Christsein Verstehen - Christsein verstehen

verstehen
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Christsein
Direkt zum Seiteninhalt

Die Propheten des Alten Testaments (Teil 2)

Christsein verstehen

T h e o l o g i e   z u m   W e i t e r d e n k e n
Die Botschaft der Propheten (Teil 2)
Klaus Straßburg | 07/03/2022

Im ersten Teil dieses Artikels ging es um die Kritik der Propheten an der Religionsausübung, an den sozialen Verhältnissen und an politischen Bündnissen. Die Verlogenheit der Gesellschaft, das herrschende Unrecht und das mangelnde Gottvertrauen wurden von ihnen schonungslos angeprangert. Wir haben bereits gesehen, dass die Propheten als Folge des menschlichen Fehlverhaltens Unheil ankündigten. Sie haben aber auch das Heil für Israel nicht ausgeschlossen. Wie sind die Unheils- und Heilsankündigungen näher zu verstehen?


4. Ankündigung von Unheil und Heil

Es gibt zum einen Unheil, das sich direkt aus dem Fehlverhalten von Menschen ergibt, zum Beispiel wenn aus dem Liebäugeln mit einer Großmacht folgt, dass diese Großmacht sich das Land einverleibt. Es gibt zum anderen aber auch Unheil, das in keinem direkten Zusammenhang mit dem Fehlverhalten von Menschen steht, zum Beispiel wenn falsche Propheten das soziale Unrecht ignorieren, später aber das Land im Krieg von verwüstet wird.

All das Unheil, das im Namen Gottes angekündigt wird, dient aber nicht einer Strafe, die einfach nur zerstören will. Gott ist kein Gott, der Freude am Zerstören hat. Wenn er zerstörerisch wirkt, dann zu dem Zweck, den Menschen ihr Unrecht und ihre falsche Sicherheit bewusst zu machen und sie zur Umkehr zu bewegen. Es ist unsere menschliche Tragik, dass wir manchmal erst dann ins Nachdenken kommen, wenn die heile Welt zerbricht, mit der wir uns selbst täuschen. Erst im Leid finden wir den Weg zu Gott. So war es wohl zu allen Zeiten.

In der heutigen Situation des Ukraine-Krieges möchte ich hinzufügen, dass natürlich nicht jedes Unheil von Gott gewollt ist oder gar bewirkt wird. Es gibt viel Unheil in der Welt, das Gott nicht will. Ja, eigentlich will er gar kein Unheil, sondern nur Gutes für seine Geschöpfe. Aber es bleibt ihm manchmal wohl kein anderer Weg, als Leid über uns zu bringen, damit wir die verkehrten Wegen, die wir eingeschlagen haben, verlassen und wieder gute Wege gehen.

Das Unheil, das Gott verfügt (und nur das!), dient also letztlich unserem Heil. Das ist nicht zynisch gemeint, sondern tröstlich. Wenn wir den Trost auch nicht verspüren, sondern im Unheil einfach nur schreien können: Im Glauben können wir davon ausgehen, dass Gott nicht gerne Unheil verfügt, sondern dass er sogar selbst darunter leidet – und das heißt auch: mit uns leidet. Besonders im Jeremiabuch wird deutlich, wie sehr Gott selbst unter dem Unheil leidet, das er über das Volk Israel verhängen muss, damit es zu ihm umkehrt:

„Gewalttat über Gewalttat, Trug über Trug! Sie wollen mich nicht kennen", spricht Jahwe. Darum spricht Jahwe der Heerscharen: „Siehe, ich will sie schmelzen, will sie prüfen. Wie sollte ich denn sonst verfahren wegen des Verhaltens meines Volkes? Ein tödlicher Pfeil ist ihre Zunge, Trug ist die Rede ihres Mundes; friedsam redet man mit dem Nächsten, aber im Herzen hegt man gegen ihn Arglist. Sollte ich dergleichen nicht an ihnen ahnden?" spricht Jahwe. „Sollte ich mich nicht rächen an einem solchen Volk? Über die Berge muss ich anheben Weinen und Totenklage, über die Weideplätze in der Steppe klagen. Wüst liegen sie, da geht kein Wanderer; man hört keinen Laut der Herde. Die Vögel des Himmel und das Wild, fort sind sie alle, entflohen."
(Jer 9,5-9)

Die Schuld des Volkes kann nicht einfach auf sich beruhen, Gott nicht einfach ein Auge zudrücken. Das würde auch die Not der Opfer nicht ernst nehmen. Er muss das Unheil ahnden, „rächen" – in dem Sinne, dass er das Volk zur Verantwortung zieht. Aber gerade dies lässt Gott weinen und klagen.

