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Der Mammon stellt keine Fragen

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Der Mammon stellt keine Fragen
Klaus-Dieter Straßburg | 10/03/2020

Grauenhafte Bilder von den wunderschönen Urlaubsinseln Lesbos, Chios, Samos und Kos. Flüchtlinge leben dort – nicht wie im Urlaub, sondern wie in Slums. Griechenland wurde mit ihnen allein gelassen. Erst jetzt, wo die Türkei die Grenzen geöffnet hat, besinnt sich Europa auf die unmenschlichen Zustände in den Flüchtlingslagern. Warum nicht schon früher?

Die finanziellen Mittel, die Europa zur Verfügung stehen, flossen offenbar nicht in die Flüchtlingslager. Sicher beseitigt Geld allein nicht die Flüchtlingsnot – aber es lindert sie zumindest.

Dabei wird doch seit Jahren davon geredet, dass die Zustände in den von Not betroffenen Ländern Afrikas so weit verbessert werden sollen, dass Migration für die Menschen dort kein Thema mehr ist. Warum wurde dann nicht einmal das EU-Land Griechenland unterstützt?

Europa betont so gern seine christlichen Werte. Doch wo sind sie?

Mir scheint, als werde in Europa ein unchristlicher Gott verehrt, der nie beim Namen genannt wird. Gerade das macht ihn so gefährlich – er hat es geschafft, sich perfekt zu verbergen. Er tritt nicht als Gott auf, sondern als Notwendigkeit des ganz normalen Alltagslebens. Dieser Gott hat sich klein gemacht, um nicht aufzufallen.

Jesu Satz „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon" (Mt 6,24; Lk 16,13) ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Und wir setzen dabei selbstverständlich voraus, dass wir selber dem Abgott Mammon nicht dienen.

Ich habe da meine Zweifel. Nicht nur wegen der griechischen Flüchtlingslager. Ich wundere mich immer noch, dass jeden Tag in Radio und Fernsehen ausführliche Börsenberichte abgegeben werden. Und ich frage mich: Wen interessiert das eigentlich? Und wem dient das? Sicher den Kleinanlegern, die in Aktien investiert haben und damit Gewinne erwirtschaften möchten. Aber interessiert die Anleger auch, was die Firmen, in die sie investiert haben, mit ihrem Geld machen? Was produzieren sie eigentlich? Und unter welchen Bedingungen wird produziert? Wem dienen sie mit dem Geld, das man ihnen zur Verfügung stellt?

Von Aktienkursen ist jetzt auch im Zusammenhang mit dem Corona-Virus oft die Rede. Bei den dramatischen Berichten von der Börse habe ich das Gefühl, die in den Keller rauschenden Aktienkurse seien wichtiger als die von der Epidemie bedrohten Menschenleben.

Apropos Corona-Virus: Es wird nun deutlich, wie abhängig sich die europäische Pharmaindustrie von Produkten aus China und Indien gemacht hat. Unsere Medikamente werden dort hergestellt, wo es am billigsten ist. Das steigert die Gewinne.

Wir profitieren alle davon. Die Schnäppchenjagd ist ja auch so etwas wie ein Volkssport geworden. Es kommt mir vor wie eine entfesselte Mammonjagd: Geiz ist geil, das Billigste ist das Begehrenswerte, ohne Rücksicht auf die Hungerlöhne und die Produktionsbedingungen für die Arbeiter*innen sowie die Nachhaltigkeit und Herkunft des Produkts. Hauptsache billig.

Da wir nicht Gott und dem Mammon zugleich dienen können, gilt wohl: Wenn wir Gott nicht mehr dienen, dann dienen wir zwangsläufig dem Mammon. Oder umgekehrt: Wer dem Mammon dient, kann nicht Gott dienen.

Ich weiß, dass viele Menschen gar keine Wahl haben, das teurere Produkt zu kaufen. Sie haben selber nicht genug, um sich zu entscheiden. Sie sind gezwungen, die Produzenten in den armen Ländern auszubeuten, weil sie selber ausgebeutet werden.

