Die orthodoxen Kirchen
Geschichte, Frömmigkeit, Theologie, Ethik
Klaus Straßburg | 27/05/2025
Das untere Portal der Kirche war verschlossen. Ein Schild wies mich an, zwei Freitreppen hinaufzusteigen, um das obere Portal zu erreichen. Es war das erste Mal, dass ich eine orthodoxe Kirche betrat. Ich trat ein ‒ und war überwältigt von der Bilderfülle und der Masse von glitzerndem Gold, dem ich gegenüberstand.
Der Raum war nicht groß, vielleicht zehn mal zehn Meter, dafür aber sehr hoch. Von einem Kirchenschiff kann also keine Rede sein. Umso stärker wirkte die Fülle der Goldverzierungen, das man beim Eintreten erblickte. So massiven Goldschmuck hatte ich in noch keiner Kirche gesehen.
Ich hatte mich auch noch nie mit den orthodoxen Kirchen beschäftigt. Im Studium kamen sie nicht vor, und die Gelegenheit zum Gespräch mit einem orthodoxen Christen hatte ich noch nie gehabt. Also betrat ich Neuland.
Ich stand in der "Russischen Gedächtniskirche" in Leipzig. Sie war in den Jahren 1912/13 erbaut worden, und zwar zum Gedenken an die 100 Jahre zuvor, also 1813, in der Völkerschlacht bei Leipzig gefallenen 22.000 russischen Soldaten. In dieser Schlacht stellten sich Russland, Österreich, Preußen und Schweden gemeinsam dem Heer Napoleons entgegen. Russland stellte die meisten Soldaten und hatte auch die meisten Opfer zu beklagen.
Im Hintergrund ertönte leise eingespielte meditative Musik. Es gab nur zwei Bänke für alte und schwache Menschen an den hinteren Wänden. Die Orthodoxen feiern ihre Gottesdienste, die drei Stunden oder länger dauern können, im Stehen. Durch diese Haltung wollen sie Gott, der nach ihrem Verständnis im Gottesdienst gegenwärtig ist, ehren.
Die orthodoxe Kirchengemeinschaft ist nach der römisch-katholischen Kirche die zweitgrößte der Welt. Ihre Mitgliederzahl wird mit 200 bis 300 Millionen angegeben, etwa 150 Millionen davon sollen es allein in der russisch-orthodoxen Kirche sein. Genaue Zahlen gibt es offensichtlich nicht.
In Deutschland ist die orthodoxe Kirchengemeinschaft mit 1,5 Millionen Mitgliedern in den letzten Jahrzehnten zur drittstärksten Konfession geworden. Damit gibt es sehr viel mehr Orthodoxe in Deutschland als Freikirchler und Evangelikale. Angehörige der orthodoxen Kirchen strömten nach dem Ende des 2. Weltkriegs aus Russland, der Ukraine und anderen Ländern nach Deutschland, ebenso nach der Wende in den 90er Jahren.
Der Name "orthodox" setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern orthós (= richtig) und dokeín (= glauben) sowie doxázein (= preisen). Eine orthodoxe Kirche ist also nach der Wortbedeutung eine "rechtgläubige und in rechter Weise Gott preisende" Kirche.
Darin wird schon ein wichtiges Merkmal des orthodoxen Selbstverständnisses deutlich: Man versteht sich als rechtgläubig, weil man sich auf einige der ältesten christlichen Glaubenszeugnisse gründet. Aber der Glaube besteht nicht einfach in einer richtigen Theorie von Gott, sondern er vollzieht sich immer als richtige Praxis des Lobpreises Gottes.
Davon später noch mehr. Zunächst aber werfen wir einen Blick auf die Geschichte der orthodoxen Kirchen.
1. Kurze Geschichte der orthodoxen Kirchen
Das Römische Reich spaltete sich im Jahr 395 in ein Oströmisches Reich mit Konstantinopel (zuvor Byzanz, heute Istanbul) als Hauptstadt und ein Weströmisches Reich mit Rom als Hauptstadt. Zum Ostreich, in dem man griechisch sprach, gehörten neben Konstantinopel die damaligen Weltstädte Alexandrien in Ägypten sowie Antiochien und Ephesus in der heutigen Türkei. Das Westreich mit der Sprache Latein konnte hingegen nur mit der Weltstadt Rom aufwarten.
Die ersten vier Jahrhunderte der Christenheit wurden maßgeblich vom Ostreich geprägt, vor allem von Kleinasien, also einem Gebiet, das nahezu identisch mit der heutigen Türkei ist. Dort gab es die meisten Christen, dort war das geistige Zentrum der damals bekannten Welt, und dort lebten und wirkten viele der antiken Kirchenväter mit ihren einflussreichen theologischen Schriften. Vor allem an diesen Kirchenvätern orientieren die orthodoxen Kirchen ihre Theologie und Lebenspraxis. Sie berufen sich darauf, dass der Apostel Markus in Alexandrien gewesen sei und der Apostel Petrus in Antiochien. Sie gründen ihre Lehre auf die sieben ökumenischen Konzile der Christenheit, die zwischen 325 und 787 stattfanden.
Von Beginn an gab es Gegensätze zwischen dem griechisch geprägten Osten und dem römisch geprägten Westen des Reichs. Manche führen das auch darauf zurück, dass die Griechen von jeher nach dem Wesen einer Sache fragten, so dass ihr Denken darum kreiste, was das Wesen von Sein und Nichtsein, Leben und Tod, Geschaffenem und Ungeschaffenem ist. Die Römer hingegen fragten nach Recht und Unrecht und waren deshalb mehr von den Themen Schuld und Strafe, Leistung und gerechter Lohn bewegt, kreisten also um das moralische Verhalten und dessen Folgen.
Das drückte sich auch in den theologischen Fragestellungen aus. Die östliche Theologie fragte eher nach dem Wesen Gottes und Jesu Christi, während in der westlichen Theologie eher die Frage nach guten Taten, Sünde und Sündenfolgen im Vordergrund stand.
