Christen können selber denken
Wie ein irritierendes Christentum überwunden werden kann
Klaus Straßburg | 11/10/2024
Christen möchten überzeugend wirken. Das gelingt nur, wenn sie auf überzeugende Weise mit ihren Mitmenschen umgehen. Doch gerade damit tun sie sich mitunter schwer. Und so stellt sich das Christentum nicht selten äußerst irritierend dar.
Dafür möchte ich drei Beispiele nennen.
1. Streit in der Gemeinde
Es gibt Kirchengemeinden, in denen die Pfarrer bzw. Pfarrerinnen miteinander im Streit liegen. Da werden Intrigen gesponnen und Tricks angewandt, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Und siehe da: Wo das Pfarrpersonal sich streitet, liegt bald die ganze Gemeinde miteinander im Streit. Es bilden sich Gruppen, die einander nicht grün sind. Das alles geschieht durch gläubige und engagierte Menschen. Es kann so weit kommen, dass sie höchst aggressiv miteinander umgehen.
Andererseits verliert ein Streit seine Kraft, sobald die Pfarrerinnen und Pfarrer sich friedlich gebärden. Daran wird deutlich, dass das Böse auf seine Umgebung abfärbt. Wo es einmal Fuß gefasst hat, dehnt es sich rasend schnell aus. In der Umgebung des Bösen ist es schwer, sich ihm zu widersetzen. Wo aber das Leitungspersonal friedlich miteinander umgeht, kann sich auch das Böse schwer durchsetzen. Welch eine Verantwortung für die Amtsträger!
Ich habe das selbst erlebt. Und ich bin überzeugt, dass sich dieser Zusammenhang auf andere Ebenen übertragen lässt: auf Vereine, Firmen, Behörden, Parteien und sogar auf einen ganzen Staat. Das Verhalten des Führungspersonals prägt das Verhalten der untergeordneten Gruppen – entweder zum Guten oder zum Schlechten.
2. Friedliebende unterstützen den Krieg
Ein anderes Beispiel für irritierendes Christentum: Ich kenne friedliebende Christinnen und Christen, die es gutheißen, Waffen an die Ukraine zu liefern, mit denen unschuldige Menschen getötet werden. Ich vermute, dass bei ihnen die Angst eine Rolle spielt, von Russland angegriffen zu werden.
Angst gibt es aber auch bei denen, die Waffenlieferungen ablehnen: Ich habe Angst davor, dass Europa in den Krieg hineingezogen wird, Angst vor einem neuen, verheerenden Weltkrieg. Doch nicht nur Angst bestimmt beide Seiten. Es sind auch grundlegende politische Prägungen, die zu unterschiedlichen Einschätzungen führen. Diese tief in uns verankerten Prägungen bestimmen unser Fühlen, Denken und Handeln.
Auch das Alter mag eine Rolle spielen. Jüngere Menschen haben den Kalten Krieg und die damit zusammenhängende ständige Weltkriegsgefahr nicht erlebt. Sie wissen nichts von den mehreren Grenzsituationen, die im Kalten Krieg beinahe zu einem Weltkrieg geführt hätten.
3. Christliche Zionisten rechtfertigen Gewalt
Ein letztes Beispiel dafür, wie mich christliche Menschen irritieren: Es sind freundliche, zugewandte Christen, mit denen man gut auskommen kann. Sie rechtfertigen alle militärischen Aktionen Israels im Gazastreifen und im Libanon. Sie gehören zum evangelikalen Christentum, das seit einigen Jahrzehnten weitgehend Partei für Israel ergreift.
Die frommen, bibeltreuen Menschen haben dieses einseitige Denken aus der evangelikalen Tradition übernommen. Sie rechtfertigen, dass seit einem Jahr zehntausende Unschuldige vom israelischen Militär getötet wurden. Sie stoßen sich nicht daran, dass das Völkerrecht mit Füßen getreten und Entscheidungen des Internationalen Gerichtshofs missachtet werden.
