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Darf ein barmherziger Samariter bewaffnet sein?

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Veröffentlicht von in Theologie aktuell · 22 November 2022
Tags: EthikFriedeKriegUkraineWahrheitPolitik

T h e o l o g i e   a k t u e l l
Darf ein barmherziger Samariter bewaffnet sein?
Wie die evangelische Kirche um die Friedensethik ringt (Teil 2)
Klaus Straßburg | 22/11/2022

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ringt um eine christliche Ethik in Bezug auf den Ukraine-Krieg. Am Reformationstag hielt die EKD-Ratsvorsitzende, Annette Kurschus, dazu eine Predigt in der Schlosskirche zu Wittenberg – und wurde mit einem Internet-Shitstorm abgestraft. Gut zwei Wochen später diskutierten der Friedensbeauftragte der EKD, Landesbischof Friedrich Kramer, und die Grünen-Politikerin und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Katrin Göring-Eckardt, in der Thomaskirche Erfurt über dasselbe Thema.

Es lohnt, auf beide Ereignisse einen genaueren Blick zu werfen. Ich werde mich in diesem Beitrag mit der Diskussion zwischen dem Friedensbeauftragten und der Grünen-Politikerin beschäftigen und in einem weiteren Artikel mit der Predigt der höchsten Repräsentantin der deutschen evangelischen Christenheit.

Am 16. November trafen also in Erfurt ein Christ und eine Christin aufeinander, um ihre Positionen zur evangelischen Friedensethik und speziell zum Ukraine-Krieg abzustecken. Die beiden sind offenbar gut miteinander bekannt, denn sie duzten sich. Göring-Eckardt ist nicht nur Grünen-Politikerin, sondern auch Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentages und der EKD-Synode (laut Wikipedia).

Der Deutschlandfunk berichtete in seiner Sendung "Tag für Tag" am 18. November über die Diskussion und strahlte auch einige Live-Mitschnitte aus. Da mir eine vollständige Aufzeichnung der Diskussion nicht vorliegt, beziehe ich mich auf die vom Deutschlandfunk gesendeten Auszüge.


1. Der bewaffnete Samariter

Der erste gesendete Redebeitrag kam von Göring-Eckardt:

Die Ukrainer, Frauen, Männer, Alte, Kinder, sind unter die Räuber gefallen, und die Frage an uns ist: Sind wir der barmherzige Samariter, die Samariterin, wie immer Sie wollen, und helfen wir jetzt unmittelbar nicht nur mit Waffen, aber auch, also kurz gesprochen: Ja, lass uns derjenige sein, der hilft und der den, der unter die Räuber gefallen ist, nicht liegen lässt und vorbeigeht.

Göring-Eckardt stützt ihre Befürwortung von Waffenlieferungen also auf Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,30-35). Sie möchte dem ukrainischen Volk Barmherzigkeit erweisen und Hilfestellung im Kampf gegen den Angreifer leisten. Doch wird an dieser Stelle jeder, der das Gleichnis kennt, stutzig werden. Denn weder ist im Gleichnis von bewaffneten Angreifern die Rede noch von einem bewaffneten Samariter, der die Angreifer mit Gewalt in die Flucht schlägt oder seine Waffen dem unter die Räuber Gefallenen zur Verfügung stellt, damit dieser sich erfolgreich verteidigen kann. Das ist auch gar nicht möglich, weil der Angegriffene schon halbtot am Wegesrand liegt.

Es geht also in Jesu Gleichnis gar nicht um die Rettung eines Menschen mit Hilfe von Gewalt, sondern es geht darum, dass der Samariter auf seinem Weg anhält, sich Zeit für den Verletzten nimmt, eine Erstversorgung vornimmt, ihn auf sein Tier lädt und eine Herberge sucht, in der er ihn weiter versorgt. Dort bleibt er über Nacht, beauftragt den Wirt am folgenden Tag, die weitere Pflege zu übernehmen, und übernimmt die Kosten dafür.

Man fragt sich unwillkürlich: Was ist das für eine Schriftauslegung, die Göring-Eckardt da praktiziert? Wie kann es zu solch einer eklatanten Fehlauslegung kommen? Da ich Göring-Eckardt keine bewusste Täuschung unterstellen möchte, kann ich mir nur vorstellen, dass hier der Wunsch der Vater des Gedankens war. Oder anders gesagt: Sie meinte, etwas in der Bibel gefunden zu haben, was ihre eigene Position unterstützt, und übersieht völlig die strukturellen Unterschiede des biblischen Gleichnisses zur Kriegssituation in der Ukraine.

