Das rastlose Getriebensein und die wahre Begegnung
Wie Nächstenliebe die Todessehnsucht stillt
Klaus Straßburg | 10/01/2025
Zwischen Ich und Du steht kein Zweck, keine Gier und keine Vorwegnahme;
und die Sehnsucht selber verwandelt sich,
da sie aus dem Traum in die Erscheinung stürzt.
(Martin Buber)
Gerade sind wir vom nach Glühwein und gebrannten Mandeln riechenden Weihnachtsmarkt zur feuchtfröhlich-lauten Silvesterfeier geeilt, und schon stürmen wir erwartungsvoll zur hochgelobten Ausstellung der weltberühmten Künstlerin, um danach keinesfalls das Theaterstück zu verpassen, das den Dramatiker schlagartig in die erste Liga der weltweit gespielten Autoren katapultierte. Im Anschluss daran erwartet uns schon der neue Kinohit, in dem uns wie nie zuvor ein Spiegel vorgehalten wird, und lässt uns kaum Zeit, den in neue Weltsichten führenden Vortrag des an einer Exzellenzuniversität lehrenden neuen Sterns am deutschen Professorenhimmel anzuhören.
Und als wir etwas außer Atem geraten in der Ruhe unseres Schlafzimmers ankommen, spüren wir, dass wir weder dem Grund noch dem Sinn des Lebens auch nur einen Deut nähergekommen sind. Zurück bleibt der fade Geschmack einer vertanen Zeit oder auch die Erinnerung an ein paar Stunden, mit denen wir unsere Langeweile und unseren Überdruss verdrängt haben.
Diese Gedanken kamen mir nach dem Lesen des Veranstaltungskalenders einer deutschen Großstadt. Natürlich drängen nicht alle ins Museum und Theater, sondern haben andere bevorzugte Eventorte: das Fußballstadion, die Gourmetmeile, den Konsumtempel, den Club, die Konzerthalle, die politische Tagung, die religiöse Gemeinschaft, das verlockende Land in der Ferne oder irgendeinen anderen Ort. Es geht dabei nicht um einen ereignisreichen Tag, sondern um den anhaltenden Prozess des Getriebenseins von einem angeblich überragenden Megaevent zum anderen.
Ist dieses rastlose Getriebensein die Quintessenz unserer Zeit?
Ist dieses rastlose Getriebensein die Quintessenz unserer Zeit? Ich kann mich von der Versuchung, dem Drang nach Neuem, Bereicherndem, Exklusivem nachzugeben, nicht ausschließen. Und darum kenne ich auch das Gefühl, das sich nach einem Museums-, Theater- oder Konzertbesuch mitunter einstellt: Was hat mir das eigentlich gebracht? Warum bin ich da hingegangen? Es war doch eigentlich geistlos und unbedeutend, es hatte mit meinem Leben nichts zu tun.
Natürlich gibt es auch bereichernde Erfahrungen – aber eher selten. Manchmal gibt es auch ein Gefühl aus dem Graubereich: Naja, das war ein wenig erhellend oder auch amüsant, aber es war nichts Herausragendes. Es war bedeutend weniger als das, als was man es ankündigte und als das, was ich erwartet hatte. Und das ist auch ein Teil des Problems: dass die Ankündigungen maßlos übertreiben und uns immer wieder und ohne ein Ende der Steigerung eine irreale Exklusivität vorgaukeln. So kommt beides zusammen: unsere Sehnsucht, unser süchtiges Sehnen nach dem Besonderen, nie Dagewesenen, und die Werbung, die dieses Sehnen zu erfüllen, diese Sucht zu befriedigen verspricht. Ich verurteile niemanden, der daran teilhat, sondern versuche, einen gesellschaftlichen Prozess bewusst zu machen.
