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Die Propheten des Alten Testaments (Teil 1)

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T h e o l o g i e   z u m   W e i t e r d e n k e n
Die Propheten des Alten Testaments (Teil 1)
Klaus Straßburg | 03/03/2022

Was bringt uns die Zukunft? Wohl jeder Mensch möchte das gern wissen. Im alten Israel gab es etwa 500 Jahre lang Menschen, die ... – ja was eigentlich – in die Zukunft sehen konnten? Also eine Art von Wahrsagern?

Das Wort „Prophet" scheint das zu bestätigen. Denn seine griechische Bedeutung geht auf das Verb „vorhersagen, verkünden" zurück. Demnach wären die Propheten Vorhersager und Verkünder der Zukunft gewesen. Doch sie waren keine Wahrsager. Sie waren viel mehr.

Es ging den Propheten nicht einfach um die Zukunft, sondern im Grunde um die Gegenwart. Das aber, was gegenwärtig geschieht, bestimmt das, was zukünftig geschehen wird. Die Zukunft hängt von der Gegenwart ab – und in gewissem Sinn auch die Gegenwart von der Zukunft.

Denn wenn wir wissen, was die Zukunft bringt, beeinflusst das auch unsere Gegenwart. Wir können dann zum Beispiel unser Handeln so ausrichten, dass es eine gute Zukunft mit sich bringt. Oder wir lassen uns in einer schwierigen Situation trösten durch das Gute, das die Zukunft für uns bereithält. Unser Wissen um die Zukunft kann also unser Fühlen, Denken und Handeln in der Gegenwart beeinflussen. Aber wer weiß schon um die Zukunft?

Die Propheten im alten Israel wussten offenbar um sie. Sie waren „Seher" in dem Sinne, dass sie Ereignisse nicht nur oberflächlich beurteilten. Sie hatten vielmehr die Gabe, in die Tiefe zu blicken und das Wesen von Ereignissen zu verstehen. Weil sie aber das Wesen verstanden, wussten sie auch, wohin das Ereignis führt.

Nach dem Alten Testament haben die Propheten ihre Gabe, in die Tiefe zu blicken, von Gott bekommen. Denn was sie sahen und verkündeten, beruhte nicht auf ihren eigenen Erkenntnissen. Sie gaben vielmehr nur weiter, was ihnen von Gott her klar geworden war. Sie scheuten sich nicht zu sagen, dass Gott selbst durch sie sprach. Darum leiteten sie ihre Verkündigung oft mit den Worten ein: „So spricht der Herr: ...".

Was die Propheten von Gott her verkündeten, war ausgesprochen vielfältig. Und es war extrem kritisch – kritisch gegenüber dem König, gegenüber den religiösen Autoritäten und gegenüber dem Volk Israel. Auch fremde Könige und Völker bekamen manchmal ihr Fett weg. Die Propheten nahmen kein Blatt vor den Mund. Und das, obwohl manche von ihnen meinten, sie seien komplett ungeeignet für diese Aufgabe (z.B. Jer 1,6; Jes 6,5).

Was die Propheten im einzelnen zu sagen hatten und was das für uns bedeutet, möchte ich in sechs Punkten zusammenfassen. Ich habe den Artikel in zwei Teile geteilt, weil er recht umfassend geworden ist. In diesem ersten Teil geht es um die von den Propheten geäußerte Kritik an verschiedenen gesellschaftlichen Verhältnissen. Im zweiten Teil wird es dann um die Ankündigung von Unheil und Heil durch die Propheten gehen.


1. Kritik der Religionsausübung

Die Propheten Israels waren natürlich Menschen, die an Jahwe, den Gott Israels, glaubten. Überhaupt waren damals in Israel alle Menschen religiös. Es gab noch keinen Atheismus im heutigen Sinn. Der religiöse Kult wurde nach allen Regeln vollzogen. Dennoch kritisierten die Propheten die Religiosität der Menschen – aus verschiedenen Gründen.

