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Die Unverfügbarkeit der Welt und ihres Schöpfers

Christsein verstehen

T h e o l o g i e   z u m   W e i t e r d e n k e n
Die Unverfügbarkeit der Welt und ihres Schöpfers
Klaus Straßburg | 03/01/2022

Wohl jeder Mensch hat es schon erlebt, dass die Natur zu ihm gesprochen hat. Wir kennen das Erlebnis des Schneefalls, der unsere Umgebung in kurzer Zeit verwandelt. Er verwandelt aber auch uns selbst, die wir diese Verwandlung der Welt erleben.

In solchen Momenten hören, sehen und fühlen wir die Welt, aber wir analysieren sie nicht. Wir lassen sie zu uns sprechen, ohne sie mit Hilfe der Vernunft in ihre Bestandteile zu zerlegen. Wir wollen zum Beispiel nicht wissen, warum es gerade jetzt schneit und wie Schnee eigentlich entsteht. Sondern wir lassen das Schneien einfach auf uns wirken, nehmen uns Zeit und freuen uns daran, ohne einen Zweck zu verfolgen und uns den Schnee nutzbar zu machen.

Dasselbe gilt, wenn wir einem anderen Menschen offen begegnen: Wir nehmen ihn wahr, aber wir ordnen ihn nicht sofort in ein Schema ein. Wir öffnen uns für das Geheimnis, das er ist. Das gelingt nur, wenn wir ihn nicht in eine Schublade einordnen oder ihn für unsere Zwecke gebrauchen.

Nur so erzeugt eine Begegnung oder ein Ereignis einen Widerhall in uns, eine Resonanz. Etwas bringt uns zum Klingen, setzt eine Antwort aus uns heraus, lässt ein Gefühl der Nähe und des Verstehens entstehen. Es ist ein Verstehen nicht durch beobachtende, distanzierte Analyse, sondern durch eine sich einlassende Nähe.

Der Mensch scheint solchen Begegnungen mit der Natur, mit Tieren, aber auch mit den Mitmenschen zunehmend entfremdet zu sein. Solches Erleben spielt sich oft nur am Rande unseres Lebens ab. Anderes bestimmt uns: Arbeit, Zeitdruck, Konsum, schneller Genuss, kurzfristige und oberflächliche Beziehungen. Das Leben und Arbeiten vollzieht sich für die meisten Menschen in Gebäuden, nicht in der Natur, und zwischenmenschliche Beziehungen sind oft zweckorientiert.

Warum ist in unserer modernen Gesellschaft so wenig Raum für sich einlassende Nähe? Der Soziologe Hartmut Rosa hat seine Gedanken dazu in einem Buch niedergelegt. Seine These ist: Einen Widerhall, eine Resonanz kann die Welt nur dann in uns erzeugen, wenn wir nicht versuchen, sie uns verfügbar zu machen, über sie zu herrschen. Nur das Unverfügbare kann etwas in uns zum Klingen bringen. Ich gebe einige Hauptgedanken des nicht zu dicken und gut lesbaren Buches mit dem Titel „Unverfügbarkeit" gleich unter Abschnitt 1 wieder.

Resonanz und Unverfügbarkeit sind auch im christlichen Glauben wichtig: Resonanz entsteht, wenn wir uns für Gott öffnen, von ihm ansprechen lassen. Möglich ist das aber nur, wenn wir nicht über Gott verfügen wollen. Um diese Zusammenhänge besser zu verstehen, ist es aufschlussreich, sie einmal aus der Perspektive des Soziologen zu betrachten. Anschließend wende ich die soziologischen Erkenntnisse auf die Theologie an, und am Schluss stelle ich eine alttestamentliche Perspektive dar.


1. Eine soziologische Perspektive

Die moderne Welt, auch kurz „die Moderne" genannt – das ist die Zeit seit dem späten 18. Jahrhundert. Dieser Zeitraum ist geprägt von der Aufklärung, welche die Vernunft in den Mittelpunkt der menschlichen Erkenntnis stellte. Die maschinelle Produktionsweise veränderte die Herstellung von Gütern in radikaler Weise, so dass man von einer industriellen Revolution spricht. Und auch die Säkularisierung, die zunehmende Loslösung der Menschen und Staaten aus ihrer Bindung an die Kirchen gehört in diesen Zeitraum.

Man kann sagen: Die Moderne ist charakterisiert durch eine immense Vergrößerung des menschlichen Wissens und zugleich einer Verringerung der religiösen Bindungen sowie durch eine technische Beherrschung der Natur und maschinelle Produktion von Gütern. Und das alles wurde möglich durch den zentralen Gebrauch der menschlichen Vernunft und einen Aufstieg der Wissenschaften. Die Entwicklung führte geradezu zu einer Explosion des materiellen Wohlstands und Konsums in den Industrieländern. Bis heute ist es so, dass alles, was wir haben möchten, möglichst sofort für uns verfügbar sein soll. Und wenn das einmal nicht so ist, wie teilweise in der Pandemie, dann stehen wir ungläubig und entsetzt vor leeren Regalen.

Die Moderne hat unsagbar viele positive Folgen mit sich gebracht, jedenfalls für die Industrieländer. Wir brauchen nur einmal an die Weiterentwicklung der Medizin und ihrer technischen Möglichkeiten zu denken. Dennoch erleben wir seit einigen Jahrzehnten auch die Kehrseite dieser Entwicklung, die nicht nur in dem immensen Energiebedarf und der damit zusammenhängenden Umweltverschmutzung besteht.

Hartmut Rosa hat den Akzent noch auf etwas anderes gelegt, was aber mit dem soeben Genannten zusammenhängt. Indem wir die Natur durch Wissenschaft und Technik immer besser beherrschen, haben wir sie uns verfügbar gemacht. Das Unberechenbare soll ausgeschaltet werden, und möglichst alles soll von uns planbar und nutzbar sein. Die Welt soll uns nicht von sich aus begegnen, sondern so, wie wir es erwarten und erzeugen. So versuchen wir, unsere menschliche Verletzbarkeit so gering wir möglich zu halten. Eine Welt, die wir beherrschen, kann uns nicht mehr verletzen.