Wie sehr Gottes Leiden unter dem Unheil ihn dazu bringt, dass er mit sich selber kämpft und sich schließlich doch wieder über das Volk erbarmt und ihm Heil gewährt, zeigen zwei eindrucksvolle Texte Jeremias und des Propheten Hosea:

„Ist eigentlich Ephraim [= das Nordreich Israel] mein teurer Sohn, ist er mein Lieblingskind? Sooft ich von ihm rede, muss ich immerfort seiner gedenken; darum stürmt mein Herz ihm entgegen, ich muss mich seiner erbarmen", spricht Jahwe.
(Jer 31,20)

„Wie könnte ich dich preisgeben, Ephraim, dich ausliefern, Israel? [...] Mein Herz kehrt sich um in mir, all mein Mitleid ist entbrannt. Ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken, will Ephraim nicht verderben. Denn Gott bin ich und nicht ein Mensch, heilig [bin ich] in deiner Mitte, doch nicht ein Vertilger. Jahwe werden sie folgen, wenn er brüllt wie ein Löwe. [...] Wie Vögel eilen sie zitternd herzu aus Ägypten, wie Tauben aus dem Lande Assyrien; und ich will sie zurückbringen zu ihren Häusern", spricht Jahwe.
(Hos 11,8a.9.10a.11)

Gottes Liebe treibt ihn dazu, sich wieder über sein Volk zu erbarmen, auch wenn es ohne einen Leidensweg Israels nicht abgeht. Durch das Leid hindurch wird das Volk zu Gott zurückfinden, und am Ende steht das Heil: Die ins Exil Geführten werden in ihre Heimat zurückkehren und sich dort zu Gott bekennen, so wie Gott sich zu ihnen bekennt (Hos 2,20-25).

Was haben die Unheils- und Heilsankündigungen der Propheten uns zu sagen? Sie können uns mahnen, Gottes Rufe zur Umkehr nicht zu überhören. Es mag „Wegzeichen" geben, mit denen uns Gott auf einen anderen Weg rufen will: Worte, Gefühle, Gedanken, Ereignisse. Gott kann auf vielfältige Weise zu uns sprechen. Wir können diese „Wegzeichen" wahrnehmen, darüber nachdenken, uns austauschen, unsere Gedanken an den Aussagen der Bibel messen und Gott bitten, uns auf rechtem Weg zu führen.

So verschließen wir nicht die Augen vor dem, was falsch läuft. Wir machen uns klar, dass es nicht einfach um unser eigenes gutes Leben geht, sondern um ein gutes Leben für alle. Wir nehmen uns selbstkritisch in den Blick. Und vielleicht verhindern wir, dass Gott uns ins Leid führen muss, damit wir seinen Weisungen folgen und ihn wieder ernst nehmen.


5. Ankündigung eines alles umfassenden Heils

Die Heilsvorstellungen, von denen die Propheten sprachen, machten eine Entwicklung durch. Zunächst kündigten die Propheten für die Zukunft bessere Lebensverhältnisse in den Staaten Israel und Juda an (z.B. Hos 11,8-11; Jes 30,18-21). Als es dann etwa 300 Jahre später keine Staaten Israel und Juda mehr gab und die Oberschicht des Volkes im babylonischen Exil lebte, stellten die Propheten ein Heil in Aussicht, das die ganze Welt umfasst.

Die Worte des Propheten, der als „zweiter Jesaja" bezeichnet wird und der im babylonischen Exil wirkte, sind in Jes 40-55 gesammelt. Bei ihm gibt es nur noch Heilsankündigungen für Israel (die übrigens auch für uns schön zu lesen sind). Der Prophet verkündete, dass nicht nur die Israeliten, sondern „alle Enden der Erde" sich einmal zu Gott bekennen werden (Jes 45,22-25). Nach dem Ende des Exils, als die Heimgekehrten in den Trümmern Jerusalems hausten, spielte beim „dritten Jesaja" (Jes 56-66) die Verheißung eine große Rolle, dass die Stadt wieder zu einem reichen und lebenspendenden Ort aufgebaut werden wird (z.B. Jes 58,11f).

Die Prophetenbücher wurden mehrfach überarbeitet – nicht, um sie zu verfälschen, sondern um sie für die spätere Zeit zu aktualisieren und zu ergänzen. Die Vorstellung, dass das Werk eines Autors nicht verändert werden darf, weil es geistiges Eigentum ist, gab es damals noch nicht. Man stellte sich vielmehr bewusst in die Tradition des Propheten und aktualisierte seine Botschaft.

