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Der Gott an unserer Seite

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie kompakt · 23 Dezember 2020
Tags: WeihnachtenLeidTodHoffnungFreudeLebenGottesbild

T h e o l o g i e   k o m p a k t
Der Gott an unserer Seite
Klaus Straßburg | 23/12/2020

Sie mussten jeden Tag härteste Arbeit bei karger Verpflegung leisten. Das hatte aus starken Männern armselige Gestalten mit ausgemergelten Körpern und mageren Gesichtern gemacht. Die Gedanken gingen oft zurück in die unerreichbare Heimat, aber niemand wusste, was morgen geschehen würde. Der mögliche Tod stand jederzeit vor Augen, denn sie waren der Willkür ihrer Bewacher ausgesetzt, hatten jede Macht über ihr eigenes Leben verloren. Und dann kam Heiligabend: Es war ein normaler Arbeitstag, und sie fluchten auf die Befehlshaber, die auf dieses Fest keine Rücksicht nahmen. Doch abends hingen die Gedanken an den Lieben zu Hause, und einigen war es unerträglich, sie jetzt nicht in die Arme schließen zu können. Mit ein paar Kerzen und einem improvisierten Weihnachtsbaum in der Baracke versuchten sie, eine kleine Feier abzuhalten.

So beschrieb der evangelische Pfarrer und spätere Theologieprofessor Helmut Gollwitzer Weihnachten 1945 nach sieben Monaten russischer Kriegsgefangenschaft im Arbeitslager. Wörtlich fuhr er fort:

Als wir das Weihnachtsevangelium hörten und uns auslegten, da ging es wie ein Wunder auf:

„Gott hat derer nicht vergessen,
die im Finstern sind gesessen."*

Auf Erden war keine Macht, die uns helfen konnte oder auch nur wollte. Von Urwäldern umgeben waren wir verschollen und preisgegeben. Dass es jemals wieder anders werden würde, wagten wir kaum zu hoffen und konnten von der Hoffnung doch nicht lassen. War es, dass Einer an uns dachte und von uns wusste, Einer, der mehr Macht hatte als Stalin und die MWD**?

„Siehe, ich verkündige euch große Freude!" Auf kleine, glattgehobelte Holzbrettchen – Papier war hier eine Seltenheit – hatten wir uns Weihnachtsgrüße geschrieben; am Kopfende meiner Pritsche stand eines, auf das ein Kamerad mir Joh. 14,19*** gemalt hatte, da er es oft von mir in meinen Predigten gehört hatte: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben." Beraubt waren wir all dessen, was das Leben lebenswert macht, und nun stand hier geschrieben, dass uns das Leben nicht endgültig versagt sein sollte. Ob uns Heimkehr bevorstand oder das Grab in der hartgefrorenen russischen Erde, in das wir in diesem Winter noch so manchen von uns hineinlegen sollten, – ins Leben hinein ging dieser harte Weg, das stand nun fest, weil Weihnachten galt; das konnte uns nicht mehr genommen werden, das ließ uns tief aufatmen.

(Auszug aus dem Buch von Helmut Gollwitzer: ...und führen, wohin du nicht willst – Bericht einer Gefangenschaft, Chr. Kaiser Verlag München 1953, S. 342f, der neuen Rechtschreibung angepasst.)
*     Aus dem Weihnachtslied „Werde licht, du Stadt der Heiden" von Johann Rist.
**   Der russische Truppenverband, der die Gefangenenlager beaufsichtigte.
*** Im Original steht fälschlicherweise Joh. 14,18.

"Ich lebe, und ihr sollt auch leben" – das sagt Jesus im Johannesevangelium beim Abschied von seinen Jüngern, kurz vor seiner Gefangennahme, Verurteilung und Hinrichtung. Sein Leidensweg hatte schon begonnen, und der Tod stand ihm vor Augen.

Wir fragen, wenn wir Leid sehen oder selber leiden müssen: "Warum lässt Gott das zu? Warum gibt es überhaupt so viel Leid?" Es ist eigentlich die Frage, warum Gott keine Welt ohne Leid erschaffen hat, sozusagen eine himmlische Welt. Warum er uns nicht gleich in den Himmel versetzt hat, anstatt Menschen Unerträgliches erleiden zu lassen.

Ich habe keine Antwort darauf. Aber ich weiß, dass Gott einen anderen Weg gegangen ist: Nicht wir sind in den Himmel versetzt, sondern der Himmel ist zu uns gekommen. Nicht wir leben im leidfreien Raum, sondern Gott lebt im leidvollen Raum.

Das wirft neue Fragen auf: Ist es dann noch Gott, wenn er von Leid betroffen ist? Zeichnet es nicht gerade Gott aus, von allem Leid verschont zu sein?