Natürlich tun das auch die Terroristen der Hamas, der Hisbollah und aller anderen Terrororganisationen. Der Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023 ist durch nichts zu rechtfertigen. Ich kenne zwar keine Christen, die die Hamas und Hisbollah unterstützen, aber wahrscheinlich gibt es auch solche. Das ist zweifellos unchristlich.
Dass der Anschlag vom 7. Oktober zu einer solchen Eskalation der Gewalt geführt hat, zeigt einmal mehr, wie sehr sich das Böse vehement ausbreitet. Es braucht nur ein paar Mächtige, die sich darauf einlassen, und schon potenziert sich die Gewalt.
Dabei ist Israel das von Gott zum Heil auserwählte Volk. Gott wird bis ans Ende der Zeiten treu zu ihm stehen und es vor dem Untergang bewahren, wie er es bis heute getan hat. Im Alten Testament kann man nachlesen, dass Gott seinen Bund mit seinem Volk immer wieder trotz aller Schuld Israels erneuert. Man braucht sich also eigentlich um den Bestand dieses Volkes keine Sorgen zu machen.
Dennoch hat Gott, wie das Alte Testament auch berichtet, sein Volk immer wieder im Kampf gegen seine Widersacher unterstützt. Es fragt sich aber, wie weit diese Unterstützung geht. Auch Kritik an Israel und an militärischer Gewaltanwendung gibt es im Alten Testament reichlich.
Mir selbst tut es nicht leid um die getöteten Terroristen, wenngleich auch sie nur irregeleitete Geschöpfe Gottes sind. Aber wer dermaßen rücksichtslos tötet, dem kann man nur wehren, indem man ihn selbst entweder gefangensetzt oder tötet. Mir tut es aber leid um die zigtausend Unschuldigen,die verkrüppelt, vergewaltigt und physisch wie psychisch bis ans Lebensende gezeichnet sein werden. Dass manche Christinnen und Christen für diese Menschen kaum Mitleid empfinden und ihre grenzenlose Rechtfertigung des Handelns Israels nicht überdenken, ist für mich irritierend.
4. Unbewusste Gründe für Entscheidungen
Die Vertreter all der genannten Beispiele für irritierendes Christentum sind durch folgende Überzeugungen verbunden: Sie meinen, für eine gute Sache einzutreten, während ihre Gegner sich irren und für etwas Schlechtes eintreten. Im Extremfall werden dann die Gegner diskreditiert oder gar dämonisiert. Putin oder Hamasführer wurden schon als Teufel bezeichnet. Wer die militärische Gewalt gegen sie nicht vorbehaltlos unterstützt, erscheint dann als ein Knecht des Teufels. Dadurch entsteht eine strenge Polarisierung: Die Guten auf der einen Seite, die Bösen auf der anderen. Und jede Anwendung von Gewalt – auch Intrigen, Täuschungen und verbale Entgleisungen sind Gewalt – wird gerechtfertigt um der eigenen angeblich guten Sache willen. Das gewaltsame Vorgehen erscheint alternativlos, weil man den Teufel nur mit Gewalt bekämpfen könne.
Auf einige unbewusste Aspekte, die unser Denken und Handeln prägen, habe ich schon hingewiesen. Wir meinen zwar, allein unsere Vernunft gebe den Takt an. Aber in Wahrheit sind es unbewusste psychische Regungen, die unser Denken bestimmen und für die wir nachträglich rationale Argumente entwickeln. Wir denken dann nicht selber, sondern unsere Beziehungen, Gefühle und Wünsche produzieren das ihnen entsprechende Denken. Dieser Vorgang wird uns nicht bewusst.
Unter Pfarrern können beispielsweise Neidgefühle auftreten, wenn der eine mehr Gottesdienstbesucher hat als der andere. Dann kann es geschehen, dass der Pfarrer mit der geringeren Anzahl an Gottesdienstbesuchern einen Schwachpunkt in der Arbeit seines Kollegen sucht und Argumente dafür entwickelt, warum der Kollege nicht in die Gemeinde passe. Dass sein Neid der Grund für dieses Verhalten bildet, wird ihm nicht bewusst.
