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Der Missbrauch des Schweigens

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie aktuell · 10 Juni 2020
Tags: GeboteKindesmissbrauchEthikMenschenwürde

T h e o l o g i e   a k t u e l l
Der Missbrauch des Schweigens
Klaus Straßburg | 10.06.2020

Gestern gab es ein aufrüttelndes Gespräch bei Markus Lanz im ZDF. Sebastian Fiedler, der Bundesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, sprach über sexuellen Kindesmissbrauch und über Kindesmisshandlungen. Beides geschieht täglich mitten unter uns. Ich fasse hier zusammen, was Sebastian Fiedler sagte.

Kindesmisshandlung bedeutet zum Beispiel: Kinder, auf deren Fußsohlen Zigarettenkippen ausgedrückt werden; Kinder, die tagelang angekettet werden; Kinder, die nicht genug zu trinken bekommen und deshalb dehydriert sind. Im Jahr 2019 gab es in Deutschland über 100 tote Kinder aufgrund von Misshandlungen.

Es gibt seit vielen Jahren konkrete Vorschläge, wie dem entgegengewirkt werden kann, ohne dass diese Vorschläge von politischer Seite aufgegriffen wurden. Zum Beispiel müsste die Möglichkeit gegeben werden, dass Kinderärzte Daten der von ihnen behandelten Kindern bei Verdachtsfällen austauschen dürfen, und zwar ohne Genehmigung der Erziehungsberechtigten. Denn diese sind meist die Misshandelnden und wandern mit ihren Kindern von einem Kinderarzt zum anderen, um nicht entdeckt zu werden (doctor hopping).

Das Thema sexueller Missbrauch ist jüngst durch die Entdeckung in Münster in die Schlagzeilen geraten. Es wurden 500 Terabyte (= 500.000 GB) an Daten sichergestellt: Bilder vom Missbrauch. Der jetzt beschuldigte Mann war schon zweimal zuvor wegen entsprechender Delikte verurteilt – auf Bewährung.

Sexuellen Missbrauch gibt es an Kindern jeden Alters, auch an Säuglingen. Im Jahr 2019 wurden in Deutschland 16.000 Fälle von sexuellem Missbrauch polizeilich registriert, das sind 43 pro Tag. Die Dunkelziffer liegt erheblich höher. Man muss von weit über 100 Fällen pro Tag ausgehen. Das sind abertausende gebrochene Kinderseelen, schwer traumatisierte Kinder. Ein Missbrauch kann Stunden andauern.

Die Bilder und Videos werden über das Darknet verkauft. Das Darknet ist eine Art anonymes Untergrund-Internet. Es wird daran gearbeitet, die Täter zu enttarnen, aber es wird zu wenig getan. Es werden zum Beispiel virtuelle Missbrauchsdarstellungen produziert, also künstlich hergestellte Videos, die keine echten Kinder zeigen, aber von echten Missbrauchsvideos nicht zu unterscheiden sind. Diese Videos werden als Köder ausgelegt, um an die Täter zu gelangen. Zugleich fehlt es aber an Fortbildungen in dem Bereich für alle, die mit Kindern zu tun haben. Fiedler forderte in jedem Bundesland eine zentrale Stelle für Kinderschutz, an die sich jeder wenden kann, der einen Verdacht hat.

Der Kriminalbeamte beschrieb in wenigen Worten die grausame Praxis: „Es geht um penetrierte kleine Kinder, es werden Gegenstände in sie eingeführt, sie werden sediert vorher [ruhiggestellt, betäubt], sie werden gehandelt, die fahren auf Parkplätze, um von anderen Männern missbraucht zu werden. [...] Man muss das mal so offen aussprechen, damit wir wirklich die Schmerzen in der Gesellschaft erzeugen, um zum Besseren etwas zu verändern. [...] Es muss wehtun", damit es sich einprägt.

Was sagt uns das, dass ein Mensch, der offenbar in diesem Bereich schon auffällig geworden ist, zweimal nur zur Bewährung verurteilt wurde und seine Taten fortsetzen konnte? Wir nehmen es offenbar mit den Schwachen, ja den Schwächsten in unserer Gesellschaft so ernst nicht, wie wir uns einbilden. Dabei geht es doch um unseren Nachwuchs.