Diese Gefahr ist bei jeder Schriftauslegung gegeben. Man kann auch von selektiver Wahrnehmung sprechen. Das heißt, flapsig ausgedrückt: Man nimmt am biblischen Text nur das wahr, was einem gerade in den Kram passt.


2. Vorsicht vor ethischen Abstraktionen

Friedrich Kramer äußerte sich in der Diskussion so:

Ich sage als Christ klar "Nein" zu Waffen, weil Waffen töten. Ich finde den Satz unerträglich, dass Waffen Leben retten, das ist mir eine Verschleierung. Waffen sind zum Töten da, und die werden auch, wenn wir sie jetzt liefern, sofort dafür eingesetzt. Waffen werden auf jeden Fall den Konflikt verlängern und auch mehr Tote schaffen. Ich bin der festen Überzeugung, dass auch der Feind ein Lebensrecht hat, wiewohl es nicht einfach ist, das will ich auch sagen. Ich spreche niemandem sein Christsein ab, der sich für Waffenlieferungen ausspricht, weil es eine Ambivalenz ist. Allerdings, um beim Gleichnis zu bleiben: Der barmherzige Samariter bewaffnet nicht den unter die Räuber Gefallenen, sondern er hilft ihm zu überleben.

Kramer lehnt es ab, dass Waffen Leben retten. Ich weiß nicht, ob diese Aussage prinzipiell gemeint war oder auf die konkrete Situation des Ukraine-Kriegs gemünzt. Sollte sie prinzipiell gemeint gewesen sein, müsste man widersprechen: In bestimmten Situationen können Waffen Leben retten. Auch in Kriegen kann das der Fall sein, zum Beispiel wenn es darum geht, die Vernichtung eines Volkes oder einer großen Gruppe innerhalb der Bevölkerung zu verhindern. Auf das Thema "Völkermord" werde ich noch zurückkommen.

Dem Einsatz von Waffen könnte entgegenstehen, dass auch der Feind ein Lebensrecht hat, wie Kramer betont. Aber auch diese Aussage ist nicht so eindeutig, wie sie erscheint. Unter christlichem Gesichtspunkt hat Gott zwar jedem Menschen das Leben geschenkt und will es auch dem gottlosen und bösen Menschen gnädig bewahren. Aber von einem eigenständigen Recht auf Leben kann dabei keine Rede sein. Das Leben ist vielmehr eine unverdiente Gnade Gottes, und Gott kann dem Menschen auch seine Gnade entziehen.

Im Übrigen weiß auch das weltliche Recht darum, dass einem Menschen, der andere Menschen mit dem Tode bedroht, im Notfall sein Leben genommen werden kann, zum Beispiel durch den sogenannten "finalen Rettungsschuss" der Polizei. Man wird also nicht pauschal und abgelöst von der jeweiligen Situation behaupten können, jeder Feind habe ein Lebensrecht. Auch hier gibt es Ausnahmen.

Sollte Kramer seine Aussagen konkret auf den Ukraine-Krieg bezogen haben, so könnte ich ihm insofern zustimmen: Die Aussage, dass der Einsatz von Waffen Leben rettet, verschleiert, dass dieser Einsatz viele Menschenleben fordert.

Auf die konkrete Situation bezogen wird man feststellen können: Ohne eine Verteidigung der Ukraine gäbe es einen souveränen ukrainischen Staat nicht mehr. Andererseits würden ohne eine Verteidigung noch mehr als zehntausend getötete Menschen leben, und sehr viele weitere wären nicht verkrüppelt, traumatisiert, bis an ihr Lebensende gezeichnet oder hätten all ihr Hab und Gut verloren.

Der dauerhafte Einsatz von Waffen schützt also die ukrainische Staatlichkeit, verlängert aber den Krieg und führt dazu, dass mehr Soldaten und Zivilisten sterben, um die staatliche Souveränität der Ukraine zu bewahren. Ich werde darauf noch zurückkommen.

An dieser Stelle möchte ich nur festzuhalten, dass man in ethischen Fragen sehr aufpassen muss, ob man abstrakte Aussagen macht, die angeblich immer und überall gelten, oder ob man eine Aussage über das Handeln in einer konkrete geschichtlichen Situation macht. Die Diskussion um den Ukraine-Krieg wird oft mit abstrakten ethischen Aussagen geführt, zum Beispiel "Töten ist immer falsch" oder "Jeder Staat hat das Recht, sich mit Waffengewalt zu verteidigen". Das sind wie Gesetze formulierte Thesen, bei denen die konkrete Situation außer Acht gelassen wird.