Dieses Streben nach Beherrschbarkeit betrifft nicht nur unser Verhältnis zur Natur, sondern unser ganzes Leben: Menschen versuchen beständig, sich selbst, ihren Körper, ihre Gesundheit und ihre Fähigkeiten, zu optimieren. Wir meinen, viele Orte bereisen, kennenzulernen und uns so erobern zu müssen. „100 Orte, die man gesehen haben muss" ist eine erfolgreiche Buchreihe. Wir führen To-do-Listen, die wir abarbeiten, um nichts auszulassen, was unser Leben planbar und beherrschbar macht. Wir wollen nicht verletzbar sein.

Andererseits sehnen wir uns aber danach, dass die Welt einen Zauber für uns entwickelt, dass wir über sie staunen können. Es macht uns glücklich, wenn wir etwas nicht vollständig verstehen, sondern wenn es sich uns entzieht und wir von ihm immer wieder neu überrascht werden. Gerade etwas, was ein Geheimnis in sich birgt, erzeugt einen Widerhall in uns, der uns verwandelt und uns die Welt in neuer Weise verstehen lässt. Das aber geschieht nur dann, wenn wir die Welt nicht beherrschen, sondern uns von ihr berühren, und das heißt, uns ein Stück weit von ihr beherrschen lassen. Darum sehnen wir uns danach, dass uns etwas, über das wir nicht verfügen, von sich aus berührt, verwandelt, beherrscht. Wir wollen nicht immer nur mächtig sein, sondern uns auch machtlos und staunend bezaubern lassen.

Das kann aber nur geschehen, wenn wir bereit sind, uns auf nicht vorhersehbare Weise berühren und verwandeln zu lassen. Resonanz kann in uns nur entstehen, wenn wir nicht schon alles wissen, alles durchschaut und erkannt haben. Der distanzierte, beobachtende, „objektive" Zugang zur Welt hat zwar auch sein Recht. Wenn Resonanz entstehen soll, darf er aber nicht, wie in der Moderne, die vorrangige Art sein, wie wir zur Welt in Beziehung treten.

Dass die verfügbar gemachte Welt uns nicht einfach nur glücklich macht, lässt sich daran ablesen, dass die gesteigerte Verfügbarkeit der Welt unversehens in Unverfügbarkeit umschlägt und so zur Bedrohung für uns wird. Beispiele dafür sind die Umweltverschmutzung und die Globalisierung. Die davon ausgehenden Bedrohungen führen bei nicht wenigen Menschen zu Angst, Wut und Verzweiflung. Andere machen sich lieber keine Gedanken darüber und verdrängen so die Probleme.

Doch auch viele andere Phänomene zeigen an, dass die Verfügbarmachung der Welt auch unglücklich macht. Wirtschaftswachstum, materieller Reichtum, Beschleunigung des Lebens und ständige Neuentwicklungen werden in der modernen Gesellschaft als notwendig betrachtet, um die erlangten Errungenschaften zu sichern. Sie haben aber unerwünschte Nebenwirkungen. Wir vergrößern zwar durch das Wachstum materieller Güter, durch Beschleunigung und Neuentwicklungen die Reichweite, mit der wir uns die Welt erobern können. Inzwischen gelangt man für wenig Geld zum Wochenende nach Mallorca und kann sogar als Tourist ins Weltall fliegen, wenn man die nötigen Mittel besitzt.

Unsere Reichweite (unser Einfluss, unsere Macht über das Leben) wird immer größer. Aber sie geht auf Kosten der Reichweite anderer. Indem wir zu viel CO2 freisetzen, rauben wir den Menschen, die den Schaden davontragen, und den zukünftigen Generationen Lebensreichweite.

Und auch wir selbst bekommen die negativen Folgen zu spüren: Die erlangte Fülle an Gütern kann unsere Sehnsucht nach Lebensfülle nicht stillen; denn die Objekte, die wir besitzen, können das Versprechen, Resonanz in uns zu erzeugen, nicht einlösen. Und zwar deshalb nicht, weil Objekte verfügbar sind, Lebenssinn und erfüllende Beziehungen aber nicht. Dazu kommt, dass unsere Seele der Beschleunigung des Lebens oft nicht mehr folgen kann. Und den dauernden Neuentwicklungen müssen wir hinterherhetzen, um nicht abgehängt zu werden. So wendet sich die maßlose Vergrößerung unserer Reichweite schließlich gegen uns selbst.

Wir merken dann, dass sich die Welt der Verfügbarkeit entzieht. Und sie tut das zu unseren Gunsten. Denn wenn uns die ganze Welt verfügbar wäre, wäre unser Leben erstarrt, ohne Überraschungen und totlangweilig. Es gäbe keinen Widerhall in uns, nichts würde uns mehr wirklich ansprechen. Jede erfüllende Beziehung würde ersterben. Wir wären dann lebendig tot.

Soweit einige Gedanken des Soziologen Hartmut Rosa, die mir beim Lesen seines Buches theologisch sehr bedeutsam erschienen. So war ich auch nicht sonderlich überrascht, als er in einer Radiosendung erzählte, dass er manchmal in seinem Heimatort im Gottesdienst die Orgel spielt. Ein interessantes Gespräch zwischen ihm und dem Philosophen Richard David Precht gibt es übrigens auch in der ZDF-Mediathek.


