Christlich-theologischer Blog - Christsein verstehen

verstehen
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Christsein
Christsein
verstehen
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Christsein
verstehen
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Christsein
verstehen
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Direkt zum Seiteninhalt

Christen, wo seid ihr?

Christsein verstehen

T h e o l o g i e   z u m   W e i t e r d e n k e n
Christen, wo seid ihr?
Klaus Straßburg | 30/05/2020

Warnung:
Dieser Beitrag macht keine gute Laune.
Du solltest ihn nur lesen, wenn du bereit bist, Schmerzen zu ertragen.

Es ist unehrlich, Pfingsten zu feiern ohne die Bereitschaft, sich radikal verändern zu lassen. Denn so darf es nicht weitergehen. Noch immer gibt es in unserer Welt keinen Frieden, keine Gerechtigkeit und keine Bewahrung von Gottes Schöpfung. Ich will mich nicht damit abfinden. Ich will nicht mein bisschen Glück genießen und die Augen vor dem Unglück verschließen, das der Mensch über die Geschöpfe Gottes bringt.


1. Was würde Jesus dazu sagen?

Jeder halbwegs einsichtige Mensch wird wohl das Problem sehen: den Mangel an Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Man kann an den globalen Frieden und die globale Gerechtigkeit denken oder an den Frieden in den Häusern und die Gerechtigkeit am Arbeitsplatz. Die Bewahrung der Schöpfung oder ihre Zerstörung ist immer global. Das Positive ist, dass wohl die meisten Menschen (wenngleich längst nicht alle) das Problem sehen.

Das Negative ist, dass von den Einsichtigen die Wenigsten etwas dagegen tun. Man hat sich damit eingerichtet. Es lebt sich gut, solange der Krieg anderswo stattfindet, das Unrecht einen nicht selber trifft und man den „Naturkatastrophen" noch halbwegs entrinnen kann.

Außerdem kann man sich mit den kosmetischen Korrekturen beruhigen, die von politischer Seite angebracht wurden. Man kann sich darauf berufen, dass ja etwas getan werde.

Doch ich frage mich: Was hat sich wirklich verändert? Gerade zeigt sich die Kurzlebigkeit von Rüstungskontrollverträgen. Weltweit steigen die Rüstungsausgaben. Noch immer lagern in Deutschland amerikanische Atomsprengköpfe, die dazu da sind, im „Ernstfall" von Deutschland aus millionenfachen Tod zu bringen. Diese Atombomben muss man auch einsetzen wollen. Eine Abschreckung, die einzusetzen man nicht bereit ist, schreckt niemanden ab.

Was würde Jesus wohl dazu sagen?

Die moderne Sklaverei blüht. Vor einigen Jahren schon fragte jemand in einem Print-Medium: Wie viele Sklaven hältst du dir? Ich finde die Frage sehr berechtigt. Mit jedem Einkauf besteht die Gefahr, die Sklavenhalter zu bereichern und die Sklaven auszubeuten. Je billiger die Ware für uns, desto größer die Gefahr.

Was, meinst du, würde Jesus dazu sagen?

Über die globale Zerstörung unserer Lebensgrundlagen brauche ich wohl nicht aufzuklären. Menschen im globalen Süden sterben schon jetzt an den Folgen des Klimawandels, den vor allem Menschen im globalen Norden verursacht haben. Zu Letzteren gehören wir. Wir sind nicht unschuldig, sondern mitschuldig am Tod von Menschen.

Doch nach dem Lockdown geht alles weiter wie zuvor. Bald werden die Flieger wieder voll besetzt die Urlaubsgebiete anfliegen, um uns zwei Wochen etwas mehr Sonne zu ermöglichen. Oder auch nur ein Wochenende auf Malle.

Ob Jesus damit einverstanden wäre?

Die Menschheit des globalen Nordens hält sich für ethisch hochstehend, fortschrittlich. In diesem Bewusstsein eigener ethischer Überlegenheit kann man gut die Augen verschließen vor den Überlebensnöten von Milliarden von Menschen.

Natürlich gibt es positive Veränderungen gegenüber früheren Jahrhunderten. Aber es gibt eben auch negative Veränderungen, die vielleicht ebenso bedrohlich oder sogar bedrohlicher sind als das, was wir früheren Bedrohungen gegenüber erreicht haben.


2. Gesucht: Der neue Mensch

Hören wir auf, uns etwas vorzumachen! Ich weigere mich, den Schmerz und den Tod von Milliarden von Menschen zu ignorieren oder mit der Pille der Gleichgültigkeit abzuschalten. Ich weigere mich, nach dem Augenblick der Betroffenheit, den Fernsehbilder manchmal in denen auslösen, die noch nicht ganz abgestumpft sind, zur Tagesordnung überzugehen.

Wo ist der Wille zur umfassenden Veränderung? Wo ist die Kraft, die bereit ist, zugunsten des Lebens Anderer den eigenen Lebensstandard herunterzufahren? Wo ist der Mensch, der die Probleme anpackt? Wo die Vision grundlegend erneuerter Verhältnisse?

Warum gibt es so wenige Menschen, die anders zu leben beginnen? Warum leben die Massen immer noch nach dem Gesetz des Haben-Wollens statt in der Freiheit des Geben-Könnens (ich meine nicht das Geben aus dem Überfluss, das mir nicht wehtut, sondern das Geben, das ich spüre, das mich etwas kostet)? Warum sind so viele Menschen begierig nach einem dicken, spritfressenden Auto und nach einem Urlaubsflug? Warum ist da keiner, der sagt: STOPP!

Es braucht einen anderen Menschen. Einen, der sich das Leben der Mitmenschen und Mitgeschöpfe etwas kosten lässt. Der bereit ist, etwas aufzugeben von seinem Lebensstandard und seinem materiellen Wohlbefinden. Der zurücktreten kann und bereit ist, nicht mehr sich selber zu dienen, sondern den Anderen.

Der neue Mensch des Philosophen Friedrich Nietzsche (1844-1900), „Übermensch" genannt, ist der Mensch der Stärke und Lebenskraft. Mit Dienen hat er nichts am Hut.

Der neue Mensch, den der Kommunismus verheißen hat, ist bis heute nicht aufgetaucht.

Der Humanismus meint, der Mensch könne sich selbst verwandeln, wenn er nur wolle. Warum aber will er offensichtlich nicht?

Die Religionen weisen den Weg zu einem erneuerten Menschsein. Aber am Ende erscheint doch immer wieder der alte Mensch.


3. Gefunden: Eine unergründliche Kraft

Hilft also nur Gott? Der deus ex machina, also der Heldengott, der plötzlich und unvermittelt immer dann auftaucht, wenn wir mit unserem Latein am Ende sind? Das wäre der Gott, den wir als „Lückenbüßer" (Bonhoeffer) missbrauchen: Wo wir nicht mehr weiter wissen, setzen wir mal eben Gott ein, und – schwupps – sind wir aller Probleme entledigt.