Auch die Zehn Gebote und die anderen Gesetzestexte des Alten Testaments bieten uns keine Handlungsanweisungen für jede denkbare Situation. Solch eine jeden denkbaren Fall regelnde Ethik ist gar nicht möglich. Die biblischen Weisungen stellen aber Eckpunkte dar, an denen man sich in jeder neuen Situation orientieren kann.

Unsere Aufgabe ist es daher, immer neu zu fragen, was die biblischen Weisungen in der gegenwärtigen Situation bedeuten. Jesus hat auf diese Weise in der Bergpredigt die Zehn Gebote aktualisiert (Mt 5,21-48) und das Doppelgebot der Liebe als Ziel der Gebote verstanden (Mt 22,34-40). Ähnlich hat Paulus die Liebe als Erfüllung des Gesetzes bezeichnet (Röm 13,10).


3. Wann liegt ein Völkermord vor?

Weitere Stellungnahmen der beiden Diskutierenden, die der Deutschlandfunk sendete, fielen so aus:

Göring-Eckardt:
Es geht um Okkupation, es geht aber auch um die Ausrottung eines Volkes, auch die Ausrottung von Sprache, auch die Ausrottung von Kultur. Das bedeutet, dass Kinder verschleppt werden, Waisenkinder, auf die andere Seite der Grenze. Und wenn wir das vor Augen führen, dann reden wir nicht mehr nur von völkerrechtswidrigem Angriff, sondern dann reden wir tatsächlich von Völkermord.

Kramer:
Ich behaupte, dass sich Pazifisten nicht raushalten, das ist schon eine Unterstellung. Ich könnte auch sagen, wer Waffen liefert, hält sich raus, denn wir halten uns ja faktisch alle raus und wir wollen uns auch raushalten. Und diese Frage, Katrin, die du aufmachst mit der Frage der Vernichtung eines Volkes: Das ist ein sehr schwerwiegender Vorwurf. Den hatten wir im Kosovo-Krieg auch. Er hat sich dort nicht in der Weise bestätigt. Man kann die Angriffe auf die zivilen Einrichtungen auch anders deuten, auch militärisch deuten. Aber ich glaube nicht, dass das durch Waffenlieferungen besser wird. Also, ich würde sagen: Sofort Waffenstillstand.

Göring-Eckardt wirft also Russland nicht nur einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg vor, sondern Völkermord (Genozid). Das ist in der Tat ein schwerer Vorwurf, der, wenn er richtig wäre, wohl den Einsatz von Waffengewalt nötig machen würde. Darum ist die Frage zu beantworten, wann ein Genozid vorliegt.

Nach der UN-Konvention "über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes" von 1948  liegt ein Völkermord dann vor, wenn beabsichtigt ist, auf direkte oder indirekte Weise "eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören" (laut Wikipedia).

Demnach ist nicht jeder Krieg, bei dem die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft gezogen wird oder Zivilisten umkommen, ein Völkermord. Wikipedia nennt als allgemein anerkannte Völkermorde unter vielen anderen den Völkermord an den Armeniern (300.000 bis 1,5 Millionen getötete oder deportierte Menschen) und an den syrischen Christen während des 1. Weltkriegs (100.000 bis 250.000 Opfer) und die Völkermorde an den Sinti und Roma sowie den Juden in der Zeit des Nationalsozialismus (220.000 bis 500.000 ermordete Sinti und Roma und 5,5 bis 6,3 Millionen ermordete Juden). Des weiteren wird der Völkermord an den Tutsi in Ruanda im Jahr 1994 mit 500.000 bis 1 Million Opfern genannt.

Um einen Vergleich anzustellen: In der Ukraine wurden bisher nach Zählungen des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte mindestens 6.557 Zivilisten getötet und 10.074 verletzt (Stand: 13.11.22).

Ein Vergleich mit dem Irakkrieg von 2003 zeigt, dass bei weit höheren Opferzahlen meines Wissens nicht von einem Völkermord gesprochen wurde. Nach einer Studie des Genfer Hochschulinsituts für internationale Studien wurden von Januar bis Dezember 2003 39.000 Zivilisten durch Gewalteinwirkung getötet. Die Johns-Hopkins-Universität Baltimore zählt in den ersten eineinhalb Jahren nach dem Angriff auf den Irak bis zu 100.000 zusätzlich Gestorbene. Darin sind auch Menschen enthalten, die durch die bürgerkriegsähnlichen Zustände nach der Auflösung der staatlichen Ordnung im Irak getötet wurden. Insgesamt liegen die Schätzungen über getötete Zivilisten zwischen 2003 und dem Abzug der amerikanischen Truppen im Jahr 2011 zwischen 100.000 und über 1 Million Menschen (alle Zahlen laut Wikipedia).

