Die zweifache Bedeutung des Advents
Klaus Straßburg | 30/11/2024
Es ist wieder Advent. Das Wort kommt vom lateinischen adventus und bedeutet "Ankunft". Gemeint ist die Ankunft Jesu Christi, und zwar in zweifacher Hinsicht:
Zum einen bereitet die Adventszeit auf das Weihnachtsfest vor, an dem wir die Geburt Jesu vor etwa 2000 Jahren feiern. Weihnachten ist das Kommen Gottes in die Welt – das Wunder, dass der große Gott in einem Säugling Mensch geworden ist, um uns Menschen unvergleichlich nahe zu sein.
Dieses Ereignis ist alles andere als selbstverständlich. Selbstverständlich ist uns nur das jährlich wiederkehrende Feiern des Weihnachtsfestes. Doch wenn wir dieses Fest ernst nehmen, heißt das: Der ewige Gott hat die Gestalt eines sterblichen Menschen angenommen. Er ist also nicht der ferne, von allem Weltlichen abgehobene Gott, sondern ein Gott, der das Leben in all seinen Facetten kennengelernt hat. Er ist ein Gott, der sich das Weltgeschehen nicht aus sicherer Entfernung ansieht, sondern einer, der neben und mit uns durch die Geschichte geht. So teilt Gott Freude und Leid mit uns. Er kennt unsere Probleme und will uns auf lebenswerte Wege geleiten, damit wir froh in der Welt leben können.
Das ist das Wunder von Weihnachten: Gott, der Unangreifbare und Unvorstellbare, hat sich in unsere arme Welt herabgelassen und ist uns ähnlich geworden, um unser Leid zu erspüren, uns mit Liebe und Vergebung zu begegnen und für uns vorstellbar zu sein. Der Unangreifbare hat sich angreifbar gemacht, der Unvorstellbare ist in Jesus Christus vorstellbar geworden. Darin besteht die Größe Gottes.
Dieser Gedanke ist so ungewöhnlich, dass wir ihn immer wieder vergessen. Wir stellen uns unter Gott lieber so etwas wie einen mit allen wünschenswerten Fähigkeiten ausgestatteten Menschen vor, einen übermenschlichen Superman ohne Schwächen und Mängel, eine Figur, die wir wohl selber gerne sein würden. Weil Gott aber so anders ist, als wir ihn uns gerne vorstellen, darum brauchen wir eine drei- bis vierwöchige Vorbereitungszeit auf Weihnachten – die Adventszeit.
Die Adventszeit, ernst genommen, ist also eine Zeit, die wir nutzen können, um uns mit dem Gedanken anzufreunden, dass Gott ein Mensch gewordener Gott und gerade so Gott ist und bleibt. Das müssen wir uns immer wieder aufs Neue bewusst machen. Advent ist also eine Zeit des Bewusstwerdens: Wir denken dem Wunder der Weihnacht nach, bereiten uns auf die Feier dieses Wunders vor. Wir gehen drei bis vier Wochen lang durchs Leben im Bewusstsein, dass Gott neben und bei uns ist und voller Liebe auch für uns. Und dass er in uns sein will und auch ist – wenn wir ihm die Tür unseres Herzens öffnen. "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit ...".
Advent ist darum meditative Zeit. Man muss sich in dieses Sein und Tun Gottes hineinfühlen. Das braucht Ruhe und Zeit. Ungestörte Zeit, um klare Gedanken zu fassen:
Gott, du bist bei mir. Bei mir, dem so ganz und gar unvollkommenen Menschen. Ich bin schwach, krank, ohnmächtig, ich leide und gehe unweigerlich dem Tod entgegen. Doch du würdigst mich deiner Gegenwart. Ich bin dir nicht zu unbedeutend und klein, sondern du machst dich selbst so klein, wie ich es bin. Du nimmst mich ernst, du kennst meine Verzweiflung, du fühlst mit mir, du nimmst meine Probleme auf dich und trägst sie mit, und du verheißt mir eine überaus glückliche Zukunft.
Ich bin es nicht wert, aber ich bin es DIR wert, dass du mich an die Hand nehmen und retten willst. Du siehst mich mit unendlich liebevollen Augen an. Was bist du nur für ein Gott!
Ich werfe mich in deine Arme. Ich brauche nichts zu tun als mich dir hinzugeben. Ich vertraue mein Leben dir an. Ich danke dir, dass du, großer Gott, an meiner Seite bist und bleibst.
Das ist die eine Dimension der Adventszeit: die Vorbereitung darauf, dass Gott uns in Jesus Christus unvergleichlich nahegekommen ist. Die andere Dimension der Adventszeit ist die Erwartung des Wiederkommens Jesu Christi am Ende der Tage. Das ist der kommende Advent, die kommende Ankunft des Erlösers.