2. Eine theologische Perspektive

Im Grunde haben die Menschen schon immer versucht, sich die Götter verfügbar zu machen. Sie wollten ihre Gunst erwecken durch einen ihnen gefälligen Lebenswandel oder durch religiöse Rituale. Sie wollten eine erwünschte Reaktion der Götter hervorrufen, indem sie Gebetsrituale entwickelten. Der aufgeklärte Mensch will Gott seiner Vernunft einordnen, ihn „auf den Begriff bringen" und so mit dem dann gedanklich fixierten Gott fertig werden. Um ihn nicht ohnmächtig gegenüberzustehen, wollen wir Gott domestizieren, zähmen, uns unterordnen.

Gott soll unserer Vernunft einsichtig sein, und einen Gott, den unsere Vernunft nicht versteht, kann es nicht geben, meinen wir. Und tatsächlich entzieht sich uns Gott gerade dann, wenn wir meinen, ihn verstanden zu haben. Der durchschaute, sezierte Gott kann uns gleichgültig sein. Denn er bietet uns nichts Neues, Staunenswertes. Er ist vielmehr ein Stück von uns selbst geworden, ein erkanntes Objekt unserer Vernunft, ein Teil unserer Welt. Ein Teil unserer Welt aber kann uns nicht diese Welt verzaubern, ihr Geheimnis aufdecken, und er kann in uns keinen Widerhall erwecken. Ein entblößter Gott ist kein Gott mehr.

Einerseits suchen wir das religiöse Geheimnis, das es nur gibt, wenn uns Unverfügbares begegnet. Andererseits aber wollen wir nicht verletzbar sein, wollen einer göttlichen Macht nicht ausgeliefert sein und fürchten das Unverfügbare, das uns dann begegnen könnte. Wenn wir uns aber vor dem unverfügbaren Gott verschließen, kann er nicht zu uns sprechen. Wir sind dann wie versteinert, verstockt. Bestenfalls machen wir Gott zu einem Objekt unserer Wunschvorstellungen. Dieses Objekt aber ist nicht mehr Gott, sondern ein Götze.

Auch im Verhältnis zu Gott gibt es also Angst, Wut und Verzweiflung. Wenn Gott nicht so handelt, wie er es nach unserer Vorstellung tun müsste, werfen wir ihm das vor, zweifeln und hadern mit ihm, werden vielleicht sogar wütend auf ihn. Gott soll nicht anders sein, als wir es uns denken. Wenn er dann doch anders ist, erscheint er uns bedrohlich. Wir verkennen dann, dass es immer der liebende Gott ist, der uns begegnet – auch dann, wenn er sich uns entzieht.

Natürlich hat auch im Verhältnis zu Gott die reflektierende und damit in gewissem Sinn distanzierte Betrachtung ihr Recht. Sie darf aber nicht zur Hauptsache werden. Auch das reflektierende Betrachten Gottes speist sich aus der Erfahrung des Glaubens. Im Glauben sind wir mit Gott im Einklang. Im Glauben lassen wir uns von ihm ansprechen und Resonanz in uns erzeugen. Dennoch muss uns auch im Glauben bewusst bleiben, dass Gott der Andere ist, der niemals mit uns, mit unserer religiösen oder kulturellen Vorstellung identisch wird.

Wenn wir Gott sein Anderssein rauben und ihn so verfügbar machen wollen, erheben wir uns über ihn und machen uns selbst zu Göttern. Das zeigt sich nicht nur in unserer Beziehung zu Gott, sondern auch zur Welt. Die kulturelle Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist deutlich gekennzeichnet von unseren Versuchen, göttliche Eigenschaften zu erlangen.

Computer und Handy mögen Beispiele dafür sein. Das Internet macht uns glauben, dass wir zu jeder Zeit alles Wissen der Welt zur Verfügung haben. Das entspricht der traditionellen göttlichen Eigenschaft der Allwissendheit. Das Handy erlaubt uns, überall und jederzeit erreichbar zu sein und andere zu erreichen. Das entspricht dem, was man Gottes Allgegenwart nennen könnte. Zugleich können wir zu jeder Zeit auf alles in der Welt, auf andere Menschen und ferne Entwicklungen, Einfluss nehmen. Das entspricht der göttlichen Allwirksamkeit. Schließlich üben wir durch all diese Verhaltensweisen eine scheinbar grenzenlose Macht aus. Das entspricht der traditionellen Vorstellung von Gottes Allmacht.

Das Streben nach Allem bedeutet aber immer die Unterdrückung Anderer. Darum sind die All-Begriffe auch für die Beschreibung Gottes missverständlich. Gott liefert sich in seiner „Allwissendheit" der menschlichen Unwissenheit aus, weil er die Menschen liebt und gerade nicht unterdrückt. Aus seiner „Allgegenwart" lässt Gott sich vom Menschen verdrängen. In seiner „Allmacht" gibt er sich als Liebender der Macht der Menschen hin, macht sich also machtlos. Und in seiner „Allwirksamkeit" setzt sich Gott der menschlichen Wirkungslosigkeit aus.

Auch das, was der Soziologe Weltreichweitenvergrößerung nannte, könnte man einer göttlichen Eigenschaft zuordnen. Denn Gottes Macht reicht eben über die ganze Welt. Die Fülle der Güter, die wir erstreben, erinnert an die göttliche Lebensfülle. Die digitale Beschleunigung des Lebens, die uns in Sekundenbruchteilen Kontinente überwinden und alles fast gleichzeitig erleben lässt, erinnert an die göttliche Ewigkeit, in der er nicht an die Zeit gebunden ist. Das Streben nach Wachstum der Produktion und nach ständig Neuem erinnert an das stetige Schaffen und Neuschaffen Gottes.

