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Die Neuapostolische Kirche

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Die Neuapostolische Kirche
Klaus Straßburg | 11/02/2021

Es gibt eine Fülle von Kirchen und Gemeinschaften, die sich auf Jesus Christus und die Heilige Schrift berufen. Mitunter ist es hilfreich, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und einen Blick auf andere Gemeinschaften zu werfen. Vielleicht kann man daraus lernen, vielleicht tritt dadurch aber auch das Besondere des eigenen Glaubens und der eigenen Gemeinschaft deutlicher vor Augen.

Ich habe mich mal näher mit der Neuapostolischen Kirche beschäftigt. Sie ist mit ca. 330.000 Gemeindegliedern in rund 1.600 Gemeinden (laut Website der Neuapostolischen Kirche in Deutschland) die größte christliche Sondergemeinschaft in Deutschland, größer noch als die Zeugen Jehovas, die wahrscheinlich viel bekannter sind. Natürlich kann ich im Rahmen dieses Blogbeitrags nicht auf alle Einzelheiten der Geschichte und Lehre der Neuapostolischen Kirche eingehen. Viele ihrer Lehren stehen durchaus mit denen der evangelischen Kirche im Einklang. Um das Profil der Neuapostolischen Kirche herauszustellen, werde ich mich vor allem auf die Abweichungen konzentrieren. Weitere Informationen gibt es zum Beispiel im Katechismus der Neuapostolischen Kirche und auf Wikipedia.

Eine weitere Vorbemerkung ist nötig: Ich kenne die Neuapostolische Kirche nicht von innen, sondern gründe meine Ausführungen auf mir vorliegende Literatur. Daraus leite ich meine persönliche Stellungnahme zu dieser Kirche und ihren Lehren ab. Die darin enthaltenen kritischen Anmerkungen wollen nicht ausschließen, dass es durchaus gläubige Christ*innen in dieser Kirche gibt.


1. Aus der Geschichte der Neuapostolischen Kirche

Die Neuapostolische Kirche hat eine komplizierte Entstehungsgeschichte. Im 19. Jahrhundert bildeten sich in England viele christliche Gemeinschaften, darunter eine Gemeinde, die es als ihre Aufgabe ansah, die Kirche der Endzeit aufzubauen. Man rechnete mit dem baldigen Ende der Welt und dem Kommen Christi zum Gericht. Darum wurden Apostel berufen, welche die zerstreute Christenheit sammeln und dem wiederkommenden Christus entgegenführen sollten. 1835 gab es zwölf Apostel. Als im Jahre 1855 drei der zwölf Apostel starben, stellte sich die Frage, ob man neue Apostel berufen sollte, um wieder auf zwölf zu kommen. Über diese Frage gab es schwere Auseinandersetzungen.

Ein leitendes Mitglied wurde aus der Gemeinde ausgeschlossen und gründete 1863 zusammen mit anderen Ausgeschlossenen die „Allgemeine Apostolische Gemeinde". Doch 1878 gab es erneute Konflikte, und wieder kam es zur Spaltung. 1895 wandte man sich von dem Gedanken ab, dass alle Apostel gleichberechtigt seien, und 1897 wurde der erste sogenannte „Stammapostel" ernannt. Wie von einem Baumstamm die einzelnen Zweige abgehen, so sollten vom Stammapostel alle anderen Apostel abzweigen und aus seiner Fülle leben. Der Stammapostel steht also in der Hierarchie an oberster Stelle.

Seit dem Jahr 1907 nannte sich die Gemeinde „Neuapostolische Gemeinde" und seit 1930 „Neuapostolische Kirche". In der Nazi-Zeit standen viele leitende Mitglieder und Apostel, wie auch weite Teile der evangelischen Kirche, der NSDAP nahe oder waren sogar deren Mitglied.

