Christsein Verstehen - Christsein verstehen

verstehen
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Christsein
Direkt zum Seiteninhalt

Eine aktuelle Verhärtung, ihre Folgen und ihre Heilung

Christsein verstehen

T h e o l o g i e   z u m   W e i t e r d e n k e n
Eine aktuelle Verhärtung, ihre Folgen und ihre Heilung
Klaus Straßburg | 02/11/2021

Kann man so sehr anderswo sein, so sehr abwesend, dass man die überlebenswichtige Gegenwart gar nicht mehr wahrnimmt? Kann man etwas vor Augen haben, ohne es zu erkennen? Oder etwas in die Ohren geschrien bekommen, ohne es zu verstehen? Pointiert gefragt: Kann man etwas wissen, ohne es zu wissen?

Von dem Publizisten Roger Willemsen erschien im Jahr seines Todes 2016 das Buch Wer wir waren*. Dort schrieb Willemsen, wir stünden vor einem neuen Imperativ,

der uns abverlangt, uns zu vergegenwärtigen im Wortsinn: hier zu sein, in dieser Zeit anzukommen – nicht in der Ferne der Displays, nicht auf den Modulen unserer ausgelagerten Intelligenz, nicht in der digitalen Parallelwelt des Sozialen, die sich vor die Realität dieses sozialen Asozialen schiebt, sondern in jener praktischen Welt, in der die Frage nach dem Überleben aller gerade neu gestellt wird. (S. 128)

Willemsen verlangt also, wir müssten wieder in die Wirklichkeit zurückkehren, anstatt uns auf Computerfestplatten, Displays oder in der Parallelwelt der sogenannten sozialen Medien aufzuhalten. Angesichts der drängenden Frage nach dem Überleben der Menschheit spricht Willemsen schon damals vom Rückzug, vom Verschwinden des Menschen, der sich in der Enge von Aktivitäten aufreibt, die zu den Lebensfragen nichts beitragen:

Wir waren wie die Landschaft, im Rückzug. Wir hatten unserem Verschwinden nichts entgegenzusetzen, rieben uns aber auf im engen Horizont einer Arbeit, die ein Unternehmen stärken, erfolgreicher, effektiver machen sollte, aber nicht Lebensfragen beantworten. (S. 127)

Und schließlich:

Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, die begriffen, aber sich nicht vergegenwärtigen konnten, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, nicht aufgehalten von uns selbst. (S. 127)

Die letzten Sätze haben mich unmittelbar angesprochen. Denn sie erinnerten mich an Worte Jesu.


1. Verstockung

Jesus sagte nach Matthäus 13,14f:

Es erfüllt sich an ihnen die Weissagung des Jesaja, welche sagt: Hören werdet ihr und nicht verstehen, und sehen werdet ihr und nicht erkennen. Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt und ihre Ohren sind schwerhörig geworden und ihre Augen haben sie geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich sie heile. (Zürcher Bibel)

Jesus zitiert hier Jesaja 6,9f, allerdings nicht in der uns bekannten Fassung, sondern in der Fassung der damals gebräuchlichen griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der sogenannten Septuaginta.

Liest man den hebräischen Originaltext, der unserem Alten Testament zugrunde liegt, dann bekommt der Prophet von Gott einen merkwürdigen Auftrag (Jes 6,9-12):

Gehe und sprich zu diesem Volke: Höret immerfort, doch verstehet nicht, und sehet immerfort, doch erkennet nicht! Verstocke das Herz dieses Volkes, mache taub seine Ohren und blind seine Augen, dass es mit seinen Augen nicht sehe und mit seinen Ohren nicht höre, dass nicht sein Herz einsichtig werde und man es wieder heile. Da sprach ich: Wie lange, o Herr? Und er antwortete: Bis dass die Städte öde liegen ohne Bewohner und die Häuser ohne Menschen und das Fruchtland nur noch Wüste ist, und der Herr die Menschen weit hinwegführt und die Verödung groß wird inmitten des Landes. (Zürcher Bibel)

Wahrlich ein merkwürdiger Auftrag für einen Propheten! Die theologische Forschung rätselt bis heute, wie das zu verstehen ist.