Unser Streben nach Göttlichkeit führt aber gerade nicht dazu, dass wir Götter werden. Sie führt im Gegenteil dazu, dass wir in unserer Verhärtung und Verstockung, die durch keine Resonanz aufgebrochen wird, gefangen bleiben. Wenn die Anrede Gottes an uns nicht mehr bei uns ankommt, wenn sie in uns keinen Widerhall erzeugt, dann wird unsere Gottesbeziehung langweilig und bedeutungslos. Das Bedürfnis, Gott zu kontrollieren, also selbst Gott zu sein, führt dazu, dass Resonanz unmöglich wird. Nur eine unverfügbare und (von unserer Seite aus) ergebnisoffene Gottesbeziehung würde uns anrühren und verwandeln – so, wie jede Liebesbeziehung uns anrührt und verwandelt. So wird das Geheimnis Gottes gewahrt.

Nicht wenige Menschen wenden sich immer neuen spirituellen Praktiken oder Gemeinden zu, weil all die Spiritualitäten und Gemeinden, die sie sich verfügbar machen wollen, das ersehnte Versprechen nach Resonanz auf Dauer nicht einlösen können. Es gäbe die Einlösung dieses Versprechens ja nur, wenn alle Fragen beantwortet wären und sie sich vollkommen geborgen fühlen würden. Aber diese Vollkommenheit gibt es in dieser Welt nicht dauerhaft. Erst in der neuen Welt werden wir keine Fragen mehr an Gott stellen. Im Diesseits ist Gott zwar im Gebet erreichbar, aber nicht verfügbar. Darum kann nichts „herbeigebetet" werden. Gott bleibt frei und in seiner Freiheit unverfügbar für uns – und zwar zu unserem Heil.


3. Eine alttestamentliche Perspektive

Die Menschen im alten Israel hatten eine fundamental andere Wirklichkeitsvorstellung, als wir sie heute haben. Die Israeliten verstanden ihre Welt nicht als fertiges Konstrukt, das nach unveränderlichen Gesetzen abläuft. Die Welt galt ihnen vielmehr als etwas Veränderliches, das ihnen in einer Weise zugewandt ist, die ihrem eigenen Verhalten entspricht. In dieser Sicht entsprechen, korrespondieren Mensch und Welt einander, etwa so wie korrespondierende Röhren. Der Mensch galt als eng mit den Bewegungen seiner Umwelt verbunden, und die Umwelt wurde als Anrede an den Menschen verstanden, aber zugleich als Antwort auf dessen Verhalten.

So verstand man die Wirklichkeit nicht als ein stummes Medium, in dem der Mensch sich bewegt, sondern als etwas, was sich selbst redend auf den Menschen zu bewegt. Gott hat seine Weisheit in die Schöpfung hineingegeben, so dass sie nun der Welt innewohnt (Hi 28,12-28) und den Menschen aus der Schöpfung heraus anruft (Spr 8). Gottes Herrlichkeit füllt nun die ganze Erde aus (Jes 6,3b). In unserer Wirklichkeit ist Gott redend, ordnend, fördernd und richtend am Werk. Darum geschieht in der Wirklichkeit immer etwas für uns Wichtiges, etwas Gutes oder Böses, das unserem eigenen Verhalten entspricht.

Die Lehrer der alttestamentlichen Weisheit, die sich vor allem in den Büchern Hiob, Sprüche, Prediger und einigen Psalmen ausdrückten, versuchten, in der chaotischen Vielfalt der Ereignisse eine Ordnung zu finden. Denn sie gingen davon aus, dass es in der Wirklichkeit eine göttliche Ordnung gibt. Dieser Ordnung spürten sie nach, indem sie Lebenserfahrungen beobachteten und daraus Regeln ableiteten.

Mit „Weisheit" ist hier also nicht eine Art Philosophie gemeint, sondern das glaubende Suchen und Erkennen der Ordnung, die Gott der Schöpfung eingestiftet hat. Die Vernunft, mit der dieses Suchen und Erkennen geschieht, galt nicht als naturgegebene menschliche Ausstattung, sondern als eine Gabe Gottes, die nicht jeder Mensch immer schon hat. Darum bat Salomo, das alttestamentliche Beispiel eines Weisen, um ein weises und verständiges Herz (1Kön 3,9.12), eine vernehmende Vernunft, die ein Gespür für die Wahrheit hat, die den Menschen von der Welt her anspricht. Es geht der Weisheit also nicht um eine über die Natur verfügende Vernunft, um ein technisches Wissen, mit dem sich der Mensch die Natur mit Macht verfügbar und zunutze macht, sondern um eine Sensibilität für die göttliche Ordnung der Schöpfung und für das ihr in rechter Weise antwortende Verhalten.

Wie erging es dem, der etwas Bestimmtes tat? Wie erging es dem anderen, der etwas anderes tat? Welche Folgen hatte dieses und jenes Tun? Die Weisen meinten, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem, was ein Mensch tut und wie es ihm danach ergeht (sog. Tun-Ergehen-Zusammenhang): Dem, der Gutes getan hat, ergeht es gut, und dem, der Böses getan hat, ergeht es schlecht. Zwar wurde ein starrer Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen auch schon innerhalb der Weisheitsschriften in Frage gestellt (z.B. im Buch Hiob). Aber dass es grundsätzlich eine göttliche Ordnung gibt, die auch das menschliche Verhalten betrifft, wurde im alten Israel nicht aufgegeben.

Das Motiv dafür, die Regeln der göttlichen Ordnung zu ergründen, bestand nicht darin, sie sich nutzbar und verfügbar zu machen, um die Regie im eigenen Leben zu übernehmen. Sondern das Motiv bestand darin, sich immer neu in die göttliche Ordnung einzuordnen. Es handelt sich auch nicht um eine feste Ordnung, die man ein für allemal ergründen kann. Vielmehr meinte man, dem Guten immer neu nachspüren zu müssen, wobei das alte Wissen über bereits gemachte Lebenserfahrungen hilfreich sein kann.