Nach dem babylonischen Exil kam es vor allem darauf an, dem Volk Hoffnung zu machen. So wurden den Prophetenbüchern zusätzliche Heilsankündigungen eingefügt, auch den Büchern, die zuerst nur Unheilsankündigungen enthielten (das wird oft angenommen für Amos, Micha und Zephania). Ich interpretiere diese Ergänzungen so, dass Gott auf Unheil immer Heil folgen lässt. Gottes letztes Wort ist nicht Unheil, sondern Heil; das zeigen die später eingefügten Texte.

Eine wichtige Ergänzung zum Jeremiabuch ist Jer 31,31-34:

„Siehe, es kommen Tage", spricht Jahwe, „da schließe ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund, nicht einen Bund, wie ich ihn mit ihren Vätern schloss zu der Zeit, da ich sie bei der Hand nahm, sie aus dem Land Ägypten herauszuführen; denn sie haben meinen Bund gebrochen, ich aber habe sie verworfen", spricht Jahwe. „Nein, das ist der Bund, den ich nach jenen Tagen mit dem Haus Israel schließen will", spricht Jahwe: „Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und es ihnen ins Herz schreiben; ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Da wird keiner mehr den andern, keiner seinen Bruder belehren und sprechen: ,Erkennt Jahwe!' sondern sie werden mich alle erkennen, klein und groß", spricht Jahwe; „denn ich werde ihre Schuld verzeihen und ihrer Sünden nicht mehr gedenken."

Der Text spricht davon, dass Gott mit Israel einen neuen Bund schließen wird, in dem alle Menschen Gottes Weisungen erfüllen werden, weil sie ihnen von Gott selbst ins Herz geschrieben sind. Von innen heraus also werden alle Israeliten Gott erkennen und dementsprechend handeln, ohne dass sie sich darum bemühen müssten. Diese Passage ist für das Christentum besonders wichtig, weil es den neuen Bund in Jesus Christus erfüllt sieht: Er wirkt in den Glaubenden und bewegt ihr Denken und Handeln zum Guten.

Es ist deutlich, dass diese Verheißung noch nicht in Vollkommenheit erfüllt ist; denn auch die Glaubenden tun nicht selbstverständlich Gutes. Wie auch bei den folgenden Verheißungen bleibt bei diesen Heilsankündigungen immer ein unerfüllter Rest übrig, der noch auf Verwirklichung wartet. Das gilt auch für folgenden Text:

„Siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde; man wird der früheren Dinge nicht mehr gedenken, und niemand wird sich ihrer mehr erinnern, sondern man wird frohlocken und jubeln auf ewig über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich wandle Jerusalem zu Jubel um und sein Volk zu Frohlocken. [...] Den Laut des Weinens und den Laut der Klage soll man in Zukunft nicht hören. Es wird dort kein Kind mehr nur wenige Tage leben, kein Greis wird sein, der seine Tage nicht erfüllt; denn als jung wird gelten, wer mit hundert Jahren stirbt, und wer sündigt, wird mit hundert Jahren erst vom Fluch getroffen. [...] Sie werden nicht umsonst sich mühen und nicht Kinder zeugen für frühen Tod; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten Jahwes, und ihre Sprösslinge bleiben ihnen. Und ehe sie rufen, werde ich antworten; während sie noch reden, werde ich erhören. Wolf und Lamm werden einträchtig weiden, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind [...]. Nichts Böses und Verderbliches wird man tun auf meinem ganzen heiligen Berg", spricht Jahwe.
(Jes 65,17f.19b.20.23-25)

Es ist deutlich, dass hier Verhältnisse angekündigt werden, die auf dieser Welt gar nicht möglich erscheinen. Die irdischen Gegebenheiten werden in solchen Texten überschritten in Richtung eines Lebens, das man sich nur unter einem neuen Himmel und auf einer neuen Erde vorstellen kann.

In den Umkreis dieser Texte gehören auch die sogenannten Messiasverheißungen – die Verheißungen eines Königs, unter dessen Herrschaft solche wunderbaren Verhältnisse eintreten werden, wie sie eben schon beschrieben wurden (Jes 9,1-6; 11,1-9; Mi 5,1-5; Sach 9,9f). Im Christentum werden diese Verheißungen auf Jesus Christus bezogen und in den Weihnachtsgottesdiensten verlesen.