Wenn es um Waffenlieferungen für die Ukraine geht, spielt für Europas Politiker auch eine Rolle, welchen Status sie innerhalb der EU oder der NATO einnehmen. Man stelle sich einen Regierungschef vor, der entgegen dem Standpunkt seiner Kolleginnen und Kollegen in EU und NATO beharrlich alle Waffenlieferungen ablehnt. Er müsste sich ständig dafür rechtfertigen, würde zum Außenseiter in den für ihn und sein Land wichtigen internationalen Organisationen, würde schließlich ausgegrenzt und man begegnete ihm mit andauernder Kritik und Unfreundlichkeit. Man würde seine eigenen Interessen nicht mehr ernst nehmen und sie nicht zum Zuge kommen lassen.
Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dennoch an einem Außenseiterstandpunkt festzuhalten, aber es ist für den Politiker der weitaus schwerere Weg. Denn dann verletzt er "Solidaritäts- und Loyalitätsverpflichtungen"* gegenüber den Gruppen, denen er zugehört:
Überzeugungen spielen, wie sozialpsychologische Konformitätsexperimente ausnahmslos gezeigt haben, nur im Ausnahmefall die wichtigste Rolle dafür, welche Entscheidung jemand situativ trifft – viel wichtiger ist es, soziale Normen nicht zu verletzen, soziale Anerkennung nicht zu riskieren, gut vor den anderen dazustehen. Das alles ist nicht trivial: Weil Menschen soziale und kooperative Wesen sind, ist Konformität [...] viel wahrscheinlicher als Abweichung [...]. Anders gesagt: Konformität ist das jederzeit Erwartbare.*
Das ist wohl der Grund dafür, dass führende Politiker in Europa oder auch die Leitmedien eines Landes – von wenigen Ausnahmen abgesehen – unisono dieselbe Politik verfolgen, auch wenn große Teile der Bevölkerung anders votieren. Und so ist es wohl auch zu erklären, dass sich große Teile der Bevölkerung nach und nach der angeblichen Mehrheit anschließen. Denn es ist immer angenehmer, zur Mehrheit zu gehören, als gegen den Stachel zu löcken.
Ich will damit nicht sagen, dass alle Politiker unüberlegt und irrational handeln. Ich will aber darauf hinweisen, dass für ihre Entscheidungen – wie für die Entscheidungen aller Menschen – nicht nur rationale Gründe, sondern auch psychische Befindlichkeiten eine große, wenn nicht entscheidende Rolle spielen.
Das gilt – um mein drittes Beispiel noch einmal aufzugreifen – auch für die evangelikalen Christinnen und Christen, die einen christlichen Zionismus vertreten. Sie leben in ihren evangelikalen Gemeinden, die oft von einer großen Israelnähe geprägt sind. Sie sind in diese Tradition hineingewachsen, so dass die Israelnähe ihnen selbstverständlich geworden ist. Sie werden deshalb an der Berechtigung ihres Standpunktes kaum zweifeln. Und wenn doch einmal bei jemandem Zweifel aufkommen sollten, dann wird er kaum mit seiner Gemeinschaft brechen und die Solidarität mit ihr aufkündigen.
Das Problem bei all den genannten Beispielen besteht darin, dass eine in der Gruppe herrschende Tradition, eine politische Grundüberzeugung oder persönliche Gefühlsregungen wie Neid oder Angst den christlichen Glauben überdecken können, ohne dass uns das bewusst wird. Und es stellt sich die Frage, wie wir das eigentlich verhindern können.
Ich möchte fünf Punkte benennen, die es Christinnen und Christen aus ihrem Glauben heraus erleichtern, selbst zu denken, gegen den Strom zu schwimmen und zu unabhängigen Entscheidungen zu kommen.
