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Veröffentlicht von Reinhard Häußler und Klaus Straßburg in Personen · Samstag 04 Mär 2023
Tags: KirchenspracheMissionKreativität

Ein bedeutender Pfarrer unserer Zeit
Über Leben und Wirken Jörg Zinks
Reinhard Häußler und Klaus Straßburg | 04/03/2023

Jörg Zink war einer der einflussreichsten deutschen Pfarrer unserer Zeit. Wir möchten hier kurz an seine reiche Wirksamkeit erinnern und eine Kostprobe seines Denkens und Verkündigens darbieten.


1. Aus Jörg Zinks Leben

Jörg Zink wurde am 22. November 1922 im hessischen Schlüchtern geboren.

Nach dem Krieg studiert er Philosophie und evangelische Theologie in Tübingen. Anschließend wird er Gemeindepfarrer und Jugendpfarrer in der Evangelischen Kirche von Württemberg.

1961 wird Zink Fernsehbeauftragter der Württembergischen Landeskirche im Süddeutschen Rundfunk. In den folgenden Jahren entwickelt er ein Zentrum für kirchliche Aktivitäten in Rundfunk, Fernsehen und Presse. Mehr als 40 Jahre lang war Zink einer der populärsten Sprecher bei den Deutschen Kirchentagen.

Eine starke Verbindung zu seinen Hörern besteht im sogenannten "Wort zum Sonntag". Das belegen eine umfangreiche Korrespondenz und viele Gespräche im Laufe von 25 Jahren. In der Folge schreibt Zink eine große Zahl von Büchern. 1980 lässt er sich von seiner Kirche beurlauben, um als von der Kirche unabhängiger freier Journalist auch zu politischen Themen Stellung zu nehmen. Zudem beginnt er mit der Übersetzung biblischer Texte, da Jugendliche weder die Luthersprache der Bibel noch die Predigtsprache verstanden. So gibt er ihnen Anfang der 60er Jahre in dem Buch "Womit wir leben können" eine Folge lesbare Abschnitte aus der Bibel an die Hand, später auch das ganze Neue Testament und Teile des Alten in Umgangssprache.

Dafür wird er von Kollegen kritisiert. Ihr Argument: Die Bibel ist zu heilig, man darf sie nicht in gewöhnlicher Sprache darstellen. Für Zink war die Kritik fehl am Platze. Für ihn steht eine evangelische Kirche damit, dass Laien die Bibel lesen und verstehen können. Seine millionenfach verkauften Bücher im In-und Ausland bestätigen ihn in seinem Anliegen. Dazu dient auch seine Arbeit als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent unter anderem von Dokumentarfilmen, Spielfilmen im In- und Ausland, um die Bibel vor ihrem kulturellen und historischen Hintergrund zu verstehen.

Seine Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg führen dazu, sich für den Frieden einzusetzen. Folgerichtig engagiert Zink sich in den 80er Jahren öffentlich in der Friedensbewegung. Er wird Gründungsmitglied der Partei "Die Grünen". Zink ist überzeugt, jeder, der heute nach Frömmigkeit suche, sollte tief empfindlich werden für das Leid der Menschen und das Leid der Kreatur, aber auch für die vielfältigen Zusammenhänge zwischen unserem Wohlstand und dem Elend anderer [1].

Im Jahr 2004 wird Zink für sein Lebenswerk mit dem Predigtpreisdes Verlags für die Deutsche Wirtschaft ausgezeichnet. Mit seinen öffentlichen Beiträgen habe er den Dialog zwischen Kirche, Gesellschaft und Wirtschaft gefördert. Der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, würdigte 2015 das Lebenswerk von Jörg Zink und verlieh ihm den Ehrentitel Professor. Er hob dabei Zinks Einsatz in der Friedensbewegung und bei der Gründung der Partei der Grünen hervor, aus einer Protestbewegung eine ernstzunehmende politische Kraft in der Mitte der Gesellschaft zu machen [2]. Frieden, Gerechtigkeit und  Bewahrung der Schöpfung in der Zukunft hieß für ihn: Gewaltlosigkeit an die Stelle von Kriegen zu setzen, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen, die ökonomische Ausbeutung der Erde und interreligiöse Konflikte zu beenden [3].

Am 9. September 2016 starb Jörg Zink im Alter den 93 Jahren in Stuttgart.


2. Die Aktualität der Texte Jörg Zinks - Ein Beispiel

Jörg Zink hat eine Vielzahl von Büchern geschrieben. Um ein Beispiel dafür zu liefern, wie er biblische Texte in unsere heutige Sprache übertrug und sie für die Gegenwart lebendig machte, zitiere ich aus seinem Buch "Erfahrung mit Gott" [4]:

"Jesus bestieg das Schiff, und seine Jünger folgten ihm. Da kam ein Sturm auf, und die Wellen schlugen ins Schiff. Er aber lag schlafend. Und sie weckten ihn: Herr! Hilf uns! Wir gehen unter! Er erwiderte: Warum glaubt ihr nicht? Warum fürchtet ihr euch? Und er stand auf und beschwor die Winde und das Meer. Tiefe Stille breitete sich aus, und die Menschen waren voll Staunen und fragten einander: Wer ist das? Sogar Wind und Meer gehorchen ihm" (Matthäus 8,23-27).