Das Ende des Weströmische Reichs wird heute auf einen Zeitraum zwischen 475 und 568 datiert. Danach vergrößerte sich die Spaltung zwischen der östlichen und westlichen Christenheit. Es gab Streit über die Trinitätslehre und das Wesen Jesu Christi. Aber auch die unterschiedliche Sprache und Kultur, politische Ereignisse, Unterschiede in der Liturgie des Gottesdienstes und andere theologische Differenzen sowie kirchliche Machtfragen vergrößerten den Graben. Der Bischof von Rom beanspruchte immer stärker seine Oberhoheit über die ganze Christenheit, was die östliche Christenheit ablehnte.
Im Westen gewann schließlich der Papst die umfassende Machtstellung, während im Osten vier Erzbischöfe, Patriarchen genannt, die Oberhäupter ihrer jeweiligen Kirche wurden: in Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem. Dem Erzbischof von Konstantinopel wurde der Ehrentitel des "Ökumenischen Patriarchen" zuteil. Er ist für alle Erzbistümer und Bistümer zuständig, die keinem anderen Patriarchen unterstehen und wird als Ehrenoberhaupt der orthodoxen Christenheit überall anerkannt, obwohl seine Gemeinde relativ klein ist.
Im Jahr 1054 kam es dann zur endgültigen Trennung zwischen der Ost- und Westkirche, offenbar weil zwei arrogante und unnachgiebige Verhandlungsführer nicht zur Einigung bereit waren (wie man sieht, wiederholt sich die Geschichte durch die Jahrtausende hindurch immer wieder). Im Jahr 1204 schickte der Westen ein Kreuzritterheer nach Konstantinopel und eroberte die Stadt. Es kam zu Zerstörungen und Plünderungen, und Konstantinopel wurde vorübergehend zur römischen Kolonie.
Das alles und weitere Ereignisse in den folgenden Jahren wurden von der östlichen Christenheit als große Demütigung empfunden. Als im Jahr 1453 die Türken Konstantinopel angriffen und eroberten, ließ der Westen die östliche Christenheit allein. Damit war das Ende des Oströmischen Reiches besiegelt. Konstantinopel erhielt in der Folge den Namen Istanbul, die Hagia Sophia wurde zur Moschee. Der russische Zar verstand sich seither als Nachfolger der oströmischen Kaisers.
Auch danach wurden die orthodoxen Kirchen von den westlichen Kirchen lange Zeit als primitiv und minderwertig diskriminiert. Erst seit 1961 kommt es wieder zu einer Annäherung. Im Jahr 1965 wurden die früheren gegenseitigen Verurteilungen widerrufen.
Ich habe bisher immer von den orthodoxen Kirchen im Plural gesprochen oder von der orthodoxen Kirchengemeinschaft. Das hat seinen Grund darin, dass die orthodoxe Christenheit sich in ihrer Geschichte vielfach aufgespalten und eigene Regionalkirchen, genannt Patriarchate, gegründet hat. Die altehrwürdigen und wichtigsten Patriarchate sind:
- das Patriarchat von Konstantinopel (heute Istanbul), auch Ökumenisches Patriarchat genannt..
- das Patriarchat von Alexandrien und ganz Afrika, heutiger Sitz in Kairo.
- das Patriarchat von Antiochien und dem ganzen Osten, heutiger Sitz in Damaskus.
- das Patriarchat von Jerusalem, zuständig für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien.
Hinzu kommen die jüngeren Patriarchate von Moskau und ganz Russland, Bulgarien, Georgien, Serbien (zuständig auch für Bosnien-Herzegowina und Kroatien), Rumänien, Griechenland und Albanien. Außerdem gibt es orthodoxe Kirchen ohne Patriarchat, die entweder selbstständig oder einem der genannten Patriarchate teilweise untergeordnet sind, zum Beispiel in Finnland, Polen, Tschechien und der Slowakei, der Ukraine, Amerika, Australien, China, Japan, Ägypten und Äthiopien. Die orthodoxe Christenheit ist also weltweit vertreten.
Obwohl die orthodoxen Kirchen voneinander weitgehend unabhängig sind, gibt es unter ihnen große Übereinstimmung in Glaubensverständnis und Glaubenspraxis, im Rückbezug auf die Bekenntnisse der ersten Jahrhunderte sowie im Verständnis der Sakramente und der Liturgie. Jedenfalls die östlich-orthodoxen Kirchen (im Unterschied zu den orientalisch-orthodoxen) verstehen sich daher als eine Kirche mit regionalen Unterschieden. Diese Unterschiede bestehen z.B. in den liturgischen Sprachen und in der Anzahl der ökumenischen Konzilien, auf die man sich gründet.
2. Die Situation in der Ukraine und der Moskauer Patriarch Kyrill
Bis zum Jahr 2018 gab es in der Ukraine drei orthodoxe Kirchen*: die Ukrainische Orthodoxe Kirche (Moskauer Patriarchat), die Ukrainische Orthodoxe Kirche (Kiewer Patriarchat) und die Ukrainische Autokephale (d.h. vollkommen selbstständige] Orthodoxe Kirche. Im Jahr 2018 beschloss der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, alle drei Kirchen seinem Patriarchat zu unterstellen, um sie miteinander zu vereinigen. Weil sich das Moskauer Patriarchat unter Kyrill I. dem verweigerte, gab es nach 2019 zwei große orthodoxe Kirchen in der Ukraine: die Ukrainische Orthodoxe Kirche (Moskauer Patriarchat) und die Orthodoxe Kirche der Ukraine.
Nachdem Russland die Ukraine im Jahr 2022 massiv angegriffen hatte, wurden in der Ukraine Besitztümer der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat) beschlagnahmt, und im Jahr 2024 wurde die Kirche verboten.
Nach der Anerkennung der Selbstständigkeit der Orthodoxen Kirche der Ukraine durch den Patriarchen von Konstantinopel kündigte der Moskauer Patriarch Kyrill I. diesem die Kirchengemeinschaft auf**. Im weiteren Verlauf kündigte er die Kirchengemeinschaft mit allen orthodoxen Kirchen, die die Orthodoxe Kirche der Ukraine anerkannten.