Das zeigen auch die Vielen, die in Mülleimern nach Pfandflaschen suchen. Mir scheint, sie werden immer mehr und immer jünger. Und das in einem „reichen" Land.

Aber worin sind wir eigentlich reich? Im Bruttoinlandsprodukt vielleicht und im Export unserer Produkte. Aber das sagt noch gar nichts über den materiellen Reichtum der Einzelnen und noch weniger über den inneren Reichtum. Der besteht nach dem Neuen Testament darin, die Gnade Gottes zu erfahren (1Kor 1,5) und dadurch selber Gnade walten zu lassen, indem man den Ärmeren gibt, was sie bedürfen (2Kor 8,1f; 9,8-11).

Unter diesem Aspekt sind wir wohl eher ein armes Land. Jeder ist gefragt, ob er in Gottes Augen arm oder reich ist. Ja, wir müssen uns Fragen stellen lassen. Der Abgott stellt keine Fragen; er verbirgt sich hinter dem Selbstverständlichen und lebt selbstgenügsam sich selbst. Gott aber fragt uns. Und zwar gerade dann, wenn uns etwas selbstverständlich geworden ist. Denn die Trägheit der Sünde besteht darin, fraglos zur Tagesordnung überzugehen. Um dem entgegenzuwirken, fragt uns Gott. Von Beginn an. Er fragt Adam (hebr. adam = Mensch): „Wo bist du?" (Gen 3,9) Und er fragt Kain: „Wo ist dein Bruder Abel?" (Gen 4,9). Er fragt einen Reichen: „Wem wird [nach deinem Tod] gehören, was du angesammelt hast?" (Lk 12,20).

Lassen wir uns also fragen.

Wo ist dein Geld? Bei welcher Bank hast du es angelegt? Was macht die Bank damit? Wo legt sie es an? In welche Anlagen hast du investiert? Suchst du sie nach ethischen Gesichtspunkten aus? Oder geht es dir nur um möglichst hohe Zinsen? Hast du dich informiert über Banken (auch kirchliche) mit Nachhaltigkeitsfilter und Genossenschaften, die Kleinkredite in den armen Ländern dieser Welt vergeben? Aus welchen Gründen hast du dein Geld nicht bei ihnen angelegt?

Wo ist dein armer Bruder, deine arme Schwester? Hast du sie im Blick? Dient dein Geld den Armen und den Flüchtlingen? Oder dient es nur dir selbst und deiner Gruppe, deiner Gemeinde? Solltest du über die Gemeinde hinaus die bedenken, die ärmer sind als deine Geschwister im Glauben?

Wo kaufst du? Informierst du dich darüber, unter welchen Bedingungen die Produkte hergestellt wurden? Bist du bereit, mehr für nachhaltige und sozialverträgliche Produktion auszugeben (wenn du zu den Glücklichen gehörst, die es sich leisten können)?

Wem dienen unsere wirtschaftliche und politische Ordnung? Wem dient der Neoliberalismus? Wie kannst du dem Satz des Grundgesetzes „Eigentum verpflichtet" mehr Gewicht in der Realität verschaffen? Klammerst du solche Fragen aus deinen Überlegungen aus? Gibt es Dinge, die dir sozusagen heilig sind, so dass du sie niemals wirklich hinterfragen würdest?

Sieh es einmal so: Gott hat dir Verantwortung übertragen. Welche Gnade! Du darfst an Gottes Weltregiment mitwirken, an seinem Reich mitbauen! Du darfst und sollst dich fragen lassen und selbst Fragen stellen, damit keines der Geschöpfe Gottes Not leiden muss.

Dabei ist nichts unhinterfragbar, alternativlos. Jesus stellte den damals selbstverständlichen materiellen Betrieb im Tempel in Frage (so berichten es alle vier Evangelisten: Mk 11,15-17; Mt 21,12f; Lk 19,45f; Joh 2,14-16).

