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Der Priester Zacharias - fromme Theorie, Zweifel in der Praxis

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Veröffentlicht von in Glaubenszweifel · 23 Dezember 2024
Tags: HoffnungGlaubeUnglaubeGnadeWirklichkeitEngel

Der Priester Zacharias – fromme Theorie, Zweifel in der Praxis
Klaus Straßburg | 23/12/2024

Das Neue Testament ist voll von Zweiflern. Gerade auch diejenigen, die Vorbilder des Glaubens sein sollten, werden uns oft als Zweifler dargestellt.

Das ist von einer religiösen Schrift kaum zu erwarten. Die heiligen Schriften der Religionen stellen uns meist vorbildliche Menschen vor, die uns dann zum Ideal des eigenen Glaubens werden können. Bis heute gibt es in der christlichen Literatur Biographien und Romane, die uns Menschen präsentieren, die im Glauben vollkommen zu sein scheinen.

Die Realität ist offensichtlich eine andere. Glaube und Zweifel liegen auch bei den sogenannten Vorbildern dicht beieinander. Das zeigt uns sogar eine Gestalt, die in die Weihnachts-Vorgeschichte gehört.


1. Das Lebensproblem von Elisabeth und Zacharias

Zacharias war jüdischer Priester. Er taucht nur im Lukasevangelium auf und nur vor der Geburt Jesu (Lk 1,5-25.57-80). Dem Evangelisten Lukas liegt daran, seine Erzählung in ihren geschichtlichen Hintergrund einzubetten. Darum erwähnt er eine Fülle historischer Details (Verse 5.8-10). Er will damit deutlich machen, dass es um Ereignisse geht, die tatsächlich geschehen sind (Verse 1-4). Das bedeutet: Gott handelt nicht im luftleeren Raum oder in einem fernen Jenseits, sondern mitten unter uns, in unserer Geschichte.

Zacharias war mit Elisabeth verheiratet. Beide sind gläubige Juden (Vers 6). Doch ein Schatten liegt über ihrer Ehe: Sie sind hochbetagt und kinderlos geblieben (Vers 7).

Kinderlosigkeit war damals nicht nur das persönliche Problem eines unerfüllten Kinderwunsches, sondern auch eine gesellschaftliche Schmach (Vers 25). Die Schuld für die Kinderlosigkeit wurde der Frau gegeben. Besonders die Frauen mussten deshalb unter dem Vorwurf leiden, nicht in der Lage zu sein, den Fortbestand des Volkes Israel zu sichern. Zudem brachte Kinderlosigkeit die Unsicherheit mit sich, wer die gebrechlichen Eltern im Alter versorgen sollte.

Das jahrelange Leiden besonders Elisabeths lässt sich nur erahnen. Zacharias war Priester und damit gesellschaftlich anerkannt. Von seiner Frau wird man das nicht sagen können.

Das Leben nahm auch unter dieser Belastung seinen Lauf. Beide waren alt geworden, eine Schwangerschaft im Grunde unmöglich. Zacharias tat seinen gewohnten Dienst als Priester. Eines Tages verrichten er und seine Kollegen wie gewohnt den Priesterdienst im Jerusalemer Tempel. Wer das Räucheropfer darbringen soll, wurde jeweils ausgelost. Diesmal fällt das Los auf Zacharias (Vers 8f).

Weil es so viele Priester gab, wurde diese Ehre einem Priester nur ein- oder zweimal im Leben zuteil. Es war also ein ganz besonderer Tag für Zacharias. Während das Volk draußen betet (Vers 10), betritt der Priester den Tempel und bringt das Opfer dar, indem er wohlriechende Harze und Pflanzenteile auf glühenden Kohlen verbrennt.

Zacharias kannte den kultischen Ablauf bis in alle Details. Doch diesmal sollte alles anders kommen.


2. Die Zweifel des Zacharias

Zacharias hat während der Zeremonie, bei der er allein im Tempel ist, eine Engelerscheinung und gerät in Angst und Schrecken (Vers 11f). Wie man sich diese Erscheinung vorzustellen hat, wird nicht gesagt. Ob der Engel leibhaft vor ihm stand oder ob es sich um eine bloße Erscheinung visionärer Art handelt, spielt im Grunde auch keine Rolle.

Es gibt solche Erscheinungen auch heute. Vor vielen Jahren erzählte mir ein Mann, ihm sei nachts ein Engel erschienen. Für ihn war es eine bereichernde Erscheinung und nichts Angst Einflößendes.