Ich möchte nicht verhehlen, dass ich dieses Zählen getöteter unschuldiger Menschen, unter denen auch Kinder sind, für ziemlich absurd halte. Denn jeder einzelne getötete Unschuldige ist schon einer zu viel. Man kommt aber unvermeidlich in die Lage des Zählens, wenn Waffenlieferungen an die Ukraine mit einem Völkermord begründet werden.

Angesichts der relativ niedrigen Zahlen getöteter Zivilisten kann aber offensichtlich von einem Völkermord in der Ukraine keine Rede sein. Wer dennoch wider besseres Wissen behauptet, es liege ein Völkermord vor, um seine politischen Ziele durchzusetzen, macht sich der Täuschung schuldig.

Ob Göring-Eckardt und andere wider besseres Wissen von einem Völkermord in der Ukraine sprechen, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls ist diese Behauptung offensichtlich nicht wahr, wenn man von der Definition der oben genannten UN-Konvention ausgeht.

Die Wahrheit aber ist gerade in Zeiten des Krieges und der Kriegspropaganda ein entscheidendes Gut. Theologisch ist Wahrheit mehr als die Übereinstimmung einer Aussage mit der Wirklichkeit. Sie ist vor allem ein Anteilhaben an der Wahrheit, die Jesus Christus ist (Joh 14,6), und bezeichnet so die Treue Gott gegenüber, also eine vertrauensvolle, wahrhaftige Gottesbeziehung. Dazu gehört dann auch ein Reden, das weder trügt noch täuscht und so Frieden stiftet (Spr 4,24; Jes 59,4; Jak 3,14; 1Petr 3,10-12 und öfter).

Im Hinblick darauf, dass Wahrheit immer aus heilen Beziehungen kommt und solche schafft, hat der evangelische Theologe Wilfried Härle formuliert:

Das rechte Wort ist das wahrheitsgemäße, das wahrhaftige, das aufrichtige, das ehrliche Wort. Denn nur das wahrheitsgemäße Wort gibt Orientierung, schafft echte, lebensdienliche Beziehungen zwischen Menschen, lässt die Vergangenheit und Gegenwart so sehen und stehen, wie sie ist, oder sagen wir vorsichtiger: so, wie sie uns erscheint [...]. Nur das wahrhaftige Wort lässt Zukunft planen und gestalten.
(Wilfried Härle: Ethik. Walter de Gruyter, 2. Aufl. Berlin / Boston 2018. S. 407)


4. Welcher Preis ist ethisch gerechtfertigt?

Der letzte vom Deutschlandfunk gesendete Redebeitrag kommt von Göring-Eckardt:

Aber was ist die Voraussetzung für Waffenstillstand, was heißt das? Wir sehen doch, dass die Waffen, die geliefert worden sind, dazu beigetragen haben, dass die Ukraine sich verteidigen kann, dass Luftabwehr stattfinden kann. Und wie du bin ich ja in der pazifistischen Bewegung in der DDR groß geworden. Ich bin jetzt auch nicht eine, die sagt: Das ist aber das Schönste, was ich mir jemals vorgestellt habe, dass wir uns ein bisschen militarisieren. Nein, wir sind jetzt in einer Situation, wo wir nicht mehr anders können, und wir haben sie auch selbst mit zu verantworten.

Kramer forderte sofort einen Waffenstillstand. Die Frage ist aber, wie man den hinbekommt, wenn beide Parteien ihn nur zu ihren jeweiligen Bedingungen wollen. Helfen könnte nur ein Dialog, in dem beide Kriegsparteien von ihren Maximalforderungen Abstriche machen.

Das aber wird von Göring-Eckardt abgelehnt. Sie weist darauf hin, dass die Ukraine sich nur mit Waffengewalt verteidigen kann. Dazu sind auch die vom Westen gelieferten Waffen nötig. Ihrer Meinung nach gibt es keine andere Lösung. Wir können nicht anders, als den Weg militärischer Gewalt zu gehen.

Das Argument, dass die Ukraine sich nur mit Waffengewalt verteidigen kann, ist richtig. Es gilt in jedem Kampf gegen einen Angreifer, wenn Strukturen ziviler Verteidigung nicht aufgebaut wurden. Man muss sich allerdings bewusst machen, dass es in der jetzigen Situation des Ukraine-Krieges nicht einfach darum geht, dass die Ukraine ihr Staatsgebiet verteidigt, sondern auch darum, dass sie angreift und die von den Russen besetzten Gebiete zurückerobert. Insofern geht es nicht nur um Waffen zum Schutz der Zivilbevölkerung und um Luftabwehr, wie man aus Göring-Eckardts Statement schließen könnte. Sie will die Rückeroberung offenbar als Verteidigung verstehen.