Auch das, was nach unserer Rechtsordnung völlig legal ist, muss in Gottes Augen nicht in Ordnung sein. Darum haben die Propheten die sozialen Zustände in Israel vehement angeprangert (Jes 5,8; Jer 5,26-28; Am 2,6-8; Mi 2,1f; 6,9-12).

Unter Christen gibt es die biblische Regel, den zehnten Teil der Einnahmen abzugeben (Dtn/5Mo 14,22-26). Damit kann man es sich bequem einrichten. Ich frage mich aber, ob wir diese Regel einfach so in unsere Gegenwart übertragen können. Denn wir leben im Überfluss, während unzählige Menschen in absoluter Armut leben – auch auf den griechischen Inseln. Eine materielle „Gleichheit" (!! - siehe 2Kor 8,14) wird mit den 10 Prozent jedenfalls nicht geschaffen. Reichen also heute noch 10 Prozent für die Armen aus? 10 Prozent für die Armen heißt ja immerhin 90 Prozent für mich. Schon der Prophet Amos hat an dieser religiösen Regel ätzende Kritik geübt (Am 4,1-5).

„Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." Damit ist gesagt: Der Mammon ist eine Macht, die in Konkurrenz zu Gott steht. Und die entscheidende Frage ist: Welcher Macht dienen wir?

Gott zu dienen beginnt damit, Fragen zu stellen. Gerade auch ungewohnte, vielleicht sogar politisch unkorrekte. Ich möchte niemanden anklagen, aber ich möchte die Fragen Gottes ernst nehmen. Ich stelle sie auch an mich selbst.

Habe also Mut und stell dich den Fragen Gottes. Denn nur die Götzen stellen keine Fragen.


* * * * *

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2 Kommentare
2020-04-29 15:33:50
Hallo Klaus,

Geld ist für mich nicht in erster Linie ein Dämon namens Mammon, es ist auch nichts, das einfach so da ist und bei dem es vor allem darum geht, dass die moralisch Guten es den Reichen abnehmen und an die Armen verteilen können. Es ist auch nicht in erster Linie ein Machtinstrument. Alle diese Aspekte und noch ein paar mehr spielen eine Rolle, aber in erster Linie ist Geld für mich ein Mittel, das den Austausch von Waren und Dienstleistungen erleichtert.

Auf der einen Seite werden Waren und Dienstleistungen produziert, auf der anderen Seite werden sie konsumiert oder in Anspruch genommen. In einfachen Zusammenhängen, z. B. autarkem Leben irgendwo auf dem Land braucht man da kein Geld, aber sobald es um komplexere Gesellschaften geht, ist Geld ein sinnvolles Mittel, Arbeit, Kapital, Waren- und Dienstleistungen auszutauschen, die Werte vergleichbar zu machen und einfach räumlich und zeitlich transferieren zu können. Auch staatliche Aufgaben und Transferleistungen können damit gut abgebildet und umgesetzt werden.

Wichtig ist, dass die Gesamtmenge der im System befindlichen Sachwerte und Gesamtmenge des im Umlauf befindlichen Geldes miteinander korrespondieren. Wenn das sehr aus dem Gleichgewicht gerät, kann es z. B. zu Inflation kommen.

Es hat sich gezeigt, dass Marktwirtschaften dank den ihnen innewohnenden Regelungsmechanismen besser als Planwirtschaften in der Lage sind, die jeweiligen Bedarfe mit dem Angebot abzugleichen. Im sozialen Bereich führen freie Marktwirtschaften zu größeren Härten und Ungerechtigkeiten, deshalb wurden sog. soziale Marktwirtschaften entwickelt, um die Verhältnisse zwischen Effizienz, Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit besser auszutarieren. Im Bezug auf die seit 50 Jahren neuen Umweltaspekte wird noch an Integrationsmodellen gearbeitet.

Internationaler Austausch kann für alle von Vorteil sein, wie der englische Ökonom David Ricardo vor langer Zeit gezeigt hat. In seinem Modell der sog. komparativen Kostenvorteile ging er davon aus, dass Wein besser in Portugal und Wolle besser in England zu produzieren ist. Wenn beides in beiden Ländern benötigt wird, produziert man es jeweils dort, wo es günstiger und besser geht, und erreicht über den internationalen Handel Vorteil für alle Seiten.