Zum einen gab es nebeneinander die Anbetung Jahwes, des Gottes Israels, und die Anbetung der kanaanäischen Fruchtbarkeitsgötter sowie des Gottes Baal. Diese Doppelbödigkeit der Religionsausübung wurde schon von Elia im 9. Jahrhundert v.Chr. scharf verurteilt. Er sprach zum Volk Israel:

„Wie lange wollt ihr auf beiden Seiten hinken? Ist Jahwe Gott, so haltet euch zu ihm; ist es aber Baal, so haltet euch zu ihm." Aber das Volk gab keine Antwort.
(1Kön 18,21)

Hier wird die Unentschlossenheit der Glaubenden deutlich, sich für einen Gott zu entscheiden. Warum auch sollte man sich entscheiden? Ist nicht Baal genauso wichtig wie Jahwe? Können nicht beide in der Not hilfreich sein?

Man kann sich fragen, ob es etwas Ähnliches nicht auch heute gibt: Sind nicht der Gott Jesu und der Gott Mohammeds eigentlich dieselben? Ist es nicht egal, wem man vertraut? Oder kann es schaden, den christlichen Gottesdienst zu besuchen und zugleich ein wenig buddhistische Spiritualität zu pflegen? Warum soll man sich denn zwischen dem einen und dem anderen entscheiden?

Der zweite Kritikpunkt der Propheten galt dem gut funktionierenden Kult, den Gottesdiensten und Opfern. Aber was hatten sie daran auszusetzen? Sie kritisierten, dass dieser strahlende Kult gepaart war mit sozialer Ungerechtigkeit. Bezeichnend sind die Worte des Amos aus dem 8. Jahrhundert v.Chr.:

Darum spricht Jahwe, der Gott der Heerscharen: „Ich hasse, ich verschmähe eure Feste und mag nicht riechen eure Feiern. Denn wenn ihr mir Brandopfer darbringt – an euren Gaben habe ich kein Gefallen, und das Opfer eurer Mastkälber sehe ich nicht an. Hinweg von mir mit dem Lärm deiner Lieder! Das Spiel deiner Harfen mag ich nicht hören! Aber es ströme wie Wasser das Recht, und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach!"
(Am 5,16a.21-24)

Das ist keine grundsätzliche Kritik an Opfern und religiösen Festen, sondern daran, dass beides mit sozialer Ungerechtigkeit einhergeht. Das aber passt nicht zusammen. Wer Jahwe opfert und mit Liedern preist, der kann nicht zugleich die Armen in die Schuldsklaverei treiben und im Handel mit Betrügereien arbeiten.

Als Amos sprach, herrschte in Israel eine Zeit der wirtschaftlichen und politischen Blüte. Äußerlich schien alles zum Besten zu stehen. Aber eben nur äußerlich! Denn gerade diese Blütezeit führte dazu, dass die wohlhabende Oberschicht sich der Korruption hingab, immer mehr Grundbesitz ansammelte und die Landbevölkerung durch hohe Abgaben in Armut und Abhängigkeit geriet.

Wieder kann man fragen, ob es Parallelen zur heutigen Zeit gibt. Deutschland hält sich selbst für ein christliches Land. Die Gottesdienste werden gefeiert, und Gott wird in Liedern gepriesen. Die wirtschaftliche Lage ist nicht schlecht. Zugleich gibt es in unserem Land immer mehr Armut, viele prekäre Arbeitsverhältnisse und in den Großstädten immer weniger bezahlbaren Wohnraum. Und wir alle sparen viel Geld dadurch, dass die Produzenten im globalen Süden dieser Welt mit einem Hungerlohn abgespeist werden. Was würde Amos wohl zu unseren Gottesdiensten und Lobliedern sagen?

Damals gab es Unrecht und Unmenschlichkeit nicht nur in Israel, sondern auch in anderen Völkern. Auch sie werden von Amos verurteilt (Am 1 und 2).

Die Folgen, die Amos für Israel ankündigt, sind vielfältig: Erdbeben, Pest, militärische Niederlagen und Exil. Das assyrische Großreich wuchs bereits heran. Eine Generation später, im Jahr 722 v.Chr., sollte diese antike Großmacht dem Nordreich Israel ein Ende machen (Israel war damals geteilt in einen Staat im Norden mit Namen Israel und einen im Süden mit Namen Juda).