5. Selber denken und Selbstkritik üben
Christinnen und Christen leben in der Gewissheit, von Gott geliebt und anerkannt zu sein, und zwar unabhängig von ihren weltlichen Bindungen und psychischen Abhängigkeiten (2Thess 2,16f; Joh 15,9). Die Liebe Gottes ist ihnen zugesagt, und Gott wird zu dieser Zusage stehen. Das feste Vertrauen darauf kennzeichnet den christlichen Glauben. Aus dieser Gewissheit heraus vertrauen die Glaubenden darauf, dass Gott sie nicht auf ihre Irrtümer und Verfehlungen festlegt, sondern sie ihnen gnädig vergibt (Röm 3,25).
Deshalb können Glaubende zu ihren Irrtümern stehen und ihre Haltungen immer wieder selbstkritisch überprüfen. Sie können versuchen, sich ihre eigenen unbewussten Motivationen bewusst zu machen, also die Ängste, prägenden Traditionen und politischen Grundhaltungen, die ihr christliches Denken und Handeln beeinflussen. Sie können sich von diesen bewusst gemachten Aspekten ihres Seins lösen, denn sie müssen aufgrund ihres Glaubens keine Angst haben vor dem Eingeständnis, sich geirrt zu haben.
Nur wer Irrtümer eingesteht und für Korrekturen offen ist, kann dazulernen und sich korrigieren, oder besser gesagt: sich von Gottes Geist korrigieren lassen und beginnen, in der Kraft dieses Geistes selber zu denken.
6. Neue Erkenntnisse zulassen
Damit verbunden ist die Einsicht, dass alle menschliche Erkenntnis Stückwerk ist (1Kor 13,12). Es beruht nicht auf unserem Vermögen, die Wahrheit zu erkennen, sondern Gott selbst offenbart uns die Wahrheit (Joh 16,13). Unser eigener Beitrag besteht darin, um rechte Erkenntnis zu bitten und uns ihr nicht zu verschließen.
Deshalb müssen Christinnen und Christen nicht an einmal gelernten und liebgewonnenen Einstellungen festhalten. Sie werden zum Beispiel nicht alle in ihrer Gemeinde gängigen Traditionen übernehmen, sondern diese immer wieder an biblischen Aussagen überprüfen (1Thess 5,21). Sie werden also nicht der Meinung verfallen, schon alles über den Glauben und das rechte Handeln zu wissen. Wer so denkt, verschließt sich neuen Erkenntnissen und erklärt das eigene Denken und Handeln für alternativlos.
Alternativlosigkeit ist aber keine christliche Kategorie. Denn bei Gott gibt es immer Alternativen. Er hat Gedanken, die uns bisher verschlossen waren, und kennt Wege, für die wir blind sind (Jes 55,8). Und er will uns in der Wahrheit und in der Liebe wachsen lassen (Eph 4,15). Dazu aber müssen wir bereit sein, liebgewonnene Haltungen aufzugeben und uns für Neues zu öffnen.
7. Für die Bösen beten und sie segnen
Christinnen und Christen kennen ihre eigene Glaubens- und Liebesschwäche, und es ist ihnen bewusst, dass sie nur durch Gottes Kraft glauben und lieben können. Deshalb schließen sie es nicht aus, dass jeder andere Mensch ebenfalls an der Kraft Gottes Anteil bekommen kann (Mt 5,44f; Lk 6,35b). Sie werden also niemanden vom Heil ausschließen und keinen Menschen dämonisieren, also mit dem Teufel identifizieren. Auch der "Böseste" ist in ihren Augen nicht hoffnungslos verloren, sondern kann von Gott zum Guten bewegt werden.
Weil zudem in jedem Menschen Gutes und Böses miteinander vermengt sind, verschließen sich Christinnen und Christen jeder strengen Polarisierung, durch welche die Menschen fein säuberlich in Gute und Böse aufgeteilt werden. Die Entscheidung darüber, wer ein Mensch zu Lebzeiten ist, gebührt allein Gott (Lk 6,37; 1Kor 4,5). Und solange ein Mensch lebt, hat er die Chance, sich zum Guten verändern zu lassen.
