Himmelsrichtung drei Tore, die aus Perlen bestehen und die niemals geschlossen werden, damit die Völker mit ihrer Herrlichkeit und Pracht von allen Seiten in sie hineinströmen können (Offb 21,21.25f).

Jerusalem gegenüber steht das antike Machtzentrum Babylon, in der frühen Christenheit ein Deckname für die Weltstadt Rom. Sie ist mit ihrem Weltherrschaftsanspruch "die große Hure", die "Mutter der Hurerei und aller Gräuel auf Erden" (Offb 17,1.5). Sie verführt die Völker der Welt mit ihrem materiellen Reichtum und scheinbaren Glanz und ist trunken vom Blut derer, die Jesus bezeugten und "aller, die hingeschlachtet wurden auf Erden" (Offb 17,6; 18,16f.24). Ihre Herrschaft bringt Leid und Tod, während im neuen Jerusalem das Leben gedeiht und Heilung geschieht (Offb 22,2). Dort, wo alle weltliche Macht sich konzentriert, wohnen die dämonische Mächte, in der neuen Weltstadt aber wohnt Gott mit den Seinen (Offb 18,2; 21,3).

Die Machtzentren unserer Welt haben jedoch keinen Bestand. Sie werden vergehen, so wie der Reichtum und die Macht Babylons und Roms vergangen sind (Offb 18,2.8-10.15-19). Deshalb sind wir aufgerufen, uns dem Einfluss der gegenwärtigen Weltmächte zu entziehen, damit wir nicht mit ihnen schuldig werden (Offb 18,4), und stattdessen der kommenden Stadt Gottes entgegenzugehen. Die Lebensverheißungen durch Reichtum und Macht sind eine große Täuschung. In der Gottesstadt gibt es erfülltes, geheiltes und ungefährdetes Leben "umsonst", das heißt, ohne dass man sich dieses Leben durch materiellen Reichtum und irdische Macht sichern muss (Offb 21,6).
Bekannt ist das Bild von Jerusalem als der Friedensstadt, in der man das Kriegführen nicht mehr lernen wird (Jes 2,2-5):

Und es wird geschehen:
In künftigen Tagen
steht fest gegründet der Berg des Hauses Jahwes
an der Spitze der Berge
und erhabener als Hügel.
Dann strömen zu ihm alle Heiden
und kommen viele Völker und sagen:
"Kommt und lasst uns zu Jahwes Berg,
zum Hause des Gottes Jakobs ziehen,
dass er uns seine Wege lehre
und wir auf seinen Pfaden wandeln!"
Denn vom Zion ergeht Weisung
und das Wort Jahwes von Jerusalem.
Dann richtet er zwischen den Heiden
und bescheidet vielen Völkern.
Dann schmieden sie ihre Schwerter zu Pflügen
und ihre Lanzen zu Winzermessern.
Nie mehr erhebt Volk wider Volk das Schwert,
noch lernt man ferner das Kriegen.
Haus Jakobs,
kommt und lasst uns im Lichte Jahwes wandeln.
(Übersetzung von Otto Kaiser: Das Buch des Propheten Jesaja, S. 60f; orthographisch angepasst)

Es ist deutlich, dass uns hier, wie in den davor geschilderten Bildern auch, ein Zukunftsbild vor Augen gestellt wird. Bemerkenswert ist, dass der Prophet, dem alttestamentlichen Vorstellungsrahmen entsprechend, hier kein Jenseits in den Blick nimmt, sondern die Vollendung der Weltgeschichte im Diesseits. Uns hingegen erscheint es unvorstellbar, dass seine Verheißung sich im Diesseits erfüllt. Zu groß erscheint uns die Verführung, Gewalt anzuwenden zur Durchsetzung eigener Interessen, zu groß ist die Angst um den eigenen Lebensstil, zu groß der Hass auf den Andersdenkenden und Anderslebenden.

Doch auch wenn wir die Erfüllung dieser Verheißung im Jenseits verorten, ist deutlich: Im Lichte dieses Gottes und seiner Verheißung sollen wir schon jetzt unser Leben führen und um eine Zukunft ringen, die der großen Verheißung Gottes entspricht. "Kommt und lasst uns im Lichte Jahwes wandeln!" (Jes 2,5) Vielleicht haben wir in der Zeit des stetig zunehmenden materiellen Wohlstands dieses Ringen um die Zukunft aus dem Blick verloren. Vielleicht wurde uns ein Wohlstand selbstverständlich, der mit Gottes Zukunft nicht viel zu tun hat. Heute sehen wir, wie gefährdet diese Zukunft ist.