Ob Amos selbst noch eine Chance sah, das Unheil abzuwenden, ist umstritten. Die Endfassung des (mehrfach ergänzten) Amosbuches jedenfalls hält diese Hoffnung offen (Am 5,14f). Und sie stellt in Aussicht, dass Gott, nachdem er das Lügengebäude Israels zum Einsturz gebracht hat, dem Volk wieder gnädig sein wird (Am 9,11-15).

Einige Jahrzehnte später hat der Prophet Jesaja ganz ähnlich im Südreich Juda gesprochen:

„Was soll mir die Menge eurer Schlachtopfer?" spricht Jahwe. „Satt habe ich die Brandopfer von Widdern und das Fett der Mastkälber, und das Blut der Stiere und Lämmer und Böcke mag ich nicht. [...] Eure Neumondfeiern und eure Feste hasst meine Seele; sie sind mir zur Last geworden, ich bin's müde, sie zu ertragen. Und wenn ihr eure Hände [zum Gebet] ausbreitet, verhülle ich meine Augen vor euch; auch wenn ihr noch so viel betet, ich höre es nicht. Eure Hände sind voll Blut; wascht, reinigt euch! Tut hinweg eure bösen Taten, mir aus den Augen! Hört auf, Böses zu tun, lernt Gutes tun! Trachtet nach Recht, weist in Schranken den Gewalttätigen; helft der Waise zum Recht, führt die Sache der Witwe!"
(Jes 1,11.14-17)

Gott leidet unter der Unwahrhaftigkeit des Gottesglaubens, es ist ihm eine Last, er kann es kaum ertragen. Darum kann er auch die Gebete derer nicht mehr hören, die im täglichen Leben Gewalt üben und Unrecht tun.

Das Neue und Unerwartete der Verkündigung von Amos und Jesaja bestand darin, dass hier zwei Bereiche miteinander verbunden wurden, die man normalerweise fein säuberlich voneinander trennt: der religiöse Kult und das soziale Zusammenleben. Der Kult mag noch so fromm praktiziert werden – er ist nichts wert, wenn das Zusammenleben nicht funktioniert. Gott blickt hinter die fromme Kulisse. Und er lässt sich nicht durch scheinbare Frömmigkeit hinters Licht führen.

Das Problem, dass Unrecht durch Frömmigkeit verschleiert wird, ist offensichtlich ein Dauerthema. Denn noch hundert Jahre nach Jesaja schlug sich Jeremia mit demselben Problem herum. Auch seine Worte lassen nichts an Deutlichkeit vermissen:

Das Wort, das von Jahwe an Jeremia erging: [...] „Verlasst euch nicht auf täuschende Worte wie diese: ,Der Tempel Jahwes ist hier, der Tempel Jahwes ist hier, der Tempel Jahwes ist hier!' sondern bessert euren Lebenswandel, bessert eure Taten! [...] Wie? Da stiehlt man und mordet, bricht die Ehe und schwört Meineide, opfert dem Baal und läuft andern Göttern nach, die man nicht kennt – und dann kommt ihr und tretet vor mein Angesicht in diesem Hause, das nach meinem Namen genannt ist [dem Tempel], und sprecht: ,Wir sind geborgen!' – um all diese Gräuel [auch weiterhin] zu treiben! Ist denn dieses Haus, das nach meinem Namen genannt ist, in euren Augen eine Räuberhöhle geworden? Auch ich, fürwahr, ich sehe es", spricht Jahwe.
(Jer 7,1.4-5a.9-11)

Alle Beteuerungen, der Tempel Jahwes – und das heißt nach damaligem Verständnis: Gott selbst – sei hier, mitten unter dem Volk, sind Täuschungen, wenn der Lebenswandel dem nicht entspricht. Alle Gefühle, bei Gott geborgen zu sein, können ein tragischer Irrtum sein.

Die Warnung, die wir hören können, ist: Reden wir uns nicht ein, dass alles gut ist, wenn es nicht gut ist. Täuschen wir uns nicht über uns selbst und die Verhältnisse. Geben wir stattdessen Gott die Ehre mit unserem Glauben und mit unseren Taten.

Die Propheten mussten für ihre klaren Worte oft teuer bezahlen. Diese Botschaft wollten die Mächtigen nicht hören. Auch heute will man Worte, die der herrschenden Politik widersprechen, nicht hören. Die damalige Bischöfin Margot Käßmann sagte in ihrer Neujahrspredigt am 1. Januar 2010: „Nichts ist gut in Afghanistan." Sie erntete viel Empörung. Heute wissen wir, dass sie wohl recht hatte (siehe z.B. Die Welt und NDR).