Der Stammapostel Gottfried Bischoff verkündete Weihnachten 1951 seine Überzeugung, dass er die Wiederkunft Christi noch erleben werde, also der letzte Stammapostel sei. Später fügte er hinzu, dies sei ihm in mehreren Offenbarungen Gottes mitgeteilt worden. Diese Botschaft wurde von der Neuapostolischen Kirche zum Dogma erhoben. In den folgenden Jahren wurden tausende Gemeindeglieder und ein Apostel, die Zweifel an dieser Botschaft hatten, aus der Kirche ausgeschlossen. Als der Stammapostel am 6. Juli 1960 starb, geriet die Kirche in eine schwere Krise. Das Problem wurde so gelöst, dass man kundtat, Gott habe seinen Willen geändert. Nicht der Stammapostel hatte sich also geirrt, sondern Gott hat es sich anders überlegt. Daran hält die Kirche bis heute fest.

Seit den 1970er Jahren erhöhte sich die Zahl der Apostel auf zunächst etwa 60, inzwischen gibt es aber weltweit ca. 350 aktive Apostel. Dem Stammapostel untergeordnet sind folgende weitere Ämter: Bezirksapostel, Apostel, Bischöfe, Bezirksälteste, Bezirksevangelisten, Gemeindeälteste, Hirten, Gemeindeevangelisten, Priester, Diakone und Unterdiakone. Frauen sind von Ämtern ausgeschlossen.

Die Zahl der Kirchenmitglieder hat sich im 20. Jahrhundert stark erhöht. Weltweit gehören der Kirche 9-10 Millionen Menschen an, davon über 7 Millionen in Afrika, wo die Kirche am stärksten verbreitet ist.


2. Die Rolle des Stammapostels

Wie ich schon sagte, steht der Stammapostel in der Hierarchie ganz oben. Er gilt als der Repräsentant Christi auf Erden. Christus leitet die Kirche durch diesen seinen irdischen Vertreter und die Apostel. Der Stammapostel und die Apostel legen die Bibel maßgebend aus. Der Stammapostel behält dabei das letzte Wort. Die anderen Apostel müssen geloben, ihm gehorsam zu sein. Denn der Stammapostel offenbart in Wort und Tat das, was Jesus will, so dass Jesus im Stammapostel erkannt werden kann. Das Wort des Stammapostels kann geradezu mit dem Wort Gottes gleichgesetzt werden. Und die wahre Kirche ist an das Amt der Apostel gebunden, so dass eigentlich nur die Neuapostolische Kirche wahre Kirche sein kann.

Viele Jahrzehnte lang wurde die Gegenwart Christi im Stammapostel behauptet. Inzwischen hat diese Überhöhung des Stammapostels deutlich nachgelassen. Doch wird daran festgehalten, dass Jesus seine Kirche in der Endzeit, in der wir leben, durch den Stammapostel leitet. So versteht sich die Neuapostolische Kirche als Fortsetzung der von den biblischen Aposteln geleiteten Urkirche. In der Neuapostolischen Kirche ist die ursprüngliche apostolische Kirche wieder aufgerichtet. Nur sie ist die einzig wahre Kirche, nur ihre Mitglieder können sich echte „Kinder Gottes" nennen.

In jüngster Zeit hat sich die Neuapostolische Kirche allerdings vorsichtig der Ökumene geöffnet. In Deutschland wurde sie im Jahr 2019 als Gastmitglied in die „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland" aufgenommen, in der Schweiz in die entsprechende Arbeitsgemeinschaft schon 2014. Auch in vielen anderen Bereichen gibt es inzwischen Gespräche und gemeinsame Aktionen. Die Teilnahme am Abendmahl der Neuapostolischen Kirche ist allen getauften Christ*innen gastweise gestattet, jedoch wird das nicht kontrolliert, und in der Praxis wird niemand abgewiesen. Am Evangelischen Kirchentag 2013 in Hamburg nahm die Neuapostolische Kirche erstmals teil.


3. Das Glaubensleben

Neben den Sakramenten Taufe und Abendmahl gibt es noch das Sakrament der „Heiligen Versiegelung". Damit ist die Ausgießung des Heiligen Geistes gemeint. Das Sakrament wird von einem Apostel gespendet. Erst durch diese „Versiegelung" wird der gläubige Mensch zu einem Kind Gottes. Mit der Versiegelung ist auch der Anspruch der Neuapostolischen Kirche verbunden, die einzig wahre Kirche zu sein.