Die Verteidigung fordert allerdings einen hohen Preis an Menschenleben. Und jeder Staat, der sich verteidigt, muss sich fragen, welchen Preis er dafür zu zahlen bereit ist. Wie viel Zerstörung, wie viele Tote und lebenslang Geschädigte will er in Kauf nehmen? Wann ist der Preis zu hoch?

Aber auch diejenigen, welche die Ukraine mit Waffen unterstützen, müssen sich die Frage stellen, ob sie den Tod und die Schädigung so vieler Menschen in Kauf nehmen wollen. Diese Frage lässt sich meiner Meinung nach nicht aus dem relativ sicheren Sessel beantworten. Sie lässt sich nur beantworten, wenn man sich vorstellt, ukrainischer Staatsbürger zu sein und als solcher vor die Frage gestellt sieht, ob man selber bereit wäre, in den Krieg zu ziehen oder seine Kinder in den Krieg zu schicken – zum Töten und möglicherweise Getötet-Werden.

Um den Preis für den Krieg nicht zu hoch wirken zu lassen, wird der Gegenwert, den man dadurch erziehlt, manchmal stark gesteigert. Man argumentiert, dass die Ukraine auch Europa verteidige, weil Russland, wenn es aus der Ukraine nicht vollständig zurückgedrängt werde, früher oder später weitere europäische Länder oder gar NATO-Länder angreifen würde. Das erweckt den Eindruck, als stände im Ukraine-Krieg auch die Zukunft Deutschlands auf dem Spiel.

Die Mühe der russischen Armee mit einem militärisch unterlegenen Staat wie der Ukraine lässt weitere Angriffe Russlands meiner Meinung nach aber eher unwahrscheinlich erscheinen. Doch niemand weiß, was wirklich geschehen würde – so wie ja auch immer wieder eingestanden wird, man wisse nicht, was Putin wirklich wolle.


5. Mangel an biblisch-theologischer Argumentation

Wenn ich mich auf die wenigen vom Deutschlandfunk gesendeten Diskussionsauszüge beziehe, stört mich sehr, dass in dieser Diskussion zweier Christen überhaupt keine biblischen oder theologischen Argumente vorgetragen wurden – abgesehen von der verunglückten Auslegung des Samaritergleichnisses durch Göring-Eckardt und vielleicht von Kramers betont christlichem "Nein" zu Waffen.

Ich weiß natürlich nicht, was sonst noch gesprochen, aber nicht gesendet wurde. Jedoch begegnet mir das Phänomen auch in anderen Gesprächen unter Christen: Biblisch-theologische Begründungen scheinen in den Hintergrund zu treten. Man kommt immer wieder sehr schnell zu politischen Überlegungen, die ihre eigene Logik haben. Auch der Krieg hat seine eigene Logik. Diese unterscheidet sich aber fundamental von einer Logik der Liebe und damit des Friedens.

Die Berücksichtigung der konkreten Situation und damit auch politischer Überlegungen lässt sich zwar nicht ausschließen. Denn dann würde man wieder abstrakte Urteile fällen. Aber die politische Argumentation sollte die biblisch-theologische nicht verdrängen, sondern beide Argumentationen sollten zu ihrem Recht kommen. Das vermisse ich leider auch in vielen Diskussionen und Wortbeiträgen von Menschen, die einen christlichen Hintergrund für sich beanspruchen.

Göring-Eckardt meinte: Wir können nicht anders als militärisch einzugreifen. Ich halte das für eine fatale Aussage. Christliche Argumentation rechnet nicht nur mit menschlichem, sondern auch mit göttlichem Handeln. Ja, sie setzt ihre einzige Hoffnung auf das Handeln Gottes, dessen Friede höher ist als unsere Vernunft (Phil 4,7).

Christliches Handeln ist darum nie alternativlos. Es ist auch niemals von machtpolitischen Überlegungen gekennzeichnet, die meiner Überzeugung nach auch in diesem Krieg eine große Rolle spielen.