2. Kritik der sozialen Verhältnisse

Gegen Ende des 8. Jahrhunderts formulierten die Propheten Jesaja und Micha ihre Anklagen. Die sozialen Missstände sind oben schon angeklungen. Hier seien zunächst einige bezeichnende Worte des Propheten Micha zitiert:

So spricht Jahwe wider die Propheten, die mein Volk irreführen, die Heil verkünden, wenn ihre Zähne etwas zu beißen haben, aber demjenigen den Krieg erklären, der ihnen nichts ins Maul steckt: „Darum wird Nacht über euch kommen, dass ihr keine Visionen habt, und Finsternis, dass ihr nicht wahrsagen könnt. Die Sonne wird diesen Propheten untergehen, und der Tag wird ihnen schwarz werden. [...] Hört doch dieses, ihr Häupter des Hauses Jakob [= Israel], ihr Fürsten des Hauses Israel, die ihr das Recht verabscheut und alles Gerade krumm macht, die ihr Zion [= Jerusalem] mit Blut baut und Jerusalem mit Unrecht! Seine [Jerusalems] Häupter sprechen Recht um Bestechung, seine Priester geben Weisung um Lohn, und seine Propheten wahrsagen um Geld – und dabei verlassen sie sich auf Jahwe und sprechen: ,Ist nicht Jahwe in unserer Mitte? Es kann kein Unglück über uns kommen.' Darum wird Zion um euretwillen zum Feld umgepflügt, Jerusalem wird zum Trümmerhaufen und der Tempelberg zur Waldeshöhe."
(Mi 3,5f.9-12)

Micha wendet sich gegen die Propheten, die mit ihren Prophetien ihr Brot verdienen und denen, die ihnen Geschenke machen, nach dem Munde reden. Aber auch den Regierenden und den Priestern am Tempel geht es nur um ihren eigenen Vorteil. Sie verkünden Gottes Gegenwart in Israel und predigen, dass dem Volk kein Unheil widerfahren kann. Zugleich bringen sie Unheil über die Menschen: Sie verdrehen das Recht und gründen das Gemeinwesen auf Verbrechen. Sie sind allesamt korrupt und lassen sich für ihre Worte bezahlen.

Die Konsequenzen sind deutlich: Die falschen Propheten werden zum Schweigen gebracht, Jerusalem wird dem Erdboden gleichgemacht und der Tempel zerstört werden. Tatsächlich wurde das Südreich Juda im Jahr 701 v.Chr. dem assyrischen Großreich einverleibt. Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels geschahen erst im Jahr 587 durch die Babylonier.

Die Weherufe des Propheten Jesaja sprechen für sich:

Wehe denen, die Haus an Haus reihen und Acker an Acker rücken, bis kein Platz mehr ist und ihr allein Besitzer seid mitten im Lande! Denn vernehmen ließ sich in meinen Ohren Jahwe der Heerscharen: „Fürwahr, viele Häuser sollen öde werden, große und schöne, dass niemand darin wohne [...]." Wehe denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, die Finsternis zu Licht und Licht zu Finsternis machen, die bitter zu süß und süß zu bitter machen! Wehe denen, die in ihren eigenen Augen weise sind und sich selbst verständig dünken! Wehe denen, die Helden sind im Weintrinken und Kraftmenschen im Mischen des Rauschtranks, die dem Schuldigen Recht geben um Bestechung und dem Unschuldigen sein Recht absprechen! Darum, wie die Feuerzunge Stoppeln verzehrt und dürres Gras in der Flamme zusammensinkt, wird ihre Wurzel sein wie Moder und ihre Blüte wie Staub auffliegen; denn sie haben die Weisung Jahwes der Heerscharen verschmäht und verworfen das Wort des Heiligen Israels.
(Jes 5,8f.20-24)

Die ganze Verlogenheit dieser Gesellschaft wird hier deutlich. Aber diese Verlogenheit, die Gott verachtet, hat keine Zukunft. Das Kartenhaus wird zusammenbrechen.