Aber Gott lässt sich nicht einsetzen. Nur er selber setzt sich ein – dort, wo er es will. Und er entzieht sich ebenfalls dort, wo er es will.

Die biblischen Schriften, über 1.000 Jahre hin aufgeschrieben, sprechen von keinem göttlichen Helden, der in der Not wie Superman auftaucht. Sie sprechen von einem göttlichen Geist, der so wenig greifbar ist wie der Wind, weder berechenbar noch festzuhalten. Er „weht, wo er will" (Joh 3,8). „Du weißt nicht, woher er kommt", er ist also gar nicht als Gottes Geist identifizierbar. Und „du weißt nicht, wohin er fährt", sein Ziel ist also nicht auszurechnen. „So ist jeder, der aus dem Geist geboren ist." Der Mensch, den Gottes Geist treibt, ist also genauso unergründlich wie der Geist selbst: Es gibt für ihn selber und für seine Mitmenschen keinen Beweis dafür, woher er eigentlich seine Kraft bekommt. Und es gibt für ihn selber und für seine Mitmenschen keine Sicherheit darüber, wohin das Ganze führen wird.

Man sieht die Kraft Gottes also nicht. Man sieht nur, was sie aus einem Menschen macht. Wir müssen jeden Beweis für ihre Wirksamkeit und jede Sicherheit bezüglich ihres Erfolgs fahren lassen. Wir müssen uns jedes Zugriffs auf das Gute, Richtige, auf das Gott entsprechende, also ethisch hochstehende Leben entledigen. Nur so kann es geschehen – unergründlich, warum es geschieht, darum nur unter unserem blanken Erstaunen.

Manchmal bewundern wir diese veränderten Menschen. Zu ihnen gehören Maximilian Kolbe, Dietrich Bonhoeffer, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Mutter Theresa. Ich würde auch Michail Gorbatschow zu ihnen zählen. Es gibt noch viele andere. Auch solche, die nie Berühmtheit erlangen werden, sondern im Stillen Gutes bewirkt haben und täglich bewirken. Die Helden des Alltags, von denen niemand spricht. Menschen, die an ihrer Stelle gegen das Zerstörerische kämpfen, und sei es nur im engsten Kreis der Familie. Sie alle sind fehlbare Menschen wie du und ich, die dennoch Großes tun.

Es sind keine überlegenen Helden wie in unseren Spielfilmen; denn sie lassen es sich etwas kosten oder müssen sogar mit ihrem Leben bezahlen.

Was sogar die Berühmten unter ihnen nicht konnten: die Menschheit auf Dauer in eine andere Richtung lenken. Auch über sie ging die Geschichte hinweg.


4. Christen, wo seid ihr?

Warum fehlen uns heute solche Menschen? Warum ist da keiner, der aufsteht gegen die Verhältnisse und die Massen begeistert? Warum ist kein Politiker willens oder in der Lage, etwas Entscheidendes an den unfriedlichen, ungerechten und zerstörerischen Strukturen zu verändern?

Warum gießt Gott nicht heute, wo es so nötig wäre, seinen Geist aus? Warum tut die Christenheit sich so schwer, aufzustehen gegen Waffenexporte, versklavende Wirtschaftsstrukturen und Klimawandel? Warum sind hauptsächlich die auf die Straße gegangen, die sich selbst nicht als Christen bezeichnen? Warum geht kein Aufschrei durch die weltweite Christenheit – ein Aufschrei, der sich den Schrei der Leidenden zu eigen macht? Christen, wo seid ihr? Warum seid ihr in diesen Dingen unsichtbar?

Eine Antwort habe ich nicht. Ist es die Selbstzufriedenheit derer, die sich ihres Heils gewiss sind? Oder ist es pure Bequemlichkeit, die nur das eigene Wohlsein sucht? Ist es das Verschließen der Augen, weil es „uns" ja so gut geht? Oder ist es gar die Gleichgültigkeit gegenüber der Not der fernen Nächsten, weil einem nur die Not in der eigenen Gemeinde wichtig ist?

Was auch immer es ist: Es ist in meinen Augen ein Unterdrücken des Geistes Gottes (1Thess 5,19), so dass dieser nicht wirken kann. Es ist ein Betrüben dieses Geistes (Jes 63,10; Eph 4,30), also ein Betrüben Gottes selbst; kein Leben zu seiner Freude und ihm zur Ehre. Mit anderen Worten: Es ist die Verweigerung des Sinns und Ziels christlichen Lebens, mit dem biblischen Wort: Sünde.

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass Gott uns nicht unserer verwerflichen Gesinnung überlässt (Röm 1,28-32), sondern dass er sich doch noch erbarmt. Aber Gott taucht nicht überall wie der rettende Held auf, wo wir ihn brauchen, wo wir den Karren in den Dreck gefahren haben. Er kann auch anders.

Seid euch also nicht zu sicher, dass es schon wieder werden wird. Seid euch nicht zu sicher, dass es euch nicht treffen wird. „Irrt euch nicht, Gott lässt sich nicht verspotten! Denn was der Mensch sät, das wird er auch ernten" (Gal 6,7).

Könnte es sein, dass ihr am Ende dasteht wie jene, denen Jesus sagt (Mt 25,42f): „Ich war hungrig, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mich nicht getränkt; ich war fremd, und ihr habt mich nicht beherbergt; nackt, und ihr habt mich nicht bekleidet; krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht"? Was er ihnen androhte, will ich lieber nicht zitieren. Jedenfalls wird dann niemand mehr die Wahrheit wegdrücken können.


5. Anfänge brauchen Fortsetzungen

Man kann angesichts des fehlenden Aufschreis der Christenheit und des tödlichen Zustands der Welt der Ansicht sein, dass alle christliche Verkündigung vom göttlichen Geist nur eine Illusion sei. Den Weg dieses Glaubens will ich nicht gehen. Ich will weiterhin darauf vertrauen, dass Gott wirkt – trotz des fehlenden Aufschreis und des Zustands der Welt. Auch wenn es manchmal schwerfällt, an das Wirken des Geistes zu glauben. Ich weiß, ich bin ungeduldig. Doch kann man geduldig sein, wenn Menschen im globalen Süden sterben und wir im globalen Norden so tun, als wäre nichts gewesen? Kann man dann noch geduldig sein??

Ich will hoffen und die kleinen Anfänge nicht aus den Augen verlieren. Ich will aber auch die kleinen Anfänge nicht schon zum großen Wurf umdeuten. Anfänge bleiben nur Anfänge. Sie verlangen nach Fortsetzungen. Ich denke, dass  Gottes Geist noch viel bewirken will. Es liegt auch an uns, ob wir ihn wirken lassen.