Denn Jesus lässt die Welt nicht allein. Er ist zwar am Kreuz gestorben, aber er ist zwei Tage später von Gott zum Leben erweckt worden. Und er wird am Ende der Tage wieder auf die Welt kommen, um das Böse endgültig aus der Welt zu schaffen und das vollkommene Gute aufzurichten – eine Welt, in der das Leben für alle lebenswert ist, in der "der Tod nicht mehr sein wird und kein Leid noch Geschrei noch Schmerz mehr sein wird" (Offb 21,4).
In der Adventszeit blicken wir auf diese zweite Ankunft Jesu Christi voraus. Es ist eine Hoffnung, die das Herz springen lässt: Es wird nichts Böses und Lebensfeindliches mehr geben. Alle unerfüllten Sehnsüchte werden erfüllt sein. Kein Mensch wird uns mehr quälen. Wir selbst werden von unseren belastenden Eigenheiten befreit sein. Das Leben wird leicht sein, und es wird eine unvorstellbare Freude sein, zu leben. Nichts wird uns mehr fremd sein, auch Gott nicht.
Auch diese Aussicht ist alles andere als selbstverständlich. Wir erleben die Welt ganz anders. Das Böse setzt sich oft durch, der Gewaltsame kommt zum Ziel, das Unrecht ist unermesslich. Der Mensch ist der größte Feind des Menschen. Gutes und Böses liegen ohne Unterlass im Streit miteinander, mal setzt sich das eine durch, mal das andere. Es gibt keine Sicherheit, die Zukunft ist ungewiss, und am Ende steht immer der Tod. Das ist das, was wir vor Augen haben.
Doch eine andere Welt ist uns verheißen. Darauf blicken wir im Advent voraus. Mit dem Erlöser kommt eine andere Welt auf uns zu. Sie widerspricht allen Erfahrungen von Leid und Tod, sie ist das Gegenbild zu all diesen Erfahrungen.
Wir müssen es lernen, dieses Gegenbild ernster zu nehmen als unsere täglichen Erfahrungen von Leid und Tod. Denn Leid und Tod werden ein Ende nehmen. Das Gegenbild zu ihnen aber wird ewig sein. Wir müssen lernen, hinter den Horizont zu schauen.
Das ist nicht weniger aufwendig als die Erkenntnis der Menschwerdung Gottes. Es braucht Zeit, Muße, Ruhe, Meditation, um sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass das Gute und Vollkommene über das Böse und Zerstörerische siegen wird. Ungewohnt ist uns der Gedanke, dass Jesus Christus noch einmal auf die Welt kommen wird: diesmal nicht als Säugling, sondern als gerechter Richter über alles, was das Leben schwer oder unmöglich macht. Und er wird kommen als Aufrichter der Welt, wie sie von Gott gedacht ist.
Jesus Christus wird also der Hinrichter des Bösen und der Aufrichter des Guten sein. Und weil all das so ungewohnt ist, weil es so schwer Eingang findet in unser tägliches Leben, darum brauchen wir viel Zeit und Ruhe, um es uns immer wieder zu vergegenwärtigen:
Jesus Christus, du lebst. Du hast den Tod hinter dir gelassen und so besiegt. Und du wirst die Welt nicht in Ewigkeit so lassen, wie sie ist. Du hast noch etwas mit ihr vor. Du willst eine Welt erschaffen, in der es all das Elend und Leid nicht mehr gibt. Darum kann ich hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Denn am Ende steht für alle, die dir vertrauen, eine ewige Glückseligkeit.
Bis dahin muss ich noch durchhalten. Aber das ist leichter, wenn ich um das gute Ende weiß. Und ich kann dann auch schon auf Gutes in meinem jetzigen Leben hoffen. Ich lasse mich nicht vom Negativen vereinnahmen, sondern vertraue auf das Positive, das du, Gott, in meinem Leben bewirken willst.
Ich lasse mich von dir mitnehmen auf einen hoffnungsvollen Weg. Denn nichts ist dir unmöglich. Du hast den Tod besiegt, so wirst du auch mein Leid besiegen. Du wirst die Welt vom Bösen befreien, so wirst du auch mich von allem befreien, was mich noch gefangenhält. Ich kann in meiner verfahrenen Situation auf dich setzen. Ich sehne mich nach Befreiung. Ich vertraue dir und lege meine Befreiung in deine Hände. Danke, dass ich mein Leben auf deine Zukunft bauen darf.