Was ist es denn, dass gerade wir, die wir so viel mehr haben als die große Masse der Menschen, so sehr nach noch mehr und immer mehr, nach dem großen Beglückenden und Einsicht Vermittelnden uns sehnen? Das sagt uns doch, dass all unser materieller Reichtum und unsere rationalen Erkenntnisse uns nicht das Glück vermitteln, das wir uns von ihnen versprochen haben, sondern uns im Gegenteil als einen unbefriedigten, enttäuschten und in der Tiefe seiner Seele verzweifelten Menschen zurücklassen, einen Menschen, der auf der dauernden Jagd nach dem Glück immer schneller, hastiger und unbefriedigter durch das Leben hetzt, um zuletzt von einer großen Unerfülltheit erfüllt zu sein, von einer Leere in unseren bis an den Rand mit Gütern gefüllten Behausungen, von einer bedrückenden Sinnlosigkeit in unseren mit Erkenntnissen wie nie zuvor gefüllten Gehirnzellen.
Die Kriegsbegeisterung verkehrt die Lebenssehnsuchtin Todessehnsucht
Und geradezu grausam wäre es, wenn wir einsehen müssten, dass unser bisheriges Leben uns nicht den Zugang zum Glücksgeheimnis eröffnen kann, sondern uns den Weg in die Zerstörung des Lebens ebnet, in die Zerstörung als den einzigen Ausweg aus der Langeweile, dem Überdruss und der Leere, in den Krieg gegen den Feind, der sich immer finden lässt, sei es in der uns im Weg stehenden Natur oder schließlich im absolut bösen Nebenmenschen, der für unsere Misere verantwortlich gemacht wird. Wo die innere Leere unerträglich wird, kann der Krieg, in dem wir unser Leben einsetzen und das des Nächsten auslöschen, die Erlösung aus dem tatenlos-hetzenden Phlegma und der leeren Langeweile sein.
Das alles hat es schon gegeben. Manche Tagebücher aus der Zeit des Ersten Weltkriegs zeugen davon. Alle, die mit Begeisterung in den Krieg zogen, zeugen davon. Und die gegenwärtige Kriegsbereitschaft, Kriegsunterstützung, Kriegstüchtigkeit ist zwar noch keine offene Begeisterung für den Krieg, aber sie ist auf dem Weg dorthin und ihr schon bedenklich nah ...
Die Kriegsbegeisterung ist die schlimmste Ausprägung unserer Verlorenheit. Sie verkehrt die Lebenssehnsucht in Todessehnsucht. Denn wo das echte, das erfüllte Leben unerreichbar erscheint, muss der Tod gesucht werden. Erst der Tod ist dann die letzte mögliche Erfüllung des Lebens. So zerstört die Kriegsbegeisterung das, was sie ersehnt. Sie ist der unbewusste Hass auf das Leben.
Dem Hass auf das Leben können wir nur die Liebe zum Leben entgegensetzen. Aber woher nehmen wir diese Liebe? Sie stellt sich dort ein, wo ein Mensch die Erfüllung seiner selbst im Mitmenschen findet. Der göttliche Gedanke "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei" (1Mo/Gen 2,18) ist keine Trivialität, sondern eine Wesensbeschreibung des Menschen. Das Leben begegnet mir im mir nahe- oder auch fernstehenden Anderen, der liebenswert ist gerade in seiner Andersheit. Auch in seiner unbequemen Andersheit. Nur dann nicht mehr, wenn er sich, selbst von Lebensleere beherrscht, also den Tod suchend, jeder Liebe entzieht.
Und so ist doch unser rastloses Suchen nach dem neuen Event im Grunde oft ein Ausbrechen aus unserer Einsamkeit, ein Sehnen nach der Begegnung mit dem Anderen, nach einer Stunde, in der wir uns in einer Gemeinschaft der Zuhörenden, Zuschauenden, Gleichgesinnten aufgehoben fühlen, ein Sehnen freilich, das an den Orten unserer Events unerfüllt bleiben muss, weil diese Orte sich auf das jeweilige Event konzentrieren und nicht auf den Menschen neben mir und deshalb keine wahre Begegnung ermöglichen.
