Christlicher Vorsatz für das neue Jahr: "Ich selbst sein"
Zugleich ein Vorsatz für jede Zeit und jeden Menschen
Klaus Straßburg | 18/01/2024
Wahrscheinlich möchten die meisten Menschen sie selbst sein. Sie möchten sich nicht verstellen, sondern authentisch sein – als der Mensch erscheinen, der sie wirklich sind. Und doch stellen wir uns oft anders dar, als wir sind.
Schwächen möchten wir ungern zeigen, sondern lieber stark erscheinen. Wer traurig ist, versucht es vor Menschen, die er nicht gut kennt, zu verheimlichen. Und wenn wir es mit der Wahrheit mal nicht so genau nehmen, dann soll natürlich auch das unser Geheimnis bleiben.
Im Innersten aber sehnen sich doch wohl die meisten Menschen danach, die Maske abzulegen und sich so zu zeigen, wie sie wirklich sind.
Vor Kurzem habe ich eine Predigt gehört, die mich zu diesen Gedanken angeregt hat. Thema der Predigt waren drei Sätze aus der Bergpredigt Jesu. Der Name "Bergpredigt" kommt daher, dass Jesus diese Predigt nach der Darstellung des Matthäus auf einem Berg, vielleicht eher einem Hügel hielt. Jesus hatte viele Leute aus dem Volk kommen sehen, die ihn hören wollten. Um besser verstanden zu werden, setzt er sich etwas erhöht auf einen Hügel.
Etwas unterhalb setzen sich seine Jüngerinnen und Jünger – eine kleine Schar. Mit etwas Abstand, aber in Hörweite, hält sich die große Menge aus dem Volk auf. Die ersten, die Jesus anspricht, sind seine Jüngerinnen und Jünger – diejenigen, die sich ihm angeschlossen hatten.
Jesus beginnt seine Rede damit, dass er ausführt, wer sich glücklich schätzen darf. Wir kennen diesen Text als die "Seligpreisungen". Glücklich sind nach Jesu Worten Menschen, die eigentlich gar keinen Grund zum Glücklich-sein haben. Das sind immer wieder lesenswerte Aussagen Jesu. Aber um sie geht es mir heute nicht.
Die Kleingläubigen, die Unverständigen, die Ängstlichensind das Salz der Erde
Mir geht es um das, was Jesus danach sagt. Als er das Thema "Glücklich-sein" abgeschlossen hat, vergleicht er die, die ihm folgen, mit Salz und Licht. Ich möchte mich heute mit dem Salz-Vergleich beschäftigen. Jesus sagt (Mt 5,13):
Ihr seid das Salz der Erde.
Wenn aber das Salz fade geworden ist, womit wird es wieder salzig gemacht werden? Es taugt zu nichts mehr, außer hinausgeworfen und von den Menschen zertreten zu werden.
Schauen wir uns zunächst den ersten Satz an: "Ihr seid das Salz der Erde." Ihr – die Jüngerinnen und Jünger, die schon ein Stück des Weges mit Jesus gegangen sind, seine Worte gehört und seine Taten gesehen haben. Sie hatten sich entschieden, sich Jesus anzuschließen, von ihm zu lernen und in seine Fußstapfen zu treten.
"Ihr seid das Salz der Erde" sagt Jesus ihnen. Später wird er sie oft "Kleingläubige" nennen. Es sind die, deren Glaube klein ist, die Jesus oft nicht verstehen und die Jesus, als es hart auf hart kommt, verlassen. Diese Menschen sind das Salz der Erde, sagt Jesus.
Ihr seid es, sagt er. Ihr habt das Salz nicht, habt nicht etwas, was ihr unter die Leute bringen könnt, sondern ihr seid es: mit eurer ganzen Person, eurem ganzen Leben. Würden die Glaubenden nur etwas zu den Leuten bringen, seien es gute Worte oder gute Taten, dann würden sie ihr Leben dahinter verstecken. Dann gäbe es eine Differenz zwischen ihrer Person und dem, was sie den Leuten bringen. Aber sie sind persönlich das Salz mit ihrem ganzen Dasein.