Die Versiegelung kann an Lebenden und Toten vollzogen werden. Dazu werden Lebende stellvertretend für die Verstorbenen versiegelt. Außerdem können Lebende für Tote die Taufe und das Abendmahl empfangen. Das wird mit 1Kor 15,29 begründet. Man geht davon aus, dass in den Gottesdiensten und in den Aposteldiensten die Geister der Toten anwesend sind. Sie suchen dort Hilfe und Weiterführung. Manchen Gläubigen ist dieser „Dienst für die Entschlafenen" nach eigenen Aussagen aber unheimlich.

In der Regel verstehen sich die Gläubigen aber wie eine große Familie, in deren Haus alles wohlgeordnet ist. Jeder hat hier seinen Platz und seine Aufgabe. Die gottgegebene Ordnung sollte möglichst nicht hinterfragt werden. Das gibt Sicherheit und Orientierung, vor allem in einer Zeit schwindender gemeinsamer Werte. Andererseits fühlen sich kritische Gemeindeglieder wohl eingeengt. Ehemalige Mitglieder der Kirche haben sich psychischem Druck ausgesetzt gefühlt.


4. Theologische Stellungnahme

Das Amt der Apostel stellt die wohl augenfälligste Besonderheit der Neuapostolischen Kirche dar. Unter den Aposteln ragt der Stammapostel heraus. Alle weiteren Ämter sind streng hierarchisch gegliedert. Der Stammapostel hat alle Autorität in Bezug auf Lehre und Organisation der Kirche. Als Repräsentant Jesu Christi auf Erden steht er diesem näher als alle anderen Menschen und kann sich in seinen Lehraussagen im Grunde nicht irren. Er gibt letztlich vor, was die Angehörigen der Neuapostolischen Kirche zu glauben und wie sie ihren Glauben zu leben haben.

Die reformatorischen Kirchen haben einen umgekehrten Weg eingeschlagen: Für sie ist grundsätzlich jeder Christenmensch von Gott mit dem heiligen Geist begabt und deshalb fähig, ein Urteil über Wahrheit und Irrtum zu treffen. Er braucht keine andere menschliche Autorität über sich, um zum rechten Glauben zu finden, sondern kann sich selbst an der Bibel orientieren. Natürlich sollte er offen sein für das, was andere Menschen als wahr erkannt haben. Das Gespräch unter Christ*innen dient daher der eigenen Wahrheitsfindung. Die evangelische Kirche ist deshalb nicht hierarchisch von oben nach unten gegliedert, sondern von unten her aufgebaut, von den einzelnen Christ*innen und Gemeinden her.

Die strenge Hierarchie der Neuapostolischen Kirche kann psychischen Druck auf Gemeindeglieder erzeugen, die nicht in allem mit den vorgegebenen religiösen Überzeugungen übereinstimmen. Denn wer sich den Überzeugungen der Apostel widersetzt, muss im Extremfall befürchten, das Heil zu verlieren und aus der Kirche ausgeschlossen zu werden. Christlicher Glaube ist aber befreiender Glaube, kein Glaube, der die Glaubenden in ein Korsett zwängt. Freiheit des Glaubens bedeutet nicht Beliebigkeit, aber die Gewissheit, dass alle Menschen Irrtümern unterliegen können und dennoch von Gott geliebt und angenommen werden.

Es ist deshalb abzulehnen, dass eine kirchliche Obrigkeit entscheidet, wer den rechten Glauben hat und wer nicht. Diese Entscheidung kann nach evangelischem Verständnis nur die Gemeinschaft aller Glaubenden treffen. Natürlich gibt es auch in den evangelischen Kirchen Grundsätze des Glaubens, die allgemeine Geltung beanspruchen. Diese Grundsätze sind aber prinzipiell hinterfragbar und korrigierbar, und die Vielfalt der möglichen Glaubenslehren ist weitaus breiter angelegt als in streng hierarchischen Gemeinschaften oder Kirchen.

