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Das Weltschema verstehen

Christsein verstehen
Veröffentlicht von Klaus Straßburg in Theologie aktuell · Donnerstag 12 Okt 2023
Tags: GewaltKriegEthikNeuschöpfungUkraineTerror

Das Weltschema verstehen
Wie wir dem Konzept der Gewalt entkommen können
Klaus Straßburg | 13/10/2023

Ich gehe durch die Stadt, sehe die Menschenmassen, die jungen Leute, die ihr Leben aufbauen, die Kinder, die auf uns angewiesen sind, die Alten, die sich an den Jungen freuen. Alle wollen sie leben, suchen das Leben, unbedarft und hoffnungsvoll die Kinder, anpackend und Zukunft schaffend die Jungen, lebenserfahren und helfend die Alten. Ein wenig Glück wollen sie erheischen, einen erfüllten Tag, spielend, lachend, gestaltend leben. Denn das ist Leben: zusammen sein, gemeinsam den Tag pflücken, das Leben voranbringen einer erfüllten Zukunft entgegen.

Und dann sehe ich sie vor mir: die Leichen in den Schützengräben, die zerrissenen Leiber, höre die schmerzerfüllten Schreie. Ich sehe die verkrüppelten Väter und die Frauen, deren Männer nicht mehr zurückkehren werden, die zerbrochenen Ehen, die verzweifelten Mütter, die vergewaltigten Mädchen, die traumatisierten Männer, die nie mehr dieselben sein werden, die sie einmal waren. Sie alle wollten, wie die Menschen bei uns, ihr Leben gestalten und ihm ein wenig Glück abringen.

Denn sie sind wie wir. Die Menschen in der Ukraine und die in Russland, die Soldaten auf beiden Seiten: Sie sind wie wir. Nicht mehr und nicht weniger barbarisch, nicht mehr und nicht weniger auf der Suche nach dem Glück und nicht weniger als wir würdig, betrauert zu werden. Und doch: Wer trauert schon um sie – hier bei uns? Wer vergießt eine Träne ihrer unvorstellbaren Leiden und ihres frühen Todes wegen? Wie Paulus schrieb (Röm 12,15):

Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden!

Nur wer mitfühlt, wer sich einlässt auf die Leidenden, wer das unermessliche Leid an sich heranlässt, lebt an der Seite der Nächsten. Nur wer mit den Weinenden weint, darf sich auch mit den Fröhlichen freuen. Wer sich nur mit sich selber freut und mit den Seinen, mit der kleinen Gruppe der Nahestehenden und Gleichgesinnten, der hat noch nicht angefangen, Anteil zu nehmen am Ergehen des Nächsten, hat noch nicht angefangen, den Nächsten zu lieben, ist noch nicht aus der Reihe getreten, um anders zu leben, um wirklich zu leben.

Ich füge einige Sätze des Paulus aus demselben Kapitel hinzu (Röm 12,2.9.14.17-21):

Fügt euch nicht ins Schema dieses Äons, sondern lasst euch [in eurem Wesen] verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes [oder: Denkens], damit ihr prüfen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Die Liebe sei ohne Heuchelei. Verabscheut das Böse, haltet fest am Guten!

Segnet, die euch verfolgen; segnet und verflucht sie nicht!

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden! Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: "Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr." Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen; wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Denn wenn du dies tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich vom Bösen nicht besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute.

Das "Schema dieses Äons", dieser Welt, in der wir leben, ist das herrschende gedankliche Konzept vom Dasein, die allgemein eingenommene Stellung zum Dasein und die Haltung, die man gegenüber Ereignissen dieses Daseins einnimmt. Dieses Schema tritt seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine wieder deutlich hervor. Es hat die Menschheit fest im Griff, hat seine grausame Herrschaft übernommen und die Menschen versklavt. Das "Schema dieses Äons" ist die Logik des Krieges, die auf Gewalt mit Gewalt antworten muss, unterschiedslos töten muss, ohne trauern zu können.

Kann man diesem Schema entkommen? Dem Apostel Paulus zufolge nur, indem man sich verwandeln lässt, sich den Sinn, das Denken erneuern lässt, so dass man in die Lage versetzt wird, Anteil zu nehmen. Die Kraft der Erneuerung, Gottes Geist des Lebens und des Friedens, ist da, wir müssen diese Kraft nur in uns wirken lassen.

Dass es sich um ein Schema handelt, also um mehr als nur eine bedauerliche Ausnahme, einen tragischen Unglücksfall, zeigt die Tatsache, dass Gewaltbereite in der ganzen Welt in diesem Schema denken und hemmungslos ihm entsprechend handeln. Nun also auch die palästinensischen Terroristen. Und die Frage ist, wie viele Unbeteiligte durch die Reaktion Israels sterben werden.