Wer sich öffnet, ist schon in der Begegnung
In der wahren Begegnung nehmen wir den Anderen als Anderen wahr, nehmen ihn in uns auf, lassen uns von ihm bereichern oder auch abstoßen, doch auch dadurch bereichern. Und wir geben uns preis, sind endlich ehrlich und unverstellt, legen unsere Maske ab, schauen in unser Innerstes, sofern wir dazu noch in der Lage sind und die Angst davor uns nicht beherrscht, und öffnen unser Eigenstes dem Anderen. Wir machen uns damit verletztlich, schwach, aber gerade darin sind wir stark, denn wir geben uns und dem Anderen die Möglichkeit, einander wahrhaft zu begegnen. Wer sich verschließt, kann niemandem begegnen und bleibt einsam. Wer sich öffnet, ist schon in der Begegnung.
In der wahren Begegnung machen wir bereichernde Erfahrungen, bereichern wir uns gegenseitig durch die ausgetauschten Gefühle, Gedanken und Taten. Dies ist nur möglich, wenn wir über den oberflächlichen Small Talk hinausgehen, der nichts eröffnet und niemanden erfüllt. Und wenn wir uns auf den Menschen konzentrieren statt auf ein Event. Und wenn wir uns nicht auf die bloße Entgegensetzung von Thesen beschränken, wie es heute die Regel ist in öffentlichen Diskursen, die also kein Austausch sind und darum auch keine Begegnungen. Solche Pseudo-Begegnungen erfüllen nicht, sondern entleeren. Wir gehen aus ihnen als entleerte, einsame Menschen hervor.
Die Einsamkeit ist in unserer Zeit der grenzenlosen Kommunikationsmöglichkeiten eine Massenerscheinung. Die digitale Kommunikation kann offenbar die analoge nicht ersetzen. Wir sind leibliche Menschen und benötigen als solche leibliche Nähe, auch wenn wir uns aneinander reiben. Sich aneinander zu reiben schließt wahre Begegnung nicht aus, sondern ein. Denn nur in der Reibung werden wir des Anderen in seiner Andersheit gewahr. Leiblichkeit ist deshalb ein wesentliches Merkmal jüdischen und alttestamentlichen Denkens. Und man kann fragen, ob es etwas mit Gewalt, Kriegsbegeisterung und Unfähigkeit zur Begegnung zu tun hat, dass das europäische Christentum das leibliche Leben in eklatanter Weise abgewertet und an Gewalt und Tod übergeben hat, um es durch ein leibloses ewiges Seelenleben zu ersetzen.
Im leidenden und uns fremden Mitmenschenbegegnet uns in gewissem Sinne Gott selbst
Der jüdische Philosoph Emmanuel Lévinas hat betont, dass sich die wahre Begegnung nicht von mir her, sondern von der Andersheit des Anderen her einstellt. Das entspricht der Perspektive, die Jesus einnahm, als er die Frage, wer einem Menschen der Nächste sei, nicht vom Fragenden her beantwortete, sondern vom Mitmenschen her (Lk 10,29-37): Nicht der Fragende bestimmt, wer ihm, dem Fragenden, der Nächste sei, sondern der jeweils Andere fordert die Antwort darauf, wer ihm, dem Anderen, der Nächste ist. Nicht ich bestimme, wer mein Nächster ist, sondern mein Mitmensch stellt mich in die Verantwortung, ihm der Nächste zu sein. Die wahre Begegnung hat nicht darin ihren Ursprung, dass ich sie einem von mir erwählten Anderen gewähre, sondern darin, dass der Andere in seiner Andersheit mich zu einer wahren Begegnung mit ihm herausfordert.
Diese Herausforderung kann jederzeit geschehen. Sie ist ein unverfügbares Ereignis, das mir abverlangt, stets auf eine Begegnung mit dem Anderen in seiner Andersheit eingestellt zu sein, mich jederzeit für sie bereit zu halten. Diese Einstellung entrückt mich dem Kreisen um mich selbst, relativiert meine gerade ins Auge gefassten Projekte und die angepeilten Orte, indem sie mich für den Anderen sensibilisiert, der sich unerwartet und unverfügbar mir in den Weg stellt, meinen Weg unterbricht und in die ihm eigene Spur lenkt.