Die Bibel berichtet, dass die Amtsträger in der frühen Christenheit von der ganzen Gemeinde gewählt wurden und nicht nur von den Aposteln (Apg 6,5). Dass es in der frühen Christenheit keine Hierarchie gab, zeigt auch, dass der Apostel Paulus dem Apostel Petrus, auf den Jesus nach Mt 16,18 seine Gemeinde bauen wollte, in einer wichtigen Glaubensfrage widersprach (Gal 2,11). Würde man Petrus als den Stammapostel bezeichnen, dann wäre Paulus ein schlechter Apostel gewesen, weil er dem Stammapostel nicht bedingungslos folgte. Ein solches Denken aber ist dem Neuen Testament fremd.

Wenn man der neuapostolischen Apostelidee folgt, kommt hinzu, dass es in der Kirchengeschichte etwa 1.700 Jahre lang bis zur Berufung der ersten neuapostolischen Apostel keine Kirche Jesu Christi im vollen Sinn gegeben haben kann, weil es in dieser Zeit keine Apostel gab. Dass es 1.700 Jahre lang aber keine vollwertige Glaubensgemeinschaft gab, ist aber ein geradezu absurder Gedanke. Warum sollte Gott, der sich aus Steinen Kinder erwecken kann (Mt 3,9; Lk 3,8), so lange keine Kirche erschaffen, bis im 19. Jahrhundert in England eine kleine Gemeinschaft ein paar Apostel ernennt? Die neuapostolische Apostelidee führt dazu, dass die eigene Kirche allen anderen Kirchen übergeordnet wird und alle Christ*innen eigentlich den eigenen Aposteln nachfolgen müssten.

Nachfolge verlangt das Neue Testament aber allein gegenüber Jesus Christus. Er allein ist es auch, der die Versöhnung der Menschen mit Gott bewirkt. Das, was Jesus zur Versöhnung tat, muss deshalb nicht durch das, was ein Apostel tut, ergänzt werden. Das Heil geschieht nicht durch das Werk von Menschen, sondern es ist bereits durch den Tod Jesu Christi aus Liebe zu allen Menschen geschehen. Darum hängt die Gotteskindschaft nicht von der „Versiegelung" eines Menschen durch einen Apostel ab. Den Geist spendet Gott allein, und ein Mensch ist nicht nötig, um den Geist Gottes zum Menschen zu transportieren.

Die Vorstellung, allein die neuapostolischen Apostel mit dem Stammapostel an der Spitze hätten die christliche Wahrheit und könnten den Menschen das Heil vermitteln, führt dazu, dass die Neuapostolische Kirche letztlich als die einzig wahre Kirche verstanden wird. Eine solche Vorstellung wertet alle anderen Kirchen und Gemeinschaften ab und führt zu Intoleranz und im Extremfall zu Überheblichkeit. Vor diesem Hintergrund ist es bedeutsam, dass die Neuapostolische Kirche sich für ökumenische Gespräche geöffnet hat. Es bleibt abzuwarten, ob sich dies auch in einer veränderten Bewertung anderer Kirchen ausdrückt. Gewichtiger noch scheint mir die Gefahr, den Stammapostel so zu verstehen, dass er im Grunde an die Stelle Jesu Christi tritt und das Heil zu den Menschen bringt. Das aber wäre eine Abwertung Jesu Christi, die dem christlichen Glauben ihre Grundlage nähme.

Zu bemängeln ist auch die These, die Wiederkunft Christi und das Ende der Welt stünden unmittelbar bevor. Zwar sagte auch Jesus, dass das Ende „nahe vor der Tür" sei. Aber er stellte zugleich fest, dass niemand, auch er selber nicht, wisse, wann es soweit sei (Mk 13,28-32; Mt 24,32-36). Von daher stellt sich die Frage, welchen Sinn es hat, über Jahrhunderte hinweg das nahe Ende zu verkünden. Auch dadurch kann bei Menschen Angst erzeugt werden, und durch diese Angst können sie im Glauben und in der eigenen Glaubensgemeinschaft festgehalten werden. Angstmacherei ist aber kein christliches Mittel, Menschen bei der Stange zu halten.