Und auch wir selbst entkommen diesem Schema nicht. Es ist eben das Schema dieses Äons und deshalb so mächtig, dass wir uns in gewissem Maß darauf einlassen müssen, wollen wir nicht den Terroristen die Welt überlassen. Natürlich müssen die palästinensischen Terroristen gestoppt werden, weil ihre Opfer – Kinder, Mütter, Väter, Alte – würdig sind, betrauert zu werden. Und die Terroristen lassen sich nur so stoppen, dass man sie inhaftiert oder tötet. Sie werden wohl lieber sterben, weil sie den Tod mehr lieben als das Leben (siehe dazu den Beitrag Warum ich das Leben liebe).

Dennoch bleibt die Frage, wie man dabei vorgeht, ihnen ihr tödliches Handwerk zu legen. Müssen nun auch hunderte, vielleicht tausende Palästinenser sterben – Kinder, Mütter, Väter, Alte, die ebenso würdig sind, betrauert zu werden, die jedoch politisch und medial bei uns nicht betrauert werden? Muss der Gegenschlag so heftig sein, dass er der Heftigkeit des Angriffs gleichkommt oder diese sogar übertrifft?

Hier ginge es doch darum, sich nicht in das Schema dieses Äons einzufügen. Vergeltung ist keine Überwindung des Schemas, sondern seine Fortsetzung. "Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. [...] Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes." Paulus wusste, warum er das schrieb. Er kannte das Schema dieses Äons. Seine Worte haben an Aktualität nichts verloren.

Sie gelten auch für den Ukraine-Krieg. Das Schema dieses Äons kennt letztlich nur den Krieg bis zum Sieg über den Feind, um die eigenen Forderungen ohne Einschränkung durchzusetzen. Es ist der Krieg, der namenlose Opfer fordert, die wir nicht betrauern, mit denen wir nicht weinen. Doch diese Opfer sind Menschen wie wir. Menschen, denen wir in unseren Städten, auf unseren Straßen begegnen. Es sind die nach Glück und Leben strebenden Kinder, Eltern und Alten. Es sind Menschen und es bleiben Menschen, die von Gott in die Welt gesetzt wurden, um zu leben, sich des Lebens zu freuen und selbst Freude zu verbreiten.

Es sind Menschen, die Gott segnen will. Wie können wir sie dann verfluchen – ihr Leben auslöschen? Für Christinnen und Christen gilt etwas anderes: Soweit das Schema dieses Äons es zulässt (das Schema, dem wir alle unterliegen, dem wir uns aber nicht willen- und gedankenlos einfügen dürfen), soweit es also irgend möglich ist (und in der Kraft Gottes ist es meistens möglich) – soweit es irgend möglich ist, gilt für Christen:

Segnet, die euch verfolgen; segnet und verflucht sie nicht!


* * * * *


Literaturhinweis:
Den hilfreichen Gedanken der Betrauerbarkeit habe ich übernommen von:
Judith Butler: Die Macht der Gewaltlosigkeit. Über das Ethische im Politischen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2023.

Grafik: Gerd Altmann auf Pixabay.




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Rezensionen
Freitag 13 Okt 2023
Hallo Klaus

Als Beteiligte und Betroffene sind wir selten und kaum unparteiisch, da wir von gelenkten Informationen und beschränkten Sichtweisen in den manipulierten Glauben getrieben werden, andere leicht und mehr oder weniger ungerecht beurteilen. Da braucht es eine höhere Instanz, eine neutralere, objektivere und höhere Ebenen. Und die gibt es - in allen endlichen Strukturen -die wir kennen aber auch nicht kennen, sogar von automatisiert allgemein bis hin zu persönlich individuell: Eine Konsequenz, ein Gericht, eine Weggabelung, eine Trennung und eine Beurteilung anhand deutlich mehr oder sogar bis hin zu allen existenten Informationen. Wer Gott einmal besser verstanden hat, merkt schnell, wir alle kämpfen nicht gegen Andere, sondern final immer nur gegen uns selbst, auch wenn das Andere abbekommen und erfahren. Die wahren Kriege, den tiefen Frieden, die bleibenden Siege, diese erringen wir nur in uns selbst, ja im Größeren, in Gott, als konstruktive und vertrauensvolle Überwinder der Endlichkeiten und endlichen Strukturen (seien es Menschen oder alle Arten von bekannten und unbekannten Lebensformen) mit all ihren Unvollkommenheiten bis hin zu Sünden. Da wird es holprig und kann es sehr steinig werden, aber nicht für immer ... da sich wohlgefälligere Endlichkeiten in den wohlgefälligen Unendlichkeiten willkommen und sukzessive auflösen, je mehr sie Gottes Geist verinnerlichen. D.h. die Anderen sind in der gleichen Situation wie wir, vielleicht auf einer f...
Freitag 13 Okt 2023
Hallo Pneuma,