Christliche Ethik wird sich dagegen immer wieder die Frage stellen müssen: Wozu ruft mich nicht die politische, sondern die christliche Ethik auf? Welche auf Frieden gerichteten Handlungsweisen legt die Bibel nahe? Wie kann ich möglicherweis das Leiden und Sterben anderer Menschen dadurch verringern, dass ich selbst Leid und Todesgefahr auf mich nehme? Ist es christlich vertretbar, den Tod vieler Menschen in Kauf zu nehmen, um meine Ziele durchzusetzen? Und wie kann ein Gespräch zwischen den Kriegsparteien angeregt und vermittelt werden?

Die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus hat in ihrer anfangs genannten Predigt zu Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien aufgerufen. Darum ist es lohnend, sich ihre Predigt genauer anzusehen.

Den ersten Artikel zur EKD-Friedensethik findest du hier.


* * * * *


Foto: Engin Akyurt auf Pixabay





8 Kommentare
2022-11-23 14:27:53
Hallo Klaus,

die (evangelische) Kirche hat die Bergpredigt und die Aussage Jesu, sein Reich sei nicht von dieser Welt, ins Stammbuch geschrieben bekommen. Etwas anderes als Pazifismus lässt sich daraus meiner Meinung nach nicht ableiten.

Pazifismus taugt allerdings nicht als Politikberatung in jeder Situation, weil es da eben genau um die Machtverhältnisse in dieser Welt geht.

Was die Kirche stattdessen sinnvoll tun könnte, wäre die Bearbeitung des Patriarchen von Moskau, der Putins Krieg unterstützt.

Viele Grüße

Thomas
2022-11-23 16:47:15
Hallo Thomas,

ja, Gottes Reich ist nicht von dieser Welt, aber doch in dieser Welt. Kein Bereich dieser Welt ist von Gottes Wollen und Wirken ausgenommen, auch die Politik und die Machtverhältnisse dieser Welt nicht. Es geht aber nicht um Politikberatung, sondern darum, christliche Ethik im politischen Raum zur Sprache zu bringen. Um diese christliche Ethik wird gerade in der evangelischen Kirche gerungen. Ich kann daran nichts Verwerfliches finden. Alles andere würde ja bedeuten, dass man den Raum des politischen Handelns und der politischen Macht denen überlässt, die andere Maßstäbe als christliche an das politische Handeln anlegen.

Das bedeutet nicht, dass die Kirche sich zum Teil des Staates erklärt oder einen Kirchenstaat zu errichten versucht. Sie hat aber die Verantwortung, ihr Wort auch im säkularen Staat zur Geltung zu bringen. Natürlich trägt sie ebenfalls und zuerst Verantwortung dafür, ihr Wort im kirchlichen Raum zu sagen. Gerade das geschieht ja in der Kritik an Kyrill und im Ringen um die christliche Ethik. Beides schließt sich ja nicht aus.

Die sogenannte Zwei-Reiche-Lehre bedeutet meiner Meinung nach nicht, dass im weltlichen Raum andere ethische Maßstäbe gelten als im kirchlichen. Denn Gottes Liebe gilt gerade auch den Menschen, die sich ausschließlich im weltlichen Raum bewegen.

Viele Grüße
Klaus
Michael Kröger
2022-11-24 21:41:13
Hallo Klaus,
als Nichttheologe interessiert mich die menschliche Dimension des bekannten Satzes: Gottes Reich ist nicht v o n dieser Welt aber doch i n dieser Welt.

Fehlt hier nicht gerade heute eigentlich der Aspekt der menschlichen Vergegenwärtigung? Also: Gottes Reich ist i n dieser Welt und also m i t unserer gemeinsam erfahrenen und hier und jetzt von Menschen veränderten und mit Hilfe Gottes als künftig veränder- und errettbaren Welt zu verstehen.

Danke für deine Erläuterung!

Viele Grüße
Michael
2022-11-24 22:17:12
Hallo Michael,

danke für die interessante Frage. Ich kann antworten, dass das "Mit", das du vermisst, für mich schon im "In" enthalten ist. Gottes Reich ist ja, wenn es wirklich in dieser Welt ist, nicht vom Weltlichen getrennt, bildet also keine eigene "heilige", abgesonderte Wirklichkeit gegenüber der "profanen" Wirklichkeit. Ich vestehe es so, dass Gottes Reich sich in allen Dimensionen der Wirklichkeit zeigen kann, aber nicht zeigen muss. Es kann sich also überall vergegenwärtigen, ohne mit der Welt identisch zu werden (eben darum ist es nicht von dieser Welt). Insofern vergegenwärtigt es sich dann zusammen mit der uns begegnenden Wirklichkeit, erfahren wir es zusammen mit den Ereignissen unseres Alltags und den Menschen dieser Welt.