Man ging also davon aus, dass die Maßstäbe für ein gutes Leben in der Welt vorgegeben sind. Dennoch verstand man diese Maßstäbe nicht als etwas, was der Mensch vollkommen offenlegen kann. Denn die Erkenntnis der weltlichen Ordnung ist letztlich immer eine Erkenntnis der unergründlichen Wahrheit Gottes. Der Mensch, der vor der Ordnung der Schöpfung steht, steht zugleich vor dem Schöpfer. Der Schöpfer ist es, der auf die gute Tat Gutes und auf die böse Schlechtes folgen lässt, der aber auch etwas ganz Unerwartetes geschehen lassen kann. Es geht zwar um Einsicht in die Ordnung der Schöpfung, aber zugleich immer auch um Vertrauen zu Gott und zu seiner unverfügbaren Reaktion auf das menschliche Handeln.

So kann man in den weisheitlichen Texten einerseits Worte finden, die jedem menschlichen Handeln ein ihm entsprechendes Ergehen folgen lassen, ohne dass Gott überhaupt erwähnt wird (z.B. Spr 11,28; 15,18). Andererseits gibt es Worte, die vom unmittelbaren Eingreifen Gottes sprechen: Er reagiert in seiner Weise, in vielleicht ganz unerwarteter Weise auf das menschliche Handeln (z.B. Spr 16,9; 19,21). Beide Aussagereihen ließ man nebeneinander stehen. Die Weisen wollten damit sagen: Mach dich mit den Regeln der göttlichen Ordnung vertraut! Unkenntnis der Regeln wird dir schaden. Aber du kannst trotzdem nie ganz sicher sein, was geschehen wird. Du musst für neue Erfahrungen von Gott her offen bleiben. Denn Gott ist nicht auf eine starre Ordnung festzulegen – auch durch alle Weisheit nicht.

So ist es dem Menschen aufgegeben, sich einerseits an die überlieferten Erkenntnisse der Weisen zu halten, andererseits aber sich der Grenzen ihres Erkennens bewusst zu sein. Gottes Handeln bleibt auch dem glaubenden Weisen unverfügbar. Es bleibt ein unergründliches Geheimnis, dem wir uns ein Stück weit annähern, das wir aber niemals lüften können.

Die Ordnung, durch die Gott die Taten des Menschen weiterführte, aber dem menschlichen Planen auch Grenzen setzte, wurde nicht als etwas Bedrohliches empfunden, sondern als etwas Tröstliches. Denn der Gott vertrauende Mensch kann gewiss sein, dass Gott dem Menschen letztlich nichts Böses will, sondern zu seinem Wohl handelt. In diesem Vertrauen kann man getrost auch mit der Unverfügbarkeit und Unbegreiflichkeit des Weltgeschehens leben. Die Welt ist dem Menschen kein feindliches Gegenüber, sondern der Ort, an dem er auf die Anrede der Welt antworten und die Beziehung zu Gott pflegen soll (Spr 1,1-7), aber auch die Freuden des Lebens genießen (Pred 9,7-10) und schließlich „alt und mit Leben gesättigt" sterben kann (Hi 42,17).

Weil das Ordnungsgeheimnis der Welt dem Menschen nur Gutes will, wird es so geschildert, dass es den Menschen in einer Sprache anspricht, die an die Liebessprache erinnert (Spr 8,1-21; 9,1-5). Die Ordnung der Welt liebt den Menschen, und deshalb darf sie nun auch vom Menschen geliebt werden (Spr 4,6.8; 7,4). Es ist ein wechselseitiges Liebesverhältnis zwischen der Ordnung der Schöpfung und dem Menschen (Spr 8,17).

Der Hauptunterschied des altisraelitischen zu unserem modernen Wirklichkeitsverständnis kann so zusammengefasst werden: Die Welt hat eine Ordnung, und diese Ordnung hat eine Aussage. Die Welt ist nicht stumm, sondern rufend und antwortend. Sie ist auch nicht einfach ein in sich geschlossenes wissenschaftliches System, sondern Göttliches und Weltliches durchdringen sich in ihr gegenseitig. So erzählt der Himmel von Gottes Ehre und verkündet seine Gerechtigkeit, das Firmament verkündet Gottes Werke (Ps 19,2; 97,6), und Gottes Werke preisen den Schöpfer (Ps 145,10).

Wir sind aufgerufen, auf diese Stimmen ihnen entsprechend zu antworten, so dass – statt eines wissenschaftlichen Systems – ein andauernder Dialog über die Welt und den Menschen entsteht. Auch wenn die Wirklichkeit uns vieldeutig, ambivalent begegnet (oder gerade, weil sie es tut), sind wir aufgerufen, die ordnende Stimme zu hören. Hören wir diese Stimme nicht, dann hat das nach Spr 1,24-33 schlimme Folgen für uns: Wir müssen dann nach unseren eigenen zerstörerischen Plänen leben, und auch wenn wir später zur Einsicht kommen und nach der ordnenden Stimme rufen, wird sie stumm bleiben. Dann bleibt nur, auf die Gnade Gottes zu vertrauen, der schon so oft rettend eingegriffen hat, wenn Menschen die Stimme seiner Ordnung missachtet haben.


4. Schluss

Die Unverfügbarkeit der Welt begegnet uns täglich. Ein Ereignis wirft uns plötzlich aus der Bahn, ein Gedicht spricht uns unvermittelt an und geht uns nach, die winterliche Verwandlung der Welt verwandelt auch uns selbst. Doch wenn wir versuchen, uns die Welt verfügbar zu machen, entzieht sie sich uns. Das Gedicht, das wir vollkommen ergründet haben, hat seinen Reiz verloren und kann uns nichts mehr sagen. Die analysierte Welt verliert ihr Geheimnis. Und auch der Gott, den wir komplett zu kennen beanspruchen, entzieht sich uns und spricht uns nicht mehr an.

