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Die Gnade der Ergebung

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Veröffentlicht von in Theologie to go · 13 Juli 2022
Tags: GnadeZufriedenheitGlückLeben

T h e o l o g i e   t o   g o
Die Gnade der Ergebung
Klaus Straßburg | 13/07/2022

Das Evangelische Gesangbuch enthält nicht nur Lieder, sondern zwischen den einzelnen Liedern auch etliche Gedichte, Gedanken, Gebete und Bibelverse. Meistens habe ich diese Zugaben zu den Liedern gar nicht beachtet. Doch als ich mich kürzlich auf einen Gottesdienst vorbereitete und im Evangelischen Gesangbuch blätterte, begegneten mir ganz unerwartet folgende Verse der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (gest. 1848):

Ich bitte nicht um Glück der Erden,
nur um ein Leuchten dann und wann:
Dass sichtbar deine Hände werden,
ich deine Liebe ahnen kann;
nur in des Lebens Kümmernissen
um der Ergebung Gnadengruß.
Dann wirst du schon am besten wissen,
wie viel ich tragen kann und muss.

Die Dichterin entstammte zwar dem westfälischen Adel, hatte aber dennoch kein leichtes Leben. Sie war kränklich, litt oft unter rasenden Kopfschmerzen und war extrem kurzsichtig. Ihre schriftstellerische Tätigkeit fand damals nur wenig Anklang.

Vor diesem Hintergrund sind ihre Verse sehr aussagekräftig: Sie bittet nicht um weltliches, und das heißt flüchtiges Glück, sondern um ein zeitweiliges, hin und wieder sich einstellendes "Leuchten" von Gott her – eine Erfahrung, ein Erlebnis, eine Situation, die das liebevolle Wirken Gottes in der Welt sichtbar macht. Nicht Gott können wir sehen, nicht direkt können wir sein Wirken wahrnehmen, so dass wir mit dem Finger darauf zeigen könnten und es für alle sichtbar wäre. Sondern indirekt kann der Glaube Gottes Wirken in der Welt empfinden und seine Liebe ahnen – nicht fixieren, nicht handfest belegen. Auch Gottes Wirken bleibt eine flüchtige Erscheinung, die wir nicht reproduzieren, nicht hervorrufen können. Gott handelt nicht auf Bestellung, und das Gute stellt sich nicht nach Wunsch ein.

Dass das Glück flüchtig und nicht machbar ist, ist eine Lebenserfahrung vergangener Jahrhunderte, die dem verwöhnten Menschen unserer Wohlstandsgesellschaft abhanden gekommen ist. Wir haben es uns zur Regel gemacht, der Entbehrung schnelle Abhilfe zu schaffen und das Leid soweit als möglich aus unserem Leben zu verbannen. Entbehrung und Leid, das darf nicht sein, und wenn es uns doch befällt, hadern wir mit unserem Leben – und mit Gott.

In anderen Teilen der Welt gibt es diese hohen Ansprüche nicht. Zu nah sind den Menschen dort Entbehrung und Leid, zu sehr gehören sie zu ihrem Alltag, und niemand würde dort auf die Idee kommen, sich fast jeden Wunsch erfüllen und den Tod weit wegschieben zu können. Natürlich gibt es auch dort das Hadern mit Gott, wie es das auch in der Bibel gibt. Aber ein im christlichen Glauben verwurzelter Mensch wäre dort wohl viel eher bereit, sich in ein entbehrungsreiches Leben zu ergeben, anstatt an Gottes Liebe zu zweifeln.

Auch die adlige und nicht unter Armut leidende Annette von Droste-Hülshoff hat gewusst, wie wichtig es ist, sich in das eigene Geschick zu ergeben. Darum bittet sie um die Gnade, sich "in des Lebens Kümmernissen" mit dem, was ihr widerfährt, abfinden zu können. Es ist tatsächlich eine große Gnade, ein "Gnadengruß" Gottes, gegen Entbehrungen und Leid nicht aufzubegehren und womöglich Gott Vorwürfe zu machen, sondern sich zufriedenzugeben. Von Natur aus tragen wir diese Gnade nicht in uns, und besonders wir auf sofortige Wunscherfüllung fixierten Wohlstandsmenschen haben die Fähigkeit oft verloren, uns in das zu fügen, was uns beschieden ist.

Dieses Sich-Ergeben können wir nicht selber machen. Es ist wohl nur möglich, wenn Gott tief in uns das Vertrauen eingepflanzt hat, dass ER schon am besten weiß, wie viel wir tragen können und müssen.


* * * * *


Quelle: Evangelisches Gesangbuch der Ev. Kirche im Rheinland, der Ev. Kirche von Westfalen und der Lippischen Landeskirche, Gütersloh 1996, nach Lied 529. Die Orthographie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst.

Foto: Klaus Straßburg.





2 Kommentare
Michael Kröger
2022-07-16 17:55:03
Hallo Klaus,

auch wenn Gott weiss, wie viel "wir tragen können und müssen" - ich wundere mich immer wieder neu, wie wenig lernfähig wir als Menschen sind, unsere Ansprüche an ein luxuriöses Leben herunter zu schrauben. Wer wie wir im Westen in vielen Fällen im Wohlstand aufgewachsen ist, hat wohl die Fähigkeit verloren, sein Leben auf Gott zu beziehen und glaubt immer noch, dass das Leben so luxuriös weiter wie bisher laufen wird. Welch ein Irrtum, mit dem man sich nicht zufrieden geben kann...
2022-07-16 19:37:34
Hallo Michael,

da kann ich dir nur voll zustimmen. Es scheint, dass der entbehrungsfreie Wohlstand zum Lebenssinn geworden ist, man könnte auch sagen: zum Gott, und beides, Lebenssinn und Gott, kann man naturgemäß nicht aufgeben, weil damit das ganze Lebensgebäude zusammenbrechen würde. Paulus kannte das Phänomen auch schon, wenn auch wohl nicht im heutigen Ausmaß, wenn er schön metaphorisch von bestimmten Menschen sagte: "... deren Gott der Bauch ist und deren Ehre in ihrer Schande besteht, die auf das Irdische sinnen" (Phil 3,19). Das erinnert mich ein wenig an Bertolt Brecht, der in der "Dreigroschenoper" (freilich ganz ohne christlichen Hintergrund) formulierte: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral."

Sieht irgendwie nicht so gut aus für die Zukunft dieses Planeten ... - wenn man nur auf die menschlichen Möglichkeiten blickt.
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