Fiedlers Appell: Das muss in die politische Daueragenda, das muss ein Top-Thema werden und bleiben, bis wirksame Maßnahmen ergriffen sind, um die Täter polizeilich verfolgen zu können. Wir dürfen davor nicht die Augen verschließen und nach ein bisschen Empörung schnell alles wieder vergessen.

„Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn", sagt Psalm 127,3a. Das „Siehe" will Aufmerksamkeit erregen. Schenken wir den Kindern unter uns (nicht nur den eigenen!) genug Aufmerksamkeit?

Ich frage mich, warum solche Verbrechen nicht schon lange auf der politischen Daueragenda stehen. Das Töten ungeborener Kinder und Hilfen für ihre Mütter, die in eine echte Notlage geraten sind, gehören auch dazu.

Aber was kann der Einzelne tun? Aufmerksam sein. Sich bewusst machen, dass es mitten unter uns geschieht. Es könnte der Nachbar sein. Es könnte auch in der eigenen Großfamilie geschehen. Wir können die politischen Parteien auch daraufhin abklopfen, ob sie das Problem ernst nehmen oder nicht.

Was können die Kirchen tun? Ich frage mich manchmal, warum man so wenig von ihnen hört. Müssten sie vehementer Partei ergreifen? Oder halten sie sich zurück, weil es Kindesmissbrauch auch in ihren eigenen Reihen gab (und gibt)? Aber müssten sie nicht gerade deshalb das Thema in die Öffentlichkeit bringen? Andererseits: Können sie überhaupt etwas ausrichten, außer immer mal wieder die politisch Verantwortlichen freundlich zu mahnen?

Warum organisieren die Kirchen keine Großdemo dafür, dass politisch endlich etwas geschieht?

Das dritte Gebot (nach lutherischer Zählung das zweite) verbietet den Missbrauch des Namens Gottes. Wir sollen Gottes Namen nicht für eigene Interessen missbrauchen. Ein Beispiel aus jüngster Zeit ist das Foto, auf dem Donald Trump demonstrativ die Bibel präsentiert, um daraus Kapital zu schlagen. Missbrauch des Namens Gottes ist es also, wenn wir Gott für Dinge, die nur uns selbst wichtig sind, benutzen. Doch ich denke: Es ist auch ein Missbrauch seines Namens, wenn Christ*innen Gott bei Dingen, die ihm wichtig sind, verschweigen. Auch das Schweigen kann Missbrauch seines Namens sein.

Ich bin nicht sicher, ob diese Verbrechen an Kindern nicht auch bei mir nach der anfänglichen Empörung schnell wieder in den Hintergrund treten werden. Vielleicht schreibe ich diesen Artikel auch, damit sich mir selbst das Problem einprägt.

Es scheint so weit weg zu sein, dass es mir auf Dauer gar nicht präsent ist. Es ist aber nicht weit weg. Es geschieht unter uns.

Wir dürfen es nicht verdrängen, auch nicht, wenn es wehtut, daran zu denken. Gott steht an der Seite der Schwachen. Er ist selbst schwach geworden am Kreuz. Wenn wir nicht an der Seite der Schwachen stehen und für sie kämpfen – dürfen wir uns dann so einfach unter das Kreuz stellen, zu dem schwachen Jesus? Oder stellen wir uns nur um unserer eigenen Sünden willen unter das Kreuz? Gerade das könnte eine schlimme Sünde sein.

Du findest die Sendung von Markus Lanz hier (Sendung vom 9. Juni 2020). Das Thema wurde gleich am Anfang der Sendung verhandelt für ca. 20 Minuten. 20 Minuten, die sich lohnen.






2 Kommentare
Ursel Decker
2020-06-11 23:54:15
Lieber Klaus,

ich habe mir die Sendung mit Markus Lanz angehört und finde sie sehr empfehlenswert. Das Entsetzen ist groß! Du stellst die Frage: Was können die Kirchen tun? Können sie überhaupt etwas ausrichten, außer immer mal wieder die politisch Verantwortlichen freundlich zu ermahnen? Ich habe die Ahnung: Immer weniger!