Das heute dominierende naturwissenschaftliche Wirklichkeitsverständnis bedarf es daher, um ein christliches Wirklichkeitsverständnis ergänzt zu werden. Jede Verabsolutierung des einen oder des anderen bedeutet eine Verengung unseres Verstehens. Und das Christentum sollte sich nicht durch den Vorwurf irritieren lassen, es sei widersprüchlich und unlogisch und es könne viele Fragen nicht beantworten. Denn die Wirklichkeit selbst, die von Gott geschaffene Welt, ist widersprüchlich und unlogisch. Und wer wollte behaupten, er könne alle die Wirklichkeit betreffenden Fragen beantworten? Von anderer Seite wird dem Christentum vorgehalten, es mache Aussagen über Gott, über den man doch nichts wissen könne.

Beide Vorhaltungen greifen zu kurz. Denn der glaubende Mensch steht dem Unverfügbaren gegenüber wie jeder andere Mensch auch. Er steht vor Gott und seiner Welt, die ihn ansprechen, aber sich ihm auch entziehen. Und er sollte nicht der beständigen Versuchung verfallen, sich beides verfügbar machen zu wollen. Denn dann beraubt er sich selbst des Geheimnisses, das ihn anspricht, bezaubert und sich anverwandelt, auf dass er mit Leben, Glück und Vertrauen erfüllt werde.


Literatur
  • Dietrich, Jan: Welterfahrung (AT). In: Das Wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (www.wibilex.de). 2017.
  • Rosa, Hartmut: Unverfügbarkeit. Suhrkamp Taschenbuch Verlag. 3. Aufl. 2021.
  • von Rad, Gerhard: Weisheit in Israel. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh 1992.


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6 Kommentare
Michael Kröger
2022-02-04 08:43:10
Hallo Klaus,

du bringst die tiefe Paradoxie des Themas Unverfügbarkeit sehr gut auf den Punkt: "Wenn wir uns vor dem unverfügbaren Gott verschliessen, kann er nicht zu uns sprechen. " Gleichzeitig wollen wir uns als Menschen aber auch ein genaueres Bild der Bedingungen dieser Unverfügbarkeit machen. Mit und in deinen Ausführungen beschreibst du einen Selbstwiderspruch, den du aber gleichzeitig "auflöst" indem du auf das Geheimnis der Unverfügbarkeit Gottes hinweist. Wir können also das Unverfügbare auch dann noch thematisieren, wenn es einerseits unverfügbar bleibt und wir andererseits darüber in einer für Menschen zugänglichen Weise sprechen können. Meine Frage ist dann: Was ergibt sich aus dieser Situation für jeden Einzelnen?

2022-02-04 11:10:38
Hallo Michael,

wenn ich dich richtig verstehe, spielst du darauf an, dass Gott uns Menschen einerseits unverfügbar ist, dass wir aber andererseits über ihn nachdenken und sprechen und ihn uns dadurch in gewisser Weise verfügbar machen. Das ist in der Tat ein wichtiger Hinweis. Ich will versuchen, so darauf zu antworten:

Gott ist frei und darum für uns unverfügbar. Seine Freiheit und Unverfügbarkeit besteht aber auch darin, in freier Entscheidung sich in unsere Welt hinein zu begeben und so für uns verfügbar zu machen. In Jesus Christus hat er das in besonderer Weise getan, und das deutlichste Ereignis seiner Verfügbarkeit für die Menschen ist Jesu Ermordung am Kreuz.

Obwohl Gott sich derart für uns verfügbar macht, bleibt er aber (weil diese Verfügbarmachung seine freie Entscheidung ist) zugleich für uns unverfügbar. Das hat sich in der Auferweckung des gekreuzigten Jesus Christus gezeigt. Die Mörder haben also nicht das letzte Wort über Jesus gesprochen. Alle unsere Worte und Gedanken sind daher niemals das letzte Wort über Gott. Zuletzt entscheidet Gott selbst, wann er sich für uns verfügbar macht und wann er sich unserer Verfügbarkeit entzieht.

Theologisch kann man das so formulieren: Gott offenbart sich uns, aber er bleibt zugleich ein Geheimnis für uns. Oder anders herum: Das Geheimnis Gottes ist nicht seine absolute Verschlossenheit uns gegenüber, sondern es ist ein "offenbares Geheimnis" - ein Geheimnis, das uns offenbart werden kann, ohne seinen Geheimnischarakter zu verlieren. Nur in dieser Dialektik, in dieser Spannung können wir über Gott reden - wir "haben" ihn in unseren Gedanken und Worten und haben ihn zugleich nicht im Griff, besitzen ihn nicht. Das alttestamentliche Verbot, sich von Gott ein Bild zu machen, warnt uns vor dem Versuch, Gott zu einem verfügbaren Objekt zu machen: Wir sollen keine feste Vorstellung von ihm entwickeln, ihn nicht auf ein Bild, das wir von ihm haben, festlegen.

Ich denke, das klingt komplizierter, als es ist. Denn im Grunde geht es uns ähnlich mit jedem Menschen, der uns nahesteht: Wir tauschen uns mit ihm aus, wir kennen und lieben ihn, wir wissen fast alles über ihn, aber wenn wir ehrlich sind, bleibt er doch ein Geheimnis für uns. Und das ist auch gut so. Denn wäre er kein Geheimnis mehr für uns, dann hätte er uns nichts mehr zu sagen. Diese Gefahr besteht zwar wohl in jeder zwischenmenschlichen Beziehung, aber in einer idealen Beziehung wäre uns ein Mensch wohlbekannt und bliebe uns dennoch ein unverfügbares Geheimnis.