"wir alle kämpfen nicht gegen Andere, sondern final immer nur gegen uns selbst, auch wenn das Andere abbekommen". Das finde ich sehr richtig. Wer mit sich selbst Frieden hat, kann auch, soweit es an ihm liegt, mit anderen Menschen Frieden haben. Das Problem ist nur, dass wir so oft mit uns selbst keinen Frieden haben oder durch das Schema der Welt, zu dem auch "gelenkte Informationen und beschränkte Sichtweisen" gehören, zum Unfrieden getrieben werden. Wie können wir dem entkommen? Nur, indem wir uns dem Denkschema, das in der Welt herrscht, widersetzen und unser Denken, unseren Sinn erneuern lassen. Das schaffen wir nicht aus eigener Kraft, sondern nur so, dass wir die Kraft Gottes, seinen Geist, in uns wirken lassen. Diese Kraft ist da, und nun stellt sich tatsächlich die Frage, ob wir den Willen haben, ihn zur Wirkung kommen zu lassen. Wenn dieses Wunder geschieht, wenn Gott unser steinernes Herz durch ein neues ersetzt und unseren Sinn durch einen neuen Geist (Ez 36,26), dann werden auch Mitleid, Mitgefühl und Verständnis für alle von Gott geschaffenen Kreaturen in uns Raum gewinnen!
Samstag 14 Okt 2023
Hallo Klaus,

danke für diesen ausführlichen Beitrag. Es gibt eine im Menschen und auch bei vielen Tieren schon angelegte Logik der Macht. Diese schließt die Logik des Kriegs mit ein und hat immer große Bedeutung bei der Entwicklung der Menschheit gehabt, so sehr, dass Heraklit sogar mal das Wort geprägt hat, der Krieg sei der Vater aller Dinge.

Jesus hat dem die Logik der Liebe entgegengesetzt, bis hin zur körperlichen Selbstaufopferung, und damit erkennbar die scheinbar allgemeingültige Logik der Macht und die Macht des Todes gebrochen, uns davon erlöst.

Das ist der Schatz, der uns Christen mitgegeben ist. Wenn es uns gelingt, das zu leben, bringen wir die Menschheit weiter.

Vermutlich meinen wir das Gleiche, aber ich mag es nicht mit politisch-militärischem Tagesgeschehen vermengen, und mich überzeugt auch mehr, was Jesus getan hat, als das, was Paulus dazu geschrieben hat. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich ohne Paulus wohl nichts von Jesus wüsste.

Viele Grüße

Thomas
Sonntag 15 Okt 2023
Hallo Thomas,

danke für deinen zustimmenden Beitrag. Meine Frage ist tatsächlich, wie man dieser Logik des Krieges - zwar nicht immer, aber in den meisten Fällen - entkommen kann. Dazu fällt mir nur die Logik der Liebe ein, die Jesus nicht nur verkündet, sondern auch gelebt hat. Und die Logik der Liebe ist für mich keine bloße Theorie, wie die Bezeichnung "Logik" nahelegen könnte, sondern ein Denken, das für die Praxis ungeheuer relevant ist. Über eine Theorie der Logik der Liebe wird man schnell Einigkeit erzielen, weil alle vorgeben, nicht töten, sondern lieben zu wollen. Die Unterschiede kommen aber zutage, wenn es um die Praxis in einer bestimmten Situation geht.

Dass der Satz "Der Krieg ist der Vater aller Dinge" von Heraklit ist, wusste ich noch gar nicht.

Viele Grüße
Klaus
Michael KRÖGER
Dienstag 17 Okt 2023
Hallo Klaus
deinen für Deinen klaren Text. Bezüglich Heraklits "Kriegs-Logik" möchte ich noch ein kluges Zitat der Autorin Susan Sontag ins Feld führen. Vielleicht auch um einer Logik des Friedens das Wort zu geben ...

Sontag schreibt in ihrem Essay "Das Leiden anderer betrachten" (2003): "...es gibt zuviel Ungerechtigkeit in dieser Welt. Und zu viel Erinnerung verbittert. Frieden schließen heisst vergessen. Versöhnung macht es erforderlich, die Erinnerung einzuschränken und zu verformen." Im Moment des Vergessenkönnens ist plötzlich vieles unerwartet und wie ganz neu möglich ....

Viele Grüsse
Michael


Dienstag 17 Okt 2023
Hallo Michael,

vielen Dank für deine Ergänzung. Interessant wäre, darüber nachzudenken, wie wir Erinnerungen einschränken und verformen können - also doch nicht ganz vergessen? Vielleicht besteht Versöhnung ja darin, trotz des Unvergesslichen den Frieden zu suchen.

Viele Grüße
Klaus
Michael Kröger
Donnerstag 19 Okt 2023
....Frieden wäre dann die Fähigkeit unsere Erinnerungen so zu formulieren, dass sie in der Gegenwart keinen Zwang mehr auf uns ausübt uns ein bestimmtes aggressives Handeln vorzuschreiben....
Donnerstag 19 Okt 2023
Ja, Friede resultiert aus einer Reformulierung unserer Erinnerungen in der Weise, wie du es beschreibst. Die Frage ist nur, woher die Kraft dieser Reformulierung, die sich ja nicht unbedingt nahelegt, wie die Weltgeschichte gerade wieder vielfach zeigt, kommt ...
Donnerstag 19 Okt 2023
Friede ist etwas Revolutionäres, ist der Umsturz des Denkens und Handelns schlechthin, also gerade nicht das "Normale" und Selbstverständliche, wie die Aussagen des Paulus, die ich im Artikel zitiert habe, deutlich zum Ausdruck bringen.
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