Die prophetischen Worte sind nicht einfach auf unsere Zeit zu übertragen. Wir können sie aber dennoch ernst nehmen, indem wir fragen, wo es Entsprechendes bei uns gibt. Worin könnte die Verlogenheit unserer Gesellschaft bestehen? Wo suchen die Mächtigen unter dem Deckmantel des Guten ihren eigenen Vorteil? Wo wird Unrecht schöngeredet? Wo verhindert es die Rechtsordnung, dass den Schwachen Recht widerfährt? Gibt es solche Strukturen des Unrechts auch bei uns? Und: Gibt es vielleicht auch heute Anzeichen dafür, dass eine verlogene Gesellschaft keine Zukunft hat?


3. Kritik politischer Bündnisse

Die Propheten kritisierten nicht nur die innenpolitischen Verhältnisse, sondern auch die Außenpolitik. Im Jahr 734 v.Chr. griffen Syrien und das Nordreich Israel gemeinsam das Südreich Juda an, um es in ein Bündnis gegen die expandierende Großmacht Assyrien zu zwingen. Sie bedrohten die Hauptstadt des Südreichs, Jerusalem, und versetzten deren König Ahas und die Bevölkerung in Angst und Schrecken. In dieser Situation bekommt der Prophet Jesaja einen Auftrag Gottes:

Jahwe sprach zu Jesaja: „Geh doch [...] dem Ahas entgegen [...] und sprich zu ihm: Hüte dich und bleibe ruhig! Fürchte dich nicht, und dein Herz verzage nicht vor diesen zwei rauchenden Stummeln von Holzscheiten [= die angreifenden Kleinstaaten] [...]. Weil Syrien, Ephraim und der Sohn Remaljas [= das Nordreich Israel und sein König] Böses wider dich beschlossen haben und sprechen: ,Hinauf gegen Juda wollen wir ziehen, es bedrängen und für uns erobern [...]' – so spricht Jahwe, der Herr: Es soll nicht zustande kommen und nicht geschehen!"
(Jes 7,3-7)

Die Botschaft Jesajas an König Ahas ist: „Lass dich durch den Aufmarsch der gegnerischen Truppen nicht aus der Ruhe bringen; denn Gott wird die Eroberung Jerusalems nicht zulassen."

Ahas jedoch entscheidet sich anders: Er will sich nicht gegen die Großmacht Assyrien verbünden, sondern sucht im Gegenteil bei ihr Hilfe. Dafür muss er hohe Tributzahlungen an Assyrien leisten und wohl auch die assyrischen Staatsgötter anbeten – auf einem neuen Altar, den er im Jerusalemer Tempel im assyrischen Stil errichten lässt (vgl. 2Kön 16,7-18).

Jesaja hingegen erkennt den unersättlichen Machthunger der Assyrer: Sie werden sich beide Angreifer unterwerfen: zuerst Syrien und das Nordreich Israel (Jes 8,4) und schließlich auch das Südreich Juda (Jes 7,17). Dann wird sich die Politik des Ahas gegen ihn selbst richten. Tatsächlich wurde im Jahr 732 Syrien von den Assyrern erobert, im Jahr 722 folgte das Nordreich Israel. Das Südreich Juda wurde 701 zur assyrischen Provinz.

Hundert Jahre später plagt sich der Prophet Jeremia mit ähnlichen politischen und religiösen Verfehlungen:

„Ist denn Israel ein Sklave oder unfrei geboren, dass er jedermanns Raub sein darf? Löwen brüllen über ihm, brüllen laut und verwüsten sein Land, und seine Städte werden verbrannt, so dass niemand darin wohnt. Dazu scheren die Leute von Memphis und Tachpanhes [zwei ägyptische Städte] dir den Kopf kahl [zum Zeichen der Sklaverei]. Das alles hast du dir doch selbst bereitet, weil du Jahwe, deinen Gott, verlässt, so oft er dich den rechten Weg leiten will. Was hilft's dir, dass du nach Ägypten ziehst und willst vom Nil trinken? Und was hilft's dir, dass du nach Assyrien ziehst und willst vom Euphrat trinken? Deine Bosheit ist schuld, dass du so geschlagen wirst, und dein Ungehorsam, dass du so gestraft wirst. Und du musst innewerden und erfahren, was es für Jammer und Herzeleid bringt, Jahwe, deinen Gott, zu verlassen und ihn nicht zu fürchten", spricht Gott, Jahwe der Heerscharen.
(Jer 2,14-19)

