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Der alte Mann und die Jungen an der Front

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Veröffentlicht von in Theologie aktuell · 27 Mai 2022
Tags: UkraineKriegLeidNächstenliebe

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Der alte Mann und die Jungen an der Front
Klaus Straßburg | 27/05/2022

Dieser Grabstein erzählt eine Geschichte. Es ist die Geschichte des Johannes Arfsten, der im Ersten Weltkrieg etwa zwei Wochen vor seinem 23. Geburtstag gefallen ist. Die Inschrift auf dem Stein lautet:

Zum Gedächtnis an unseren lieben Sohn Johannes Arfsten, geb. in Nieblum am 2. Oktober 1891, gefallen im Weltkriege am 16. September 1914 im Waldgefecht von Elincourt/Frankreich als Gefreiter im Inf[anterie] Reg[imen]t 163. und ruht dort in einem Massengrab mit vielen Kameraden, nachdem er die siegreichen Gefechte in Belgien glücklich überstanden hatte.

Der Stein ist eigentlich ein Gedenkstein. Als ich ihn vor etwa zwei Wochen in Nieblum auf der Insel Föhr entdeckte, musste ich an den Krieg in der Ukraine denken, in dem auch heute junge Männer und Frauen sterben, bevor sie das 23. Lebensjahr erreicht haben. Sie haben vielleicht auch etliche Gefechte "siegreich" überstanden, und dann ereilt sie doch der Tod. Und dann sind da noch die Eltern, die ihr Kind, vielleicht ihr einziges, verlieren und ihr Leben lang darunter leiden. Vielleicht können sie es nicht einmal bestatten, weil es verschollen ist oder in einem anonymen Massengrab liegt.

Und plötzlich wurde mir klar: Würden diese jungen Männer und Frauen heute mein Land verteidigen, dann würde ich nicht wollen, dass auch nur einer oder eine von ihnen dafür sterben muss.

Beim späteren Nachdenken darüber fragte ich mich dann aber doch: Würde ich wirklich nicht wollen, dass jemand die Demokratie, den Rechtsstaat und meine Freiheitsrechte für mich verteidigt?

Natürlich würde ich mich über jeden freuen, der all das verteidigt. Ich würde es auch verteidigen – aber nicht mit Gewalt. Ich könnte keine jungen Männer und Frauen töten, um Demokratie, Rechtsstaat und Freiheitsrechte zu behalten. Und schon gar nicht Kinder und andere Unbeteiligte. Und wenn ich es selber nicht kann, kann ich es auch von anderen nicht verlangen. Und noch viel weniger kann ich verlangen, dass junge Menschen ihren Kopf dafür hinhalten, dass mir kein Unrecht geschieht und ich nicht meiner Rechte beraubt werde.

Paulus schrieb einmal den Korinthern über Streitigkeiten in der Gemeinde: Sie sollen deswegen keine Prozesse vor weltlichen Gerichten führen. Sie sollen sich lieber Unrecht antun und berauben lassen, anstatt den Mitchristen Unrecht anzutun und sie zu berauben (1Kor 6,7f).

Ich denke: Was zwischen Gemeindegliedern gilt, muss doch auch zwischen Fremden gelten. Was für Streitigkeiten vor Gericht gilt, muss doch noch viel mehr für den schlimmsten Streit, nämlich den Krieg, gelten. Und was für materielle Schäden gilt, muss noch viel mehr gelten, wenn es um Leben und Tod von Menschen geht.

Mit anderen Worten: Wir sollen lieber leiden, als anderen Leid zufügen. Wir sollen mit Christus leiden (Röm 8,17) – sollen nicht sein, aber unser Kreuz auf uns nehmen (Mk 8,34).

Es geht nicht darum, das Leid zu suchen oder sich in stillschweigender Ergebenheit ausnutzen und seiner Rechte berauben zu lassen. Es geht aber darum, lieber Leid zu tragen als Leid zuzufügen.

Ich weiß, dass auch die Schonung des anderen ein Ende haben kann. Wenn jemand so etwas wie die Weltherrschaft anstrebt oder Menschenmassen blindlings tötet, muss dem Einhalt geboten werden. Das hat uns das Hitler-Regime gelehrt.

Aber diese Situation sehe ich aktuell nicht. Wie käme ich also dazu zu verlangen, dass junge Männer und Frauen an der Front für mich sterben, während ich mich als alter Mann in der warmen Stube um Demokratie, Rechtsstaat und Freiheitsrechte sorge?

Soweit meine Gedanken, als ich vor jenem Gedenkstein stand und beim späteren Nachdenken darüber. Ich gestehe aber: Ich bin nicht sicher, dass ich mit 20 oder 40 Jahren genauso gedacht hätte.


* * * * *





3 Kommentare
2022-05-28 10:45:42
Lieber Klaus

Diesen Lernprozess möchte ja Gott gerade sehen. Dieser Lernprozess zeugt von wahrhaftiger Liebe, weil die Liebe sich für andere aufopfert im Guten. "Liebe" wird heute so inflationär benutzt, missbräuchlich benutzt, verfälscht, fehlgeleitet und was auch immer, der Ego daraus machen möchte. Manchmal braucht es einfach einige Zeit und Jahre, bis der Groschen fällt, das Herz wirklich offen ist, damit der Same Gottes darin anfangen kann zu wachsen, vorausgesetzt man hegt und pflegt ihn, so dass er wachsen kann. Aber das ist von Ihm berücksichtigt. Möge das unser Mitgefühl und Verständnis für die Unverständigen und Unreifen steigern. Sie benötigen das, ohne das sie mitunter ahnen, dass sie es benötigen.
2022-05-28 21:31:03
Hallo Pneuma,

ja, wenn Gott uns gnädig ist und wir uns seine Gnade gefallen lassen, kann es geschehen, dass wir bis zum Lebensende in Glaube, Liebe und Hoffnung wachsen.
2022-05-29 18:32:46
Mein Gedanke war allerdings, dass man die Situation mit 20 oder 40 Jahren möglicherweise anders beurteilt als mit 60 - weil man noch mehr zu verlieren hat. Ich war aber schon damals gegen Gewaltanwendung und bin, wie gesagt, nicht sicher, ob ich ich in diesem Alter (vielleicht in Nuancen?) anders geurteilt hätte.

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