Wie kein anderes beschreibt das Doppelgleichnis vom Senfkorn und vom Sauerteig den Wert der kleinen Anfänge (Mt 13,31-33; Lk 13,18-21; in Mk 4,30-32 nur vom Senfkorn). Das Senfkorn ist nur ein kleines Samenkorn, und doch wird aus ihm ein riesiger Strauch. So ist es auch mit Gottes Herrschen auf Erden. Es erscheint uns klein und unscheinbar und trägt doch schon die Merkmale einer großen Zukunft in sich. Ebenso verhält es sich mit ein wenig Sauerteig, der den ganzen Teig durchsäuert.

Auch Paulus spricht einmal vom Sauerteig, aber in anderem Sinn (1Kor 5,6-8). Das Brot ist ihm ein Gleichnis für die Christ*innen. Er ruft dazu auf, den alten Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit wegzuschaffen und ein ungesäuertes Brot zu werden, ein „Brot der Reinheit und Wahrheit." Zur Wahrheit gehört nicht nur, dass uns das Heil geschenkt wurde, sondern auch, dass wir so leben, wie es diesem Heil entspricht: ethisch gereinigt. Und zwar nicht nur im persönlichen Bereich, sondern auch im politischen.

Wer nur das eigene Heil feiert und nicht zugleich alles daran setzt, diesem Heil entsprechend zu leben, der lebt nicht als Christ.

Ich schätze die kleinen Anfänge, die es gibt. Aber ich strecke mich zugleich aus nach den Fortsetzungen. Ich bin dankbar für kleine politische Richtungsänderungen. Aber ich ersehne den Paradigmenwechsel, den Wechsel weg von dem Muster „ich zuerst, dann die anderen", weg vom Anhäufen von Reichtum auf Kosten Anderer, weg vom persönlichen Wohlbefinden auf Kosten der Schöpfung. Der Paradigmenwechsel muss die ganze Gesellschaft und das Wirtschaftsleben umfassen.

Du hältst das für einen naiven Traum, eine Illusion? Dann hältst du Gottes Geist für eine Illusion.

Denn das Reich Gottes liegt nicht in unserer Hand. Er schafft das, was, wenn wir es aus eigener Kraft schaffen sollen, tatsächlich eine Illusion ist. Du hast recht: Die Vollendung erfolgt erst am Jüngsten Tag. Doch ich finde es zynisch, diese Vollendung zu erwarten und bis dahin die Hände in den Schoß zu legen.

Täten wir das, was würde Jesus dazu sagen?

Jesus hat immer konkret zu den Menschen gesprochen. Darum geht es im Glauben nicht um abstraktes Theologisieren, sondern um konkretes Retten von Menschenleben. Die Wahrheit ist immer konkret. Abstraktes kann man leicht wegdrücken, Konkretes nicht.

Wenn du eine andere Überzeugung hast, gib unten deinen Kommentar ab. So können wir ins Gespräch miteinander kommen.

Ich schließe diesmal nicht mit einem tröstlichen Zuspruch. Oder vielleicht doch, aber mit einem, zu dem die Mahnung gehört. Ein Zuspruch ohne Mahnung würde alles Gesagte mit Gottes Liebe zukleistern. Ja, Gottes Liebe ist da. Aber zu ihr gehört auch, diese Liebe weiterzugeben. Wer Gottes Liebe nur für sich und die Seinen will, lebt nicht in ihr.

Darum gilt es, sich vom Geist Gottes verändern zu lassen. Wir können uns nicht selbst radikal verändern. Man kann sich nicht selber neu erschaffen oder selber neu gebären (2Kor 5,17; Gal 6,15; Joh 3,3-7). Wir brauchen es auch nicht, denn Gottes Kraft ist dazu da. Gott kann sie über uns ausgießen; denn er will, dass alle Menschen gerettet werden (1Tim 2,4) – auch vor ihrem falschen Lebenswandel. Das ist die Frohe Botschaft von Pfingsten: Gottes Kraft kann und will dich zu einem neuen Menschen machen. Du musst nichts tun – außer es geschehen zu lassen.

Lass dich also vom Geist bewegen zu einem neuen Wollen und neuen Handeln. Die Alternative wäre: wollen, dass die Welt so bleibt, wie sie ist. Was das bedeutet, hat Erich Fried in seinem Gedicht „Status Quo" ausgedrückt:

Wer will
daß die Welt
so bleibt
wie sie ist
der will nicht
daß sie bleibt


* * * * *


Deine Meinung interessiert mich! Du kannst sie unten eingeben.

Wenn du meinen Newsletter bestellen möchtest, bekommst du ein Kapitel aus meinem neuen Buch als Dankeschön!



24 Kommentare
2020-05-31 08:10:51
Hallo Klaus!

Du fragst:

„Was würde Jesus dazu sagen?“

Diese Frage wird in christlichen Kreise immer mal wieder gestellt. Das kann ein rhetorisches Mittel sein, eine Aufforderung zu freier Assoziation oder auch der Versuch, Jesus für seine eigenen Ziele in Anspruch zu nehmen. Ich halte es für sinnvoll, mal mit dem anzufangen, was wir in der Bibel vorfinden.

Weiter fragst du:

„Warum tut die Christenheit sich so schwer, aufzustehen gegen Waffenexporte, versklavende Wirtschaftsstrukturen und Klimawandel? Warum sind hauptsächlich die auf die Straße gegangen, die sich selbst nicht als Christen bezeichnen?“

Sinnvolle Fragen. Ich denke, dass das bereits in der Bibel begründet liegt und sich in der kirchlichen Tradition verfestigt hat.

Stabilisierung der Verhältnisse

Jesus war, anders als z. B. Moses oder Mohammed, kein politischer Führer. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Joh 18,36) bringt es auf den Punkt.

Das Christentum hat immer in erster Linie die bestehenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse stabilisiert:

„Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet“ (Römer 13,1).

„Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen“ (1. Petrus 2,18). [Ein Satz, auf den ich neulich über den Bibelleseplan gekommen bin und bei dem ich nur den Kopf schütteln kann].

Später kam dann noch das „Cuius regio eius religio“ hinzu. Bis heute haben wir gerade in der evangelische Kirche landeskirchliche Strukturen. Und Kirche ist immer noch eng verzahnt mit dem Staat. Schlechte Karten für die Revolution

Naturwissenschaft und Ökologie

Dass wir auf unserem Planeten große Probleme bekommen werden, wahrscheinlich sogar auf eine ökologische Katastrophe zulaufen, sagt uns die Wissenschaft. Ein Problem der Kirche ist, dass sie aufgrund ihres offenbar systemrelevanten Wunderglaubens im Dauerkonflikt mit den Naturwissenschaften steht. Deshalb kann sie sich eben nicht auf einmal an die Spitze dieser Bewegung setzen, jedenfalls nicht glaubwürdig.