Man könnte sich auch vorstellen, dass Zacharias eine Zeit lang in einen traumartigen Zustand fiel, in dem sein Bewusstsein getrübt war, und dass er dabei diese Erscheinung hatte. Aber wie dem auch sei: Der Engel spricht zu ihm. Er stellt sich als der Engel Gabriel vor, der vor Gott steht (Vers 19), also aus der unmittelbaren Nähe zu Gott eine Botschaft von ihm zu überbringen hat.

Die Botschaft des Engels lautet: Zacharias und Elisabeth werden einen Sohn bekommen, der von Geburt an mit Gottes Geist begabt sein und mit seiner Verkündigung großen Erfolg haben wird. Außerdem wird er "Gott vorangehen", das heißt nach dem Verständnis des Lukas: Er wird der Vorläufer Jesu sein. Und Zacharias wird wegen seines Sohnes in "Freude und Jubel" ausbrechen (Verse 13-17). Das Wort "Jubel" deutet darauf hin, dass es um weit  mehr geht als um ein Ende der Kinderlosigkeit: Es geht um den Jubel, der mit dem Kommen des Messias verbunden ist.

Die Gnade, die Zacharias und Elisabeth erfahren, übersteigt also bei weitem das, was sie erbeten hatten. Der verheißene Sohn wird Teil der Geschichte des Messias Jesus, der der Welt das Heil bringt. Er wurde von Gott zu dieser Geschichte auserwählt. Darum gibt ihm auch Gott seinen Namen. Die Namengebung eines Kindes war eigentlich das Recht des Vaters. Hier aber gibt Gott den Namen vor und sagt damit: Dein Sohn wird ein Kind Gottes sein.

Die Gnade, die dem kinderlosen Ehepaar hier völlig unerwartet widerfährt, ist unübertrefflich. Darum bekommt das Kind den Namen Johannes, hebräisch Jochanan, das heißt übersetzt: Gott ist gnädig.

Es ist kaum zu glauben, was danach geschieht. Der Priester hat gerade eine Nachricht erhalten, die alles Vorstellbare übersteigt. Er kennt die alttestamentlichen Schriften genau und weiß, worum es geht: Der verheißene Messias wird kommen, und sein Sohn wird als dessen Vorläufer eine wichtige Rolle dabei spielen. Das Glück über diese Nachricht müsste unermesslich sein. Aber Zacharias erfasst nicht das Glück, sondern das Misstrauen.

Was ihm da vom Engel verheißen wird, kann nicht sein. Seine Frau und er selbst sind zu alt, um ein Kind zu bekommen. Die Natur fordert ihr Recht. Eine Schwangerschaft in ihrem Alter hat es noch nie gegeben. Man kann nicht an etwas glauben, was jeglicher Vernunft widerspricht. Man wird ihn auslachen, wenn er das weitererzählt. Wenn er das glauben soll, dann braucht er einen Beweis.

Zacharias ist voller Misstrauen gegenüber dem Wort Gottes, das der Engel ihm überbracht hat. Deshalb verlangt er ein Zeichen, eine Beglaubigung des Wortes Gottes (Vers 18). Er, der anerkanntermaßen Fromme, der Gläubige, der täglich mit den heiligen Schriften lebende Priester, der x-mal gelesen und durchdacht hat, dass Gott Unglaubliches tun kann und dass er seine Verheißungen erfüllt; er, dem es in der Theorie völlig klar ist, dass man Gottes Verheißungen vertrauen kann – er versagt vollkommen, als es um die Praxis geht. Sein Glaube war eine schöne Theorie. Als er persönlich gefordert ist, das Unglaubliche zu glauben, ist sein Glaube am Ende.

Hier wird das ganze Elend eines gläubigen Menschen deutlich: Sein Glaube reicht so lange, wie er nicht wirklich erprobt wird. Wenn es hart auf hart kommt, ist seine Glaubenskraft am Ende. Sollen wir gegen jede Logik, gegen jeden Augenschein glauben, dann brauchen wir die Kraft Gottes, die uns geschenkt wird. Unsere eigene Kraft ist zu klein.