So entsteht eine Offenheit für die wahre Begegnung mit dem Anderen, die keine Angst vor dieser Begegnung kennt, keine Angst, sich selbst darin zu verlieren. Vielmehr erfährt der, der sich in seinen Aktivitäten unterbrechen lässt und eine wahre Begegnung zulässt, das Glück dieser Begegnung, ihre Sinnhaftigkeit und Bereicherung. Auch das drückte Jesus aus: Wer sich selbst, seine Seele, seinen Lebenssinn, in der wahren Begegnung verliert, indem er dem Anderen zum Nächsten wird, findet Sinn und Ziel seines Lebens (Lk 9,24b). Wer die Herausforderung annimmt, sich dem Anderen zu öffnen, sich von ihm in seiner Andersheit berühren zu lassen und so ihm wahrhaft zu begegnen, der findet das, wonach er sich sehnt: die Erfüllung seines Lebens und Erlösung von der Lebensleere und vom Hass auf das Leben, dem Hass, der sich schlimmstenfalls in der Kriegsbegeisterung äußert.
Das gilt sowohl für die Begegnung mit dem Menschen als auch für die Begegnung mit Gott. Beides fällt im christlichen Glauben zusammen. Denn im leidenden und uns fremden Mitmenschen begegnet uns in gewissem Sinne Gott selbst (Mt 25,31-46).
Wer dem Anderen die Wahrheit sagt, auch wenn sieunbequem ist, begegnet ihm als sein Nächster
Lässt man sich auf die Andersheit des Anderen ein, dann führt die Begegnung mit ihm ins Leiden. Denn die Andersheit des Anderen kann zwar in seiner Lebensfreude und seiner Liebe bestehen, aber auch in seinem Leiden oder in seiner Bosheit. Jesus scheute weder das eine noch das andere. Wo Martin Luther übersetzte, dass das Ansehen eines leidenden Menschen Jesus "jammerte" (z.B. Lk 7,13), meint der griechische Text, dass es ihm durch Mark und Bein ging. Darin liegt unsere menschliche Möglichkeit, den Blick nicht vom Leidenden abzuwenden, uns vielmehr im Innersten von ihm treffen zu lassen, anrühren zu lassen, uns nicht zu verhärten, sondern unsere Taten und Pläne erweichen zu lassen vom Anderen, unseren Weg zu unterbrechen, innezuhalten, das Leid an uns heranzulassen und die Schmerzen des Anderen so wahrzunehmen, als würden wir sie am eigenen Leib spüren, und das auszuhalten, ohne uns zu betäuben oder den Leidenden zu ignorieren. So lassen wir die Andersheit des Anderen in uns hinein, öffnen ihm unser Herz, nehmen seine ganze Andersheit in uns auf und sind bereit, sein Leid zu teilen und zu mindern. Und so erleben wir das Glück der wahren Begegnung.
Dasselbe gilt für den Bösen. Es liegt uns nicht, dem Bösen Gutes zuzutrauen. Lieber legen wir ihn auf sein Böses fest, was den Vorteil hat, dass wir selbst in einem umso besseren Licht erscheinen. Wir könnten ihm aber auch entgegenkommen, wie Jesus es tat (z.B. Lk 19,1-10), indem wir nicht nur seine Bosheit sehen und ihn auf sie festlegen, sondern auch seine positiven Potentiale bewusst in den Blick nehmen und ihm die Chance gewähren, sich zu verändern. Wir könnten ihn mit seinen Schwächen, seinen Verletzungen, seinen Sehnsüchten wahrnehmen, könnten ihm zum Nächsten werden und ihn zu heilen versuchen, indem wir wiederum unseren Weg unterbrechen und uns um ein Einvernehmen bemühen, indem wir die Wunden, die ihm zugefügt wurden, die wir selbst ihm vielleicht zugefügt haben, zu heilen versuchen. Stattdessen ist es üblich, dass der Böse ausschließlich als böse betrachtet wird, der zu meiden, auszugrenzen und zu bestrafen ist.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Es geht nicht um ein unkritisches Umarmen des Bösen. Jesus war nicht nur entgegenkommend, sondern auch kritisch – kritisch gegenüber seinen Jüngern, den "Kleingläubigen", kritisch gegenüber den religiösen Autoritäten, die selbstgerecht an ihre eigene Frömmigkeit glaubten und sich dadurch über den Anderen erhoben, und kritisch gegenüber denen, die nicht bereit waren, ihr Leben zu verändern. Mangel an Glauben Gott gegenüber, Glaube an sich selbst oder Konzentration auf das Haben statt auf das Sein fanden bei Jesus keine Zustimmung.