Deshalb fordert das Neue Testament mehrfach dazu auf, für die Bösen zu beten und sie zu segnen (Mt 5,44; Lk 6,28; Röm 12,14; 1Petr 3,9). Damit ist klargestellt, dass von uns kein Mensch dämonisiert und ihm damit das Menschsein abgesprochen werden darf. Eine solche Dämonisierung leugnet Gottes Barmherzigkeit, die auch dem Bösesten gilt und ihn zum Guten motivieren kann. Und sie stiftet Unfrieden, indem sie einen Menschen aus der menschlichen Gemeinschaft ausschließt und auf seine Taten festlegt. Das Gegenteil ist von uns gefordert: für den Bösen zu beten, das heißt, um seine radikale Umgestaltung durch Gott zu bitten; und ihn zu segnen, das heißt, ihn in Gottes heilschaffende und lebensförderliche Kraft einzuschließen.
8. Im Widerspruch zur eigenen Gemeinschaft leben
Das Beten für den, der Böses tut, anstatt ihn zu verurteilen, und das Segnen des Übeltäters, anstatt ihn als Mensch abzuschreiben, gehört zu den schwersten menschlichen Akten. Es wird besonders schwer dann, wenn die Gemeinschaft, in der wir leben, den Bösen verurteilt und dämonisiert. Bei aller Verbundenheit mit den Menschen gilt aber, dass wir Gott mehr gehorchen sollen als den Menschen (Apg 5,29).
Darum können Christinnen und Christen auch der eigenen Gemeinschaft widersprechen. Wenn diese Gemeinschaft wahrhaft christlich lebt, wird sie den Widerspruch hinnehmen, auch wenn sie bei ihrer abweichenden Haltung bleibt. Es kann aber auch geschehen, dass der Widersprechende zum Außenseiter gemacht wird, den man meidet und diffamiert. Wenn er es schafft, dennoch an seinem Widerspruch festzuhalten, bezeugt er damit, dass er Gott mehr gehorcht als den Menschen.
Wenn man für den Bösen betet und ihn segnet, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass man ihn gewähren lässt. Es kann notwendig sein, ihn in seinem zerstörerischen Handeln zu bremsen, aber so, dass auch das ihm letztlich zum Guten gereicht (1Kor 5,4f). Wichtig ist aber, dass nicht Unschuldige zusammen mit dem Bösen zu Schaden kommen. Denn auch Gott verschont die Bösen um der Unschuldigen willen, wie Jesus im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen verdeutlicht: Er lässt das Unkraut wachsen, damit der Weizen nicht zerstört wird, und wird erst im Jüngsten Gericht beides voneinander scheiden (Mt 13,24-30).
9. Alternativen zur Gewalt suchen
In alldem geht es darum, Jesu Handeln nicht auszublenden, sondern Jesus nachzufolgen, auch wenn sein Handeln unseren eigenen vitalen Impulsen widerspricht (Mt 10,38f; 16,24-26). Sein Weg war ein Weg der Gewaltlosigkeit. Das müssen auch Glaubende sich immer wieder klarmachen, weil der natürliche Impuls zur Gewaltanwendung auch in ihnen ist.
Gewalt hat neben der physischen Dimension auch viele andere Gesichter, zum Beispiel Ausgrenzung, Diskreditierung, Dämonisierung. Jesus hat jede Form von Gewalt abgelehnt. Darum ist es im Sinne Jesu, immer neu zu überlegen, welche Alternativen es zur Gewalt gibt und wie die Gewalt, wenn sie unumgänglich sein sollte, minimiert werden kann.