Es ist eine kleine literarische Revolution, dass Lukas sein Evangelium nicht mit der Geburt Jesu (Mt 1,18ff) oder dem Wirken Johannes des Täufers (Mk 1,1ff) beginnt, sondern mit dem Misstrauen eines Frommen gegenüber dem angekündigten Heil. Lukas hält uns damit einen Spiegel vor: Bildet euch bloß nichts auf euren Glauben ein! Er ist nicht einmal so groß wie ein winziges Senfkorn (Lk 17,5f).

Der Unglaube des Zacharias bleibt nicht ohne Folgen.


3. Die Folgen des Zweifels

Der Engel beantwortet das Misstrauen des Zacharias mit der Ankündigung, dass er bis zur Geburt seines Sohnes nicht mehr reden können wird, weil er den Worten des Engels, die die Worte Gottes sind, nicht geglaubt hat (Vers 20).

Man kann das einfach als Strafe Gottes verstehen, weil Unglaube eben bestraft werden muss. Man stellt sich Gott dann wie einen Richter vor, der jede Sünde bestraft, weil der Sünder es verdient hat, zu leiden. Jede Sünde muss mit Schmerzen bestraft werden. Warum die Strafe hier im Verlust der Sprache besteht, bleibt dann offen. Die Strafe erscheint als etwas Willkürliches und Gott als ein Richter, dem es nur darum geht, dem Sünder Schmerzen zuzufügen, bestenfalls mit dem Ziel, dass er sich dadurch bessert.

Will man aber den Verlust der Sprache mit dem Misstrauen des Zacharias in Zusammenhang bringen, dann verweigert Gott dem Priester mit dieser Maßnahme, sein Priesteramt eine Zeit lang auszuüben. Wem es selbst am Vertrauen zu Gott mangelt, der kann nicht das Volk zu diesem Vertrauen einladen. Der Verlust der Sprache ist dann nicht einfach Strafe um des Strafens willen, sondern dient dem Schutz des Volkes: Ein massiv Zweifelnder an der Wahrheit der göttlichen Verheißung soll nicht als angeblicher Zeuge dieser Wahrheit auftreten, bis der Zweifelnde wieder zum Glauben an die Wahrheit zurückgefunden hat.

Weil im Text aber weder etwas von einer Strafe steht noch etwas davon, dass Gott überhaupt tätig wird, gibt es noch eine dritte Möglichkeit. Jede Tat eines Menschen hat eine dieser Tat entsprechende Folge für das Leben des Menschen. Dies ist nach biblischem Verständnis eine der Welt von Gott eingestiftete Ordnung. Eine schlechte Tat bringt demnach schlechte Folgen mit sich.

So könnte es sein, dass es dem Zacharias die Sprache verschlägt, weil sein Unterbewusstsein genau weiß, dass er sich mit seinen Zweifeln von Gott entfernt und sein Recht als Zeuge des Handelns Gottes in der Geschichte verloren hat. Er nimmt ja die Wirklichkeit nicht mehr realistisch wahr, indem er Gottes Verheißung misstraut. Ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit aber kann nicht von Gott künden, der in dieser Wirklichkeit gegenwärtig ist und in ihr handelt. Darum versagt die Zunge des Zacharias ihren Dienst.

Zu allen Zeiten gilt, dass der Unglaube einer religiösen Autorität die Botschaft Gottes, ja das Evangelium von Jesus Christus, dessen Vorläufer Johannes sein soll, gefährdet. Denn eine religiöse Autorität sollte Vorbild des Glaubens sein. Wenn das Kommen des Vorläufers des Messias bezweifelt wird, wie sollte dann das Kommen des Messias selbst geglaubt werden?

Wie wichtig das Vorbild des mit der Verkündigung bzw. dem Kult beauftragten Personals ist, sehen wir heute daran, dass viele Menschen die Kirchen auch deswegen verlassen, weil ihr Personal sich moralisch diskreditiert und dadurch jegliches Vertrauen verloren hat.

Nach dem Vollzug des Räucheropfers war es die Aufgabe des Priesters, das außerhalb des Tempels wartende Volk zu segnen. Dazu ist der Zweifelnde nun nicht mehr in der Lage, weil er die Stimme zum Sprechen des Segens verloren hat (Vers 22). Welch eine blamable Situation, die das ganze Volk in Mitleidenschaft zieht! Der Segen bleibt dem Volk versagt, weil der mit dem Segnen Beauftragte mit Gott nicht im Reinen ist.

Das Drama einer jeden Religionsgemeinschaft, deren Hauptvertreter in ihrem Glauben getrübt sind, wird hier deutlich vor Augen gestellt.