Der Prophet soll also das Herz Israels verstocken. Jesus dagegen stellt fest, dass das Herz des Volkes verstockt sei.

Beide Aussagen gibt es auch in anderen biblischen Texten. Wie beides zusammenhängen könnte, deutet Psalm 81,12f an:

Mein Volk hörte nicht auf mich, Israel war mir nicht zu Willen. Da überließ ich sie ihrer Verstocktheit, dass sie wandelten nach eigenem Rat.

Auch Paulus kann die Verstockung einmal auf Gott (2Kor 3,14), ein anderes Mal auf den „Gott dieser Welt" zurückführen (2Kor 4,4). Bekannt ist ihm auch der Gedanke, dass Gott die Menschen, die ihn nicht erkennen wollen, ihrem verwerflichen Ansinnen überlässt (Röm 1,28).

So könnte man die Verstockung verstehen: Das Herz des Menschen ist verstockt. Er lässt sich von Gott nicht aus dieser Verstockung herausrufen. Darum überlässt Gott ihn schließlich seiner Verstockung.

Jes 6,10 würde dann nur das Ergebnis der Predigt des Propheten angeben, nicht aber die Absicht dieser Predigt: Gott wollte nicht die Verstockung des Volkes, aber weil das Volk sich der Predigt des Propheten nicht geöffnet hat, blieb als Folge seiner Predigt nur, dass sie zur bleibenden Verstockung des Volkes führte.

Aber was ist eigentlich Verstockung? Die griechischen und hebräischen Wörter bezeichnen auch etwas Festes, Hartes. Ein verstocktes Herz ist also ein verhärtetes, in sich verfestigtes Herz – ein Herz, das nicht mehr schlagen kann, eigentlich ein totes Herz. Der verstockte Mensch ist in sich verfestigt und hat jede Offenheit, jede Flexibilität verloren. Wir sprechen heute noch von einem hartherzigen Menschen, der für die Belange und das Leid Anderer nicht empfänglich ist.


2. Aktualisierung

Der Prophet Jesaja verkündete seine Botschaft etwa zwischen 736 und 701 v.Chr., möglicherweise am königlichen Hof in Jerusalem, jedenfalls innerhalb der Oberschicht Jerusalems. Er nahm teil am politischen Weltgeschehen, das durch die Weltmacht Assyrien und dessen aggressive Expansionspolitik bestimmt war. Israels Herrscher versuchten sich vor den Assyrern zunächst dadurch zu retten, dass sie dessen Oberherrschaft anerkannten, und später dadurch, dass sie politische Bündnisse mit Philistern und Ägyptern gegen die Assyrer schmiedeten.

Dem setzte Jesaja ein deutliches Nein Gottes entgegen: Gott werde dafür sorgen, dass Jerusalem von den Assyrern verschont bleibt. Darum solle Israel auf Gott vertrauen und sich aller politischen Bündnisse enthalten.

Grundsätzlich kritisierte Jesaja die sozialen Missstände seiner Zeit: Die Mächtigen und die Reichen nutzten die Not der Kleinbauern aus. Diese mussten sich verschulden und ihren Besitz verpfänden, schließlich sogar ihre Kinder verpfänden und in die Sklaverei verkaufen lassen. Bei alledem wurde der Glaube an Gott gepflegt, die Gottesdienste gehalten und der Kult nach allen Regeln vollzogen. Die religiöse Welt schien in bester Ordnung. Auch diese religiöse Illusion verfiel der Kritik des Propheten.

Jesus zitierte Jes 6,9f über 700 Jahre später in einem völlig anderen historischen Zusammenhang. Es ging ihm nicht um politische Verhältnisse, sondern um den Sinn der Gleichnisse, mit denen er den Menschen die Herrschaft Gottes verständlich machen wollte. Er musste aber die Erfahrung machen, dass die Menschen sich seiner Botschaft verschlossen: Sie wollten die Gleichnisse nicht verstehen und sich der Herrschaft Gottes nicht anvertrauen. Darin glichen sich die Situation Jesu und die Jesajas 700 Jahre zuvor.