Jesus sagt auch nicht: "Ihr werdet das Salz sein" oder "Ihr solltet es sein", sondern er sagt: "Ihr seid es". Die Kleingläubigen, die Unverständigen, die Ängstlichen sind das Salz der Erde. Jesus fordert sie nicht auf "Ihr sollt Salz der Erde sein", sondern er sagt es ihnen einfach zu: "Ihr seid es".
Es geht also nicht um eine Forderung, ein Gebot, eine Ermahnung, sondern um eine Zusage. Alle Glaubenden, mag ihr Glaube noch so unvollkommen sein, sind das Salz der Erde. Das sagt Jesus denen, die sich für ihn entschieden haben, einfach zu. Du musst nicht irgendwann Salz werden, sondern du bist es. Kaum zu glauben!
Ihr macht die Erde zu einem Ort, an dem das Leben lebenswert ist
Aber was bedeutet das eigentlich, Salz der Erde zu sein?
Salz ist Würze für die Speise und Konservierungsmittel, aber es ist mehr als das: Es ist lebenswichtig. Ohne Salz gibt es kein menschliches Leben. So sind die Glaubenden, und sei ihr Glaube noch so schwach, die Würze des Lebens, das, was das Leben interessant und schmackhaft, lebenswert macht.
Und die Glaubenden sind zugleich die Bedingung dafür, dass ein Mensch überhaupt leben kann. Denn echtes Leben ist mehr, als rein biologisch zu leben. Und an den Glaubenden kann man sehen, dass es dieses echte Leben gibt.
Das ist eine starke Behauptung. Jesus meint offenbar, dass erst der Glaube einen Menschen mit echtem Leben erfüllt. Und dass die Glaubenden dieses echte Leben in die Welt bringen sollen. So sind sie das Salz nicht für sich selbst, sondern für alle Menschen. Dietrich Bonhoeffer hat geschrieben:
Sie sind das Salz der Erde. Sie sind das edelste Gut, der höchste Wert, den die Erde besitzt. Ohne sie kann die Erde nicht länger leben. Durch das Salz wird die Erde erhalten, um eben dieser Armen, Unedlen, Schwachen willen, die die Welt verwirft, lebt die Erde. [...] Dieses "göttliche Salz" (Homer) bewährt sich in seiner Wirksamkeit. Es durchwirkt die ganze Erde. Es ist ihre Substanz. So sind die Jünger nicht nur aufs Himmelreich gerichtet, sondern an ihre Erdensendung erinnert.
Diese Erinnerung tut not. Denn oft konzentrieren sich die Glaubenden zu sehr auf das "Seelenheil" im Himmel und vernachlässigen dadurch die Tatsache, dass Gott auch auf Erden das Beste für seine Geschöpfe will.
Darum ist es gut, sich als Christ an seinen Auftrag zu erinnern, Menschen nicht nur ins Jenseits einzuladen, sondern auch für ihr Wohlergehen auf Erden zu sorgen. Jesus hat ja auch nicht nur zum Glauben eingeladen, sondern ebenso Kranke geheilt.
"Ihr seid das Salz der Erde", sagt Jesus. "Ihr macht das. Ihr macht die Erde zu einem Ort, an dem das Leben lebenswert ist. Und ihr weist hin auf den jenseitigen Ort, der das Ziel von allem ist. Ihr lebt die erfüllende Lebenseinstellung des Glaubens, der sich in der Liebe zu allen Geschöpfen äußert. Ihr macht das."
Doch – machen sie das wirklich? Sind sie wirklich das Salz der Erde?
Jesus selbst schien seine Zweifel gehabt zu haben:
Wenn aber das Salz fade geworden ist, womit wird es wieder salzig gemacht werden? Es taugt zu nichts mehr, außer hinausgeworfen und von den Menschen zertreten zu werden.
Das klingt gar nicht mehr nach "Ihr seid das Salz der Erde." Das klingt eher nach "Es könnte sein, dass ihr kein Salz seid." Oder genau genommen: "Ihr seid zwar Salz, aber ihr salzt nicht mehr."