Außerdem stand das Christentum von Anfang an und steht im Grunde bis heute unter einer Endzeiterwartung. Wenn sowieso alles dem Untergang geweiht ist, kommt es nicht darauf an, das globale Ökosystem langfristig im Gleichgewicht zu halten. Und ein Messias, der nicht mal weiß, wann in seiner Heimat die Feigen reif sind (Mk 11,13, war auch neulich in der Bibellese dran), eignet sich auch nicht besonders gut als ökologisches Aushängeschild.

Wo das Christentum wirklich einen Unterschied macht und glaubwürdig vorneweg geht, ist die Friedensbewegung. „Liebet eure Feinde“ (Mt 5,44) geht über das übliche „Wie du mir, so ich dir“ hinaus.

Soweit meine Überlegungen, warum im Bezug auf globale soziale Gerechtigkeit und so wenig von Christen zu sehen ist. Ich hoffe, dass ich damit nicht dir den Tag verdorben habe und wünsche dir ein frohes Pfingstfest.

Thomas
Woska, Frank-Peter
2020-05-31 09:37:52
Bei den letzten beiden Beiträgen, da hatte ich eine absolute Synchronizität, von der ich selber ausgesprochen überrascht war! Das ausschütten des heiligen Geistes in den letzten Tagen, kann ja eventuell auch personal bezogen sein kann. Wenn man im letzten drittel seines Leben ist, kann man hermeneutisch sich persönlich Predigt über Joel 3,1‑5 zu eigen machen. Jedenfalls danke ich sehr für alle bisherigen Beiträge hier vom Autor, die mich kreativ machten und machen, beflügelt vom Geist Gottes "ich als seine Kreatur" gezeugt durch den Kreator und der heiligen Schrift.
2020-05-31 21:54:43
Hallo Thomas,

vielen Dank für deine hilfreichen Anregungen. Sie haben mir keineswegs den Sonntag verdorben, sondern mich in meinen Ausführungen bestätigt. Ich möchte drei Anmerkungen dazu machen:

1. Der Satz „Was würde Jesus dazu sagen?" ist, wie du zu recht feststellst, nicht ohne Schwierigkeiten. Denn niemand von uns weiß, was Jesus sagen würde, zumal sein Reden immer wieder überraschend und geradezu anstößig war. Wahrscheinlich würde er zu Vielem etwas ganz anderes sagen, als wir vermuten würden. Ich habe diesen Satz, der ein „Markenzeichen" Martin Niemöllers war, dennoch aufgegriffen, um den Lesenden zu ermutigen, sich in die Person Jesu, wie sie uns im Neuen Testament beschrieben ist, hineinzuversetzen; sich mit seinen Worten und Taten auseinanderzusetzen und Konsequenzen für die Gegenwart zu ziehen. Das kann durch Assoziation geschehen, die aber Anhalt am Neuen Testament haben muss und die sich bewusst sein muss, dass es eben nur eine persönliche Assoziation ist, mehr nicht. Sie dient als Hilfe, Jesus, seine Botschaft und sein Handeln, für die Gegenwart fruchtbar zu machen.

2. Was du zur Stabilisierung der politischen Verhältnisse durch das Christentum sagst, ist völlig richtig. Allerdings gibt es löbliche Ausnahmen, wie z.B. die Bekennende Kirche. Seit Jahrzehnten erlebe ich die EKD so, dass sie viele ethische Stellungnahmen zu politischen Fragen abgibt – durchaus nicht immer im Sinne der Regierenden. So nimmt sie ihr „Wächteramt" wahr. Es gibt auch politische Pfarrer*innen sowie politische Gottesdienste und Arbeitsgruppen. Dennoch fehlt mir das Engagement der breiten Massen, der vielen Christinnen und Christen, die in den Gemeinden mitarbeiten, aber sich in den politischen Fragen doch sehr zurückhalten. Daran müsste gearbeitet werden. Jesu Reich ist zwar nicht von dieser Welt, aber es ist unbestreitbar in dieser Welt (Joh 17,18; 18,37b). Wir sollen das Staatswesen achten und der Anarchie vorziehen, aber doch nur so, dass wir das Böse (auch das staatlich verordnete Böse) durch das Gute überwinden und niemandem die Liebe schuldig bleiben (Röm 12,21; 13,8). Die Liebe muss alle ethischen Entscheidungen bestimmen. Das hat für mich auch politische Dimensionen. Wo das nicht erkannt wird, ist noch Bewusstseinsbildung vonnöten.

3. Wo die biblischen Wunder so verstanden werden, dass das eine Missachtung der Wissenschaft zur Folge hat, werden sie falsch verstanden. Denn es geht den Wundergeschichten nicht um die Schilderung übernatürlicher Spektakel, sondern um die durch nichts aufzuhaltende Macht Gottes. Und ein Verständnis der Eschatologie als Rechtfertigung der eigenen Tatenlosigkeit ist ein fundamentales Missverständnis. In den offiziellen Verlautbarungen der EKD gibt es daher auch keine Vorbehalte gegenüber der Wissenschaft oder gegenüber politischem Engagement. Leider gibt es diese immer noch in gewissen Kreisen der Christenheit. Die EKD jedenfalls setzt sich schon seit Jahrzehnten für gerechte soziale Verhältnisse und einen ökologischen Umgang mit der Schöpfung ein. Und auch die Enzyklika „Laudato si" von Papst Franziskus (2015) spricht diesbezüglich deutliche Worte. Das Problem scheint mir oft nicht so sehr die Einsicht zu sein, sondern der Vollzug. Deshalb mein Appell für ein das eigene Leben Gott anvertrauendes und darum achtsames, gabefreudiges und friedliches Miteinander aller Geschöpfe.

Einen gesegneten Pfingstmontag
Klaus
2020-05-31 21:56:46
@Frank-Peter:
Vielen Dank für die Rückmeldung und noch viele "Beflügelungen" durch Gottes Geist!
Klaus
2020-05-31 23:04:54
Hallo Klaus,

gibt es irgendeine Möglichkeit, dir zu widersprechen, ohne dass du dich dadurch bestätigt fühlst?

Einen gesegneten zweiten Pfingsttag auch Dir!