Es kommt darauf an, wie man sich Gott vorstellt. Wenn Gott ein "höchstes Wesen" ist, das hoch über der Welt steht, dann steht er auch über allem Leid. Wenn er vom Himmel aus das Weltgeschehen bloß beobachtet, dann bleibt er selbst unberührt von weltlichen Leiden. Wenn er so etwas wie eine unpersönliche Macht ist, dann kann er nicht leiden, denn Unpersönliches leidet nicht.

Der christliche Gott aber ist anders. Er ist weder hoch über der Welt noch distanzierter Beobachter der Welt noch bloße unpersönliche Macht. Er wird vielmehr Mensch, geht in die Welt ein und führt ein Leben als Mensch, teilt die Erfahrungen von uns Menschen. Von nichts bleibt er verschont, auch vom Tod nicht.

Das scheint der Gipfel der Absurdität zu sein: ein Gott, der stirbt. Wird damit nicht Gott abgeschafft?

Ja und Nein. Der herkömmliche Gedanke eines Gottes, der unberührt vom Weltgeschehen im himmlischen Paradies über allem schwebt, ist damit tatsächlich abgeschafft. An seine Stelle ist der Glaube an den Gott getreten, der in Jesus Christus in die Welt gekommen und am Kreuz gestorben ist, aber für den der Tod nicht das Letzte war und ist, sondern das Leben.

Darum konnte der todgeweihte Jesus seinen Jüngern sagen "Ich lebe". Er wusste, dass der Tod nicht das Letzte ist. Er vertraute seinem "Vater im Himmel", der mit ihm litt, der seinen einzigen Sohn und damit sein Vatersein verlor und der dennoch die Macht behielt, diesen Tod nicht das letzte Wort sprechen zu lassen.

Wohlgemerkt: Der Weg ging auch für den "Vater" durch den Tod hindurch zum Leben. Der Tod war keine kurze Episode von zwei Tagen von der Kreuzigung am Karfreitag bis zur Auferweckung am Ostersonntag, sondern der Tod ging in das Leben Gottes ein. Er war mit der Auferweckung Jesu nicht einfach vergangen; denn der Auferweckte trug die Nägelmale seines Sterbens noch an sich. Unser Gott ist einer, der in seiner himmlischen Herrlichkeit leidet – bis heute.

Das ist nicht der Gipfel der Absurdität, sondern der Gipfel der Liebe. Denn nur so ist er der Gott an der Seite aller auf Erden Leidenden. Nur so ist er der Gott der Liebe. Ein Gott, der nicht leiden kann, kann auch nicht lieben; denn er kann nicht an der Seite der auf Erden Leidenden sein.

Nur der leidende Gott kann auch ein Trost sein für die auf Erden Leidenden. Nur von ihm können sie sagen "Gott hat derer nicht vergessen, die im Finstern sind gesessen." Dass er sie nicht vergessen hat, bedeutet nicht, dass er sich aus herrlich-himmlischer Höhe an sie erinnert. Es ist viel mehr als Erinnerung. Es ist das Verlassen der himmlischen Höhe und das Kommen in unsere leidvolle Welt. Und gerade darin, dass er das tut, besteht Gottes Herrlichkeit.

Wenn auf Erden keine Macht ist, die helfen kann oder will, dann ist dieser Gott da: Er hilft, indem er mit uns durch Leid und Tod hindurchgeht und uns auf diesem Weg zum Himmel mitnimmt. Nicht ohne Leid und Tod springen wir in den Himmel, sondern durch Leid und Tod hindurch – mit Gott an unserer Seite.

Vielleicht kann man den Trost, der von diesem Gott ausgeht, erst dann spüren, wenn aller menschliche Trost am Ende ist. Die Gefangenen im Lager haben das erlebt: preisgegeben, verschollen, ausgeliefert, ohne Hoffnung, den Tod täglich vor Augen. Und dann sind da die Worte des Engels: "Siehe, ich verkündige euch große Freude!" Das ist die Botschaft, die aller Welterfahrung entgegensteht. Es ist die Botschaft, die der todgeweihte Jesus seinen Jüngern hinterließ: "Und ihr sollt auch leben."

Wir können diese Botschaft wohl nur verstehen, wenn wir uns von unserer Welterfahrung ein Stück weit lösen. In der Welt sind wir verunsichert, ausgeliefert, von Leid und Tod bedroht. Aber es gibt mehr als diese Welt. Die Leidenden im Lager hatten nichts Weltliches mehr, woran sie sich klammern konnten:

Ob uns Heimkehr bevorstand oder das Grab in der hartgefrorenen russischen Erde, in das wir in diesem Winter noch so manchen von uns hineinlegen sollten, – ins Leben hinein ging dieser harte Weg, das stand nun fest, weil Weihnachten galt; das konnte uns nicht mehr genommen werden, das ließ uns tief aufatmen.