4. Die Gnade Gottes

An Elisabeth wiederholt sich, was im Alten Testament mehrfach erzählt wird: Einem unfruchtbaren Ehepaar wird im hohen Alter, als das nicht mehr zu erwarten war, ein Kind geboren. Es sind jedes Mal Kinder, die eine entscheidende Bedeutung für die Geschichte Israels hatten. Abraham und Sara wird Isaak geboren (1Mo/Gen 17,17; 21,1f), Isaak und Rebekka wird Jakob geboren (1Mo/Gen 25,21) – beide wurden zu Stammvätern des Volkes Israel. Elkana und Hanna wird Samuel geboren, der ein großer Prophet wurde (1Sam 1,20).

Der Fortbestand des Volkes Israel liegt also nicht in der Menschen Hand. Es ist allein Gottes Gnade, dass es dieses Volk noch gibt. Man wird das auf die weltweite Kirche übertragen können: Wenn Gott nicht für den Fortbestand des Glaubens auf Erden sorgen würde, wäre er schon ausgestorben. Darum gilt auch: Weil Gott den Fortbestand des Glaubens sichert, müssen wir uns keine Sorgen darüber machen.

Elisabeth bringt das Kind zur Welt, und es soll acht Tage nach seiner Geburt beschnitten werden. Zacharias bestätigt den ihm von Gott gegebenen Namen Johannes. In diesem Moment erlangt er seine Sprache zurück (Verse 57-64). Es ist der Moment, in dem Zacharias das Zeichen für den Bund Gottes mit Israel, die Beschneidung, an seinem Sohn vollziehen lässt und dem von Gott bestimmten Namen für seinen Sohn zustimmt. Es ist der Augenblick, in dem er die Verheißungen Gottes anerkennt. Er hat zum Glauben zurück- und seine Sprache wiedergefunden.

Die Geschichte des Zacharias lehrt, dass Gott an seiner Gnade für uns festhält, auch wenn unser Glaube versagt. Unser Misstrauen ist nicht das Letzte; das Letzte ist Gottes Erbarmen. Wir müssen uns nur auf dieses Erbarmen einlassen.

So war die Zeit des Verstummens für Zacharias eine Zeit des Segens. Nach dieser Zeit, die sicher nicht leicht für ihn war, kann er wieder an die Verheißungen Gottes glauben und Gott sogar dafür loben. Sein Lobgesang, das sogenannte Benediktus, preist das angekündigte Kommen des Messias Jesus und das damit verbundene Heil für das leidgeprüfte Volk Israel (Verse 68-75) und zugleich die Rolle seines Sohnes Johannes als Vorläufer des Messias.

Und in Erwartung all dieser Ereignisse, die ja noch gar nicht geschehen, sondern erst angekündigt sind, preist Zacharias die Barmherzigkeit Gottes (Verse 76-79). Denn diese Ereignisse stehen ihm schon sichtbar vor Augen, als hätten sie sich schon ereignet und als gäbe es gar keinen Zweifel daran, dass sie sich ereignen werden.

Zacharias preist also das, was zukünftig ist und wovon man nach herkömmlicher Vorstellung gar kein Wissen haben kann. Er hat nichts als die Verheißungen Gottes, aber er vertraut ihnen. Die Gott Vertrauenden, die seinen Zusagen Vertrauenden, die die noch nicht sichtbare, aber verheißene Zukunft für Realität halten und ihr deshalb nicht mit Angst, sondern mit Lobpreis entgegengehen, sind diejenigen, die das wahre Bild der Wirklichkeit vor Augen haben. Sie sind die wahren Realisten.


5. Zweifel zu Weihnachten und zum neuen Jahr

Aber was hat Zacharias eigentlich in der Vorgeschichte von Weihnachten zu suchen? In der Weihnachtsgeschichte geht es um die Geburt des Erlösers und das Heil der Welt. Davon sind Christinnen und Christen jeder Couleur überzeugt, und sie vertreten es mit Hingabe.

Der Beginn des Lukasevangeliums aber ist eine literarische Kritik an allen Frommen, die sich selbst für glaubensstark halten. Denn solange die Zukunft uns keine großen Sorgen bereitet, ist es leicht, an den Erlöser zu glauben. Sobald wir aber aufgefordert sind, auf das Unwahrscheinliche zu hoffen, also auf das, was man nicht erwarten kann, das allen Prognosen widerspricht und das deshalb unmöglich erscheint, wird es mit dem Glauben schwierig.