:-)

Thomas
2020-06-01 11:37:12
Hallo Thomas,

ich sehe zwischen unseren Positionen Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Beides versuche ich herauszuarbeiten. Wenn du es lieber konfrontativ hast, kann ich mich darauf auch einlassen :-). Darum nochmal zur Verdeutlichung:

1. Richtig finde ich deinen Hinweis auf die Schwierigkeiten, die mit dem Satz "Was würde Jesus dazu sagen?", verbunden sein können. Falsch finde ich, den Satz auf die drei von dir genannten Motivationen zu beschränken. Deshalb habe ich meine Motivation dargelegt, die dein berechtigtes Anliegen aufgreift, mit der Bibel anzufangen (nämlich damit, was sie für Assoziationen über Jesus weckt), aber die von dir genannten Gefahren dieses Satzes vermeidet.

2. Richtig finde ich deinen Hinweis auf schwierige Bibelstellen und auf vielfältige kirchliche Stabilisierung der Verhältnisse in der Kirchengeschichte. Falsch finde ich, die von dir genannten Bibelstellen zu isolieren. Darum habe ich auf den Kontext von Röm 13 und Joh 18 hingewiesen. Zu 1Petr 2 ließe sich auch noch mehr sagen. Richtig finde ich, dass du auf die enge Verzahnung zwischen Kirche und Staat auch heute hinweist. Falsch finde ich, daraus ein beständiges unterwürfiges Verhalten DER Kirche abzuleiten ("Das Christentum hat IMMER in erster Linie ..."). Darum habe ich als Gegenbeispiele die Bekennende Kirche und die kirchlichen politischen Stellungnahmen genannt, die durchaus nicht immer im Sinn der Regierenden waren und sind.

3. Richtig finde ich deine Hinweise auf problematische Formen des Wunderglaubens und der Naherwartung. Falsch finde ich, aus diesen problematischen Formen (die hauptsächlich in fundamentalistischen Kreisen zu finden sind) auf einen "Dauerkonflikt mit den Naturwissenschaften", auf eine gleichgültige Untergangsmentalität und auf ein zögerliches Verhalten DER Kirche und DES Christentums zu schließen. Darum habe ich auf die kirchlichen Verlautbarungen hingewiesen, die weder Vorbehalte gegenüber der Wissenschaft nach träge Gleichgültigkeit aufweisen. Falsch finde ich auch deine Deutung von Mk 11,13, wozu ich mich ja in deinem Blog schon geäußert habe (das wollte ich nicht wiederholen).

Ich finde unseren Dialog sehr spannend und anregend - trotz aller Unterschiede - und würde mir noch mehr Dialogpartner*innen wünschen.

Viele Grüße
Klaus
2020-06-01 18:15:58
Hallo Klaus,

danke für deine heutige Antwort. Damit kann ich mehr anfangen. Mir ging es einfach darum, einen Kontrapunkt zu setzen. Solche Gedanken gehen mir immer durch den Kopf, wenn ich Pfarrer auf diese Art global-ökologisch-sozial predigen höre. Ich finde Engagement von Christen in diesen Zusammenhängen ja auch wichtig, aber das Christentum hat das Pulver hier nun mal nicht erfunden und deswegen können Christen meiner Meinung nach zwar in diesem Bus mitfahren, aber keine Führungsrolle aus theologischer Qualifikation heraus beanspruchen. Und wenn ich dann Bibelstellen in Predigten wie deiner finde, die dafür doch als Begründung herhalten sollen, schüttele ich eben ein paar andere aus dem Ärmel, die das Gegenteil meiner Meinung nach genau so gut oder schlecht belegen. Mehr sollte es nicht sein.

Viele Grüße

Thomas
2020-06-01 22:13:11
Naja, dazu würde ich dann sagen, einerseits kritisiert man das fehlende Engagement der Christen, und wenn sie sich dann aufgrund ihrer Interpretation von Schriftstellen, ihres Glaubens und ihrer Theologie engagieren, bezichtigt man sie einseitiger Schriftauslegung. Ja was denn nun? Man könnte sich ja auch freuen darüber, dass es solche Schriftauslegungen und Theologien gibt, die Christen nicht nur als Trittbrettfahrer (im Bus) sehen, sondern sie ermutigen, endlich auch mal die Speerspitze zu bilden. Was spricht eigentlich dagegen, dass sie diese bilden sollten und könnten?

Das war jetzt nicht beleidigt, sondern konfrontativ :-).

Gut's Nächtle
Klaus
2020-06-02 10:11:52
Hallo Klaus,

ich finde es ja gut, wenn sich Christen in dieser Hinsicht engagieren. Habe ich oben ja auch schon geschrieben. Und in der Friedensbewegung können Christen für mich auch mit großer Glaubwürdigkeit vorangehen.

Ökologie besonders und auch globale soziale Gerechtigkeit als Ziele können Christen nur als Nachahmer anbieten (Auf Neudeutsch sind es Mee-too-Produkte). Dass heißt, wie gesagt, nicht, dass man nicht dafür werben sollte, aber die Art und Weise sollte diese Ausgangssituation berücksichtigen.

Ich habe übrigens gerade letzte Woche in einem Zeit-Beitrag gelesen, dass es ein verbreitetes Missverständnis sei, das Christentum als die Religion der Weißen und Wohlhabenden anzusehen. Real sei es viel mehr die Religion der Schwarzen und Armen und obendrein in vielen Teilen der Welt der Verfolgung ausgesetzt. Auch das ist eine Antwort auf die Frage: Christen, wo seid ihr?

Eine theologische Fachfrage noch: Was soll eigentlich Auslegung der Bibel leisten? Bisher hatte ich immer den Eindruck, es ginge darum, die in der Bibel (bzw. dem jeweiligen Teiltext) enthaltene Aussage herauszuarbeiten und zu verdeutlichen. Grundannahme dabei: Die Bedeutung ist zeitunabhängig aktuell bzw. so fortschrittlich, dass wir uns immer noch auf dem Weg dorthin befinden.

Oder ist es so, dass die Aussagen der Bibel heute etwas anderes bedeuten als zu der Zeit, als sie aufgeschrieben wurden? Das fände ich heikel. Oder besteht Auslegung darin, das in der Bibel Vorgefundene zu nutzen für den Kommunikationszweck, um den es einem gerade geht? Das doch hoffentlich nicht! Auch wenn es real hier und da bestimmt passiert.

Eine gute Woche wünscht dir

Thomas
Jochen
2020-06-02 16:24:47
Hallo Klaus,
Mutter Teresa, die im Beitrag als "veränderter Mensch" erwähnt wird, hat auch eine klare Meinung zum Schutz des ungeborenen Lebens gehabt, der im Beitrag leider nicht explizit erwähnt wird, es sei denn man bezöge Ökologie und Klimawandel auch auf den Menschen selbst - das ist die große offene Flanke leider auch der EKD, deren in einem Kommentar angesprochenes ethisches "Wächteramt" beim Thema Lebensschutz seit Jahren leider nicht mehr wahrzunehmen ist.