Kyrill I. war in den 1970er Jahren ökumenisch orientiert und offizieller Vertreter des Moskauer Patriarchats beim Weltkirchenrat in Genf. Er hat dort offensichtlich zugleich als Agent des russischen Geheimdienstes KGB gearbeitet. Auch später pflegte er noch gute Kontakte zur Römisch-katholischen Kirche, ging aber dann doch wieder auf Distanz zu ihr und auch zu anderen Kirchen. Kurz vor seiner Wahl zum Patriarchen im Jahr 2008 schloss er Kompromisse in Glaubensfragen und gemeinsame Andachten mit anderen Kirchen aus.
Das Patriarchat von Konstantinopel hingegen möchte in der Ökumene die Fülle der Orthodoxie bezeugen und schließt zugleich eigene Lernprozesse in einzelnen Punkten nicht aus. Reserviert sind die dem Ökumenischen Rat der Kirchen beigetretenen orthodoxen Kirchen vor allem gegenüber dem Kirchen- und Abendmahlsverständnis der protestantischen Kirchen, gegenüber Frauenordination und feministischer Theologie sowie gegenüber dem liberalen Umgang mit sexuellen Minderheiten.
Auch Kyrill I. hält am traditionellen Familienmodell mit der Frau als Hausfrau und Mutter fest. Er kritisiert Feminismus und homosexuelle Lebensgemeinschaften, die er einmal als Anzeichen des Weltuntergangs titulierte.
Kyrill befürwortete von Beginn an die russische Präsidentschaft Wladimir Putins und den Angriff Russlands auf die Ukraine. Er rechtfertigte diesen Krieg damit, dass die Ukraine vor "Gay-Paraden" geschützt werden müsse. Die Gegner Russlands seien "Kräfte des Bösen" und Russland verteidige in diesem Krieg die christlichen Werte. Deshalb sei der Tod russischer Soldaten mit dem Opfertod Jesu am Kreuz vergleichbar, und im Falle ihres Todes würden ihnen alle ihre Sünden vergeben.
Kyrill zufolge sei die Vorstellung von der Sünde im Westen verschwunden. Daher sei dieser Krieg ein Kampf Russlands gegen die "Weltherrscher der Finsternis", ein "metaphysischer [man könnte auch sagen: überweltlicher] Kampf des Guten gegen das Böse".
Auf der Sitzung des Weltkonzils des Russischen Volkes im Jahr 2024 bezeichnete Kyrill den Krieg als einen "Heiligen Krieg". Auch im vom Konzil verabschiedeten Dokument wurde der Krieg so benannt. Außerdem wurde festgehalten, der Krieg habe das Ziel, "die Welt vor dem Ansturm des Globalismus und dem Siege des dem Satanismus verfallenen Westens zu schützen". Nach dem Krieg solle "das gesamte Gebiet der modernen Ukraine in die Zone des ausschließlichen Einflusses Russlands übergehen".
Kritisiert wurde verschiedentlich der angebliche materielle Reichtum Kyrills: Es wird behauptet, er besitze etliche Residenzen, eine Armbanduhr im Wert von 30.000 Euro und ein Privatvermögen in Höhe von geschätzt rund 4 Milliarden US-Dollar.
Zu Kyrills Stellung zum Krieg gegen die Ukraine kann ich nur sagen: Man kann sicher manches an westlicher Kultur und Theologie kritisieren. Das alles rechtfertigt aber nicht den Krieg. Kyrills Äußerungen zeigen eine verheerende Vermischung von Religion und politischer Ideologie, die mich an mittelalterliche Kreuzzüge, neuzeitliche Kolonialherrschaft oder fanatischen Islamismus wie den der "Gotteskrieger" des sogenannten "Islamischen Staates" erinnert.
3. Orthodoxe Theologie und Frömmigkeit
a) Das große Gewicht der Tradition
Wie schon erwähnt, berufen sich die orthodoxen Kirchen auf die östlichen Kirchenväter vor allem der ersten Jahrhunderte, aber auch einiger späterer Theologen. Ihre Lehren gelten ihnen als heilige Tradition – wobei mit Tradition nicht primär menschliche Gedankengebäude gemeint sind, sondern die Weitergabe des Heils durch den Geist Gottes.
Der heilige Geist schafft nach orthodoxer Vorstellung heilige Tradition – und er hat das maßgeblich in den östlichen Kirchenvätern getan. Diese vom heiligen Geist gewirkte Tradition sei identisch mit den von demselben Geist gewirkten biblischen Schriften. Und dieser Geist Gottes sei es auch, der die Wahrheit der kirchlichen Lehren bis heute garantiere, und zwar durch die kontinuierliche Weitergabe der Lehren der Apostel an die ihnen nachfolgenden Bischöfe und Patriarchen, die sogenannte "apostolische Sukzession".
Die altkirchlichen Dogmen von der Dreieinigkeit Gottes und von den zwei "Naturen" Jesu Christi, der göttlichen und menschlichen, sind deshalb extrem wichtig für die orthodoxe Frömmigkeit. Denn diese Dogmen haben nach orthodoxer Lehre unwiderruflich die menschliche Heilserfahrung formuliert, die darin besteht, dass der dem Tod verfallene Mensch zu einer neuen Kreatur wird (2Kor 5,17), dass er Anteil am göttlichen Leben gewinnt und insofern vergöttlicht wird – so, wie Jesus Christus Gott und Mensch zugleich war.
Für einen protestantischen Theologen wie mich stellen sich dabei sogleich einige Fragen: Können sich die östlichen Kirchenväter nicht auch in manchen Lehren geirrt haben? Und sind die orthodoxen Kirchen vor jedem Irrtum gefeit? Wenn dem so sein sollte, warum gab es dann so viele Spaltungen in ihrer Geschichte? Wo bleibt die Einsicht, dass all unser Erkennen Stückwerk ist (1Kor 13,12f)? Wo bleibt die Sündenerkenntnis?
Ein orthodoxer Theologe würde wohl antworten: Das ist wieder typisch für einen Protestanten, dass er sofort an die Sünde denkt. Die Orthodoxen gehen nicht von der menschlichen Sünde aus, sondern von der Kraft des heiligen Geistes. Diese Kraft bewahre die Kirche vor der Sünde und ermögliche es, dass ihre Lehre von Irrtümern frei bleibt und Menschen vergöttlicht werden.