Für den glaubenden Menschen ergibt sich daraus, dass er frohen Mutes über Gott nachdenken und reden kann, aber ebenso frohen Mutes sich bewusst sein kann, dass all seine Gedanken und Worte hinter Gott zurückbleiben - dass er ihn versteht und doch immer wieder nicht versteht, dass Gott immer wieder ganz anders handelt, als er es sich vorgestellt hat. Dennoch kann er der Liebe Gottes gewiss sein, auch wenn er Gottes Liebe in seinem persönlichen Geschick oder im Weltgeschehen gerade nicht entdecken kann. Dennoch kann er darauf vertrauen, dass Gott ihn nicht verlassen wird, auch wenn Gott sich gerade unendlich fern von ihm zu befinden scheint. Gott wird sich ihm wieder offenbaren, auch wenn er sich gerade vor ihm verbirgt.

Jes 54,8: "Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser." Das sagte der Prophet dem Volk, das im babylonischen Exil unter scheinbar nicht endender Fremdherrschaft leben musste.

Ich hoffe, den Punkt deiner Frage getroffen zu haben. Andernfalls frag bitte nach.
2022-02-05 15:16:12
Hallo Klaus,

wenn ich mir die Unverfügbarkeit der Welt vor Augen führen will, schaue ich mir nachts bei klarem Wetter den Sternenhimmel an. Ganz gleich, ob mit naturwissenschaftlichem Hintergrund oder nicht, es ist ganz klar, dass hier nichts verfügbar ist, weder für mich noch für die Menschheit insgesamt. Kenntnisse in Physik oder Astronomie verstärken diesen Eindruck noch. Ich finde das entspannend und beruhigend. Ganz gleich, was wir hier auf der Erde, unserem Lebensraum, anstellen, es führt nicht zum Ende der Welt.

Auch wenn das All nicht verfügbar ist, gibt es bestimmte Erkenntnisse, die elementar wichtig sind. Zum Beispiel, dass es einen Polarstern gibt und wie man ihn am Himmel findet. Damit weiß man auch ohne Kompass, wo Norden ist, jedenfalls bei einigermaßen klarer Sicht. Darauf sind Menschen schon sehr früh gekommen, in allen Kulturen. Auf der Südhalbkugel der Erde spielt das Kreuz des Südens eine vergleichbare Rolle wie der Polarstern auf der Nordhalbkugel.

In den meisten Kulturen haben die Menschen Sternbilder griffig benannt, um Orientierung und Kommunikation zu erleichtern. So weit, so gut. Irgendwann bildete sich dann die Astrologie heraus, die behauptete, Zusammenhänge zwischen unseren irdischen Schicksalen und Raufhändeln und den Konstellation von Sternen und Planeten herstellen zu können. Astrologen konnten damit gerade an den Herrscherhäusern ihren Lebensunterhalt bestreiten. Gleichzeitig hatten sie die Möglichkeit, detaillierte Berechnungen von Himmelsereignissen durchzuführen, die von allgemeinem Wert waren und sind.

Astrologie wurde sogar an Universitäten gelehrt. Das ist allerdings lange vorbei, und auch zu Recht. Ich rechne damit, dass der Theologie in Zukunft Ähnliches bevorsteht.

Auch ein Glaube bietet gewisse Grundorientierungen, die einem bei der Navigation durchs Leben helfen. Dies auf menschliche Art je nach kulturellem Umfeld unterschiedlich zu illustrieren, ist auch völlig normal. Nur eine direkte Verbindung zu unseren persönlichen Lebenssituationen mit Vorhersagequalität gelingt nicht (vgl. Gebetserfüllung).

Viele Grüße

Thomas
2022-02-05 18:21:18
Hallo Thomas,

danke für deine ergänzenden Hinweise, die mich zu einigen Präzisierungen anregen. Ich empfinde einen Blick in den Sternenhimmel auch als überwältigend, soweit er überhaupt in unserer lichtdurchfluteten Welt noch sichtbar ist. Die Einschränkung zeigt schon, wie sehr wir uns die Welt (hier: die Nacht) verfügbar gemacht haben und was uns dabei verloren gegangen ist. Dass der Mensch meinte, den Mond betreten zu müssen, dass er heute noch weiter in den Weltraum ausgreift und dass man als Tourist ins All fliegen kann, zeigt ebenfalls, dass wir uns auch diesen Raum verfügbar zu machen versuchen. Man kann zwar auch durch einen Blick auf die Erde vom All aus beeindruckt sein, aber die Erde begegnet dem Menschen dann nicht mehr von sich aus, sondern als mit Hilfe von Technik "verfügbar" gemachte (verfügbar ist der Blick auf die Erde vom All aus). Die biblischen Psalmen, die den Himmel, die Gestirne sowie Tag und Nacht als Wunderwerke des Schöpfers preisen konnten, hatten da noch einen ganz anderen Zugang zu den Phänomenen. Die Natur regte per se zum Staunen an und nicht erst als technisch verfügbar gemachte.

Dass man sich Aspekte der Natur zunutze macht, finde ich völlig in Ordnung. Auch gegen Naturwissenschaft und Technik ist ja nicht grundsätzlich etwas zu sagen. Ich denke, das Problem besteht darin, dass man etwas Wichtiges verliert, wenn man die Welt nur noch oder jedenfalls vorrangig unter naturwissenschaftlichem oder technischem Aspekt in den Blick nimmt. Dann liegt es nahe, dass das Staunen, das in uns einen Widerhall erzeugt, ausfällt. Das muss aber offensichtlich nicht passieren. Denn es gab und gibt ja auch Naturwissenschaftler, die das Staunen nicht verlernt haben, im Gegenteil ihm durch ihre Arbeit sogar näher gekommen sind. Ich denke, Hartmut Rosa will nur auf eine Tendenz in der Entwicklung der Moderne hinweisen.