Warum: Weil ihr Einfluss, auch bei ihren Mitgliedern, schwindet. Bei den Mitgliedern findet man immer weniger GLÄUBIGE und eine starke Überalterung. Dadurch verringert sich das Potential zur Ausbildung einer intellektuellen Elite. Das ist seit der frühen Neuzeit zu beobachten. Spätestens seit der Renaissance wuchs die Bedeutung des aufstrebenden Bürgertums. Daher schlossen sich viele Reichsstädte der Reformation an. Trotzdem wurde es für Geisteswissenschaftler schwierig, wenn es um ein neues Weltbild ging, falls dies biblische Aussagen in Frage stellte. Auch gehörten die Amtskirchen nicht zu den Förderern von Demokratie, Arbeiter- und Frauenbewegung. Da aber das Bedürfnis nach Sinn offenbar zum Menschen gehört, frage ich mich: Die Ökonomie, der Markt, können dies Bedürfnis nicht erfüllen. Sie zerstören das biologische System unseres Planeten, zu dem auch der Mensch gehört. Wie müssen wir umdenken, das Christentum, reformieren, damit es nicht immer bedeutungsloser wird?

Im " Credo" ist von der Lehre des Jesus von Nazareth nirgends die Rede. Nur diese kann überzeugen, nicht die Dogmen. Es gab immer gebildete Christen, welche durch Handeln und Reden überzeugten. Nur solche Menschen machen die Kirchen glaubhaft und üben Einfluss aus.

Viele Grüße
Ursel








2020-06-12 11:35:23
Liebe Ursel,

vielen Dank für deinen wichtigen Kommentar. Ich stimme dir voll zu darin, dass die Ökonomie das menschliche Bedürfnis nach Sinn nicht befriedigen kann. Du fragst, was wir tun können, damit das Christentum nicht weiter an Bedeutung verliert. Meine Antwort wäre: Das Evangelium von der unzerstörbaren Liebe Gottes muss immer wieder und deutlicher unter die Leute gebracht werden. Wenn ein Mensch sich von Gott durch sein Leben getragen weiß, wenn er gewiss ist, dass für ihn gesorgt ist, und zwar über den Tod hinaus, wenn er durchs Leben geht in dem Bewusstsein, dass Gott ihm alles geben wird, was er braucht, und wenn er eben deshalb auch von seiner Gier nach immer mehr (koste es, was es wolle) befreit ist, dann wird auch sein Leben anders aussehen – nicht gelebt in Konkurrenz zum Mitmenschen, nicht als Zerstörer der Schöpfung und nicht in einem Leben auf Kosten der Mitkreatur. Ethische Appelle ALLEIN nützen m.E. nichts, aber das Vertrauen zum eigenen Geborgensein in der Liebe Gottes führt dazu, dass ein Mensch anders lebt.

Natürlich sollte das Schwinden des kirchlichen Einflusses kein Grund sein, zu wichtigen gesellschaftlichen und menschenrechtlichen Fragen nicht mehr Stellung zu nehmen. Die Kirchen tun das ja auch immer wieder, aber mit einer kurzen oder einmaligen Stellungnahme, die morgen schon vergessen ist, sollte es nicht getan sein. Man muss dran bleiben, wie z.B. Markus Lanz das in seiner Sendung tun will. Man muss den Regierenden mal richtig auf die Füße treten. Das tun die Kirchen nicht, vielleicht, weil sie es sich mit dem Staat nicht verderben wollen, der für sie die Steuern eintreibt und außerdem immer noch jährlich hohe Summen an "Staatsleistungen" an die Kirchen zahlt. Eine davon befreite Kirche könnte ja vielleicht deutlicher werden und mehr Druck ausüben. Wenn das wirklich der Grund für die Zurückhaltung ist, liegt es also wieder mal am Geld. "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." Das gilt für jede/n Einzelnen und für die kirchlichen Institutionen. Leider hört man von den Freikirchen, die finanziell nicht vom Staat abhängig sind, auch nichts – eher noch weniger – in dieser Richtung. Die konzentrieren sich oft – nicht immer – mehr auf das ewige Seelenheil als auf das zeitliche Wohlergehen. Es gibt also viele Irrwege.

Viele Grüße
Klaus
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