Mit der Vergöttlichung von Menschen habe ich als Protestant tatsächlich Schwierigkeiten. Deshalb müssen wir uns jetzt diesem Thema widmen.
b) Die Trinitätslehre und die Vergöttlichung des Menschen
Die Einheit von Gott dem Vater, dem Sohn und dem heiligen Geist beruht nach orthodoxer Vorstellung auf dem Vater als dem einzigen Ursprung des dreieinigen Gottes. Man spricht von der göttlichen "Monarchie" (von griechisch mónos = einzig, allein und archē = Ursprung, Anfang). Darum gehe der heilige Geist nur vom Vater aus und nicht zugleich auch vom Sohn, wie die westliche Theologie es meint (darin gründet der altkirchliche Streit um das – lateinisch formuliert – filioque = "und vom Sohn" als Antwort auf die Frage, von wem der heilige Geist ausgeht, nämlich nach westkirchlicher Vorstellung vom Vater "und vom Sohn").
Als Schwerpunkt des Denkens der östlichen Kirchenväter sieht die orthodoxe Theologie die Macht Gottes des Vaters, Menschen die Teilhabe an seinem Leben und seiner Vollkommenheit zu gewähren. Es gehe im Glauben primär um die Erfahrung des göttlichen Lebens und nicht um das intellektuelle Verstehen von Glaubenssätzen. Es gehe vorrangig nicht um die Vergebung der Sünden, sondern um die Wiederherstellung des sündigen menschlichen Wesens, um die Vernichtung des Todes und die Schaffung einer neuen Kreatur. Denn Christus habe am Kreuz die Macht des Todes überwunden und das menschliche Wesen in seinem gottähnlichen Zustand wiederhergestellt.
Man erkennt hierin deutlich eine Vorordnung des Vaters vor dem Sohn. Die schöpferischen Taten des Vaters ‒ Leben schaffen, eine neue Kreatur schon jetzt hervorrufen und schließlich zum ewigen Leben erwecken ‒ haben einen Vorrang vor den Taten des Sohnes ‒ aus Liebe zu den Menschen ins Leid gehen, Gott in Leid und Tod offenbaren, Sündenvergebung bewirken.
Der Grundsatz orthodoxer Theologie lautet: "Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werde." Der Mensch solle ein neuer Christus werden – natürlich nicht aus eigener Kraft, sondern durch die Kraft des heiligen Geistes. Insofern könne man sagen, dass der Mensch "Gott schauen" und "vergöttlicht" werden soll.
Das heißt natürlich nicht, dass er an Gottes oder Christi Stelle treten soll. In 2Petr 1,4 ist aber tatsächlich davon die Rede, dass die Glaubenden "Teilhaber der göttlichen Natur werden" sollen, und nach Mt 5,48 sagte Jesus den Menschen, sie sollten "vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist". Der heilige Geist kann das bewirken, aber nach orthodoxer Vorstellung nur durch die Kirche und ihre Sakramente, vor allem die Eucharistie.
Solche Aussagen klingen in evangelischen Ohren sehr merkwürdig. Doch hat auch Martin Luther gelegentlich von einer Vergöttlichung des Menschen gesprochen. Zugleich war für Luther aber immer klar, dass der mit Glauben begnadete Mensch immer auch Sünder bleibt. Wenn also tatsächlich das Wunder geschieht, dass an einem Menschen etwas Göttliches aufblitzt, dann ist das immer Gottes je und je sich ereignende Gnadentat. Der heilige Geist wird niemals zu einem menschlichen Besitz, und die "Vergöttlichung" eines Menschen kann daher nicht zum Prinzip erklärt werden. Sie ist ein immer aufs Neue von Gott gewährtes Wunder und keine bleibende Eigenschaft eines Menschen.
Von daher gilt: Christus lebt in den Glaubenden, aber nur, sofern er in ihnen Wohnung nimmt (Gal 2,20a). Wir sind das Licht der Welt, aber nur dann, wenn das Licht, das Christus ist, uns erleuchtet (Mt 5,14a; Joh 8,12a).
Wir verstehen jetzt auch den Goldschmuck und die Bilder in den orthodoxen Kirchen besser. Das Gold symbolisiert Gottes Licht, seine Gegenwart und das Paradies. Die Ikonen sollen die Atmosphäre des Himmelreichs in die Kirche holen. Das ist ja nach orthodoxem Glauben das Ziel des Christseins: Gottes Licht in die Welt zu bringen, das Himmelreich schon jetzt anbrechen zu lassen, indem der Mensch eine neue, paradiesische Kreatur wird.
Die goldverzierte Wand mit den vielen Bildern verbirgt den Altarraum, der sich dahinter befindet. Das kann man so interpretieren: Gott ist unsichtbar und unbegreiflich. Wir brauchen deshalb eine Instanz, die uns seine Gegenwart vermittelt. Diese Instanz ist Jesus Christus mit den ihm nachfolgenden Heiligen. Sie werden auf den Bildern der Trennwand dargestellt, die Ikonostase genannt wird (von griechisch eikōn = Bild, Ebenbild und stásis = Stand, Ständer).
Die Tür in der Ikonostase gewährt dem Priester Zugang zum Altar. Die orthodoxe Lehre besagt, der Priester vermittle als Vertreter der Kirche die Teilhabe der Gemeinde am göttlichen Leben. Denn ohne die Kirche gebe es kein Heil.
c) Die Unergründlichkeit Gottes und die mystische Vereinigung mit ihm
Ausgangspunkt der orthodoxen Lehre vom Menschen ist nicht dessen Sündhaftigkeit, sondern der unendliche Unterschied zwischen dem Ungeschaffenen und dem Geschaffenen. Das Geschaffene, also auch der Mensch, habe von sich aus keinen Zugang zum Schöpfer. Auch in der Vergöttlichung und in der "Schau Gottes" nähmen wir nicht am Wesen Gottes teil, sondern nur an seinen ungeschaffenen "Energien". Man kann bei diesen "Energien" wohl an die Kräfte und Wirkungen des heiligen Geistes denken.
Weil Gott unergründlich ist, können wir nach orthodoxer Lehre über sein Wesen nur verneinende und anbetende Aussagen machen. Wir haben kein Wissen von Gottes Wesen. Wir können das Heilswerk Jesu Christi am Kreuz nicht rational erklären. Aber in dieser Unergründlichkeit, im "göttlichen Dunkel", könne sich die Gnade der Gotteserkenntnis ereignen.