Im Hintergrund steht die Verehrung Baals und kanaanäischer Fruchtbarkeitsgötter. Götzenverehrung bringt offenbar unweigerlich politische Fehlorientierungen mit sich, weil man sich nicht nach Gottes Weisungen richtet. Gegen die Assyrer suchte das Land Hilfe bei den Ägyptern und gelangte so von einer Sklaverei in die andere. Also wandte man sich wieder den Assyrern zu. Wo die Bindung an Gott zerbrochen ist, schaukelt man zwischen menschlichen Bindungen hin und her, ohne die Sicherheit zu finden, die man verzweifelt sucht.

Erst der in Jer 31,31-34 verheißene neue Bund wird die Macht der Götzen in den menschlichen Herzen brechen. Denn dann wird Gott den Menschen seine Weisungen ins Herz schreiben, so dass sie von innen heraus das Leben der Menschen bestimmen werden.

Die Frage ist, ob die genannten prophetischen Texte mit politischem Hintergrund uns etwas zu sagen haben. Es geht in ihnen ja um konkrete zeitgeschichtliche Entwicklungen. Wir aber leben in einer anderen Zeit mit anderen Problemen. Ich denke aber, die Grundausrichtung der Texte kann auch uns zum Nachdenken anregen. Man könnte zum Beispiel vorsichtig fragen: Inwiefern ist auch im politischen Handeln Gottvertrauen hilfreich? Wo ist es möglich, weniger auf militärische Stärke zu setzen und im Vertrauen zu Gott ein kalkulierbares Risiko einzugehen? Wo ist Bündnispolitik, also Machtpolitik, möglicherweise kontraproduktiv?

(Lies auch Teil 2)


* * * * *




8 Kommentare
Michael Kröger
2022-03-05 20:17:31
Hallo Klaus,

danke für deine spannende kleine Geschichte der prophetischen Botschaften. Das Problem ist wohl, dass wir Menschen nie genau wissen können, was die nächste Zukunft bringt. Doch leben wir nicht gerade deswegen in und mit der Erwartung die unbekannten Seiten einer Zukunft kennen zu lernen? Oder sollten wir uns vielleicht lieber gerade umgekehrt vom Anspruch und vom Stress entlasten, die unbekannte Dimension des Künftigen kennenlernen zu wollen? Es kommt doch immer anders als erwartet. Vielleicht wäre es ja schon ausreichend, wenn wir uns einmal überlegen würden welche und wieviele bisher noch unrealisierten Möglichkeiten es in der aktuellen Gegenwart geben könnte, die uns Alternativen zu den bisherigen Schwarzweiß-Lösungen aufzeigen könnten. Wie könnten wir uns beispielsweise eine Form der Lösung des Ukraine-Konfliktes vorstellen, der davon ausgeht, dass wir uns zukünftig auf noch völlig unbekannte Möglichkeiten einstellen anstatt dass beide Seiten nur die endlose Gewaltspirale bedienen? Die Frage nach der Zukunft beinhaltet immer auch die Vorstellung von noch ungenutzten Möglichkeiten, zu denen Menschen mit Gottes Hilfe fähig sind.

Mit hoffnungsvollen Grüßen
Michael


2022-03-05 22:16:04
Hallo Michael,

vielen Dank für deine inspirierenden Ergänzungen! Ich hatte beim Lesen den Gedanken: Unser Leben wäre wohl todlangweilig, würden wir die Zukunft immer schon kennen. Wenn das stimmt, macht es unser Leben aus, dass wir uns in der Spannung zwischen Hoffnung und Ungewissheit bewegen, zwischen Anstreben und Gelingen oder Scheitern. Wir könnten die Zukunft ja auch nur dann kennen, wenn wir allein auf der Welt wären - oder die Macht hätten, alle anderen Menschen mit ihrem Wirken aus dem Weg zu räumen. Beides würde totale Einsamkeit bedeuten. Insofern ist es ein Glück, dass wir die Zukunft nicht kennen. Wir können nur versuchen, die Zukunft in einem guten Sinn zu beeinflussen, ohne zu wissen, ob und in welchem Maß uns das gelingt. Dazu ist es auch nötig, wie du schreibst, die unrealisierten Möglichkeiten zu entdecken und zu bedenken. Das aber heißt: kreativ werden.