Es gibt eine ähnliche theologische Formulierung, die in der reformatorischen Abendmahlsdiskussion aufkam, als man sich die Frage stellte, inwiefern Christi Leib und Blut denn in den Elementen von Brot und Wein gegenwärtig sein können. Luther sagte dann (in Abgrenzung zur katholischen und reformierten Theologie), Christus sei "in, mit und unter" den Elementen gegenwärtig. Er meinte damit, dass die Substanzen Brot und Wein nicht in Leib und Blut verwandelt werden (wie in der katholischen Theologie) und auch nicht nur Zeichen für Brot und Wein sind (wie in der reformierten Theologie), sondern dass in den Substanzen, zusammen mit ihnen und verborgen unter ihnen Christus präsent sei. Analog könnte man sagen, dass Gottes Reich in den "natürlichen" Ereignissen, mit ihnen zusammen und unter ihnen verborgen zu uns kommen kann, z.B. in einem emotionalen Erlebnis, mit einem uns beeindruckenden Menschen oder auch verborgen unter einer negativen Erfahrung, die uns aber zum Nachdenken anregt.

Wichtig ist mir dabei aber immer, dass nicht irgendwelche, wenn auch noch so schöne oder überwältigende Erlebnisse oder Erfahrungen per se Erfahrungen des Reiches Gottes sind (hier kann man sich auch viel einbilden, und das ist ja auch im kirchlichen Bereich immer wieder geschehen), sondern dass Gott in geschichtliche Erlebnisse oder Erfahrungen eingeht, sich sozusagen inkarniert, wie er sich auch in dem geschichtlichen Menschen Jesus von Nazareth inkarniert hat. Kurz gesagt: Nicht die Welt ist Reich Gottes, sondern Gott macht, wo und wann er es will, Welt zum Reich Gottes.

Viele Grüße
Klaus
Michael Kröger
2022-11-25 09:36:41
Hallo Klaus

"Gottes Reich kann sich zeigen muss es aber nicht." Doch ist Gottes Reich nicht auch darauf "angewiesen" von uns, den heute Lebenden, hier und jetzt erkannt zu werden? Ich finde, diese Frage gehört auch zum Reich Gottes dazu ...

Viele Grüsse
Michael
2022-11-25 11:03:02
Hallo Michael,

es ist weitsichtig, dass du das Wort "angewiesen" in Anführungsstriche setzt. Denn Gottes Reich und damit Gott selbst ist auf uns Menschen ganz gewiss nicht angewiesen in dem Sinne, dass er uns braucht, um Gott zu sein oder sein Reich auf Erden zu bauen. Wenn Gott wirklich frei ist und nicht an etwas gebunden (und das müsste man ihm schon zugestehen, denn sonst könnte man kaum von einem Gott sprechen), dann ruht er sozusagen in sich selber, dann benötigt er uns Menschen und die von ihm geschaffene Welt nicht. Er ist in keiner Weise abhängig davon, dass es diese Welt gibt und dass sich in ihr so etwas wie Reich Gottes ereignet. Die Theologie spricht sogar in Aufnahme biblischer Gedanken davon, dass Gott in sich selber differenziert ist in drei "Personen" und dass er von einer Vielzahl himmlischer Wesen umgeben ist. Damit ist gesagt, dass Gott nicht einsam ist und deshalb der menschlichen Gesellschaft bedarf.

Dass es eine Schöpfung und uns Menschen gibt, geht also nicht auf einen Mangel Gottes zurück, sondern auf seine freie Entscheidung. Gott wollte eine Welt erschaffen, ohne dass er es hätte tun müssen. Dasselbe gilt davon, dass er diese Welt nicht sich selber überlassen hat, sondern dass er in ihr gegenwärtig sein und in ihr sein Reich bauen möchte: Er muss es nicht, aber er will es. Und er will es nicht einfach nur, indem er "von oben herab" in das Weltgeschehen eingreift wie ein Zauberer, der am nachvollziehbaren Geschehen vorbei etwas Unberechenbares tut (wiewohl es auch das für uns Unberechenbares gibt), sondern er will sein Reich bauen, indem er es durch das nachvollziehbare Weltgeschehen und durch Gedanken und Taten von Menschen tut. So ist die Bibel durch Gedanken und Taten von Menschen entstanden und dennoch Anrede Gottes an uns. So hat sich Gott in den sterblichen Menschen Jesus hineinbegeben und begegnet uns dennoch einzigartig in diesem Menschen. So geht Gott bis heute in Menschen ein und verändert durch sie die Welt (es müssen noch nicht einmal Christen sein).