Mit dieser Vorstellung von Gottes Unergründlichkeit und von der Vereinigung mit ihm bekommt die orthodoxe Frömmigkeit eine mystische Tendenz. So drücke sich der Glaube auch nicht so sehr in theologischen Definitionen aus als vielmehr in der gebeteten Liturgie, den gesungenen Hymnen und den gemalten Bildern. Im orthodoxen Gottesdienst soll die Schönheit der Errettung und Vollendung des Menschen und des ganzen Kosmos lobpreisend gefeiert werden. In diesem Gottesdienst geschehe das Heil, indem die Christuserfahrung der Glaubenden durch den heiligen Geist gestärkt wird.
So sei auch die Theologie, also das Nachdenken über Gott, ein geistlicher Vorgang, nämlich die sich ereignende und den Menschen verwandelnde Realität der Offenbarung Gottes. Auch Theologie sei daher eine an Gottes Leben teilnehmende Schau Gottes, das mystische Ereignis der Vereinigung des Menschen mit Gott, der die Quelle aller Wahrheit ist. Dabei handele es sich um ein Liebesereignis; denn man erkennt nur als Liebender und liebt nur als Erkennender. Von daher haben orthodoxe Theologen die westlichen Partner wiederholt darauf hingewiesen, dass der Glaube in Gebet, Gottesdienst und den Sakramenten verwurzelt ist. Damit verbunden ist eine prinzipielle Skepsis gegenüber philosophischen und dogmatischen Systembildungen.
Die Unergründlichkeit Gottes kann also nach orthodoxer Lehre nur dadurch überwunden werden, dass Gott sich dem Menschen offenbart. Dies könne in vielfältiger Weise geschehen: in der Bibel, in der Tradition, in den Dogmen der sieben ökumenischen Konzilien der frühen Christenheit, im Schrifttum der Kirchenväter, im Leben der Heiligen, in der Spiritualität, ja in der Hymnenlehre und im Kirchenbau.
Orthodoxe Theologen sprechen einerseits von der Gnade Gottes, andererseits aber auch von einer Mitwirkung des Menschen an seiner Vereinigung mit Gott. Der Mensch müsse durch ständige Umkehr dazu beitragen, dass er mit Gott vereint werden kann. Er werde damit der Gnade Gottes gerecht: Er nehme teil an der göttlichen Menschenfreundlichkeit und nehme damit das "Recht" wahr, das ihm von Gott eingeräumt wird: eine neue Kreatur zu werden.
Je nach dem Grad menschlicher Mitwirkung kann die Spiritualität eines Menschen nach orthodoxer Vorstellung verschiedene Grade aufweisen. Je mehr sich ein Mensch von aller Sünde entleere, desto offener werde er nämlich für den Empfang des heiligen Geistes.
Was Spiritualität ist, erkenne man am besten an den Heiligen der Kirche, besonders aber an der Gottesmutter Maria. Sie werden deshalb oft in der Ikonenmalerei abgebildet. Auch das Mönchtum hat in der orthodoxen Frömmigkeit einen hohen Stellenwert. Denn der asketische Zug des Mönchtums und die damit verbundene Freiheit von den Dingen der Welt sowie die Freude an der Hingabe im Gebet soll das geistliche Leben aller Christinnen und Christen prägen.
Für mich stellen sich am Ende dieses Kapitels einige Fragen. Diese betreffen zum einen die Lehre von der Unergründlichkeit Gottes, wenn man doch zu diesem Gott eine Beziehung entwickeln soll. Zum anderen ist mir die Rolle der Kirche als dem einzigen Ort, in dem sich das Heil ereignet, fraglich. Und zum Dritten habe ich Probleme mit der Mitwirkung des Menschen an seinem Heil. Ich formuliere an dieser Stelle nur die Fragen und werde mich ihnen am Ende dieses Artikels noch einmal intensiver zuwenden.
d) Orthodoxe Ethik
Nach orthodoxer Vorstellung haben Christen eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft und Kultur. Denn Leben sei nur gemeinschaftlich zu begreifen, wie die innertrinitarische Liebesgemeinschaft zwischen Vater, Sohn und heiligem Geist zeige. So habe die Gemeinschaft der Glaubenden die Welt in den Prozess der Vergöttlichung hineinzunehmen.
Die russisch-orthodoxe Kirche, die größte Kirche der orthodoxen Kirchengemeinschaft, hat im Jahr 2000, also schon vor Putins Präsidentschaft und Kyrills Patriarchat, eine 102 Seiten starke Sozialdoktrin verabschiedet. Diese geht davon aus, dass die Kirche die Gebote Gottes, die keinen Veränderungen unterworfen sind, unfehlbar bezeuge.
Dazu ist kritisch anzumerken, dass zwar Gottes Gebote keinen Veränderungen unterworfen sind, aber die ethischen Fragen sich durch die Jahrhunderte hindurch verändern. Die Gebote Gottes sagen zum Beispiel nichts zur friedlichen Nutzung der Atomenergie, weil diese Frage zu biblischen Zeiten noch gar nicht im Blick sein konnte. Es geht also immer darum, Gottes Gebote auf die jeweils neuen Fragestellungen hin zu interpretieren. Dass diese Interpretation durch die orthodoxe Kirche unfehlbar sei, ist eine starke These. Sie geht offenbar von der Irrtumslosigkeit der Kirche aus, weil diese ja durch den heiligen Geist geleitet werde.
Hier können nur einige Aussagen der Sozialdoktrin beispielhaft aufgeführt werden. Die orthodoxe Synode wendet sich gegen einen extremen Liberalismus, der die Freiheit des Individuums zum Egoismus weiterentwickelt habe. Dadurch werde dem sündigen Menschen eine Autonomie zugestanden, die aus christlicher Sicht verwerflich sei. Das entspricht dem eher konservativen Charakter der Stellungnahme, die eher traditionelle Werte in den Vordergrund stellt.