Ich denke dabei an den Geist des höchst kreativen Gottes, der selbst schöpferisch ist und deshalb auch Schöpfer-Geist genannt wird. Diese schöpferische Kraft wird auch hinsichtlich des Ukraine-Krieges benötigt, um die "noch völlig unbekannten Möglichkeiten" überhaupt erst mal wahrzunehmen, geschweige denn zu verwirklichen. Ich sehe, dass meistens immer noch das schwarzweiße Freund-Feind-Schema herrscht sowie die einseitige Selbstüberhebung ("Wir sind die Guten") und die fruchtlose Gewalt-Gegengewalt-Spirale. Gott sei Dank will die NATO ja nicht militärisch in den Krieg eingreifen und beschränkt ihre Reaktion vor allem auf wirtschaftliche Maßnahmen. Die Hilfsmaßnahmen für die Flüchtenden sind sicher auch eine gute Sache. Was Waffenlieferungen betrifft, kann man schon wieder Fragen stellen. Ich hoffe, dass sich deeskalierende Kräfte noch weiter durchsetzen. Doch scheint mir vieles noch auf berechnendem Kalkül zu beruhen. Die wirklich "unbekannten" Maßnahmen sind noch gar nicht in Sicht. Dazu bedarf es wohl des Geistes Gottes, der zur Feindesliebe führen kann, was nicht heißen muss, sich wehrlos dem anderen auszuliefern. Aber gerade da beginnt die Gratwanderung.

Viele Grüße
Klaus
Michael Kröger
2022-03-06 11:26:32
Hallo Klaus,

deinen Text kann man, finde ich, nicht angemessen lesen, ohne ihn unmittelbar auch auf die Gegenwart zu beziehen. Ich versteh deine Gedanken so: Heute sind wir im Grunde alle zu Propheten unserer Zeit geworden. Wir wissen, wie es einst mit uns enden wird - oder eben doch nicht? Nicht nur weil unser Leben ein zeitlich begrenzter Zustand auf Erden ist, sondern weil wir unser Leben hier offenbar nicht wirklich ändern wollen. Die leider für viele unpopuläre Idee uns einschränken zu müssen, die die Politik nicht offen kommuniziert, wird zu Folgen führen, die wir kennen aber in ihren Konsequenzen nicht wahrhaben wollen: die Klimakatastrophe.
Um Gottes Willen: warum leben wir so weiter als wären wir alle besinnungslos geworden?! Wir haben heute viele prophetische Gaben, wollen sie aber nicht konsequent anwenden .....

In dieser Hoffnung
grüßt dich und euch

Michael


2022-03-06 14:20:45
Hallo Michael,

danke für deine Aktualisierung! Ich denke tatsächlich, dass uns die Botschaft der Propheten auch heute etwas zu sagen hat. Sie würden es, da bin ich ziemlich sicher, einer harten Kritik unterziehen, dass wir unser Leben nicht wirklich ändern wollen, dass wir nicht zu Einschränkungen unseres maßlosen Lebenswandels bereit sind, dass wir das, was wir wissen, nicht wissen wollen, obwohl die Konsequenzen bekannt sind. Das hat wirklich etwas mit "Besinnungslosigkeit" zu tun - oder, mit einem bekannten Buchtitel zu reden, mit "Schlafwandeln".

Insofern können wir uns nur durch die Botschaft der Propheten anreden lassen. Vielleicht habe ich mich im Artikel missverständlich ausgedrückt: Ich meinte nicht, dass wir selbst alle Propheten sind. Denn die Propheten des Alten Testaments haben aktuelle Worte Gottes, die sie empfangen haben, weitergegeben ("So spricht der Herr: ..."), und das kann heute eigentlich kein Mensch wagen. Wir können uns aber auf die Botschaft der Propheten berufen und sie auf unsere Zeit beziehen. Und dann könnte sehr wohl eine prophetische Zeitansage dabei herauskommen. So etwas vermisse ich gegenwärtig ein wenig: den Mut, von der biblischen Botschaft her eindeutige Worte für die Gegenwart zu sprechen. Wir sind da sehr zurückhaltend, vielleicht auch verunsichert. In der Kraft des Geistes Gottes könnten wir aber wieder mutiger werden, damit wir nicht einmal eingestehen müssen, dass wir "nicht mutiger bekannt" haben, wie es die EKD nach dem 2. Weltkrieg tun musste.