Ich finde das theologisch sehr interessant, weil einerseits von der Theologie manchmal gefordert wird, sie solle doch Fragen über Gott und sein Wesen nicht nur unzulänglich beantworten, und andererseits derselben Theologie damit begegnet wird, dass man meint, über Gott könne man sowieso keine Aussagen machen. Dass der Glaube Grundorientierungen bietet, ist ja unbestreitbar, aber das heißt ja nicht, dass er in der Lage sein muss, Gott zu "sezieren". Dass Gott, auch wenn man Aussagen über ihn macht, zugleich ein Geheimnis bleibt, schließt Grundorientierungen nicht aus, sondern sogar ein. Denn ein sezierter Gott könnte uns wohl kaum noch Grundorientierungen bieten.

Solange es Glauben gibt, wird es auch das Nachdenken über Gott geben. Darum denke ich nicht, dass Theologie nicht mehr an Universitäten gelehrt werden wird - es sei denn, der Glaube selbst wird vom Staat als überflüssig betrachtet, wie es ja in einigen Staaten der Fall ist. Das kann man natürlich nicht ausschließen. Aber dann wird Theologie anderswo betrieben werden - wie gesagt so lange, wie es Glauben auf Erden gibt. Was der Astrologie widerfahren ist, muss jedenfalls nicht auch der Theologie widerfahren. Ich denke, du willst auch nicht wirklich die Astrologie mit der Theologie in einen Topf werfen - dazu sind die Unterschiede doch zu groß. Und Theologie ist nichts anderes als Nachdenken über den Glauben. Insofern verstehe ich alle Glaubenden als Theologen.

Viele Grüße
Klaus
2022-02-05 22:28:01
Hallo Klaus,

danke für deine Antwort.

So sehr mich die Raumfahrt schon immer technisch begeistert hat: das, was die Menschheit hier bisher erreicht hat, sind kleine Hüpfer im Vergleich zu den Ausmaßen des Weltalls. Beispiel: Der unserem Sonnensystem nächstgelegene Stern, Proxima Centauri ist 4,24 Lichtjahre weit weg. Unser äußerer Nachbarplanet Mars hat zur Erde eine mittlere Entfernung von gut 60 Mio. km; das entspricht etwas über 3 Lichtminuten!

Bei euphorischen Ausdrücken wie "Eroberung des Alls" muss ich an ein Gedicht von Wilhelm Busch denken:

"Wenn einer, der mit Mühe kaum, gekrochen ist auf einen Baum, schon meint, dass er ein Vogel wär, so irrt sich der."

Was ich damit auch sagen will: Beschäftigung mit Astronomie hat für mich immer wieder Demut und Staunen im Gepäck. Dazu brauche ich auch keine Fotos der Erde von außerhalb.

Und nein, ich möchte Theologie nicht mit Astrologie in einen Topf werfen.

Ich bin froh darüber, dass unsere Pfarrer Theologie studiert haben müssen. Das sorgt für einen sachkundigeren Umgang mit biblischen Texten und erspart einem grobe Auslegungsfehler und Überschätzung des eigenen Wissens von Gott.

Aber ich sehe Theologie zunehmend in Schwierigkeiten. In einer globalisierten Gesellschaft kann man z.B. nicht mehr einfach in einer wissenschaftlichen Theologie wie selbstverständlich von Gott sprechen, ohne wenigstens zu sagen, welchen man meint. Den jüdischen, den christlichen (nach welcher Konfession), den islamischen, die Hindu-Götter etc. etc.? Die Lehren des Buddhismus müsste man eigentlich auch berücksichtigen, aber dort gibt es meines Wissens keinen Theos, also schon mal gleich keine Theologie. Die verschiedenen Theologien kann man sinnvoll weder übereinanderlegen, um den gemeinsamen Kern zu ermitteln, noch einfach gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen.

Außerdem gibt es einen Traditionsabbruch, der sich dialektisch nicht mehr verdecken lässt, so sehr man das auch versucht. Viele Leute hören sich das einfach nicht mehr weiter an, sondern stimmen sozusagen mit den Füßen ab. Gott ist sowieso nicht verfügbar, aber die Predigthörer und Kirchensteuerzahler sind es zunehmend auch nicht mehr.

Viele Grüße

Thomas
2022-02-06 11:30:32
Hallo Thomas,

danke für deine beeindruckende Relativierung der menschlichen Versuche, sich über den irdischen Raum hinaus den Weltraum verfügbar zu machen. Sie zeigt, wie begrenzt all diese Versuche bleiben müssen. Und es ist gut, dass man sich das Staunen auch von einem irdischen Standpunkt aus bewahren kann.

Dass der christliche Glaube (und mit ihm die Theologie) aus verschiedenen Gründen Schwierigkeiten hat, ist unbestreitbar und wird ja auch in der EKD oder Theologie nicht bestritten (siehe aber mein in Kürze erscheinendes Update zur interreligiösen Feier). Zwar gibt es in EKD und Theologie auch Konzeptionen, welche die monotheistischen Religionen (und manchmal darüber hinaus auch die polytheistischen) dem christlichen Glauben gleichstellen oder zumindest stark annähern. Das ist aber meiner Erkenntnis nach nicht die Mehrheit. Und wissenschaftliche Theologie muss schon deutlich machen, von welchem Gott sie eigentlich spricht. Andernfalls verliert sie ganz schnell ihren Wissenschaftscharakter und wird innerhalb der Wissenschaft nicht mehr ernst genommen. Die wissenschaftliche Theologie ist kein religiöser Supermarkt, in dem jede/r seine Ware anpreisen und verkaufen kann, ohne ihre Qualität nachzuweisen. Hier wird sehr handfest kontrovers argumentiert, und wer seine Thesen nicht fundiert begründet, ist schnell seine wissenschaftliche Reputation los. Es kommt sogar vor, dass Theologinnen und Theologen ihre kirchliche Lehrbefugnis entzogen wird. Wie sinnvoll das im Einzelfall ist, darüber lässt sich sicher streiten. Es zeigt aber, dass jedenfalls nicht alles als fundierte Qualitätstheologie zu verkaufen ist.

Viele Grüße
Klaus
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
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