Wo Kritik angebracht ist, muss sie ausgesprochen werden. Wahrheit ist keine Kuschelanleitung, sondern kritische Wahrheit. "Besser, es gibt Skandal, als dass die Wahrheit zu kurz kommt", sagte Papst Gregor I. ("der Große") im 7. Jahrhundert. Gerade indem wir die Wahrheit sagen, öffnen wir den Anderen für seine eigenen Potentiale, die darin liegen, der Wahrheit entsprechend zu leben. Wer dem Anderen die Wahrheit sagt, auch wenn sie unbequem ist, begegnet ihm als sein Nächster. Wer die Wahrheit tut, auch wenn es gefährlich ist, findet Erfüllung und Lebenssinn. Jesus schreckte davor nicht zurück. Er nahm lieber Leid auf sich, als anderen Leid zuzufügen (Mt 26,51-53). Die Christen sollten es ihm gleichtun und das ihnen auferlegte Kreuz jeweils auf sich nehmen. Wenn sie ihren Lebensplan retten wollen, werden sie das Glück nicht finden. Wenn sie ihn aber umstellen um des Anderen willen, in dem Gott ihnen begegnet, dann werden sie die Erfüllung ihres Lebens erfahren.
Die wahre Begegnung ist befreiende Begegnung
Die wahre Begegnung ist befreiende Begegnung. Sie befreit vom Kreisen um sich selbst, vom unbefriedigten Jagen nach dem Neuen, Exklusiven, nach der ultimativen Erfüllung, nach dem unverlierbaren Sinn, der unserem Leben Bedeutung verleiht. Denn das Neue, das Exklusive, das Einzigartige ist der Mensch neben uns, dem wahrhaft zu begegnen unsere Einsamkeit vertreibt und uns mit tiefer Freude und Glück erfüllt. Die wahre Begegnung ist deshalb nichts Erzwungenes, Erzwingbares, sondern unsere befreiende Entscheidung, des Anderen Nächster zu sein.
Das bedeutet nicht, dass solche Begegnung ein Leichtes sei, das uns zufliegt und sich selber trägt. Im Gegenteil: Solche Begegnung benötigt Kraft. Es ist die Kraft, sich selbst zu "entäußern", wie es unsere Bibelübersetzungen von Jesus sagen (Phil 2,7). Gemeint ist, sich selbst innerlich zu entleeren, zu entblößen, zu berauben, also schwach zu werden in einer Schwachheit, die Stärke ist (2Kor 12,9f). Wahre Begegnung benötigt den Rückzug aus dem beständigen Streben und Rasen, den Rückzug aus dem Herstellen immer neuer Eventerlebnisse und aus der Bewegung überhaupt hin zu einem Innehalten, einem Ruhen, einem Sich-Besinnen, wie es der siebente Schöpfungstag uns nahelegt und wie Jesus es praktizierte, indem er, über den Sabbat hinaus, sich immer wieder zurückzog in das Alleinsein des Kraft schöpfenden Gebets (z.B. Lk 5,16).
Dabei wird nichts erstrebt, sondern vom Streben geruht, nichts in sich aufgenommen, sondern alles abgelegt im Vertrauen zu der freundlichen, lebenschätzenden, zukunftsträchtigen Macht, die wir Gott nennen, oder besser gesagt: Es wird alles Belastende abgelegt und so Platz geschaffen für das Gute, Lebenschaffende, Zukunftsträchtige, das im vertrauenden Ablegen zugleich von dieser Macht her uns zufließt.
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Verwendete Literatur:
- Martin Buber: Das dialogische Prinzip. 8. Aufl. bei Lambert Schneider im Bleicher Verlag GmbH, Gerlingen 1997. Das Buber-Zitat findet sich auf Seite 15f.
- Barbara Staudigl: Emmanuel Lévinas. UTB 3262. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009.
Foto: Gerd Altmann auf Pixabay.