Wie auch immer, auf die Frage "Christen, wo seid ihr?" kann man jedenfalls sagen, dass beim Marsch für das Leben alljährlich viele Christen ( = Männer, Frauen, Söhne, Töchter)
zu sehen sind. Katholiken, Orthodoxe, erkennbar an verschiedenen Ordens-Trachten, Rosenkränzen und Gebetsschnüren, Freikirchler die die Händer zum Himmel strecken.
Man sieht aber auch Muslimas und im Gespräch würde man Religionslose in der Menge kennenlernen. Denn heutzutage wird die Legitimität eines Anliegens wesentlich daran abgelesen, dass sie über die Grenzen gesellschaftlicher Gruppen hinweggeht. Anders als bei den im Beitrag angesprochenen Themen steht hier allerdings die öffentliche Meinung teilweise brutal gegen die Teilnehmer. Dass sich Gott nicht einsetzen ließe, wie im Beitrag erwähnt, ist gelegentlich auch ein Gegenargument dass man hört. Man "instrumentalisiere". Die Teilnahme ist dennoch ein schönes Glaubensfest, aber nicht nur. Freilich ist es auch so, dass davon ausgehend viel für Familien und Mütter konkret getan wird. Man hört nur nichts davon in den Medien.
2020-06-02 21:32:05
@Thomas:

Hallo Thomas,

meine echte Frage an dich ist: Warum meinst du, Christen könnten nur in Sachen Frieden glaubwürdig vorangehen, nicht aber in Sachen Ökologie und globale soziale Gerechtigkeit, wo sie nur sozusagen mitlaufen oder anderen Initiatoren nachfolgen könnten? Das verstehe ich nicht. Denn ich sehe biblisch und theologisch keinen Unterschied, der dieses unterschiedliche Vorgehen rechtfertigen würde. Aber vielleicht kannst du mir ja auf die Sprünge helfen.

Guter Gedanke: Christentum ist die Religion der Schwarzen und Armen. In Afrika hat das Christentum großen Zulauf, oft, soweit ich weiß, ein charismatisch geprägtes Christentum. Und in den armen Gemeinden in Südamerika ist, unter Mitwirkung katholischer Bischöfe, die Befreiungstheologie entstanden. Tatsächlich ist der christliche Glaube dort aufsteigend und bei uns rückläufig. Was bedeuten könnte, dass materieller Reichtum das Glauben erschwert.

Zu deiner Frage nach der Schriftauslegung: Natürlich soll die Bibel nicht für eigene Zwecke missbraucht werden, indem man das, was man schon vorher weiß, nachträglich biblisch untermauert. Natürlich besteht diese Gefahr immer, aber so soll es nicht sein. Deshalb ist die Predigt meistens Textpredigt, d.h. ein biblischer Text bestimmt das Thema der Predigt und nicht umgekehrt das Lieblingsthema des Pastors die Auswahl des biblischen Textes. Allerdings hat man manchmal das Gefühl, dass dieser Leitsatz nicht umgesetzt wird.

Die Aussagen der Bibel bedeuten heute auch nicht etwas anderes als zu der Zeit, als sie aufgeschrieben wurden. Obwohl man da sehr aufpassen muss. Wenn Paulus in 1Kor 11,5f dazu aufruft, dass die Frauen im Gottesdienst ihr Haar bedecken sollen, bedeutete das früher: Die Bedeckung des Haares das Zeichen dafür war, dass eine Frau verheiratet ist, so wie für uns heute der Ehering. Das sollten die Frauen durch ihre Kopfbedeckung deutlich machen, was wohl in Korinth von einigen Frauen wegen eines Missverständnisses der christlichen Freiheit abgelehnt wurde. Es galt aber als Infragestellung der ehelichen Treue und Signal dafür, offen zu sein für außereheliche Abenteuer, wenn eine Frau in der Öffentlichkeit keine Kopfbedeckung trug. Auch bei uns wäre es ja merkwürdig, wenn eine Frau für den Gottesdienst ihren Ehering ablegen würde. Dieser Paulustext hatte also damals eine andere Bedeutung als heute, weil der kulturelle Hintergrund ein anderer war. Dennoch hat der Text auch heute Bedeutung, nämlich die, dass die eheliche Treue hohen Wert hat und das Zeichen der Ehe (Trauring) nicht abgelegt werden soll, um sich offen für außereheliche Abenteuer zu zeigen. Man muss also manchmal den Kern des biblischen Gedankens herausschälen und kann den Text nicht unmittelbar in die Gegenwart übertragen. Ich würde also sagen: Die Bedeutung der meisten biblischen Texte ist zeitunabhängig aktuell, aber es gibt verschiedene Bedeutungsebenen, und man muss manchmal unter der unmittelbaren zeitgebundenen Bedeutung die dahinter liegende zeitungebundene Bedeutung herausschälen. Außerdem gibt es auch Texte, z.B. atl. Opferanweisungen, die für uns heute keine Bedeutung mehr haben, oder solche, die von anderen Texten her relativiert werden müssen, z.B. Anordnungen Gottes zur Vernichtung anderer Völker im Krieg (der sog. "Bann").

Natürlich kann man daran viele Fragen anknüpfen. Vielleicht schreibe ich bald mal etwas zum Umgang mit der Bibel.

Viele Grüße
Klaus
2020-06-02 21:54:54
@Jochen:

Hallo Jochen,

vielen Dank für deinen Hinweis auf den Schutz des ungeborenen Lebens. Ich finde diesen auch sehr wichtig und sehe darin wie du ein Versäumnis der EKD. Ich weiß, dass ich mit solch einer Haltung schnell in die konservative Ecke gestellt werde, in die ich absolut nicht gehöre. Aber christliche Ethik definiert sich eben nicht durch progressive, konservative oder was auch immer für Ecken, sondern verläuft quer zu allen politischen oder philosophischen Mustern. Leider ist es in der Christenheit oft so, dass es entweder "linke" Christen gibt, die vehement für die Bewahrung der Schöpfung eintreten, aber Abtreibung (unter bestimmten Voraussetzungen) für ethisch vertretbar halten, oder "rechte" Christen, die vehement die Abtreibung verwerfen, aber für die Bewahrung der Schöpfung ihr Wort nicht erheben. Ich finde beides wichtig, und ich würde mir wünschen, dass die Teilnehmenden am "Marsch für das Leben" und die an Öko-Demonstrationen zueinander finden und gemeinsam demonstrieren oder sich wenigstens nicht gegenseitig verurteilen. Denn wer den Andersdenkenden verurteilt, rückt ihn damit in eine bestimmte Ecke, packt ihn eine bestimmte "Schublade" und bedenkt eben nicht, dass christlicher Glaube und christliche Ethik sich nicht nach "Ecken" oder "Schubladen" bestimmt. Er ist wohl auch kaum lernbereit, weil das Abstempeln des Andersdenkenden eine gute Abschottung ist, so dass man sich mit seinen Argumenten gar nicht erst beschäftigen muss.