Wer seinen Mitmenschen die Tür zum ewigen Leben öffnen will,
ist unglaubwürdig, wenn ihm das zeitliche Leben derselben Menschen
gleichgültig ist

Die gegenwärtigen Kriege und Krisen bergen die Chance, unseren Blick wieder auf die Zukunft zu richten – nicht irgendeine Zukunft, nicht die von Machthabern und Zeitgeistern anvisierte Zukunft, sondern die von Gott verheißene. Nehmen wir sie in den Blick, dann weist sie uns die Richtung für unser Ringen um eine lebenswerte Welt. Es ist die Chance, die Zukunft wieder als das zu sehen, was sie ist: eine ständige Herausforderung und Aufgabe.

Christinnen und Christen leben nicht zukunftsorientiert, wenn sie sich der Verheißung eines ewigen Lebens im Jenseits erfreuen und zugleich das Ringen um ein lebenswertes Leben im Diesseits für entbehrlich halten. Wer seinen Mitmenschen die Tür zum ewigen Leben öffnen will, ist unglaubwürdig, wenn ihm das zeitliche Leben derselben Menschen gleichgültig ist. Wer der Verheißung glaubt und den Messias Jesus erwartet, ist gerufen, ihm schon jetzt den Weg zu ebnen (Jes 40,3). So ist mir das Gartenfest mit seinen Freuden, das mir zum Gleichnis des Himmelreichs wurde, keine Vertröstung auf das Jenseits, sondern ein Ansporn zur Weltgestaltung.

Was brauchen Kinder, um glücklich zu sein? Sie brauchen eine heile Atmosphäre, ein freundliches Miteinander, ein Zuhause, das ihnen Geborgenheit und Frieden bietet – all das, was im Gartenfest Wirklichkeit war. Sie brauchen keine mit Spielzeug vollgestopften Schränke, um glücklich zu sein. Und Erwachsene brauchen keine mit Gütern vollgestopften Wohnungen, keine Luxuslimousinen und prall gefüllten Bankkonten. Die Kinder zeigen uns: Wohlbefinden ist mehr als materieller Besitz. Es ist darum auch mehr als eine bestimmte Weise des Wirtschaftens.

Unsere Weise des Wirtschaftens hat es bislang nicht vermocht, einen Ausgleich zwischen Armen und Reichen herbeizuführen, so dass es niemandem mehr am Nötigsten mangelt. Noch dazu scheint es politisch nicht gewollt oder nicht durchsetzbar zu sein, die Tore offenzuhalten für jene, die sich aus Armut und Krieg zu uns aufmachen.

Bleibt zur Zeit nur, dass Kriege, soweit immer möglich, vermieden werden und Einzelne von ihrem Überfluss abgeben, um die Ursachen der Flucht zu bekämpfen. Solch einen Ausgleich zwischen Armen und Reichen forderte schon der Apostel Paulus, als er zu Spenden für die verarmte Gemeinde in Jerusalem aufrief (2Kor 8,14f). Doch Spenden können nur eine Übergangslösung sein, bis endlich die Kultur des Krieges weltweit geächtet und das System des Wirtschaftens so verändert ist, dass auch die Armen von ihm profitieren.

Es bedarf nicht viel, um ein erfülltes Leben zu führen. Es bedarf aber wenig, um ein erfülltes Leben zunichte zu machen. Ein Gartenfest mit hungernden Mägen ist unvorstellbar. Und auch im Krieg hätte es jenes Gartenfest mit seiner entspannten und geborgenen Atmosphäre nicht gegeben.


Gottes der Welt bestimmte Zukunft wird sich endgültig durchsetzen

Doch die Weltmächte, die solche Feste unmöglich machen, werden vergehen (Jes 21,9; 25,1-5), und Gottes der Welt bestimmte Zukunft wird sich endgültig durchsetzen (Jes 25,6-12). Diejenigen aber, die die himmlische Gartenstadt schon jetzt in den Blick nehmen und sie, so gut es auf Erden möglich ist, zu verwirklichen trachten, sind ihrer Zeit voraus (Jes 2,2; 11,10).