Indem wir beide Ankünfte Jesu Christi immer wieder bedenken und uns zu eigen machen, nehmen wir uns Zeit für den Advent: Jesus Christus ist in unser Leben gekommen, um es mit uns zu erleiden und uns Gottes Liebe und Vergebung nahezubringen. Und er wird in unsere Welt kommen, um sie vom Leid zu erlösen und eine neue Welt für uns aufzurichten. Beides gehört zusammen. Beides tut der eine Gott an unserer Seite. Beides ist denen verheißen, die sich von Gott auf diesem Weg mitnehmen lassen.
Wenn wir den Advent bloß als Zeit erhöhten Konsums und Stresses erleben, werden wir von all dem nicht viel erfahren. Wenn wir den Advent aber als Zeit wahrnehmen, in der wir die unfassbare Nähe Gottes und seine uns verheißene unglaublich schöne und erlösende Zukunft bedenken, dann wird sie unser Leben nachhaltig prägen. Dann wird ein Strahl unvergänglicher Freude unsere Herzen hell machen.
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Foto: Gerd Altmann auf Pixabay.

vielen Dank für deine Rückmeldung und deine guten Wünsche. Auch dir eine gesegnete Adventszeit!
Viele Grüße
Klaus
Ich empfinde Gott, als jemanden der begleitet, das ist eine tiefere Art als Freud und Leid teilen. Die Probleme die uns das Leben stellt, werden mit ihn durchlebt. Er vermittelt im Leid eine Form des Wissens, dass keine Not die Begegnung mit ihm eliminiert. Dies gibt Christus, der nicht Gott ist, aber von ihm kam. Und seit Ostern uns - den, der zu ihm gehört -, begleitet. Er kommt NICHT erst am Ende aller Tage, er ist da im hier und heute. Keine Bosheit, kann uns mehr etwas anhaben! Ohne Bedeutung ist wann er als Richter erscheint, die Begegnung mit ihm trägt trotz Furcht.
Den Sinn seiner Wiederkunft ist bedeutungslos, wir (!) benötigen keine Erfüllung unerfüllte Sehnsüchte. UND unsere derzeitigen Eigenschaften sind menschliche, wer bei ihm ist, verliert menschliches Wesen. Alles andere wäre schrecklich. Dazu passt: Gott wird sein alles in allem. Bei Christus wird die Zeit aufgehoben, es gibt weder Vergangenheit noch Zukunft. Zeit ist aufgehoben, dann ist ein alles in allem da, wie Paulus sagt.
Ob das ein Gegenbild unserer Erfahrungen ist, werden wir dann wissen! Hier auf Erden ist Christus der wegweisende Leuchtturm, unsere Sichtgrenze ist der Leuchtturm den der Horizont freigibt.
Christus gibt uns hier auf Erden die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt! Das erfuhr jeder der ihm begegnete. Christus ist kein Hinrichter des Bösen und kein Aufrichter des Guten. Ihn Suchen ist Auftrag, mit ihm erhält das Leben das wir führen Sinn, egal wie sinnlos es aus weltlicher Perspektive erscheint. Die Welt bleibt, wie sie ist! Christus hat mit denen die er annimmt etwas vor, was wissen wir, wenn wir bei ihm sind, wir erfahren es erst dann. Dietrich Bonhoeffer versagte in den Augen der Welt, er tat was ihm möglich war für einen weltlichen Erfolg, handelte aber ohne Furcht so wie Gott es vorgab.
Lieber Klaus, dein „Denn am Ende steht für alle, die dir vertrauen, eine ewige Glückseligkeit“ und dein „muss ich noch durchhalten“ ist ein: ich will mir die „ewige Glückseligkeit“ erkaufen, und kein: ich will Jesu Gebote befolgen. Um die Glückseligkeit nicht zu verpassen, verpasst Du die Suche nach Christus.
Christus will, dass wir in dieser Welt leben, in der Welt in der das Böse so viel Macht hat. Er befreit zum Agieren IN der Welt, er befreit uns nicht von der Welt, solange wie wir leben.
Grüße Johanne, 2.12.24
ich verstehe nicht, wie du darauf kommst, dass ich Gott als einen fernen Gott schildere. Das Gegenteil ist der Fall. Freud und Leid miteinander teilen ist doch die tiefste Nähe, die zwei Wesen erleben können. Es ist tiefer als "Begleiten", denn begleiten kann auch ein feindliches, misstrauisches Begleiten sein. Ein Gott, der uns nur "begleitet", aber nicht an unserem Leben teilnimmt, kann ein ferner Gott sein.