Jesus hat also den Text des Alten Testaments aktualisiert, indem er ihn auf seine persönliche, ganz andere Situation bezog.

So müssen auch wir es mit den biblischen Texten machen. Wir müssen sie in ihrer ursprünglichen historischen Situation zu verstehen suchen, aber wir dürfen sie nicht in dieser vergangenen historischen Situation belassen. Wir müssen sie auf unsere heutige Situation beziehen. Denn das alte Wort lebt nur dann weiter, wenn wir es auf unsere Zeit anwenden; wenn wir es für unsere jeweilige Situation gelten lassen.

Alles, was die alten Texte beschreiben, gibt es auch heute: Es gibt Menschen, die in der Illusion des Glaubens leben, sich aber in Wirklichkeit längst im Unglauben verhärtet haben. Der verhärtete Unglaube ist in sich selbst verschlossen, unfähig, neue Ideen aufzunehmen und Gottes wahren Willen wahrzunehmen. Unter dem Deckmantel der religiösen Korrektheit wird Gottes Wille mit Füßen getreten.

Dabei betrügt sich der im Unglauben verhärtete Mensch selbst. Er erkennt seine Verhärtung gar nicht, wähnt sich vielmehr ausgesprochen offen, flexibel und modern. In Wahrheit aber klammert er sich am Alten und Gewohnten fest und wehrt sich massiv gegen jede Veränderung des eigenen Ich, des eigene Denkens und der eigenen Lebensweise. Glaube wird hier mit Gewohnheit verwechselt.

Dabei wäre das Verstehen einfach. Die Geschichten sind vor Augen und werden täglich erzählt. Aber ein leicht mögliches Verstehen wird bewusst oder unbewusst verweigert, weil man sich dem Wirken Gottes nicht öffnen will, sondern die eigene Wirksamkeit vorzieht. Das mussten schon Jesaja und Jesus erfahren.

Der Eigenwirksamkeit steht das Wirken Gottes nur im Weg. Darum wird die eigene Macht und der eigene materielle Vorteil bis aufs Blut verteidigt. Unrecht wird nicht als Unrecht wahrgenommen, sondern als Recht verkauft: die gewohnte Selbstrechtfertigung. Wohlgemerkt: Das alles im Bewusstsein der moralischen Integrität. Man fühlt sich selbstverständlich auf der Seite des Rechts, der Moral, auf der Seite Gottes.

Wie aktuell die Texte Jesajas auch heute sind, mögen nur einige wenige Verse belegen. Jesaja sprach (Jes 5,8.20-21; 1,11.13-17)**:

Weh denen, die Haus an Haus reihen,
die Feld mit Feld verkoppeln,
Bis der Platz verbraucht
und ihr allein im Lande siedelt!

Wehe denen, die das Schlechte gut
und das Gute schlecht nennen,
Die aus Dunkel Licht
und aus Licht Dunkel machen,
Die aus Bitterem Süßes und aus Süßem Bitteres machen;
Die den Schuldigen für ein Geschenk gerecht sprechen
und dabei den Gerechten ihr Recht entziehen.
Wehe denen, die in ihren eigenen Augen weise sind
und vor sich selbst verständig!

„Was soll mir eurer Opfer Fülle?"
spricht Jahwe.
„Satt habe ich eure Widderbrände
und das Mastochsenfett. [...]
Bringt mir nicht länger Eitelgaben,
Opferrauch, der mir ein Greuel ist. [...]

Eure Neumonde und eure Feiertage
haßt meine Seele.
Sie sind für mich Belästigungen;
ich bin müde, sie zu ertragen.
Und breitet ihr eure Hände aus,
verhülle ich meine Augen vor euch.
Und betet ihr auch noch soviel,
höre ich nicht zu!
Eure Hände sind voll Blut!
Wascht, reinigt euch!
Schafft die Bosheit eurer Taten
aus meinen Augen fort!
Hört auf zu schaden,
lernt zu nützen!
Trachtet nach Recht,
helft dem ,Bedrückten'!
Schafft Recht der Waise,
tretet für die Witwe ein!