Das ist die Diskrepanz zwischen der Theorie und der Praxis des Glaubens. Und der geheime Zweifel, das in uns schlummernde Misstrauen wird uns oft gar nicht bewusst, weil wir ja theoretisch alles glauben, was zum christlichen Glauben gehört. Jemand kann Theologie studieren oder täglich in der Bibel lesen oder professionell christliche Musik machen oder missionarisch unterwegs sein, aber von seinem Vertrauen zu Jesus Christus bleibt kaum noch etwas übrig, als sein Leben in eine Krise gerät.

Weihnachten aber ist keine Gedenkfeier für einen großen Menschen der Vergangenheit. Denn der Erlöser kommt auch heute noch zu uns. Das bedeutet, dass unsere Zukunft von dem geprägt ist, was der kommende Erlöser mit sich bringt.

Und was ist das? Was ist uns für die Zukunft verheißen? Wie wird sie aussehen, wie wird das nächste Jahr aussehen?

Ehrlich gesagt: Wir wissen es nicht. Niemand weiß es. Alle Prognosen sind hilflose Versuche, den dichten Nebel zu durchdringen. Jede Wirtschaftsprognose von Wissenschaftlern überlebt höchstens ein paar Monate und muss dann korrigiert werden. Daran sehen wir, wie sehr wir trotz all unseres Wissens im Dunkeln tappen.

Wir haben auch keine Verheißungen Gottes darüber, wie das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben sich weiterentwickeln wird. Es gibt kein Wort Gottes darüber, ob und wie der Ukrainekrieg beendet werden wird. Wir haben keine Verheißungen, die uns sagen, wie groß die Zerstörungen durch den Klimawandel sein werden und ob wir sie werden bewältigen können. Ich habe keine Verheißung Gottes, die mir verrät, wie sich meine Gesundheit im nächsten Jahr entwickeln wird und ob ich das nächste Weihnachtsfest überhaupt noch erleben werde.

Solch konkrete Verheißungen Gottes gibt es offensichtlich in unserer Zeit nicht. Es gibt aber allgemeinere Verheißungen.


6. Gottes Verheißungen für eine unsichere Welt

Die wichtigste biblische Verheißung ist mir geworden: Gottes Liebe zu seiner Welt und zu seinen Geschöpfen wird kein Ende nehmen. Nichts, wirklich nichts kann die, die sich Gottes Liebe gefallen lassen, von dieser Liebe trennen. Das hat Paulus mit eindrücklichen Worten festgehalten (Röm 8,35-39):

Wer wird uns trennen von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Entbehrung oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: "Deinetwegen werden wir den ganzen Tag getötet. Wir wurden bewertet wie Schlachtschafe." Aber in all diesen Dingen erreichen wir den glänzendsten Sieg durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin überzeugt, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Höhe noch Tiefe noch irgendein anderes Geschöpf uns wird trennen können von der Liebe Gottes, der [Liebe] in Christus Jesus, unserem Herrn.

Was immer auch kommt – die Liebe Gottes bleibt denen, die auf sie vertrauen, erhalten. Das ist die Verheißung, die uns gegeben ist. Von dieser Liebe kann uns kein Krieg, kein Klimawandel und kein Tod trennen. Nicht einmal ein Engel, an dessen Wort wir zweifeln, kann uns von ihr trennen. Keine Macht im Himmel und auf Erden kann diese Liebe auslöschen. Auch wir selbst können sie nicht auslöschen. Denn Gott hält an seiner Liebe und den damit verbundenen Verheißungen fest.

Wir sollten deshalb nicht mit unseren Zweifeln kokettieren. Das gibt es tatsächlich: Menschen, die von ihren Zweifeln eigentlich nicht lassen wollen, weil sie meinen, sich dadurch als kritisch denkender Mensch auszuzeichnen. Wenn man ein kritisch denkender Mensch ist, gehört man zu den Intellektuellen. Als ein solcher lässt man sich nichts vormachen, sondern setzt hinter alles ein kritisches Fragezeichen. Darum gehört der Zweifel zum Leben, und man will von ihm nicht lassen.

Gegen kritisches Denken ist nichts einzuwenden. Man darf es nur nicht überschätzen. Auch das kritische Denken muss kritisch bedacht werden. Wenn man das tut, kommt man vielleicht auf die Idee, dass es Dinge im Leben gibt, die unser kritisches Denken nicht beurteilen kann und die man nur durch Vertrauen erfassen kann.