Gewalt, wenn sie denn nötig sein sollte, muss immer von dem ernsthaften Versuch begleitet sein, im Gespräch zu bleiben und den Konflikt zu entschärfen. Das kann auch dadurch geschehen, dass man Kompromisse eingeht, die für einen selber Leid mit sich bringen. Denn auch Jesus hat es vorgezogen, Leid zu ertragen, anstatt denen, die ihn verfolgten und ans Kreuz brachten, Leid zuzufügen (Mt 26,51-53).
Gegen Jesu Gewaltverzicht wird manchmal seine "Tempelreinigung" angeführt, bei der Jesus Gewalt angewandt habe (Mt 21,12-17 u.ö.). Näher liegt aber eine andere Deutung des Ereignisses: Es war eine prophetische Zeichenhandlung – eine symbolische Handlung der Art, die von den Propheten des Alten Testaments wohlbekannt ist.
Jesus stößt die Tische der Händler und Geldwechsler um, so dass ihre Taubenkäfige und ihr Geld in den Staub fallen. Er zeigt damit, was die Waren und das Geld wert sind im Vergleich zur Anbetung Gottes. Er vertreibt die Käufer und Verkäufer mit ihren Tieren aus dem Tempel und macht so deutlich, dass der Tempel ein Ort der Anbetung und kein Kaufhaus ist, kein Tempel des Konsums und Handels. Jesus fügt niemandem einen Schaden zu, denn das Geld und die Tiere können wieder eingesammelt und die Geschäfte draußen vor dem Tempel fortgesetzt werden.
10. Einladung zum Selber-denken
Im Alten Testament gibt es die schöne Geschichte, dass Gott dem König Salomo kurz nach seinem Amtsantritt im Traum erscheint und ihn auffordert, eine Bitte zu äußern. Eine spannende Frage: Was wird sich der frischgebackene König wünschen? Lange Regierungszeit, Reichtum und Ehre, Macht über andere Völker? Weit gefehlt. Der König denkt nicht an die eigene Macht, sondern an das Wohl seines Volkes (1Kön 3,9):
Gib deinem Diener ein Herz, das hört, damit er deinem Volk Recht verschaffen und unterscheiden kann zwischen Gut und Böse. Denn wer könnte deinem Volk, das so gewaltig ist, Recht verschaffen?
Salomo ist sich seiner Verantwortung bewusst. Er will sie wahrnehmen, indem er "hört" – also wahrnimmt, was Gottes Wille ist und wo seinem Volk der Schuh drückt. Um den Anliegen seines Volkes gerecht zu werden, muss er dem Volk Recht verschaffen. Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Armut will er nicht dulden.
Darum muss er sauber unterscheiden, was gut und böse, lebensförderlich und lebensfeindlich ist. Unterscheiden ist ein Akt der Vernunft. Der König bittet also um unvoreingenommenes und unabhängiges Denken, das dem Willen Gottes gerecht wird und sich nicht von anderen Menschen oder vom Zeitgeist abhängig macht. Salomo will selber denken.
Das kann uns ein Beispiel sein. Christinnen und Christen sind befreit, selber zu denken, anstatt sich einer Tradition, einer Mehrheit oder einem Zeitgeist gedankenlos anzuschließen. Sie sind aufgerufen, wenn es darauf ankommt gegen die herrschende Meinung und eigene Befindlichkeiten Widerstand zu leisten. Wenn wir das vergessen, versäumen wir es, Jesus Christus nachzufolgen – und praktizieren ein äußerst irritierendes Christentum.
* * * * *
* Harald Welzer: Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Fischer Taschenbuch. 6. Aufl., Frankfurt am Main 2015. S. 228.
Foto: jacqueline macou auf Pixabay.

Hallo Klaus ,
Danke für deine offenen Worte und deinen persönlichen Rückblick. Selber-Denken kann in der Tat nie schaden - ganz im Gegenteil....
Einen schönen Sonntag wünscht
Michael
danke für deine freundliche Rückmeldung, und auch dir einen schönen Sonntag trotz unangenehm kalter Temperaturen. Aber auch das ist ja nicht alternativlos, denn es wird wieder sonniger und wärmer werden ... 😎
Klaus