Interessant ist, dass in diesen Verheißungen von einem „Messias" (= Gesalbten) gar nicht ausdrücklich die Rede ist. Umgekehrt geht es in den Texten des Alten Testaments, die von einem Messias sprechen, gar nicht um einen zukünftigen Herrscher, sondern von einem gegenwärtigen König oder einer anderen gesalbten Person.

Im Judentum zur Zeit Jesu gab es die Erwartung eines Messias, der das Heil bringen sollte, ohne eine konkrete historische Gestalt mit ihm zu identifizieren. Das frühe Christentum bezeugte dann Jesus als Messias bzw. Gesalbten (griechisch christós / Christus). Diese Bezeichnung verbreitete sich offenbar so schnell im Christentum, dass sie zur häufigsten Bezeichnung für Jesus wurde und in keiner Schriftengruppe des Neuen Testaments fehlt.


6. Prophetie heute

Die prophetischen Texte des Alten Testaments haben viel mit Kritik an sündigen Verhältnissen zu tun und mit deren zerstörerischen Folgen. Sie haben aber auch viel mit Hoffnung trotz sündiger und leidvoller Verhältnisse zu tun.

Von überall her hören wir, dass Menschen etwas tun for a better world (für eine bessere Welt). Hoffnungen werden also in unserer Welt laufend produziert – und bleiben unerfüllt. Doch der Mensch, der sich anschickt, sich sein Heil selber zu schaffen, verbannt die Verheißungen Gottes in den Raum der Illusion. Von daher stellt sich jedem Menschen die Frage, ob er seine Hoffnungen auf Gott setzt oder auf menschengemachte Heilserwartungen.

Wenn wir unsere Hoffnungen auf Gott setzen, bedeutet das aber nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen könnten, weil Gott ja alles mache. Im Gegenteil: Die Hoffnung auf das, was Gott schaffen wird, soll schon jetzt unser Handeln prägen. Das Ziel zeigt uns, wohin die Reise geht, und weist uns den Weg. Wir sollen Gott sozusagen den Weg bereiten, soweit das in unserer Macht steht (Jes 40,3; Mt 3,3). So soll die vollkommene Gemeinschaft mit Gott und aller Kreatur schon jetzt in aller Vorläufigkeit Wirklichkeit werden.

Prophetie gab es im alten Israel nur etwa 500 Jahre lang – dann verstummte sie. Ihre Absichten leben aber weiter, wenn Menschen heute mit Weitblick und Liebe zu Gottes Kreaturen vor den zerstörerischen Folgen unseres Handelns warnen.

Für ein Leben im Einklang mit Gottes Liebe kann uns Jesus Christus ein Beispiel sein, der mehr als ein Prophet war (Mt 12,42). Denn mit ihm hat die umfassende Herrschaft Gottes bereits begonnen. Wir kommen von der Gottesherrschaft, wie sie in Jesus Christus Gestalt gewonnen hat, her. Zugleich gehen wir auf die alles umfassende Gottesherrschaft zu. Die Zukunft hat bereits begonnen, steht aber zugleich in ihrer Vollendung noch aus.

Natürlich könnte man über die Botschaft der Propheten noch viel mehr sagen. Ich habe versucht, einige wichtige Aspekte zusammenzufassen. Es hat sich dabei wohl gezeigt, dass die Texte der Prophetenbücher nicht immer leicht zu verstehen sind. Manches ist auch in der Forschung umstritten. Zudem handelt es sich bei den prophetischen Texten oft um eine poetische, bilderreiche Sprache, und es ist historisches Grundlagenwissen notwendig, um die einzelnen Texte einzuordnen.

Zum Schluss möchte ich daher noch einige Medien nennen, die das Verstehen erleichtern. Sehr hilfreich ist mir die Stuttgarter Erklärungsbibel der Deutschen Bibelgesellschaft, die ich auch für diesen Artikel verwendet habe. Sie liefert zu jedem biblischen Buch eine kurze Einführung und außerdem zu jedem Textabschnitt eine Erklärung. Das gebundene Buch mit über 2.000 Seiten kostet 62 Euro und enthält auch die Apokryphen. Das Buch zusammen mit einer CD-Rom kostet 67,62 Euro.

Außerdem sind manche Artikel des Wissenschaftlichen Bibellexikons im Internet gut verständlich geschrieben. Die Artikel sind kostenlos lesbar oder auch als PDF-Datei herunterzuladen. Für diesen Blogtext habe ich auf die Artikel Messias (AT) von Ernst-Joachim Waschke und Eschatologie (AT) von Klaus Koenen zurückgegriffen.


* * * * *





Kein Kommentar
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Christsein
verstehen
Zurück zum Seiteninhalt