Das wäre eine Kirche, die nicht besinnungslos oder schlafwandelnd mitläuft, sondern in der Nachfolge der Propheten konsequent und konkret redet.

Viele Grüße
Klaus
Michael Kröger
2022-03-06 18:15:56
..... ganz konkret vermisse ich gerade jetzt einen ökumenischen "Aufschrei" der Kirchen angesichts der jetzigen Katastrophe in der Ukraine! Eine Besprechung der Weltpolitik in einem sonntäglichen Gottesdienst ist hier und heute nicht ausreichend....

Immer noch mit hoffnungsvollen Grüssen
Michael
2022-03-06 19:45:59
Ja! Es gibt zwar eine Stellungnahme der EKD, die zur Deeskalation aufruft, aber das ist viel zu leise und wird deshalb gar nicht wahrgenommen. Ich habe es auch nur mehr oder weniger zufällig auf der EKD-Website entdeckt. Ein "ökomenischer Aufschrei" mit deutlichen Worten wäre da eine ganz andere Nummer. Man hört aber nur den Schrei der Rechtfertigung des Krieges auf der einen und den nach mehr Waffen auf der anderen Seite.

Es gibt sicher keine Patentlösung, aber wenn den Verantwortlichen als Reaktion auf die jeweils andere Seite nur Maßnahmen der Eskalation einfallen, ist die Phantasie nicht sehr groß.

Dass die Kirchen sich so schwer tun mit einer deutlichen Stellungnahme, hängt wohl auch damit zusammen, dass die kirchlichen Leitungsgremien und die Christinnen und Christen sich untereinander auch nicht einig sind. Schlimm genug!

Im Glauben bleiben wir dennoch hoffnungsvoll!
Klaus
Michael Kröger
2022-03-07 09:22:38
Hallo Klaus,

hierzu noch ein Nachtrag. In seinem spannenden Essay "Gottes Eifer. Vom Kampf der Monotheismen" (2008) schreibt Peter Sloterdijk gegen Ende seines Textes, dass es zukünftig darauf ankomme, die "apokalyptischen Regisseure" der Gegenwart zu neutralisieren. Man müsse, so der Autor, allen "Akteuren in den monotheistischen Feldzügen das Gefühl geben einen Sieg errungen zu haben. Nur Nicht-Verlierer können durch die Ankunftshalle der Geschichte
gehen .... "

Vielleicht besteht ja gerade die heutige Aufgabe darin weltweit Mittel zu finden, die uns vom archaischen Sieger/Verlierer-Schema befreien - eine Aufgabe, die niemals mit Waffen, sondern nur mit neuen Ideen und damit auch einem erweiterten Blick auf unsere Welt zu lösen sein wird ....

Herzliche Grüße
Michael


2022-03-07 10:02:50
Hallo Michael,

das ist eine gute Formulierung: "die apokalyptischen Regisseure neutralisieren". Sie erinnert mich an die "apokalyptischen Reiter" in der Johannesapokalypse. Und ja: Das "archaische Sieger/Verlierer-Schema" muss überwunden werden, weil wir in der global verbundenen Welt nur gemeinsam Sieger oder Verlierer sein können. Das wird ja manchmal auch in Worten bekannt, aber im Ernstfall dann doch nicht vollzogen. Wenn einer aufsteht wie Putin, der allein Sieger sein will, wollen die anderen nicht Verlierer, sondern ebenfalls Sieger sein. Leider sind die "neuen Ideen" und "ein erweiterter Blick auf unsere Welt" noch nicht in das Bewusstsein eingedrungen oder überhaupt entwickelt. Insofern hängt das menschliche Bewusstsein, das durch seine auf dem höchsten Stand befindliche technische Vernunft die globale Vernetzung erst geschaffen hat, in seiner geistigen Vernunft noch im Archaischen fest.

Viele Grüße
Klaus

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