So viel zu ein paar Aspekten von Wirtschaft und Geld, die mir zu oft aus den Augen verloren werden.

Zum Thema Hilfsbereitschaft finde ich Bertold Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ immer noch ausgezeichent und instruktiv. Die stets bis zum äußersten hilfsbereite Shen Te muss sich dort zeitweise in ihren kaltherzigen und harten Vetter Shui Ta verwandeln, damit sie nicht selbst vor die Hunde geht.

Viele Grüße

Thomas
2020-04-29 21:13:34
Hallo Thomas,

vielen Dank für deine Ergänzungen zum Thema „Geld". In meinem Artikel habe ich leider nicht erwähnt, dass das griechische Wort "mamonas" "Besitz, Vermögen" bedeutet. Dazu gehört auch das Geld. Geld und Besitz sind sicher zunächst einmal ethisch neutral. Darin stimme ich dir zu. Jesus verurteilte auch nicht jeden Besitz und das Geld. Er hat nicht gefordert, Besitz und Vermögen abzuschaffen. Was Jesus aber verurteilte, war, dem Besitz und Vermögen zu dienen. Wenn wir das tun, wird das prinzipiell neutrale Eigentum und Geld zum Abgott. Wer diesem Abgott dient, kann nicht zugleich dem wahren Gott dienen, sagte Jesus.

Die Väter des Grundgesetzes kannten diesen Satz und haben in das Grundgesetz die Sozialverpflichtung des Eigentums aufgenommen: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen" (Art. 14 Abs. 2). Ich denke, darum ging es auch Jesus.

Inwieweit unsere sogenannte soziale Marktwirtschaft dem gerecht wird, darüber möge sich jeder selbst ein Bild machen – unter dem Gesichtspunkt eklatanter innerdeutscher, aber auch globaler Ungleichheiten und unter ökologischem Gesichtspunkt. Bei einem Satz wie „Uns in Deutschland geht es gut", den man manchmal hört, frage ich mich jedenfalls immer, wer hier mit dem „Uns" eigentlich gemeint ist. Denn viele Menschen, denen es materiell nicht gut geht, werden dabei einfach ausgeklammert.

Ja, Brechts „Der gute Mensch von Sezuan" – haben wir schon in der Schule gelesen. Interessierte mich damals leider überhaupt nicht. Aber es enthält natürlich viel Wahres. Es ist wohl unmöglich, in der Welt, wie sie ist, gut zu sein und dabei zu überleben. Beispiele dafür gibt es genug. Jesus selbst, der einzig Sündlose, wie das Neue Testament sagt, konnte auch nicht überleben. Er hätte es können, wenn er die Legionen von Engeln zu Hilfe gerufen hätte, damit sie seine Verfolger vernichten (Mt 26,53) – aber gerade so wäre er nicht der Sündlose geblieben.

Mir sagt das: Keiner kann dem Böse-sein entkommen. Wir sind in das Zerstörerische, Lebensfeindliche verwickelt. Wir müssen, wenn wir leben wollen, auf Kosten anderer leben – und seien es Arme in der Zweidrittelwelt. Selbst wenn wir es wollten, könnten wir den ungerechten weltwirtschaftlichen Zusammenhängen nicht entkommen. Das ist wohl ein Aspekt dessen, was man in der Theologie manchmal unter "Erbsünde" versteht (hat nichts mit biologischer Vererbung zu tun).

Aber eigentlich sind wir doch nicht zum Böse-sein verurteilt. Nein, wir können auch gut sein (in der Kraft des Geistes Gottes). Aber dann drohen uns Leiden und im Extremfall der Tod. Siehe Jesus.

Gut, dass es einen Guten gibt (Mk 10,18 parr), der auch die Bösen nicht verurteilt, sondern sogar die Gottlosen annimmt (Röm 4,5; 5,6).

In diesem Sinne eine gesegnete Nacht
Klaus
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