Egal, welch harten Weg wir gehen müssen: An der Seite dieses Gottes geht der Weg ins Leben hinein. Das steht fest, weil Gott in die Welt des Todes hineingekommen ist und noch heute hineinkommt. Und weil er diese Welt des Todes überwunden hat und noch heute überwindet.

Auch dieses Jahr zu Weihnachten wird gelitten und gestorben – das ist uns in den "reichen" Ländern diesmal besonders stark ins Bewusstsein gerückt. Doch mit der harten Welterfahrung kann auch die Gotteserfahrung wachsen, wenn wir uns für sie öffnen. Die Erfahrung der großen Freude in allem Leid. Die Erfahrung, dass wir auch leben sollen, was immer geschehen mag.

Das kann uns durch nichts in der Welt genommen werden, das lässt uns tief aufatmen. Weil Weihnachten für jeden Menschen gilt.


* * * * *





2 Kommentare
2020-12-26 13:39:23
Hallo Klaus,

beim ersten Lesen vorgestern habe ich gedacht: Ach herrje, eine Karfreitagspredigt zu Weihnachten. Und dann noch aufgeladen mit den ganzen traditionell christlichen Begrifflichkeiten, insbesondere der Trinitätslehre, mit der ich nichts anfangen kann und bei der ich davon überzeugt bin, dass der historische Jesus als gläubiger Jude sie verworfen hätte.

Heute habe ich deine Predigt noch einmal gelesen und dieses Mal stand für mich nicht so sehr die Kritik im Vordergrund. Ich fand sie trotz der Kritikpunkte, bei denen ich bleibe, gut, und insbesondere gut für diese schwierige Zeit.

Ein Satz hat sich mir eingeprägt: "Vielleicht kann man den Trost, der von diesem Gott ausgeht, erst dann spüren, wenn aller menschliche Trost am Ende ist. Die Gefangenen im Lager haben das erlebt: preisgegeben, verschollen, ausgeliefert, ohne Hoffnung, den Tod täglich vor Augen."

In einer solchen Lage wären mir in der meine theoretischen Einwände ziemlich egal. Ich glaube, dass das Christentum dafür ausgelegt ist und dass es von Anfang an in solchen Situationen erfolgreich war und sich deshalb verbreitet hat.

Ich hoffe, dass ich es nie auf diese harte Tour lernen muss.

Frohe und gesegnete Weihnachten Dir und Deinen Lieben!

Thomas

2020-12-26 18:02:31
Hallo Thomas,

vielen Dank für deine Rückmeldung und die lieben Wünsche. Ich habe mich beim Schreiben auch gefragt, ob es nicht zu traurig oder "negativ" ist für einen Weihnachtstext. Aber ich habe mich dafür entschieden, es so zu schreiben, weil ich unseren herkömmlichen Weihnachtsfeiern bewusst etwas von ihrer romantisierenden Atmosphäre nehmen will. Hinter der romantischen Stimmung der "heiligen Familie" im naturnahen Stall, ökologisch vereint mit Ochs und Esel und unter himmlischen Engelsgesängen, geht der eigentliche Sinn des Weihnachtsfestes schnell verloren. Dabei hat die Geschichte auch im Lukasevangelium nichts Romantisches: mühsame Reise für die Hochschwangere nach Bethlehem wegen des Befehls eines machtgierigen Kaisers, kein Raum in der Herberge, stinkender unhygienischer Stall, stechendes Stroh in der Krippe, Hirten, die damals kein Ansehen hatten und aus der Dunkelheit der Nacht kommen. Vom Matthäusevangelium her lässt sich ergänzen: Verfolgung des Kindes durch Herodes und der Kindermord in Bethlehem, Flucht der Familie nach Ägypten. Unabhängig von der historischen Richtigkeit aller Angaben hat das wenig mit Romantik zu tun. Hier trifft der Erlöser von Anfang an auf die harte Wirklichkeit der Welt. Das Kreuz ist sozusagen schon in der Krippe vorgezeichnet. Es gibt Theologen, die das Heilsgeschehen weniger auf Golgatha ansetzen als in Bethlehem, will sagen: weniger am Kreuz als in der Menschwerdung Gottes.

Beides gehört m.E. unbedingt zusammen. Und, wie du auch zustimmend schreibst, vielleicht wird uns der Sinn der Menschwerdung Gottes erst bewusst, wenn es so hart kommt, wie es die Kriegsgefangenen erleben mussten. Ein romantisch-familienfreundliches Verständnis von Weihnachten jedenfalls wird diesem Sinn nicht gerecht.

Insofern hast du mit dem Satz, der sich dir eingeprägt hat, das, was ich sagen wollte, genau erfasst. Und auch die gegenwärtige Weltsituation, wie du zu recht erwähnst, spielte bei meinen Überlegungen eine Rolle.

Auch dir und deiner Familie noch viel Segen, Freude und Gesundheit für den Weihnachtsabend und die Zeit danach.

Klaus
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