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Das Ziel der Zeit

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie kompakt · 30 Dezember 2020
Tags: ZeitUmkehrGeistVertrauenEvangelium

T h e o l o g i e   k o m p a k t
Das Ziel der Zeit
Klaus Straßburg | 30/12/2020

Wenn wir vor dem neuen Jahr stehen, dann stehen wir vor geschenkter Zeit. Dass wir Zeit haben, ist nicht selbstverständlich. Wir verfügen nicht über die Zeit, sondern sie kommt auf uns zu. So ist sie das Medium, in dem wir leben, ohne dass wir etwas für ihr Zukommen tun müssen oder auch nur können.

Dass wir Zeit haben, wird uns erst dadurch bewusst, dass sie vergeht. Erst im Unterschied von Einst und Jetzt erfahren wir Zeit. Wie die Zeit zu uns kommt, so vergeht sie auch: Es geschieht ohne unser Zutun. Wir können sie nicht aufhalten, so wenig wie wir sie herbeizwingen können. Daran zeigt sich das Janusgesicht* der Zeit: Einerseits sind wir froh, wenn sie uns zukommt, andererseits erschrecken wir, wenn uns bewusst wird, dass wir ihrem Vergehen wehrlos ausgeliefert sind. So ist die Zeit Lebenselixier und Todesdrohung zugleich. In religiöser Sprache könnte man sagen: Die Zeit ist zugleich Erwartung von Segen und Drohung von Fluch.

* Janus war der römische Gott des Anfangs und des Endes, der Ein- und Ausgänge. Er wurde mit zwei Gesichtern dargestellt, mit denen er zugleich vorwärts und rückwärts sehen konnte. Nach ihm ist der Monat Januar benannt.

Ob aber die uns zukommende Zeit zum Segen oder zum Fluch wird, hängt nicht einfach ab von ihrem Kommen oder Gehen. Die schmerzlich vergehende Zeit kann zum Segen werden und die ersehnte kommende Zeit zum Fluch. Denn nicht einfach das Geschehende qualifiziert die Zeit als Segen oder Fluch, sondern unser Verhältnis zum Geschehenden. Die Qualität der Zeit liegt meist gar nicht in dem, was sie mit sich bringt, sondern in unserem Verhalten ihr gegenüber. Es kann geschehen, dass der mit viel Zeit Gesättigte ihrer überdrüssig wird oder dass der vor dem Ende seiner Lebenszeit Stehende diesem Ende getrost entgegenblickt.

Was aber macht dann die Zeit zum Segen, was zum Fluch? Nach dem Markusevangelium begann Jesus seine Verkündigung mit den Worten:

Erfüllt ist die Zeit und nahegekommen die Herrschaft Gottes;
kehrt um und glaubt an die frohe Botschaft!
(Mk 1,15)

Mit dem Kommen Jesu ist Gottes Macht der Liebe so nahegekommen wie nie zuvor. Denn in Jesus teilt Gott wie niemals sonst die menschliche Zeit, teilt ihr Kommen und Gehen, teilt Segen und Fluch. Dadurch aber gewinnt die Zeit, gewinnt unser Leben eine neue Qualität (Gal 4,4f). Was zuvor im Verborgenen lag, ist jetzt zum Greifen nah. Gottes Liebe hat ein Gesicht bekommen, das für jeden sichtbar ist. Darum kann die Konsequenz nur sein, das bisherige Leben hinter sich zu lassen und neue Maßstäbe zu setzen: Das Maß des Lebens ist jetzt die Gewissheit der Liebe Gottes, das Vertrauen zu dem Gott, der sich als Liebender und Leidender an unsere Seite gestellt hat. Darum ist unsere Zeit mit Segen erfüllt. Es gibt eigentlich keine leere Zeit mehr, kein sinnloses Vergehen, kein trostloses und einsames Vegetieren. Es gibt nur noch die erfüllte Zeit, und das heißt: frohes Leben in der jetzt erlebten Nähe Gottes und getröstetes Leben in der zukünftig erwarteten Nähe Gottes.

Die Botschaft von der erfüllten Zeit hat darum den Ruf zum Leben bei sich. „Kehrt um! Glaubt! Lasst das bedeutungs- und ziellose Leben hinter euch, gebt euch nicht dem dumpfen Ablauf von Stunden, Tagen und Wochen hin! Vielmehr lebt jede Stunde und jeden Tag, lebt euer Leben bewusst, bedeutungsvoll und ausgerichtet auf das Ziel, nämlich das Heil der ganzen Welt!"