Schließlich kann auch der sogenannte „Dienst an den Verstorbenen" Angst erzeugen, der davon ausgeht, dass die Geister der Verstorbenen unter uns sind und menschlicher Hilfe bedürfen, die sie durch die Apostel erhalten. Nochmal ist daran zu erinnern, dass das Heil allein in Jesus Christus gründet und nicht in menschlichem Handeln. Und von Verstorbenen, die unter uns gegenwärtig sind, ist in der Bibel nicht die Rede.


5. Fazit

Insgesamt bildet die Neuapostolische Kirche eine eng verbundene Gemeinschaft mit festen Ordnungen und Lehren. Das ist für manche Menschen in einer Zeit, in der gemeinsame Werte und verbindliche Ordnungen kaum noch existieren, vielmehr jede Wahrheit in Frage gestellt wird, durchaus attraktiv. Andere Menschen allerdings fühlen sich in einer solchen Gemeinschaft, in der es kaum Raum zum eigenen Denken gibt, eingeengt und bevormundet.

Eine streng fundamentalistische und dogmatisch festgelegte Lehre ist aber nicht das Besondere der Neuapostolischen Kirche. Es gibt vielmehr viele solcher Gemeinschaften, auch im Bereich der evangelischen Kirche. Auch dort besteht die Gefahr, dass Menschen Angst gemacht wird und sie psychisch unter Druck gesetzt werden. Dies aber widerspricht, wo immer es geschieht, dem Evangelium. Das Evangelium von der Liebe Gottes und der in Jesus Christus geschehenen Versöhnung des Menschen mit Gott ist eine Botschaft der Freude und der Freiheit, niemals der Angst und Einengung.

Damit will ich nicht sagen, dass alles, was die Neuapostolische Kirche lehrt, dem Evangelium widerspricht. Ich schließe es keineswegs aus, dass der Glaube und die Liebe neuapostolischer Christ*innen echt sind, und schließe mich den Worten des Paulus an: „Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber" (Phil 1,18).

Man muss aber auch die Gefahren sehen, die in den neuapostolischen Lehren bestehen. Auf diese Gefahren möchte ich hinweisen. Ich spreche kein Urteil über die einzelnen Gläubigen oder die ganze Kirche. Gefahren gibt es allerdings nicht nur in der Neuapostolischen Kirche, sondern auch in der Evangelischen Kirche und in jeder anderen Glaubensgemeinschaft. Die Gefahren mögen nur anderswo lauern, aber sie sind überall gegeben.

Letztlich muss jeder Mensch selber entscheiden, ob er sich auf eine hierarchische und bevormundende Struktur einlassen will. Er sollte aber wissen, worauf er sich einlässt. Und er sollte sich Rückzugswege offenhalten. Er sollte vor allem daran festhalten, dass unser Heil allein in Jesus Christus gegründet ist und dass dieses Heil von keinem Menschen ergänzt werden muss. Auch der persönliche Glaube ist keine Ergänzung des Heils, sondern seine Folge. Nur so bleibt die Freiheit des Glaubens gewahrt. Und es bleibt in Geltung: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder unter ein Joch der Knechtschaft bringen!" (Gal 5,1).


Quellen
  • Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Herausgegeben von Reinhard Hempelmann u.a. im Auftrag der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Berlin. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh 2001. S. 509-521.
  • Hans-Jürgen Twisselmann: Sieben Glaubensgemeinschaften. Darstellung und Kritik. Nordelbische Reihe für Weltanschauungsfragen. Heft 6. Itzehoe 1993. S. 36-43.
  • Helmut Obst: Artikel "Neuapostolische Gemeinde/Kirche". In: Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. 4. Auflage. Herausgegeben von Hans Dieter Betz u.a. Band 6. Mohr Siebeck. Tübingen 2003. Sp. 209-211.
  • Wikipedia-Artikel „Neuapostolische Kirche".