Als Beispiele seien genannt: Die Sozialdoktrin befürwortet den Umweltschutz und lehnt den Suizid ab. Sie bejaht das traditionelle Verständnis von Ehe und Familie und kritisiert deutlich Pornografie, Prostitution, sogenannte "freie Liebe", Schwangerschaftsabbruch und Homosexualität. Letzterer müsse überwunden werden durch die kirchlichen Sakramente sowie Gebet, Fasten, Umkehr, Lesen der Bibel, Beschäftigung mit den Werken der heiligen Väter und Gemeinschaft mit Gläubigen, die Hilfestellung leisten.
Die Doktrin setzt sich zwar für die Gleichstellung der Frau ein, hält aber zugleich daran fest, dass der Mann das Haupt der Frau sei; er dürfe aber die Frau nicht despotisch behandeln, sondern müsse ihr mit Liebe begegnen (Eph 5,22-24; Kol 3,18f). Das Verständnis der Frau als Gattin und Mutter dürfe nicht abgewertet werden, denn es gebe natürliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern.
e) Kirche und Staat, Krieg und Frieden
Das Oströmische Reich und die östliche Kirche durchdrangen sich gegenseitig. Das Reich galt als Heilsstaat und sein orthodoxer Kaiser als von Gott gesalbter Geistträger, der das Aufsichtsrecht über die Kirche hatte, aber auch die Fürsorgepflicht für sie. Die Kirche hingegen war für den Gottesdienst und die Sakramente zuständig, hatte sich aber aus der Weltgestaltung herauszuhalten.
Beide, Staat und Kirche, hatten also ihre jeweiligen Verantwortungsbereiche. Daran hat sich bis heute im orthodoxen Verständnis nicht viel verändert. Kirche und Staat sollen wie in einer wohlklingenden Symphonie zusammenarbeiten und füreinander Verantwortung übernehmen. Die Kirche mischt sich nicht in die Politik ein und der Staat nicht in die kirchlichen Angelegenheiten. Den Gläubigen obliegt der Gehorsam gegen den Staat, es sei denn, dieser beschließe gottlose Gesetze. Die genannte Sozialdoktrin hält fest, dass Christen sich in diesem Fall nicht unterordnen dürfen, sondern dagegen vorgehen und im Notfall auch zivilen Ungehorsam leisten müssen.
Die Sozialdoktrin sieht es als christliche Pflicht an, "die nationale Kultur und das nationale Selbstbewusstsein [Russlands] zu wahren und weiterzuentwickeln. Dazu gehören auch Patriotismus und Gehorsam gegenüber dem Staat". Zugleich wird aber "jede Einteilung der Völker in bessere und schlechtere wie auch die Herabwürdigung jeglicher ethnischer oder bürgerlicher Nation" abgelehnt. Vielmehr sieht die orthodoxe Kirche einen "Auftrag der Versöhnung einander feindlich gesinnter Nationen und ihrer Vertreter" und "bezieht [...] keine Stellung in interethnischen Konflikten, mit Ausnahme solcher Fälle, in denen seitens einer der Parteien eindeutig Aggression betrieben [...] wird."
Außerdem will sich die Kirche laut Sozialdoktrin an innenpolitischen Auseinandersetzungen und Wahlkämpfen sowie an der Unterstützung politischer Parteien und Führungspersönlichkeiten nicht beteiligen. Zur Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat gehöre es aber, für internationalen Frieden einzutreten. Die Kirche dürfe sich deshalb nicht an einem aggressiven Krieg beteiligen oder im staatlichen Geheimdienst mitwirken. Krieg wird ausdrücklich als etwas Böses bezeichnet. Doch in äußerster Not dürfe Krieg geführt werden, wenn er der Verteidigung des eigenen Volkes und der Gerechtigkeit diene. Dabei gelten die Regeln des gerechten Krieges.
Krieg wird als zwar unerwünschtes, manchmal aber unumgängliches Mittel betrachtet. Die Kirche setze sich aber immer für politische Lösungen ein, die den Krieg verhindern, und, wenn er schon geführt wird, für Verhandlungen, die ihn beenden. Sie stehe auf der Seite der Opfer von Aggression und Gewalt und trete für staatliche Souveränität und territoriale Unversehrtheit ein.
Man möchte dem Patriarchen Kyrill diese Aussagen seiner eigenen Kirche in Erinnerung rufen, der diese Äußerungen der Sozialdoktrin schon wenige Jahre nach ihrer Verabschiedung mit Füßen getreten hat. Es ist offensichtlich eine Wanderung auf schmalem Grat, Nationalbewusstsein religiös einzufordern und zugleich für den Respekt gegenüber anderen Nationen und Frieden mit ihnen einzutreten.
4. Theologische Einordnung der orthodoxen Kirchen
Die orthodoxe Christenheit ist groß und hat eine lange Tradition. Sie muss schon allein deshalb ernst genommen werden. Es ist ein Mangel, dass sie im Westen relativ wenig wahrgenommen wird, zumal die orthodoxe Theologie viele Berührungspunkte mit der katholischen Theologie hat.
Ich möchte deshalb abschließend das orthodoxe Denken von einem evangelischen Standpunkt aus kurz theologisch einordnen. Wenn darin auch Kritik an orthodoxen Vorstellungen geübt wird, soll das im Sinne eines Dialogs und im gemeinsamen Ringen um die Wahrheit geschehen und nicht die orthodoxe Theologie als ganze diskreditieren oder gar orthodoxe Frömmigkeit in Frage stellen.
Das Wirken des heiligen Geistes ist für die orthodoxe Theologie zentral. Tatsächlich gibt es Erkenntnis Gottes nur dann, wenn Gott selbst sich zu erkennen gibt, theologisch gesprochen: wenn er sich offenbart. So ist alles Nachdenken über Gott ein geistlicher Vorgang, zu dem notwendig das Gebet gehört. Das ist mit evangelischer Theologie durchaus kompatibel.
Orthodoxe Theologie ist Offenbarungstheologie. Für evangelische Theologie ist diesbezüglich entscheidend, dass Gott in seiner Offenbarung frei ist und gerade deshalb befreiend wirkt. Er offenbart sich dort, wo er will und dann, wann er will (Joh 3,8). Er bevorzugt dabei auch nicht eine bestimmte kirchliche Gemeinschaft. Deshalb kann evangelische Theologie die Wahrheit und das Heil nicht prinzipiell nur in einer bestimmten Kirche oder Theologie verorten und damit allen anderen Kirchen oder theologisch Andersdenkenden absprechen. Gott kann sich überall offenbaren und überall Menschen zum Glauben erwecken (Mt 3,9; Lk 3,8). Eine Einschränkung seines Wirkens würde die Freiheit Gottes beschneiden.