Eigentlich ist das ein Ding der Unmöglichkeit: Salz kann nämlich seine salzende Kraft gar nicht verlieren. Man vermutet deshalb, dass das Salz zur Zeit Jesu aus dem extrem salzhaltigen Toten Meer gewonnen wurde und deshalb Verunreinigungen enthielt. Durch diese Verunreinigungen konnte es unbrauchbar werden. Dann hatte es keinen Wert mehr und musste entsorgt werden.
Vielleicht sagt das Bild mehr, als man auf den ersten Blick meint: Die Glaubenden sind das Salz der Erde. Es kann aber geschehen, dass sie sich mit unguten Stoffen, unreinen Substanzen der Erde vermischen und dadurch unbrauchbar werden. Es kann sein, dass die Glaubenden sich selbst nicht ernst nehmen und unter der Hand etwas anderes werden, als sie sind. Sie vereinen sich mit schlechten, lebensfeindlichen Anschauungen und Verhaltensweisen, die es in der Welt zur Genüge gibt, und machen damit ihre Leben schaffende Kraft zunichte.
Das griechische Wort, das hier mit "fade werden" übersetzt ist, kann auch "töricht werden" oder "verrückt werden" heißen. Das würde bedeuten: Die Glaubenden, die ihre lebenswichtige Kraft für die Erde verlieren, sind verrückt geworden. Sie sind an einen anderen Ort verrückt, an den sie gar nicht gehören. Sie sind nicht mehr die, die sie eigentlich sind. Sie sind etwas eigentlich Unmögliches: ein Salz, das nicht mehr salzt.
Kein Mensch braucht eine Gemeinde oder Kirche,die sich der Welt gleichmacht
Wir müssen dabei auch bedenken, dass das Salz seine würzende und konservierende Kraft nicht selbst produziert. Es trägt diese Kraft einfach in sich. Der Schöpfer hat dem Salz diese Kraft gegeben.
Ebenso ist es mit den Glaubenden: Sie bringen ihre lebenswichtige Kraft nicht aus sich selbst hervor, sondern der Schöpfer legt diese Kraft in sie hinein. Es ist die Kraft, die in der Bibel als Geist Gottes bezeichnet wird. Gott kann die Kraft seines Geistes in Menschen hineinlegen und wirken lassen. Die Menschen aber können – total verrückt – die in ihnen wirkende Kraft Gottes "auslöschen", wie Paulus schreibt (1Thess 5,19):
Den Geist löscht nicht aus!
Martin Luther hat übersetzt: "Den Geist dämpft nicht!" Aber Gottes Kraft in mir auszulöschen ist ja viel mehr, als sie nur abzudämpfen. Das ist das Verrückte, das Unvorstellbare: dass ein Mensch die positive, Leben schaffende Kraft, die in ihm ist, nicht zur Wirksamkeit kommen lassen will, sondern diese Kraft auslöscht.
Wenn Christinnen und Christen, wenn eine Gemeinde oder gar eine Kirche die wirksame Kraft Gottes auslöscht, dann sind sie zu nichts mehr nütze. Kein Mensch braucht eine Gemeinde oder Kirche, die sich der Welt gleichmacht, indem sie sich deren Leben zerstörenden Anschauungen und Verhaltensweisen angleicht und dadurch ihre Leben schaffende Kraft verliert (Röm 12,2).
Glaubt an die Leben schaffendeund Leben erhaltende Kraft Gottes in euch
Nun kann man bedrückt fragen: Aber wie soll ich das denn schaffen, Gottes Kraft nicht zu untergraben. Ich bin doch nicht perfekt.
Richtig! Du kannst es gar nicht schaffen. Darum sagte Jesus ja auch: "Ihr seid das Salz der Erde." Er sagte nicht: Du bist es. Er sprach also seine Jüngerinnen und Jünger als Gruppe an. Das heißt: Sie brauchen einander, um sich gegenseitig zu stützen. Jeder allein wäre von den negativen Kräften in der Welt überwältigt worden.