* * * * *





6 Kommentare
2021-02-13 07:55:45
Hallo Klaus,

dieser Beitrag war für mich sehr interessant. Einer meiner Freunde aus Studienzeiten war und ist wohl auch noch Mitglied dieser Kirche. In Gesprächen hatte sich schnell herausgestellt, dass ich mit meiner Art von kritischen Fragen, wo ich mich selbst bei der als eher liberal geltenden EKD oft mit einem Bein drin und mit einem draußen fühle, bezogen auf diese Glaubenslehre viel zu weit vom Schuss bin. Danach blieben solche Themen außen vor.

Mein Eindruck war, dass diese Kirche mir zwar zu autoritär ist und viel zu wenig kritisches Denken zulässt, aber anders als manche Sekten auch nicht gefährlich, trotz mancher für mich heikler Begrifflichkeiten (Apostel, Stammapostel, Versiegelung). Die wenigen Leute, die ich da persönlich kennengelernt habe, fand ich freundlich und in diese Welt passend.

Weiter informiert hatte ich mich über die Neuapostolische Gemeinschaft nicht, insofern kommt mir dein Beitrag sehr gelegen.

Viele Grüße

Thomas Jakob

P.S.: Am Anfang der geschichtlichen Entwicklung muss es wohl 1835 und 1855 heißen.

2021-02-13 10:19:08
Hallo Thomas,

danke für die Schilderung deines Eindrucks von der Begegnung mit Angehörigen der Neuapostolischen Kirche. Und vielen Dank auch für den Hinweis auf die falschen Jahreszeiten am Anfang. Ist schon korrigiert.

Viele Grüße
Klaus
Frank-Peter Woska
2021-02-13 18:40:13
Vor circa 25 Jahren, hatte ich in einer Umschulung ein Mitglied dieser Kirche. Lange Zeit später machte ich mich da kundig. Es gibt viele starke Parallelen mit der Katholischen Kirche und der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (Mormonen) Es geht da um Totenmessen oder ungläubige Ahnen (was ja nicht so Pauschal zu verurteilen ist) Mit Mormonen und Anhängern der Neuapostolischen Kirche hatte ich bereits persönlich mehrfach Kontakt und ich war von deren "Lebensweise" tief beeindruckt. Danke für diesen Artikel, der den Negativ besetzen Begriff "Sekte" rausnahm. Und wir wissen ja alle; Google kann auch unser Freund sein. (Was Beispielsweise die Mormonen und das alte Testament betreffen) Leider kann ich nicht viel tippen.
2021-02-13 19:21:43
Vielen Dank für die Ergänzungen und persönlichen Eindrücke. Das konkretisiert manches, was ich geschrieben habe.
2021-03-12 10:54:27
Es gibt viele Gruppierungen und Gemeinschaften und Ehen. Egal was sie verbindet. Handelt es sich um eine sehr enge Verbindung der Mitglieder, dann ist jedes Verlassen und Anderssein bedrohlich. Das gilt für religiöse, politische, wirtschaftliche Strukturen gleichermaßen. Wichtig ist, herauszufinden, was vereinigt diese Menschen wirklich.
2021-03-12 11:32:16
Ich bin auch der Meinung, dass die entscheidende Frage ist: Was vereint uns, was verbindet uns miteinander? Es ist ein Unterschied, ob Menschen durch gemeinsame Interessen, gemeinsames Gedankengut, persönliche Sympathien etc. miteinander verbunden sind oder durch die gemeinsame Berufung durch Jesus Christus. Wenn letzteres der Fall ist, können die Interessen, das Gedankengut, die Sympathien etc. noch so unterschiedlich sein, sie werden sich - wenn es recht zugeht - als Erwählte und Berufene miteinander vereint fühlen und einander fördern und unterstützen. Leider geht es in der Praxis oft nicht so zu, was ein Problem unseres unvollkommenen Glaubens ist.
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