Diese Freiheit des gnädigen Wirkens Gottes ist befreiend für den Menschen, weil es nicht abhängig ist von menschlichen Voraussetzungen oder vom Mitwirken des Menschen. Dieser Gedanke ist gerade für evangelische Theologie zentral. Der Mensch kann nichts zu seinem Heil beitragen. Er kann sich nicht selbst von seiner Verfallenheit an die Sünde befreien. Er kann einzig das Wirken des heiligen Geistes in ihm "auslöschen" (1Thess 5,19) oder wirksam werden lassen. Letzteres ist aber keine Tat, die einen Anspruch oder ein "Recht" Gott gegenüber begründet. Vor Gott stehen alle Menschen gleichermaßen als Schuldige da. Darum kann evangelische Theologie den Gedanken des Mitwirkens eines Menschen an seinem Heil nicht nachvollziehen.
Auch die evangelische Theologie nimmt die Aussagen der frühchristlichen Kirchenväter ernst. Die Kirchenväter haben uns etwas zu sagen, aber sie stehen – wie alle Menschen – als Schuldige vor Gott. Das bedeutet, dass sie nicht unfehlbar waren. Ihre Aussagen sind bedenkenswert, aber sie gehören einer anderen Zeit mit anderen Fragestellungen und Denkgewohnheiten an. Deshalb können sie nicht unmittelbar auf unsere Zeit bezogen werden. Die christliche Botschaft ist vielmehr zu jeder Zeit neu zu formulieren. Diese Einsicht leitet zu immer neuem Ringen um die Wahrheit an. Sie erweckt zugleich theologische Bescheidenheit und beschränkt kirchliche Macht.
Das gilt auch für die christliche Ethik. Sie muss in jeder neuen geschichtlichen Situation neu durchdacht werden. Insofern sind die biblischen Texte zur Ethik zwar zu allen Zeiten und in allen Situationen gültig. Sie müssen aber immer aufs Neue auf ihre Intention hin befragt und entsprechend auf die jeweilige Zeit und Situation angewandt werden.
Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung, schrieb Paulus (Röm 13,10b). Worin die Liebe aber besteht, ist nicht ein für allemal festgeschrieben. Darum muss vielmehr zu jeder Zeit und in jeder Situation neu in der Kraft des heiligen Geistes gerungen werden. Eine Ethik, die den zeitgeschichtlichen Hintergrund der biblischen Texte nicht berücksichtigt, wird auch den biblischen Texten nicht gerecht, die in eine bestimmte Zeit hinein gesprochen sind. Das gilt auch für die Texte, die das Verhältnis zwischen Mann und Frau sowie Homosexualität beleuchten.
Insofern kann man sagen, dass Gottes Offenbarung sich immer neu ereignen muss. Und wenn sie geschieht, bedeutet das nicht, dass Gott von uns durchschaut wird. Er bleibt vielmehr ein Geheimnis bis zu dem Tag, an dem wir ihn "von Angesicht zu Angesicht" sehen werden (1Kor 13,12; 1Joh 3,2). Das ist das Wahrheitsmoment der Einsicht, dass Gottes Wesen für uns nicht zu erkennen ist: Wir können Gott nicht durchschauen. Vieles bleibt uns unverständlich. Ja, man kann sagen: Auch in seiner Offenbarung bleibt uns Gott verborgen.
So teilt sich Gott uns mit in der Torheit und im Ärgernis des Kreuzes Christi (1Kor 1,23). Sein Handeln erscheint unserer Vernunft töricht und ärgerlich. Sein Friede überragt all unsere Vernunft (Phil 4,7). Und dennoch nimmt Gott unser unzulängliches Denken und Sprechen in Dienst, um sich mitzuteilen. Das ist das Wunder der Offenbarung, das größer ist als alle "Schau Gottes" und alle Unergründlichkeit Gottes. Es ist das Wunder, das wir nicht hervorrufen können, sondern das überall dort geschieht, wo Gottes Gnade es geschehen lassen will. Und dies kann Ereignis werden in allen Kirchen und christlichen Gemeinschaften, Theologien und Frömmigkeiten.
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Quellennachweise:
* Alle Angaben zu den orthodoxen Kirchen in der Ukraine nach https://de.wikipedia.org/wiki/Orthodoxe_Kirche_der_Ukraine.
** Bezüglich der Person Kyrills I. folge ich dem Wikipedia-Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Kyrill_I., ohne dessen Aussagen im einzelnen nachprüfen zu können.
Verwendete Quellen:
- Kurt Aland: Die Frühzeit der Kirche in Lebensbildern. Brunnen Verlag. 5. Aufl. Gießen/Basel 1990.
- Karl Christian Felmy / Peter Hauptmann / Reinhard Thöle: Orthodoxe Kirchen. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Band 6. Verlag Mohr Siebeck. 4. Aufl. Tübingen 2003. Sp. 675-693.
- Karl Christian Felmy: Vergöttlichung. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Band 8. Verlag Mohr Siebeck. 4. Aufl. Tübingen 2005. Sp. 1008.
- Dagmar Heller: Orthodoxie und Ökumene ‒ Herausforderungen und Perspektiven am Anfang des 21. Jahrhunderts. Zugänglich auf https://cursor.pubpub.org/pub/vol7-heller-orthodoxie/release/1.
- Johannis Panagopoulos: Orthodoxe Kirchen/Theologie. In: Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe Bd. 3. Hg. von Peter Eicher. Kösel-Verlag, München 1985. S. 299-313.
- Johannis Panagopoulos: Göttliche und menschliche Gerechtigkeit am Horizont der patristischen Tradition. Eine Skizze. Zugänglich unter https://ecclesiagreece.gr › greek › press › theologia › material › 1979_1_10_Panagopoulos.pdf.
- Kurt Dietrich Schmidt: Grundriss der Kirchengeschichte. Vandenhoeck & Ruprecht. 8. Aufl. Göttingen 1984.