Bei den ersten zitierten Versen musste ich unwillkürlich an die Wohnungsmisere in den Großstädten denken. Wohnungen werden bekanntlich von Konzernen angekauft, renoviert und anschließend so teuer gemacht, dass die Mieten für Normalverdienende unbezahlbar sind. Die Folge ist massiv fehlender Wohnraum, und Mietende werden gezwungen, umzuziehen und die Stadt zu verlassen.

Das und vieles andere vollzieht sich innerhalb der geltenden Rechtsordnung, ist also legal. Man beruft sich selbstverständlich darauf, dass alles rechtens ist. Dadurch wird der falsche Eindruck erweckt, es sei auch moralisch legitim. Das Schlechte wird also für gut ausgegeben, wie schon zu Jesajas Zeiten.

Jes 1 thematisiert christliche Argumentationsstrukturen, die benutzt werden, um unchristliche Verhaltensweisen zu rechtfertigen. So fordern zum Beispiel Christinnen und Christen, die Kirche dürfe das Heimatgefühl der Menschen nicht verletzen: Sie dürfe nicht zur Überfremdung beitragen, indem sie sich für die Aufnahme von Migrantinnen und Migranten einsetze. Auch andere politische Vorhaben versucht man immer wieder christlich zu begründen.

„Eure Hände sind voll Blut!" ist ein harter Satz. Doch auch die Adressaten Jesajas haben niemanden erschlagen oder erstochen. Auch an sauberen Händen kann Blut kleben. Wir wissen heute, dass unser Konsum töten kann. Wir sehen die Getöteten nicht, wir kennen sie nicht, und es gibt sie doch. Wir konsumieren gedankenlos das Blut der Produzenten unserer Konsumgüter und obendrein das der zukünftigen Generationen. Das alles ist heute bekannt, wird aber weitgehend verdrängt.

So war es schon zu Jesajas Zeiten, und darum musste der Prophet gegen das Verdrängen und Vergessen predigen.


3. Verweigerung

Unser Wissen steigt ins Unermessliche. Niemals zuvor hatte der Mensch so umfangreichen Zugang zum weltweiten Wissen wie heute.

Ich komme zurück zum Anfang: zu den Sätzen Roger Willemsens, die mich an Mt 13 und Jes 6 erinnerten. Wir hören unendlich viel, aber wir verstehen nicht, worum es wirklich geht. Wir verschließen die Augen vor den wirklichen Problemen. Wir verschließen sie vor der Zukunft und konzentrieren uns auf unsere kleine Parallelwelt, auf die Blase des Persönlichen oder immer schon Gewussten, in der alles in Ordnung zu sein scheint, die aber keine Lebensfragen löst. Die Überlebensfrage stellt sich in unserer heilen Parallelwelt nicht.

Dabei tun wir so, als gäbe es keine Alternativen. Als müsste es alles so sein. Die Wege, die wir gehen, erscheinen „alternativlos". Wir bilden uns ein, schon alles zu tun, was möglich ist, um die Lage zu verbessern. Wir machen uns vor, dass jede Alternative noch schlimmer wäre als der Status quo, als der aktuelle Stand der Dinge. Wir hegen Bedenken gegen jeden noch so kleinen Verbesserungsvorschlag, ohne ihn wirklich durchdacht, geschweige denn ausprobiert zu haben.

So denkt und handelt der verstockte, verhärtete, unflexible Mensch.

Wir tun so, als gehörte die Erde uns. Aber sie gehört dem Schöpfer. „Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen" (Ps 24,1). Wir und alle anderen Lebewesen sind Bewohner SEINES Eigentums. Und ER hat uns geschaffen, damit wir diese Erde zu einem Ort machen, an dem alle gleichermaßen gut leben können. Unsere Herrschaft über die Erde soll eine Herrschaft sein, welche die Erde im Sinne Gottes bebaut und bewahrt (1Mo/Gen 1,26-28; 2,15).

Davon sind wir weit entfernt. Die Heilung, von der Jesus sprach, müsste umfassend sein. Die Art unseres Wirtschaftens, die Kultur des Immer-mehr (genannt „Wachstum"), die darin gefangenen Herzen der Menschen müssten umgestaltet werden.