Sollte also Weihnachten wirklich der Erlöser geboren sein? Oder ist das alles nur eine schöne religiöse Geschichte? Sollte Gott wirklich gesagt haben: "Euch ist heute der Heiland geboren" (1Mo/Gen 3,1; Lk 2,11)? Der Zweifel daran ist erlaubt, aber er muss nicht das letzte Wort haben.

Die Geschichte vom Zweifler Zacharias zeigt, dass Zweifel überwunden werden können und Zweifelnde zu einem starken Glauben finden können. Vielleicht passiert das durch eine Zeit des Verstummens und Nachdenkens hindurch.

Die Feiertage geben uns die Gelegenheit, einmal still zu werden und nachzudenken. Darum müssen Zweifelnde nicht verzweifeln. Sie können in der Stille zu Gott finden, der ihnen – vielleicht ganz unerwartet – zu einer Kraft des Glaubens verhilft, die sie für völlig unmöglich gehalten haben.


* * * * *


Verwendete Literatur:
  • Stuttgarter Erklärungsbibel. Mit Einführungen und Erklärungen. Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart. 2. Aufl. Stuttgart 1992.
  • Wiefel, Wolfgang: Das Evangelium nach Lukas. Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament, Band III. Evangelische Verlagsanstalt GmbH Berlin. Berlin 1988.

Foto: Nadin Schukina auf Pixabay.




10 Kommentare
Johanne
2024-12-25 18:56:56
25.12.24, 18:56 Uhr
Lieber Klaus,
dein Beschreibung des Zacharias inklusiv deiner Rückschlüsse klingen, wie real erlebt. ABER GOTT STRAFT NIE, solange wie wir leben, denn wer ihm vertraut, den leitet er! Führung durch Gott ist i.d.R. unbequem – vgl. Dietrich Bonhoeffer, Jeremia, u.a.

Gott gibt Schutz, nur leider anders als wir glauben.

Aus deinem Problem mit der Wahrheit der göttlichen Verheißung spricht ein Buchstabenglaube. Christus will das Herz! Denk an Hiob, er vertraute und fand den lebendigen Gott, Hi 42,5.

Deine Ausführungen assoziieren Bildads Reden, Hi 4-25.

Du unterstrichst deine Rede mit Argumenten, deren Widerlegung mir hier zu aufwendig ist. Wenn ich mal viel Geduld aufbringe, nenne ich sie dir. Der alles entscheidende Faktor ist das Herz. Ein Herz, dass Fragen stellt, darauf reagiert Christus!

Gott benötigt Menschen, die sich von ihm verwenden lassen. Klug sein wollen reicht nicht!

Du gibst deinem Kontrahenten Zuspruch mit deiner Zusage über Erbarmung Gottes. ich glaube ich kenne den, den Du ansprichst. Er bleibt dabei seinen Widerspruch. Er hält sich herausreden für sinnvoll.

Unsachlich ist u.a. dein Schlussfazit zum Zweifel.

Den Zweifel bewegen ihn HINTERFRAGEN verändert infolge neuer Positionen. Hier einige Personen die Klug sein wollten: Michel Foucault, Blaise Pascal, Erasmus von Rotterdam, Augustinus, u.a.

Grüße Johanne, 25.12.24 18:56 Uhr
2024-12-25 20:56:38
Liebe Johanne,

du hast mich nicht richtig verstanden:

- Ich habe nicht geschrieben, dass Gott straft.
- Ich habe kein Problem mit der Wahrheit der göttlichen Verheißung.
- Ich habe nie bestritten, dass Christus unser Herz will.
- Ich habe nie bestritten, dass Christus Menschen möchte, die sich von ihm "verwenden lassen".
- Ich habe keinen "Kontrahenten" im Blick gehabt.

Das alles bestätigt mich darin, dass wir einander leider so wenig verstehen, dass ein Dialog unmöglich wird. Ich gebe dir nicht die Schuld daran. Es ist ein Verstehensproblem zwischen uns beiden.

Viele Grüße
Klaus
2024-12-26 09:58:32
Hallo Klaus,

bei zwei Sätzen in deinem Beitrag habe ich besonders eingehakt.

"Ein massiv Zweifelnder an der Wahrheit der göttlichen Verheißung soll nicht als angeblicher Zeuge dieser Wahrheit auftreten, bis der Zweifelnde wieder zum Glauben an die Wahrheit zurückgefunden hat."