Was heißt das alles konkret? Unsere Zeit ist nicht einfach Zukunft und Vergangenheit, und unser Leben ist nicht dumpfes Kommen und Gehen von Zeit, das über uns hereinbricht und dem wir bedingungslos ausgesetzt sind. Dieses Kommen und Gehen ist in Wahrheit von Gott gewährte, getragene und gesegnete Zeit. Wir können jetzt beten: „In deiner Hand ist meine Zeit" (Ps 31,16). Wie auch immer die Zeit sich anfühlen mag, womit auch immer sie gefüllt sein mag: Sie kommt aus Gottes Hand zu uns und bleibt in seiner Hand. Das bedeutet nicht, dass Gott all das will, was die Zeit mit sich bringt. Es bedeutet aber, dass auch das, was er nicht will, durch seine Hand gehen muss, von ihm erspürt und erlitten wird und die Wärme seiner Hand nicht verlassen kann. Es mag uns Schreckliches widerfahren; aber auch das Schrecklichste steht unter Gottes Macht der Liebe, die immer eine leidende Liebe ist, aber auch eine alles Leid überwindende.

Nicht das, was die Zeit an Schwerem oder Leichtem mit sich bringt, macht sie zur segensreichen Zeit, sondern die Macht der Liebe, mit der Gott unsere Zeit auszeichnet. Denn Gott handelt zu allen Zeiten in Liebe an uns, auch zu Zeiten des Leidens, des Irrens und Fehlgehens und des Sterbens. Alle Zeiten, mögen sie uns noch so sinn- und ziellos erscheinen, werden von Gott auf das eine Ziel hin ausgerichtet: uns mit seiner Liebe zu verbinden. Auch das längst Vergangene und bis heute Unverstandene hatte dieses eine Ziel. Alles uns Widerfahrende muss sich auf dieses eine Ziel hin bewegen. Von diesem Ziel kann uns nichts entfernen, außer wir selbst. So ist keine Zeit verlorene Zeit, solange wir nicht selbst das Ziel der Zeit vergessen und in den Wind schlagen.

Die uns geschenkte Zeit ist immer schon qualifizierte Zeit, qualifiziert durch die unendliche Liebe Gottes. Diese Liebe macht unsere Zeit zur erfüllten Zeit, zum Augenblick der Freude und des Glücks, zur Zeit des ewigen Lebens, das schon hier und jetzt beginnt (Joh 5,24) und dennoch seine Vollendung noch vor sich hat.

In eins mit dieser Freudenbotschaft spricht Jesus das große „Kehrt um und glaubt der Freudenbotschaft!" Aber dieser Aufruf, wäre er bloßer Appell, würde uns heillos überfordern. Wie geschieht es denn, dass Menschen eine Lebenswende vollziehen und einer Botschaft Glauben schenken, für die es keine handfesten Belege gibt, sondern nur die Worte der Botschaft? Nachdem Jesus seine Worte gesprochen hat, so wird berichtet, sieht er einige Fischer am See bei der Arbeit und ruft sie auf, ihm zu folgen. Und sie verlassen alles, was sie haben, und schließen sich Jesus an (Mk 1,16-20). Ganz sachlich-emotionslos, ohne weitere Erklärung, vollkommen unspektakulär wird das erzählt, als gäbe es gar nichts anderes, als sei es das Selbstverständlichste, was man sich vorstellen kann. Warum sie ihm nachfolgen? Es geschieht einfach. Keiner weiß warum, keiner hat eine Erklärung dafür, aber es geschieht. Es ist das Wunder der Nachfolge.

Als Paulus von der Erfüllung der Zeit spricht, vom Kommen des „Sohnes" in die Welt, spricht er zugleich vom göttlichen Geist, von der treibenden Kraft in Jesus und den Seinen. In dieser Kraft, nicht in eigener, vertrauen sie sich Gott an und nennen ihn ihren liebevollen „Vater" (Gal 4,4-7). Jetzt sind sie Kinder dieses Vaters, der ebenso Mutter ist (Jes 49,15; 66,13). Aber sie sind es nicht aus eigenem Vermögen, sie können ihn nicht aus eigener Kraft „Vater" nennen und ihm vertrauen. Es ist die treibende göttliche Kraft, die Gott in ihre Herzen gesenkt hat und die es ermöglicht, dass sie eine Lebenswende vollziehen, wie sie radikaler nicht sein kann.