Aber die gesellschaftlichen Institutionen sind festgefahren und leisten Widerstand. Und wir weigern uns umzukehren und uns heilen zu lassen. Darum gibt es keine Heilung. Wir sind wie Kranke in einer kranken Gesellschaft, die sich weigern, den Arzt aufzusuchen. Jesus will auch unser Arzt sein (Mt 9,12).

Was bringt uns das viele Wissen, wenn wir von den Überlebensfragen nichts wissen und nichts wissen wollen?


4. Folgen

Wie lange noch wird das so weitergehen? Auch Jesaja hatte diese Frage. Hören wir nochmals auf seine Worte (Jes 6,11-13):

Da sagte ich: „Bis wann, o Herr?"
Da sagte er:
„Bis die Städte verödet sind, ohne Bewohner,
Und die Häuser ohne Menschen
und der Acker als Wüstung brach liegt!"
Dann wird Jahwe die Menschen wegschaffen,
und die Verlassenheit wird groß mitten im Lande sein!
Und ist noch ein Zehntel in ihm,
soll es wieder als Weide dienen,
Wie eine Eiche und wie eine Terebinthe,
von denen es ,nach dem Fällen' Triebe gibt. –
Heiliger Same sind die Triebe daran!
(Übersetzung: Otto Kaiser**, S. 121)

Muss es wirklich soweit kommen, dass auch bei uns Stadt und Land veröden? Werden wir erst dann wach, wenn die Städte leer sind, die Ernten ausbleiben und Menschen ihre Heimat verlassen müssen?

Die Frage hat schon eine Antwort. Denn das alles geschieht bereits.

Wir kennen die Bilder vom verödeten Land und von den leidenden Menschen. Wir wissen, was geschieht. Und wir wissen es doch nicht, weil wir es nicht wissen wollen.

Wir verschließen die Augen vor den Leiden, denn sie haben ja noch nicht uns selbst getroffen. Wir verschließen die Augen vor der Katastrophe, denn sie findet ja noch anderswo statt. Wir überhören alle Warnungen, weil wir uns auf diesem Ohr schwerhörig gemacht haben. Mit sehenden Augen sehen wir nicht und mit hörenden Ohren hören wir nicht.

Ist das das Ende?

Es wäre das Ende, wenn es keinen gnädigen Gott gäbe. Wie zu Jesajas Zeiten gibt es auch heute Hoffnung auf den gnädigen Gott. Hoffnung, dass nach der Katastrophe etwas Neues beginnt. Hoffnung, dass ein heiliger Same uns neue Wege gehen lässt.

Die Frage ist nur: Wie viel Leid bewirken wir, bevor wir zu IHM umkehren?


5. Umkehr

Umkehr kann sofort geschehen. Sie beginnt damit, dass wir die Zeichen der Zeit wahrnehmen. Dass wir das Wort, das Gott auch heute spricht, hören. Dass wir uns nicht verschließen in der großen Illusion, es sei schon alles richtig, wie es ist, und so schlimm werde es schon nicht kommen.

Umkehren heißt: empfänglich werden. Die Augen öffnen. Nicht wegschauen. Nicht verdrängen. Nicht das eigene Heil feiern. Nicht in religiöser Selbstzufriedenheit verharren. Nicht alles von Gott erwarten und selbst die Hände in den Schoß legen. Nicht die Politik scheuen, als wäre sie etwas, was Christinnen und Christen nichts angeht. Jesaja belehrt uns eines Besseren.

Der Abschied vom Verdrängen und Vergessen, die Einsicht in die Probleme ist der erste Schritt.

Wie es dazu kommt? „Der Glaube kommt aus dem Hören" (Röm 10,17). Doch, o Wunder: „Denen nicht von ihm verkündigt worden ist, die sollen sehen, und die nicht gehört haben, sollen verstehen" (Röm 15,21; vgl. Jes 52,15).

Der zweite Schritt ist das Gebet. Wir kriegen die Kurve ja nicht aus eigener Kraft. Niemand kann sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Ein verhärtetes Herz ist ein verhärtetes Herz; es kann sich nicht selbst erweichen. Darum brauchen wir den großen Erweicher. Mit IHM beginnt alles.