Dann habe ich es wohl intuitiv richtig gemacht, als ich es abgelehnt habe, Presbyter in meiner Gemeinde zu werden. Ich habe dem Pastor erklärt, dass ich zu vieles von dem, was biblisch berichtet und von der Kirche als wahr erklärt wird, nicht glaube, als dass ich es in einer Funktion in der Gemeinde glaubwürdig vertreten könnte. Wenn man z. B. schon Pastor ist und mit seiner beruflichen Existenz daran hängt, hat man diese Chance natürlich nicht oder kaum. Jedenfalls ist es der leichtere Weg, Glauben in bestimmten kritischen Bereichen zu behaupten, selbst wenn man ihn nicht hat.

"Wie wichtig das Vorbild des mit der Verkündigung bzw. dem Kult beauftragten Personals ist, sehen wir heute daran, dass viele Menschen die Kirchen auch deswegen verlassen, weil ihr Personal sich moralisch diskreditiert und dadurch jegliches Vertrauen verloren hat."

Du lässt mit deinem "auch" ja verschiendene Möglichkeiten zu. Klar, die konkreten moralischen Verfehlungen oder auch strafrechtlich relevanten Handlungen wie Kindesmissbrauch spielen eine große Rolle. Mindestens so wichtig ist meiner Meinung nach aber der Eindruck "Das glauben die doch selber nicht!", den viele Menschen haben, wenn sie Pastoren predigen hören. Das Bildungsniveau der Gemeindemitglieder ist in den letzten 100 Jahren gestiegen, wir leben in einer technisierten Welt und einer demokratischen Gesellschaft; das hat Einfluss auf das, was man Leute erzählen kann, z. B. im Hinblick auf Wunder.

Viele Grüße

Thomas
Johanne
2024-12-26 16:39:15
Lieber Klaus, lang und breit berichtest Du von der Strafe des Zacharias.
Lukas, eine Autorin, zeichnet ihn etwas anders! Wenn Du nachdenkst findest Du ihre Gedanken?
Die Verheißung Gottes gilt dem, der nach ihm fragt. Wer sich mit dem Blick anderer nicht auseinandersetzt verweigert das BEWEGEN der Worte im Herzen.
Klaus, dein Herz ist besetzt, leider von Wut – siehe deine Antworten auf meine Kommentare, Du bist unfähig meine Kommentare argumentativ zu beantworten. Verweigern und Wut ist keine Antwort.
Klaus, sich von Christus verwenden lassen bedeutet auch, sich mit den Argumenten der Menschen auseinander zu setzen!
Dein Kontrahent wird klar sichtbar, ich kenne ihn ein bisschen länger als Du.
Bitte denk darüber nach UND versuch ARGUMENTIEREN statt Abkanzeln.
Grüße Johanne, 26.12.24 16:39 Uhr
Johanne
2024-12-26 19:01:26
Im Dialog heißt es Dinge anzuhören und darauf zu antworten.
Johanne, 26.12.24 19:01
2024-12-26 21:48:01
Hallo Thomas,

ich finde es sehr respektabel und verantwortlich, dass du das Presbyteramt aus den von dir genannten Gründen abgelehnt hast. Das zeugt davon, dass du die Aufgabe eines Presbyters ernst genommen hast und dass es dir nicht darum ging, eine Machtposition einzunehmen, die man als Presbyter zweifellos hat.

Tatsächlich kann es für einen Pfarrer oder eine Pfarrerin im Amt ein Problem sein, wenn sie Glaubenszweifel bekommen. Es gibt aber genügend aus der Theologie bekannte Möglichkeiten, das Bezweifelte umzudeuten. Das gilt z.B. auch für Wunder Jesu oder für seine Auferstehung.