Ihrer Zeit voraus zu sein, ist die österliche Perspektive der weltweiten Christenheit. Denn zum christlichen Osterglauben gehört nicht nur die Erlösung einzelner Individuen, sondern auch des Gemeinschaftslebens. Vom verheißenen ewigen Gemeinschaftsleben her fällt ein erlösender Blick auf unsere irdischen Gemeinschaften. Und diese erlösende Perspektive leitet dazu an, für die irdischen Gemeinschaften zu beten, sie stetig zu erneuern und der ewigen Gemeinschaft soweit wie möglich anzugleichen.

Wo das gelingt, ereignet sich mitten in unserer todverfallenen Welt schon etwas von der verheißenen Zukunft, in der Leid und Tod überwunden sind und Geborgenheit und Friede herrschen.


* * * * *


Verwendete Literatur:
  • Kaiser, Otto: Das Buch des Propheten Jesaja. Kapitel 1-12. Das Alte Testament Deutsch, Teilband 17. Vandenhoeck & Ruprecht. 5. Aufl., Göttingen 1981.
  • Moltmann, Jürgen: Das Kommen Gottes. Christliche Eschatologie. Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1995.
  • Roloff, Jürgen: Die Offenbarung des Johannes. Zürcher Bibelkommentar NT 18. Theologischer Verlag Zürich. 2. Aufl., Zürich 1987.

Foto: Franz Bachinger auf Pixabay.




2 Kommentare
2025-04-28 16:10:00
Hallo Klaus,

bei deiner Predigt musste ich an die Bibeltexte lesen, die vor Ostern in der täglichen Bibellese dran waren, insbesondere Lukas 21. Dort beschreibt Jesus sehr dramatische Endzeitszenarien, die dem Kommen des Menschensohns und damit des Gottesreichs vorangehen.

Ich habe nicht den Eindruck, dass er dort eine Abkürzung vorgesehen hat, wo man über einen Umbau unserer sozialen Marktwirtschaft in Deutschland hin zu mehr Verteilungsgerechtigkeit und Nachhaltigkeit sowie eine offenere Flüchtlingspolitik zumindest einen Vorgeschmack auf das Reich Gottes schaffen kann.

Viele Grüße

Thomas
2025-04-28 21:14:10
Hallo Thomas,

wenn man Lk 21 als Vorzeichen des Endes versteht, an denen man nichts ändern kann, besteht die Gefahr, sich mit falschen Propheten, Kriegen, Aufruhr, Christenverfolgungen und anderen Nöten abzufinden, weil Jesus das ja prophezeit habe. Weil es das alles schon seit Beginn des Christentums gab, hätte man dann niemals dagegen protestieren oder gar dem widerstehen dürfen. Aber das kann doch wohl nicht gemeint sein. Es gibt ja auch viele andere Äußerungen von Jesus: Man lese nur die Bergpredigt, das Gleichnis vom Weltgericht (Mt 25,31ff) oder die Aufforderung, vollkommen zu sein, wie unser Vater im Himmel vollkommen ist (Mt 5,48). Nach Lk 4,18-21 beginnt mit Jesus die Zeit der Verkündigung des Evangeliums und der Befreiung, nach Mk 1,15 die Zeit des Reiches Gottes, das eben nicht nur ein Reich im Jenseits ist. Nach Jes 40,3 sollen wir dem Herrn "in der Wüste den Weg bereiten", und nach Mt 28,19f ist es unser Auftrag, alle Welt zu Jüngern zu machen und sie alles zu lehren, was Jesus uns befohlen hat. Das klingt nicht danach, die Hände in den Schoß zu legen und auf das Ende zu warten.

Auch Lk 21 verstehe ich nicht so, dass man Kriegen, Verfolgungen und Ungerechtigkeit einfach beobachtend zuschaut, ohne für Leben und Gerechtigkeit einzutreten. Es ist vielmehr eine Warnung, nicht zu viel zu erwarten und enttäuscht zu resignieren, wenn der Erfolg ausbleibt, sondern die Ermahnung, gerade dann, wenn das Unrecht Überhand nimmt, bis zum Ende mit Wort und Tat durchzuhalten und zu widerstehen (Lk 21,8.19). Übrigens sagt der Text ja auch, dass das Ende dann "noch nicht so bald da ist" (Lk 21,9). Das lässt viel Raum zum Tun dessen, was nötig ist.

Viele Grüße
Klaus
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