Bitten wir darum, dass er unsere Herzen erweichen und uns aus der Verstockung erlösen möge! Dann, nur dann, kann der dritte Schritt folgen.

Der dritte Schritt ist die äußere Erneuerung. Dabei geht es nicht um kosmetische Korrekturen, sondern um neue Schöpfung: Wir sind aufgerufen, als Mitarbeitende des Schöpfers die Schöpfung wieder in die Bahnen zu lenken, in die zu lenken unsere Aufgabe war und ist.

Dabei ist die Phantasie des Glaubens gefragt, nicht die Abwehr des Bedenkentragens. Wer auf den Wegen des phantasievollsten Kreativen gehen will, muss selbst phantasievoll kreativ werden. Auch das ist nur einem erweichten Herzen möglich.

Keiner kommt mehr auf die Idee, es gehe nicht besser. Bedenkenträger sind verpönt. Von Sachwaltern der Macht und des Besitzes ganz zu schweigen. Nicht das Bruttosozialprodukt, sondern das Glück der Menschen bestimmt, was Wohlstand ist. Alle wissen, dass weniger mehr sein kann. Darum ernten die Verfechter des Immer-mehr nur noch ein mildes Lächeln.

Das Leben wird lebenswerter. Überall im Land verändert sich etwas. Das macht uns keine Angst, weil wir auf den vertrauen, der diese Veränderungen von uns verlangt. Fehler sind dabei nicht ausgeschlossen, sondern werden ausdrücklich in Kauf genommen. Denn aus Fehlern wird gelernt.

Angst macht es uns auch nicht, wenn der sogenannte Lebensstandard sich verändert. Wir wissen ja, dass der Herr der Veränderungen uns alles Nötige geben wird. Lebensstandard wird neu definiert. Endlich erkennen wir, dass das, was wir bisher Lebensstandard nannten, eine
Verführung war. Der Verführer hat gründliche Arbeit geleistet. Jetzt wissen wir: Lebensstandard ist nicht gleich Einkommen, Vermögen und Besitz. Glückliche Beziehungen, in denen man füreinander eintritt und einander hilft, treten an ihre Stelle.

Keiner in unserem Land muss um seine Wohnung fürchten, keiner um seine Rente. Denn alle geben so viel ab, dass niemand Mangel leidet. Wir besitzen weniger, haben aber zugleich mehr. Mehr gemeinsame Freude, mehr Lebensqualität.

Die Armen können in ihrem Land bleiben. Sie erhalten von uns alles, was sie zum Leben benötigen. Wir verzichten gern auf dies und das, zu ihrem Wohlergehen. Denn nicht das Besitzen macht uns glücklich, sondern die glücklichen Gesichter der anderen.

Die künftigen Generationen bekommen von uns ihr Lebensrecht. Wir konsumieren nicht ihr Leben, sondern bewahren es. Wir freuen uns darüber, den Ungeborenen das Leben zu sichern. Wir sind dankbar dafür, dass Gott immer neues Leben schafft.

Man könnte noch viel mehr beschreiben. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Realistische Vorschläge liegen zuhauf vor. Unsere verschlossenen Augen sehen sie nur noch nicht. Sie sind keine unrealistische Träumerei, sondern die Phantasie der Befreiten und der Glaubenden, deren Glaube dem Größten aller Phantasievollen nacheifert.

Die Bibel ist voller Phantasie, wenn es um das Reich Gottes geht. Träume, welche die Zukunft vorwegnehmen, spielen schon im Alten Testament eine herausragende Rolle. Wer das Reich Gottes nicht träumen kann, bleibt in der traurigen Sichtbarkeit gefangen. Der Befreier aber bewirkt, dass die Träume der Befreiten Realität werden (Ps 126,1-3):

Als sich Jahwe der Zurückführung Zions [aus dem Exil] zuwandte, waren wir wie Träumende. Damals war unser Mund des Lachens voll und unsere Zunge des Jubels. Damals sagten sie unter den Heidenvölkern: „Jahwe hat Großes getan, als er an ihnen handelte." Großes hat Jahwe an uns getan: Wir wurden Fröhliche!