Du hast in deinem zweiten Zitat das von mir gesetzte "auch" vollkommen richtig verstanden. Ich denke nicht, dass moralische Verfehlungen des Pfarrpersonals der Hauptgrund für die zunehmende Kirchenferne ist. Welche Gründe dafür hauptsächlich in Betracht kommen, darüber kann ich nur Mutmaßungen anstellen: Rationalismus und Technisierung spielen dabei sicher eine wichtige Rolle, ebenso die "Entzauberung der Welt" durch die Naturwissenschaften, die für einen handelnden Gott keinen Raum mehr zu lassen scheint. Wahrscheinlich spielt aber auch eine große Rolle, dass der Glaube in früheren Jahrhunderten nicht unbedingt größer war als heute, wohl aber die Gebundenheit an die institutionelle Kirche. Christlicher Glaube ist aber keine Bindung an eine Institution und auch keine fromme Gewohnheit oder die Wiederholung frommer Floskeln, sondern ein Herzensakt. Und ob dieser in früheren Jahrhunderten tatsächlich häufiger war als heute, kann man - gerade auch mit Blick auf die damaligen Verfehlungen des Kirchenpersonals - mit Fug und Recht bezweifeln.

Viele Grüße
Klaus
2024-12-27 12:58:10
Lieber Klaus

ich habe es genossen, deine Gedankengänge wie Bilder und Perspektiven in einer Galerie zu betrachten.
Ein Gedanke kam mir, auch wenn ich nicht zu Ende gelesen habe. Kann es nicht sein, dass Gabriel, eigenmächtig eine Entscheidung getroffen hat?! Schließlich haben Engel auch einen freien Willen. Ein Engel bzw. Bote ist nicht Gott. Nicht jede Entscheidung von denen ist optimal, gut bzw. schlecht, da sie wie die Menschen auch nur über begrenzte Informationen und Möglichkeiten haben, auch wenn die Engel uns überlegen sind. Nur so ein Gedanke.
2024-12-27 14:20:22
Lieber Pneuma,

danke für deine Rückmeldung. Ich verstehe die Engel etwas anders: Sie gehören offensichtlich zur "himmlischen Welt" oder zum "Hofstaat Gottes", wie man früher sagte. Wir würden vielleicht eher sagen: Sie gehören zur engsten Umgebung oder den Dienern Gottes.

Gabriel sagt in Lk 1,19 von sich selbst: "Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und bin gesandt, mit dir zu reden und dir dies zu verkündigen." Daraus kann man schließen, dass Gabriel als Bote Gottes eine Nachricht von Gott überbringt, wie es seine Aufgabe ist. Natürlich ist Gabriel nicht Gott, aber immerhin einer der wichtigsten Boten Gottes. Er gehört bei Lukas unbedingt in die Weihnachtsgeschichte, weil er der Maria dann auch die Geburt Jesu ankündigt (Lk 1,26-32). In der Bibel ist Gabriel frei von aller Eigenmächtigkeit.
Johanne
2024-12-28 18:15:26
28.12.24 18:14 und 26.12.24 16:39 Uhr
Lieber Klaus, lang und breit berichtest Du von der Strafe des Zacharias.
Lukas, eine Autorin, zeichnet ihn etwas anders! Wenn Du nachdenkst findest Du ihre Gedanken?
Die Verheißung Gottes gilt dem, der nach ihm fragt. Wer sich mit dem Blick anderer nicht auseinandersetzt verweigert das BEWEGEN der Worte im Herzen.
Klaus, dein Herz ist besetzt, leider von Wut – siehe deine Antworten auf meine Kommentare, Du bist unfähig meine Kommentare argumentativ zu beantworten. Verweigern und Wut ist keine Antwort.
Klaus, sich von Christus verwenden lassen bedeutet auch, sich mit den Argumenten der Menschen auseinander zu setzen!
Dein Kontrahent wird klar sichtbar, ich kenne ihn ein bisschen länger als Du.
Bitte denk darüber nach UND versuch ARGUMENTIEREN statt Abkanzeln.
Grüße Johanne, 26.12.24 16:38 Uhr KOPIE AM 28.12.24 18:14 Uhr
Und: Ein Dialog verlangt zwingend Dinge anzuhören, auf sie zu antworten. Klaus, Gesprächsverweigerung ist keine christliche Haltung!
Denk bitte darüber nach!
28.12.24 18:14
Johanne
2024-12-28 18:27:42
Glaube hat keine Größendimension! Glaube ist da oder nicht da, vgl. Abram, Jakob und sein Sohn, auch die Frauen die ein Evangelium schrieben – Markus und Lukas waren Frauen (!). Das Kind hüpft in Leib Elisabeths, an einen solchen Satz kann nur eine Frau denken, auch die Worte des Simeons und viele andere Perikopen. Die Begriffsstutzigkeit der Jünger, schildert eine Frau, die so ihre Brüder erlebte. Markus nennt Frauen am Ostersonntag.
Gruß Johanne 28.12.24 18:27
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