Nehme ich mich selbst an, weiß ich mich selbst bejaht, dann sind die Winde und das Meer die geringere Gefahr. "Tobe, Welt, und springe! Ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh", dichtet Paul Gerhardt, und Oetinger schreibt: "O Herr, wir nehmen mit Unrecht Anstoß an der Verwirrung der Zeit, am Toben der Völker und am Brausen des Meeres und seiner Wellen. Denn du wirst lauter Wunder deines Reiches daraus machen."

"Wunder deines Reiches" – heißt das nicht, dass die Macht Gottes sich offenbaren wird darin, dass die Stürme einschlafen, die Wellen sich legen und in der gefährlichen Wassertiefe sich der Himmel Gottes spiegelt? Und heißt es nicht, dass der schlafende Christus auch in uns selbst aufwachen wird und uns in die Stille einbeziehen, die um ihn ist?

Die Übersetzung ist klar und verständlich. So hätte Matthäus vielleicht heute geschrieben. Es ging Jörg Zink darum, die biblische Botschaft für heutige Menschen verständlich auszudrücken.

Aber es ging ihm nicht nur um eine verständliche Übersetzung. Das Wort sollte in die Wirklichkeit der heutigen Menschen hinein sprechen. Darum wird die biblische Geschichte sofort auf unsere Erfahrungen bezogen.

Wer weiß, dass Gott Ja zu ihm sagt, bedingungslos und unverrückbar Ja, der kann Gefahren leichter ertragen. Da kann es sogar geschehen, dass jemand in sicherer Ruhe sein Lied singt, während die Welt um ihn herum tobt. Denn er weiß, dass der, der unverrückbar Ja zu ihm sagt, auch aus dem Toben der Völker und den Wirren der Zeit Gutes entstehen lassen wird: Wunder des Guten, mit denen niemand rechnen konnte und die dennoch geschehen.

Das schützt uns nicht vor Leid. Aber es lässt uns über das Leid hinausblicken. Denn alle Stürme werden ein Ende nehmen, alle Wellen sich legen. In den gefährlichen Tiefen des Wassers spiegelt sich schon Gottes Himmel. Und in uns selbst wirkt Christus, so dass auch in uns die furchtlose Stille einziehen wird, die er selber schafft.

Nichts kann die Angst bannen, die heute durch die Welt geht, es sei denn das Wort, mit dem Christus den zerstörenden, bedrohenden Mächten Einhalt gebietet, mit dem er, wie die Bibel sagt, "die Welt überwindet". Nichts kann uns helfen, als dass Christus aufsteht und dem Meer sein Wort entgegenspricht. Nichts kann uns helfen als dies, dass das Gebirge der Wellen, das uns den Blick verstellt, durch sein Wort in sich zusammensinkt und der Horizont frei wird, in welchem die Weltgeschichte sich in Wahrheit abspielt. Nichts hilft, als dass er uns den Blick freigibt für das, was wirklich ist und wirklich kommt.

Ich vertraue. Diesen Satz sage ich, wie ich sage: Ich glaube an Gott. Ich vertraue ihm, dem Vater und Herrn. Ich überlasse mich ihm. Ich wünsche nichts, als dass sein Wille sich an mir erfüllt, jener Wille, von dem ich weiß, dass er mein Heil will.

Der Text könnte heute geschrieben sein in unserer Zeit der Angst, welche die Welt ergriffen hat. Und es wird uns wieder einmal klar, dass die Menschen es nicht schaffen, den bedrohlichen Mächten Einhalt zu gebieten. Es bedarf des Wortes Jesu, damit der Horizont wieder frei wird für das, was unsere Wirklichkeit in Wahrheit bestimmt und was das Ziel alles Weltgeschehens ist – auf dass wir erkennen, dass die Wirklichkeit weit mehr ist als die Wellenberge, die sich bedrohlich und scheinbar unüberwindlich vor uns aufbauen.

Dahin müssen wir kommen, dass wir die Wirklichkeit hinter der sichtbaren und fühlbaren Bedrohung sehen. Dass wir uns Gott überlassen. Dass unser Glaube nichts ist als Vertrauen. Dass wir zu dem Wissen durchdringen, dass Gott unser Heil will und nichts anderes.

Jörg Zink konnte mit Bildern umgehen, welche tief in unsere Seele dringen. Darum sprechen seine Texte auch heute noch zu uns. Es lohnt sich, sie zu lesen.


* * * * *


Quellen:
[1] Jörg Zink: Sieh nach den Sternen – gib acht auf die Gassen. Erinnerungen. Kreuz Verlag, 2. Aufl. Stuttgart 1992. S. 104.
[4] Jörg Zink: Erfahrung mit Gott. Einübung in den christlichen Glauben. Kreuz Verlag, 3. Aufl. Stuttgart 1990. S. 463f. Orthographisch angepasst an die neue deutsche Rechtschreibung.

Foto: Klaus Straßburg.




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