Wann und wo das geschieht, ist aber wieder Gottes freie Entscheidung. "Der Geist (=Wind) weht, wo er will, und du hörst seine Stimme, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist jeder, der aus dem Geist geboren ist" (Joh 3,8). Gott kann in einem Menschen wirken, so dass er "aus dem Geist (Gottes) geboren ist", er kann es aber auch lassen. Gott kann sich in uns vergegenwärtigen, er kann sich uns aber auch entziehen. Gott kann sich offenbaren, er kann sich aber auch verbergen. Alles andere wäre eine Missachtung der Freiheit Gottes, d.h. wir würden uns Gottes bemächtigen. Die Versuchung dazu war und ist immer groß, auch innerhalb der Kirchen. Darum ist das Gebot so wichtig: "Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen", d.h. du sollst ihn nicht vereinnahmen und in seinem Namen deine eigenen Interessen verfolgen.

Darin ist schon angeklungen, dass auch der menschliche Wille eine Rolle spielt und nicht einfach durch Gottes Wirken abgeschafft ist: Gott (und damit sein Reich) ist zwar nicht auf uns angewiesen, aber er lässt sich in freier Entscheidung dazu herab, in uns einzugehen und sich auf uns einzulassen, und er nimmt es dadurch in Kauf, sich von uns abweisen zu lassen (was ja leider oft genug geschieht; dann wird nicht Gottes Reich gebaut, sondern z.B. ein Krieg angezettelt). Aber all unsere Abweisung kann Gott nicht daran hindern, sich durchzusetzen und sein Reich dennoch zu bauen (er hat genug Möglichkeiten). Er kann uns aber auch unserem eigenen, ihn abweisenden Willen aussetzen (dann werden wir eben ins Leid gestürzt, z.B. durch einen Krieg). Dann kann man nur darum bitten, dass Gott dem ein Ende mache (was Menschen offenbar nicht schaffen, Gott aber möglich ist). Und er wird uns nicht für immer unserer Zerstörungswut hingeben:

Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großem Erbarmen werde ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser.
(Jesaja 54,7f)


Viele Grüße und einen schönen Tag
Klaus
Michael Kröger
2022-11-25 15:18:29
hallo Klaus,

Danke für deine Klärungen. Was das Problem der "Missachtung der Freiheit Gottes" angeht, tun sich bei mir jedoch gleich wieder grundsätzliche, menschen-gemachte Anschlussfragen auf. Etwa diejenige, wo nun die Grenzen zwischen der möglichen Nachdenlichkeit des Menschen und der realen "Missachtung" von Gottes Freiheit verlaufen. Das kann doch eigentlich "nur" in der Realität eines Dialogs zwischen Gott und Mensch, der Freiheit Gottes und der Natur des Menschen, entstehen - für mich eine Paradoxie, die meinen durch Gott geschenkten Geist überfordert...

viele Grüsse und Dank für unseren Dialog!

Michael



2022-11-25 18:24:46
Hallo Michael,

es gibt immer Anschlussfragen, und die sind völlig berechtigt und nicht im abwertenden Sinne menschen-gemacht. Natürlich stellt sich die Frage, wo die Grenze zwischen (extrem formuliert) Frömmigkeit und Gebotsübertretung verläuft. Auch der fromme Mensch ist ja davor nicht gefeit, sondern, was die Identifizierung des eigenen Denkens mit der Wahrheit Gottes betrifft, besonders gefährdet (was nicht etwa bedeutet, dass wir ohne Frömmigkeit leben sollen). Und ich gebe dir vollkommen recht, dass die Grenze nicht abstrakt zu bestimmen ist, sondern nur in der konkreten in Frage stehenden Situation bestimmt werden kann - vom einzelnen Menschen im Dialog mit Gott, aber auch mit den Texten der Bibel und mit seinen (christlichen) Mitmenschen.

Das ist unsere Situation in allen ethischen Fragen: Es gibt keine immer und überall geltenden Gesetze, keine Paragraphenreligion, keine abstrakte Ethik, sondern nur das immer neue Fragen und Suchen nach einem der konkreten Situation angemessenen Weg. Jesus und Paulus haben deshalb die alttestamentlichen Gebote aktualisiert und die Liebe als übergeordneten Maßstab angesetzt. Und nichts anderes bleibt auch uns übrig: Im Dialog mit Gott (Gebet!), im Studium der Schrift (Maßstab) und im Dialog mit den Mitchristen (gemeinsames Lernen) das aktualisieren, was in der jeweiligen fraglichen Situation Lieben (im Sinne Gottes!) bedeutet.

Danke für deine Fragen und viele Grüße
Klaus

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