Nur aus Träumenden werden Fröhliche. Die Fröhlichkeit angesichts der Probleme ist allerdings vielen schon vergangen. Es wird tatsächlich nicht alles einfach sein. Aber es wird auch nicht so schwer sein, wie uns die Bedenkenträger glauben machen wollen. Und es wird leicht sein für jene, die ihre Hoffnung auf den, der fröhlich macht, nicht aufgeben.

„Das Technische findet sich ein, wenn das Bedürfnis vorhanden ist" sagte der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831). Popularisiert lautet der Satz: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg." Glaubende sagen: „Alle Dinge sind möglich bei Gott" (Mt 19,26 u.ö.).

Das ist ein Satz gegen alle, die schon vorher wissen, dass es nicht anders funktioniert als so, wie es jetzt ist. Weil bei Gott alle Dinge möglich sind, ist es uns verboten, das andere von vornherein für unmöglich zu halten. Im Gegenteil: Wir können zuversichtlich Wege gehen, die noch niemand gegangen ist. Oder, wie es der weltberühmte jüdische Geiger Yehudi Menuhin (1916-1999) paradox ausdrückte:

Wir müssen für das Unerreichbare kämpfen.


Literatur:
*    Roger Willemsen: Wer wir waren. S.Fischer Verlag Frankfurt / Main 2016. Zitiert nach: Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst. S.Fischer Verlag Frankfurt / Main 2021.
**  Übersetzung: Otto Kaiser: Das Buch des Propheten Jesaja. Kapitel 1-12. ATD 17. Vandenhoeck & Ruprecht. 5. Aufl. Göttingen 1981. S. 100f.


* * * * *






4 Kommentare
2021-11-03 12:55:45
Hallo Klaus,

gute Predigt! Mögen sie bei den Richtigen ankommen.

Viele Grüße

Thomas
2021-11-03 15:23:39
Vielen Dank! Spes manet (die Hoffnung bleibt).
Hans-Jürgen Caspar
2021-11-04 10:42:02
Hallo Klaus,

Deine Forderung nach Umkehr ist berechtigt und sogar biblisch; in der Heiligen Schrift kommt sie oft vor.

In Deinem Absatz: "Die künftigen Generationen ..." nennst Du auch die Ungeborenen. Meinst Du damit diejenigen, die oftmals leichtsinnig gezeugt, noch im Mutterleib umgebracht werden? Auch hier ist eine Abkehr von den gegenwärtigen Gepflogenheiten dringend notwendig!

Sehr ausführlich informiert die Wikipedia-Seite "Schwangerschaftsabbruch" über juristische, moralische, religiöse, technische Details dieses unguten Themas.

Viele Grüße
Hans-Jürgen
2021-11-04 12:31:27
Hallo Hans-Jürgen,

vielen Dank für deine Ergänzungen. Mit den "Ungeborenen" meinte ich in diesem Zusammenhang die vom Klimawandel bedrohten künftigen Generationen, deren Leben wir konsumieren, indem wir ihnen durch unser Verhalten die Lebensgrundlagen rauben. Unseren Umgang mit dem ungeborenen Leben im Mutterleib finde ich aber nicht minder problematisch. Er erfordert ebenfalls dringend eine Umkehr, welche das Lebensrecht des ungeborenen Lebens genauso ernst nimmt wie die Notlage der Mütter.

Man sieht daran, dass eine Umkehr, eine umfassende Richtungsänderung in allen Bereichen unseres gesellschaftlichen und individuellen Lebens vonnöten ist. Das wird leider von vielen Christinnen und Christen immer wieder vergessen, und man konzentriert sich allein auf das persönliche Seelenheil, als ob damit alles getan sei. Der persönliche Glaube ist gewiss der erste Schritt der Umkehr, aber er muss, wenn er ernst gemeint ist, auch das persönliche Denken und Handeln erneuern.

Viele Grüße
Klaus
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Christsein
verstehen
Zurück zum Seiteninhalt