So ist es auch heute: Jeder Christ braucht die Mitchristen, braucht eine Gemeinde, die ihn stützt. Darum funktioniert es nicht, wenn jemand meint, er könne auch ohne christliche Gemeinschaft Christ sein. Er bewegt sich dann ja nur in Kreisen, die vom christlichen Glauben wahrscheinlich nicht so viel halten. Und das untergräbt sein Christsein.
In der Gemeinde aber, sofern sie eine echte Gemeinschaft ist, bist du nicht allein, auch nicht mit deinen Schwächen. Und in einer solchen Gemeinde bekommst du die positiven Impulse, die es verhindern, dass du vom Negativen überwältigt wirst. Jedenfalls dann, wenn die Gemeinde nicht selbst das Negative in sich zu groß werden lässt.
Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid Mitarbeitende am Reich Gottes. Ihr seid die, die die Welt braucht wie niemanden sonst. Ihr mit all euren Schwächen seid gemeinsam die Leben schaffende Kraft in der Welt.
Und nun seid ihr selbst. Nun geht aufrecht durch die Welt – nicht stolz, aber auch nicht unterwürfig. Ihr habt eine lebenswichtige Aufgabe. Macht euch das bewusst, macht euch bewusst, wer ihr seid. Seid selbstbewusst, weil ihr am Reich Gottes mitarbeiten dürft. Verstellt euch nicht, zieht euch nicht resigniert zurück, gebt euch nicht der Bequemlichkeit hin. Sondern seid mutig und authentisch, traut euch etwas zu, erkennt, dass ihr entscheidend seid für den Fortbestand der Welt.
Glaubt an die Leben schaffende und Leben erhaltende Kraft Gottes in euch. Damit die Welt diese Kraft erfährt, die sie unbedingt braucht.
* * * * *
Ich danke Sabine Knie für die Anregungen, die sie mir mit ihrer Predigt gegeben hat.
Verwendete Literatur:
- Dietrich Bonhoeffer: Nachfolge. Hg. von Peter Zimmerling. Brunnen Verlag GmbH. 3. Aufl. Gießen 2020. Das Bonhoeffer-Zitat findet sich auf Seite 115.
- Walter Grundmann: Das Evangelium nach Matthäus. Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament. Band 1. Evangelische Verlagsanstalt GmbH, 6. Aufl. Berlin 1986.
- Walter Klaiber: Das Matthäusevangelium. Teilband 1: Mt 1,1-16,20. Neukirchener Verlagsgesellschaft GmbH, Neukirchen-Vluyn 2015.
Grafik: Cdd20 auf Pixabay.

Wenn Jesus sagt "Ihr seid das Salz der Erde" müssten wir nicht gleichzeitig auch schlussfolgern " W i r sind die Erde, die mit Salz gesegnet ist"? Also sinngemäss: wir verfügen heute über alle Reichtümer der Welt. Aber letztlich "vergessen" wir wohl ständig wem wir dieses alles zu verdanken haben und wodurch wir weiter leben dürfen ....
hg Michael
danke für deinen interessanten Gedanken. Wir sind ja tatsächlich ein Teil der Erde, die mit Menschen gesegnet ist, die Salz der Erde sind. Insofern kommt der Segen derer, die Salz der Erde sind, allem Leben auf Erden und so auch uns selbst zugute - und zwar auch der Segen, der wir selber als Salz der Erde sind. Insofern könnte man sagen: Das Salz salzt (belebt, bereichert) sich selbst - aber eben nicht nur sich selbst, sondern weit darüber hinaus die ganze Erde.
Die Gefahr daran ist, dass wir (die Christen), wie du sagst, vergessen, wem wir das zu verdanken haben und wodurch wir leben. Im Bild gesprochen: Die Gefahr ist, dass das Salz sich selbst vergisst, vergisst, was es ist. Doch dann tritt wohl das ein, was ich beschrieben habe: Das Salz salzt nicht mehr. Darum ist es gut, wenn wir uns ständig bewussst machen, was wir sind und wem wir das zu verdanken haben.
Viele Grüße
Klaus