Die Zeitenwende bringt also eine Lebenswende mit sich. Nichts ist, wie es war. Alles lege ich in Gottes Hand. Alle Zeit ist Segenszeit. Den Fluch gibt es nur dann, wenn ich mich dem Segen entziehe. Ein Segen ist es, wenn ich alles Geschehen und all mein Tun dem anvertraue, der in Wahrheit Mutter und Vater ist. Meine Irrwege mag er zum Ziel führen, meine Fehltritte und Unvollkommenheiten mag er vollenden. In allem suche ich darauf zu vertrauen, suche mich von ganzem Herzen auf diesen Gott, diese Liebesmacht einzulassen, suche ich diese neue Lebenshaltung zum Grundmuster meines Leben, meiner Lebenszeit zu machen.

Immer, wenn das geschieht, bin ich ein „neues Geschöpf", ein neuer Mensch (2Kor 5,17). Ich denke, fühle und handle in neuer Weise. Ich gestalte die mir geschenkte Zeit neu. Ich lebe für ein Ziel, und das heißt nicht nur für mich, sondern mit gleichem Einsatz für andere. Ich kann mich zurücknehmen zugunsten anderer, ich hänge nicht an Besitz, Ruhm und Ansehen, ich gebe mich hin an Gott und seine geliebten Geschöpfe. Es gibt noch die Schuld, den Zweifel, das Leid, aber sie haben ihren letzten Schrecken verloren. Denn meine Zeit hat ein Ziel, und dieses Ziel ist die unendliche, vollkommene Liebe Gottes. Nichts kann mich von ihr trennen (Röm 8,38f).

Die Zeit, die uns im neuen Jahr geschenkt wird, ist die Möglichkeit, den Weg auf das Ziel hin zu gehen. Der Ruf zum Gehen ist ergangen, und die Kraft des Gehens ist da. Was können wir tun? Nur losgehen und geschehen lassen, was Gott in uns legt. Nicht widerstreben. Unsere Freiheit nicht verspielen. Uns loslassen und einlassen. Was kommen mag, soll kommen; aber die Macht, die Herrschaft der Liebe bleibt. Sie macht uns frei von Angst und frei zur Hoffnung. So wird die Zeit zum Segen. Und auch das, was dann noch als Fluch erscheint, kann uns nicht abbringen von dem Weg dorthin, wo nur noch Segen sein wird.


* * * * *





4 Kommentare
2020-12-31 14:56:41
Zeit ist nur die Definition eines Rahmens, in dem sich etwas ereignet und entscheidet. Zeit ist ein endliches Thema, aktuell, da materiell gebunden, weil wir noch mit diesen Körpern verbunden sind. Zeit wird aber bedeutungslos, wenn sie in Vereinigung mit der Liebe, der Liebe Gottes, aufgelöst wird und erlischt. Dann folgen aber nach der Zeit neue Rahmen mit neuen Definitionen in denen wir wieder neues erleben und entscheiden werden. Denn so ist Liebe, sie verbindet und vereinigt; und das bereitwillig von Herzen, wohlwissend das der bittere Geschmack nachlässt, auf dem Weg des Lebens - des guten und ewigen Lebens.
2020-12-31 17:11:18
Danke für deine Ergänzung! Ich denke, die endliche Zeit als formaler "Rahmen" unseres Lebens wird bedeutungslos, wie du schreibst, aber das, was sich in diesem Rahmen als unser Leben ereignet, behält bleibende Bedeutung für Gott und für uns. Andernfalls wäre alles in der Zeit Erlebte, unser ganzes Leben bedeutungslos, sinnlos. Und das wollen wir nun mal nicht hoffen! :-)

Ein gesegnetes neues Jahr mit viel sinnvoll verbrachter Zeit!
2021-01-01 08:56:06
Wie sagt mal ein weiser Mann: Es gibt für alles eine Zeit (in dieser Realität)
In der Liebe, dem Wasser des Lebens, löst sich die Zeit auf, wie eine Tablette :-)
Auch wenn sie dann noch da ist, ist sie nicht mehr greifbar.

Ebenfalls dir ein gesegnetes und besinnliches neues Jahr
2021-01-01 11:02:39
Das ist wohl wahr. Danke!
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