Das Instrumentalisieren kann man übrigens allen Richtungen vorwerfen, und das wird auch getan. Auch das ist ein Sich-Abschotten, indem dem Anderen die christliche Legitimation durchweg abgesprochen wird, ohne sich mit seinen Argumenten auseinanderzusetzen.

Viele Grüße
Klaus
2020-06-03 22:41:44
Hallo Klaus,

zu deiner Frage, warum Christen bei mir mit der Bewerbung um die erste Geige auf den Gebieten Ökologie und soziale Gerechtigkeit keine Chance haben: Ich dachte, ich hätte darauf weiter oben schon Antworten gegeben. Das Christentum ist in einer Zeit entstanden, wo sklavereibasierte Feudalsysteme der Normalfall waren, und das merkt man ihm an. Ökologie war schon mal gleich überhaupt kein Thema.

Einen großen Impuls im Bezug auf Wirtschaft und Gesellschaft hat im Gegensatz dazu aus meiner Sicht das Kommunistische Manifest von 1848 gesetzt. Auch wenn man es nicht in jedem Punkt für richtig hält, muss man sagen, dass es etwas in Bewegung gesetzt hat und dass verschiedene politische Richtungen daraufhin neue Sozialkonzepte entwickeln mussten. Bei der Ökologie spielt für mich die Studie von Meadows et al. „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972 eine ähnliche Rolle. Sie hat deutlich gemacht, dass wir, die Menschheit, in unserem wohlverstandenen Eigeninteresse etwas ändern müssen.

Jetzt als Motivation anzuführen, dass dieses unökologische Verhalten einem Schöpfergott nicht gefällt, kommt im Vergleich dazu zu spät und ist schwach. Der christliche Glaube hatte vorher schon knapp 2000 Jahre Zeit und hat sie nicht genützt. Außerdem sind Christen in diesem Zusammenhang nur eine Glaubensgemeinschaft unter mehreren. Das Problem betrifft aber die gesamte Menschheit.

Viele Grüße

Thomas
2020-06-04 21:47:14
Hallo Thomas,

danke für deine Antwort. Du hast recht damit, dass die Kirche zu ethischen Fragen oft erst dann Stellung bezieht, wenn ein Thema gesellschaftlich bereits auf der Tagesordnung ist. Das erweckt den Eindruck, als springe sie schnell noch auf den fahrenden Zug auf, um nicht gesellschaftlich abgehängt zu werden. Unter ethischem Gesichtspunkt ist das natürlich ein Unding. Ich glaube allerdings nicht, dass das mit historischen Gegebenheiten zusammenhängt. Ökologie war ja in der gesamten Antike kein Thema, eben weil es die Probleme, vor denen wir heute stehen, noch gar nicht gab. Sie traten ja erst 1972 mit den „Grenzen des Wachstums" ins allgemeine Bewusstsein. Schlimm genug, dass die ev. Kirche meines Wissens erst in den 80er Jahren entsprechende Stellungnahmen abgab. Ich denke, diese Zurückhaltung könnte eher in der Angst begründet sein, Unfrieden in den eigenen Reihen zu stiften, einen Teil der Kirchenmitglieder zu verärgern und sie dadurch zu verlieren. Darum hält man sich so lange zurück, bis man von einer Mehrheit für die notwendige ethische Entscheidung auch in den eigenen Reihen ausgehen kann. Ich halte das für vollkommen falsch. Dazu kommt, dass man auch in den Entscheidungsgremien einen Streit vermeiden und friedlich auseinandergehen möchte. Bis sich eine neue ethische Problematik und die entsprechenden Handlungsmaximen in den Köpfer festgesetzt haben, braucht es aber mitunter viel Zeit. Hier wäre m.E. mehr Mut und mehr Theologie vonnöten. Theologie könnte davor bewahren, sich dem Zeitgeist (ungewollt) zu unterwerfen bzw. sich von ihm abhängig zu machen. Sie könnte auch dazu führen, nicht zu zurückhaltend gegenüber dem Staat zu sein, von dessen Wohlwollen man ja in der Volkskirche abhängig ist. Das ist ein Problem der volkskirchen Struktur, wobei man aber feststellen muss, dass die Freikirchen sich auch nicht gerade durch ethische Vorreiterschaft hervortun. Gott sei Dank gibt und gab es immer wieder Gegenbeispiele, wie z.B. Martin Luther, der sich mit Kaiser und Reich anlegte, oder die Bekennende Kirche zeigen. Papst Franziskus lässt auch manchen frischen Wind wehen, aber man merkt, dass selbst er nur sehr bedingt gegen die Widerstände in den eigenen Reihen agieren kann. Letztlich bedarf es wohl des göttlichen „Windes", um frischen Wind in die Welt zu bringen – sei es durch charismatische Menschen oder Gruppen oder durch neue theologische Anstöße. Ich denke oft, dass es in unserer Zeit dringend eines „charismatischen Führers" (so nennt man auch die atl. Richtergestalten, die von Gottes Geist bewegt wurden) bedarf, der die Massen hinter sich bringt. Leider gibt es heute solche Führergestalten auch vielfach auf der anderen Seite des ethischen Spektrums.

Ähnliches gilt wohl für das Thema soziale Gerechtigkeit. Der Kirche gehören eben auch viele steuerzahlende Industrielle an, die man ungern vor den Kopf stoßen möchte, um ihre Steuerzahlungen nicht zu verlieren. Ethisch kann das zu einem Debakel führen. Ich glaube aber nicht, dass das Sklavensystem zur Zeit der Entstehung der Kirche der Grund für die heutige Zurückhaltung ist, zumal dieses System als Ganzes im NT zwar nicht in Frage gestellt, aber doch schon (wenn auch nicht überall) unterlaufen wird (siehe 1Kor 12,12f; Gal 3,28; Kol 3,9-11; 4,1; Eph 6,9 neben V 5-8; und den Philemonbrief). Mehr war möglicherweise damals für eine kleine, sich im Römischen Reich in einer Außenseiterposition befindenden und sowieso schon oft angefochtenen Gruppierung nicht drin. Und natürlich waren auch die ntl. Autoren Kinder ihrer Zeit. Umso erstaunlicher finde ich das genannte, direkt aus dem Glauben fließende Unterlaufen des Sklavensystems.