- Ralf Stolina: Negative Theologie. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Band 6. Verlag Mohr Siebeck. 4. Aufl. Tübingen 2003. Sp. 170-173.
- Die Grundlagen der Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche. Hg. vom Bischöflichen Jubiläumssynod der Russisch-Orthodoxen Kirche (verschiedentlich im Internet zugänglich).
- dtv-Wörterbuch der Kirchengeschichte. Hg. Von Carl Andresen und Georg Denzler. Deutscher Taschenbuch Verlag. 2. Aufl. München 1984.
- https://de.wikipedia.org/wiki/Orthodoxe_Kirchen
- https://wort-und-fleisch.de/die-orthodoxie-am-scheideweg/
- https://de.wikipedia.org/wiki/Orthodoxe_Kirche_der_Ukraine
- https://de.wikipedia.org/wiki/Ukrainisch-Orthodoxe_Kirche_(Moskauer_Patriarchat)
- https://de.wikipedia.org/wiki/Kyrill_I.
- https://de.wikipedia.org/wiki/Orthodoxe_Kirchenbauten
- https://www.kath.ch/newsd/die-serbisch-orthodoxe-kirche-ist-eine-versteckte-goldgrube/
- https://www.domradio.de/glossar/russisch-orthodoxe-kirche-0
- https://www.domradio.de/artikel/komplizierte-berechnung-laut-neuer-berechnungen-weniger-orthodoxe-weltweit
- https://www.deutsch-orthodox.de/warum-im-stehen-beten/
Fotos: Klaus Straßburg.

danke für deine ausführlichen Darlegungen zur Orthodoxen Kirche bzw. den Orthodoxen Kirchen. Für mich waren sie lange Terra Inkognita und sind es in vieler Hinsicht bis heute.
In meiner Grundschulklasse gab es eine Mitschülerin, die griechisch-orthodox war, und für die dann beim Religionsunterricht eine Sonderlösung gefunden werden musste. Später hat mich bei Dostojewki die literarische Figur des Starez Sosima sehr beeindruckt. Noch später wurde mir klar, dass die Orthodoxe Kirche nicht etwa irgendetwas Exotisch-Randständiges ist, sondern es im Hinblick auf Alter und Tradition mit der Katholischen Kirche aufnehmen kann, wobei sie zusätzlich den Vorteil hat, dass sie regional mit Griechenland und Kleinasien in zweien der wichtigsten Gegenden des Urchristentums kulturell verwurzelt ist, worauf du ja auch hinweist.
Sehr pointiert und treffend finde ich deinen Satz:
"Die östliche Theologie fragte eher nach dem Wesen Gottes und Jesu Christi, während in der westlichen Theologie eher die Frage nach guten Taten, Sünde und Sündenfolgen im Vordergrund stand."
Von daher und von der Ausprägung mystischer Elemente konnte ich der Ostkirche nach und nach immer mehr abgewinnen.
Danke auch zu den Informationen über den Patriarchen von Moskau. Vieles davon wusste ich nicht.
Viele Grüße
Thomas
ja, terra incognita - das waren die Orthodoxen für mich auch, bis ich diesen Artikel vorbereitete. Ich hoffe, ihre Theologie einigermaßen richtig dargestellt zu haben. Ich konnte ja alles nur kurz anschneiden und nicht in die Tiefe gehen. In Vielem kann ich der orthodoxen Theologie zustimmen, wenn auch an manchen Stellen mit anderem Schwerpunkt. Ein Gespräch mit einem orthodoxen Theologen wäre interessant gewesen. Es würde wohl viele Gemeinsamkeiten ergeben, aber auch einige wichtige Unterschiede, die ich herauszuarbeiten versucht habe.
Der Satz, den du zitierst, ist wohl ein entscheidender. Damit stimmt überein, was ich schon im Kapitel über die Geschichte schrieb: "Von Beginn an gab es Gegensätze zwischen dem griechisch geprägten Osten und dem römisch geprägten Westen des Reichs. Manche führen das auch darauf zurück, dass die Griechen von jeher nach dem Wesen einer Sache fragten, so dass ihr Denken darum kreiste, was das Wesen von Sein und Nichtsein, Leben und Tod, Geschaffenem und Ungeschaffenem ist. Die Römer hingegen fragten nach Recht und Unrecht und waren deshalb mehr von den Themen Schuld und Strafe, Leistung und gerechter Lohn bewegt, kreisten also um das moralische Verhalten und dessen Folgen."
Es gehört doch wohl beides zusammen: das Wesen Gottes und Jesu Christi einerseits und die Frage nach Sünde und dem Guten andererseits. Dass es darüber zu einer Kirchenspaltung kam...
Aber es geht wohl auch darum, ob ein gekreuzigter Gott im Vordergrund steht oder ein mächtiger, der paradiesisches Leben schafft; und um den Schwerpunkt der Theologie: ob sie theologia crucis oder theologia gloriae ist. Daran kann eine Kirchengemeinschaft schon zerbrechen. Die Fragen nach Offenbarung und Verborgenheit Gottes, die ich am Ende aufgeworfen habe, beschäftigen mich weiter. Was können wir eigentlich von Gott erkennen und was bleibt uns verborgen? Und was bedeutet das für unseren Glauben?
Viele Grüße
Klaus
Bezüglich der Frage der Zersplitterung in orthodoxe Nationalkirchen muss man allerdings auch sagen, dass die Liturgie all dieser Kirchen praktisch dieselbe ist. Diesbezüglich ist man viel weniger gespalten als die Westkirchen. Und auch dort sind die Übergänge fließend. Als Katholik ist es mir möglich, nach Absprache mit dem Priester auch die ukrainisch-katholische bzw. byzantinisch-katholische Gemeinde zu besuchen. Auch dort wird die göttliche Liturgie gefeiert. Auch wenn man anfänglich fast nichts versteht, ausser dem Otche Nash, so nimmt man doch auch positiv wahr, dass Christentum nicht immer das ist, was man in Sichtweite des eigenen Kirchturms dafür hält.
die orthodoxen Kirchen sind ein bisschen älter als Kyrill.
Ernsthaft Glaubende gab und gibt es in jeder Konfession.
Gott wertet das Herz, glatte Aussagen erreichen ihn nicht!
Grüße Johanne, 1.6.25