Dass Gott auch heute bei uns ist, habe ich nirgends bestritten, sondern sogar ausdrücklich gesagt. Dasselbe gilt von Christus, denn er ist eins mit Gott. Das lehnst du wahrscheinlich ab. Jedenfalls schließt seine noch bestrittene und bekämpfte Gegenwart heute nicht aus, dass der am Ende der Tage als der unbestrittene Richter und Vollender kommen wird.
Ich verstehe auch nicht deinen Vorwurf, ich würde die "ewige Glückseligkeit erkaufen" wollen. Die ewige Glückseligkeit ist ein Geschenk und eine Verheißung, und ein Geschenk kann man nicht erkaufen, sondern nur dankbar annehmen. Das hat nichts mit Erkaufen zu tun. Ich weiß nicht, warum du das in meine Worte hineinlegst.
Ein Gespräch ist schwierig, wenn man dauernd mit unberechtigten Vorwürfen konfrontiert wird und wird schließlich für beide Seiten sinnlos.
Viele Grüße
Klaus
Den „fernen Gott“ aus deinen Worten sehe ich aus, Zitat: „einer, der neben und mit uns durch die Geschichte geht. So teilt Gott Freude und Leid mit uns. Er kennt unsere Probleme und will uns auf lebenswerte Wege geleiten, damit wir froh in der Welt leben können.“ Zitat Ende.
Meine Erfahrung sagt, er begleitet „einer der immer mit dir geht“ sagt ein Kirchenlied. Deine Beschreibung stellt Gott (!) auf eine Stufe mit uns!
Klaus, Du verweigerst die Kenntnisnahme meiner Empfindung – meines gesamten zweiten Absatzes! Das ist starker Toback! Verstärkst dies mit „kann auch feindliches… Begleiten sein“ UND verstärkst mit „nur“, dass in einem zweiten „kann“ endet. Klaus, das ist starker Toback.
Die Trinität besagt: 3 Personen in einer, das schrieb ich Dir oft. Du machst daraus ein: „Das lehnst du wahrscheinlich ab“, wieder ein heftiger Toback.
Klaus, Du kämpfst für ein – dein - Vertrauen in Christus und versprichst es DIR selbst – Bezug: meine BEIDEN Zitate im letzten gestrigen Absatz.
Auch deine Versuche sind ein Grund warum ich schreibe. Wer immer Aussagen, Erfahrungen mit Christus mitteilen kann, ist verpflichtet dies zu tun. Darum sind Gesprächskreise NOTWENDIG.
Deine Überzeugung die biblischen Schriften als Wortanweisung Gottes zu lesen, über die kein Leser nachdenken geschweige denn sie beurteilen darf, teile ich nicht! Die biblischen Bücher sind von Menschen geschrieben. Etliche schreiben mit dem Geist Gottes, etliche schrieben aus Begeisterung ohne den Geist Gottes. Ich erhielt die Fähigkeit zu erkennen, wer mit dem Geist schreib.
Wer diese Fähigkeit nicht hat, dem steht dennoch der Weg offen. Gott ist fähig mit jedem (!) Verstand so umzugehen, dass der der aufrichtig sucht, Christus findet! Gott sieht das Herz, aufrichtige Suche findet irgendwann.
Grüße Johanne, 3.12.24
P.S. deinen letzten Absatz zu interpretieren wird Dir gelingen.
Über alle anderen Aussagen mögen sich die Leserinnen und Leser dieses Blogs selbst ein Bild machen.
zum sich vorbereiten, wurde der Advent in den Kalender aufgenommen.
Die Form des Wissens, die von Christus kommt, DIESE FORM KANN KEIN LEBENSLEID LÖSCHEN, es die BEGEGNUNG, sie gibt das WISSEN von ihm angenommen zu sein.
Wann immer von Christus die Rede war, wies ich auf unsere Bekenntnisse – auf das Apostolische und auf das Nizäisch -, hin. Zum christlichen Glauben gehört die Trinität. Das Thema bewegt. Wer darüber redet verschafft sich innere Klarheit. Gedanken müsse ausgesprochen werden,
Leid kann zu Christus führen, dort wo wir in uns eine Frage bewegen UND SUCHEN, antwortet er irgendwann.
WER SICH SELBST EIN BILD MACHT kann finden. Niemand vermag FÜR den Freund oder den Lebensgefährten zu Christus finden. Der Pietismus wusste darum. Gott entgeht kein aufrichtiges Bemühen. Er führt die Seinen.
Vielleicht gelingt Dir jetzt ein offenes Lesen.
Grüße Johanne, 4.12.24
Grüße Johanne, 9.12.24
ich habe den Pfeil nicht verschoben, er sitzt da, wo er immer sitzt. Das Problem muss mit deinem Bildschirm zusammenhängen.
Viele Grüße
Klaus