Viele Grüße
Klaus
Jochen
2020-06-06 09:45:05
Hallo Klaus, zur Frage der politischen Einordnung des Lebensschutzes in das derzeitige politische Spektrum kann man sagen, dass eine andere ökologische Partei den Schutz des ungeborenen Lebens explizit in ihrem Grundsatzprogramm anführt. Dadurch wirken die anderen ökologischen Ziele viel überzeugender auf mich. Auch Franziskus hat in seiner Enzyklika Laudato si den Lebensschutz mit einem Abschnitt erwähnt. Ich erinnere mich gut an den Religionsunterricht der 80er Jahre, als unser Pfarrer mit uns konziliarer Prozess nachspielte. Man findet heute im Netz nichts darüber, inwiefern im konziliaren Prozess damals Gerechtigkeit in der Familie inkl. Lebensschutz thematisiert wurde (näher am Menschen ginge ja eigentlich fast gar nicht). Immerhin finde ich in C. F. v. Weizsäckers Buch "Zeit und Wissen", dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau damals immerhin ein Themenkomplex war. Lebensschutz auch im Kontext der damals aufkommenden Genmanipulation hat unser Reli-Lehrer mit uns an anderer Stelle behandelt und uns gegenüber klare Positionen dazu vertreten und gelehrt (trotz meiner teilweise unverschämt-pubertären Polemik damals ist davon offenbar einiges bei mir hängen geblieben. Bildung wirkt eben auch nachhaltig positiv). Politisch gesehen könnte man das wohl als Öko-Konservatismus bezeichnen.
2020-06-06 16:13:08
Hallo Jochen,

ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass der Schutz des ungeborenen Lebens im Konziliaren Prozess eine Rolle gespielt hat. Es passte wohl nicht in den eher "fortschrittlich" oder "links" orientierten Prozess. Für mich zeigt sich darin einmal mehr, wie überholt diese Kategorisierungen sind, oder besser gesagt: wie sehr das Evangelium alle menschlichen Kategorisierungen überholt. Da gilt nicht mehr konservativ oder progressiv, links oder rechts, reich oder arm, Mann oder Frau, sondern die Gnade Gottes, derer alle bedürfen und die für alle dasselbe Handeln am Nächsten nahelegt. Das ist für mich ein Handeln für nationalen und globalen materiellen Ausgleich, Friedenssicherung durch vertrauenbildende Maßnahmen, Verzicht auf gierige Mehrung des materiellen "Wohlstands" auf Kosten Anderer und der Schöpfung, Schutz der Natur und jedes Lebens, auch des noch nicht geborenen. Für mich war es beeindruckend und ist es unvergesslich, wie uns, einer Gruppe junger Theologen, in den 80er Jahren eine Ärztin sagte, dass eine Abtreibung für sie ein Mord sei. Dieser eine Satz einer Ärztin, die ich danach nie wieder gesehen habe, hat sich bei mir festgesetzt und mein Denken in dieser Sache bis heute beeinflusst. (So wichtig können unsere menschlichen Worte sein, und wir wissen manchmal gar nicht, wie sehr wir damit auf andere Menschen einwirken.) Man müsste allerdings noch viel mehr zum Thema Schwangerschaftsabbruch sagen, z.B. auch zum Thema Hilfestellungen und Begleitung für betroffene Frauen, die mit ihrer Notlage mitunter sehr allein dastehen. Denn auch dass eine ungewollte Schwangerschaft für Frauen wirklich eine Notlage sein kann, muss ernst genommen werden, und ich finde, sie müssen bei Bedarf und soweit sie dies wünschen intensiv begleitet und unterstützt werden, wenn sie sich für ein Austragen des Kindes entscheiden.
2020-06-09 08:06:54
Hallo Klaus,

du schreibst oben zum Thema Reaktion von Kirchen auf „Grenzen des Wachstums“: „Hier wäre m.E. mehr Mut und mehr Theologie vonnöten. Theologie könnte davor bewahren, sich dem Zeitgeist (ungewollt) zu unterwerfen bzw. sich von ihm abhängig zu machen.“

Das bekomme ich mit meinem Verständnis von Theologie nicht zusammen. Theologie ist für mich die Wissenschaft von Gott und, da man von Gott auf direktem Wege letztlich nichts weiß und nichts wissen kann (intersubjektiv für eine große Zahl von Menschen nachvollziehbar und am besten überprüfbar), hilfsweise die Wissenschaft von „Jesus Christus, wie er in der Bibel bezeugt ist“, jedenfalls so weit es sich um christliche Theologie handelt.

Wie sollte „mehr Theologie“ da einen Beitrag leisten? Sie kann doch nichts Neues entwickeln wie z. B. Medizin oder eine Ingenieurwissenschaft. Und der Zeitgeist umfasst doch gerade ökologisches Bewusstsein, unter anderem.

Viele Grüße

Thomas
2020-06-09 20:56:00
Hallo Thomas,

ich wollte mit meiner Äußerung sagen, dass der Gedanke der Bewahrung der Schöpfung sich schon früher in den Köpfen festgesetzt hätte, wenn er früher theologisch auf die Tagesordnung gesetzt worden wäre. Kirche und Theologie sollten nicht warten, bis etwas sowieso schon auf der Tagesordnung steht, um es dann plötzlich auch für theologisch relevant zu erklären, sondern sie sollten, wenn ihre Botschaft es nahelegt, Themen von sich aus auf die Tagesordnung setzen. Das würde dann vielleicht Manche vor den Kopf stoßen oder Widerstand von Seiten der Politik hervorrufen, aber das muss man dann eben in Kauf nehmen.

Zur Theologie allgemein wäre jetzt viel zu sagen. Ich glaube schon, dass sie Neues entwickeln kann. Auch die theologische Forschung geht weiter und kommt zu immer neuen Erkenntnissen. Und Leute wie Martin Luther hatten ihrer Zeit schon Neues zu sagen, jedenfalls etwas, was total abhanden gekommen war. In der Bibel gibt es immer Neues zu entdecken. Wäre es nicht so, so könnte die Theologie ja ihre Arbeit einstellen und würde nur noch das Altbekannte wiederholen. Sie muss aber ihrer Zeit immer wieder auf neue Weise das Evangelium verkündigen, egal, ob das von einer großen Menge von Menschen nachvollziehbar ist oder nicht. Sie muss es aber so tun, dass es grundsätzlich nachvollzogen werden kann, d.h. nicht in sich widersprüchlich oder Erkenntnisse anderer Wissenschaften schlichtweg leugnend.

Theologie ist die Wissenschaft von Gott und das heißt seiner Beziehung zu Welt und Mensch. Denn der Gott der Beziehung ist nicht ein Gott "an sich", losgelöst von Welt und Mensch, sondern er ist ein Gott für die Welt und den Menschen, mit einem Wort: ein Gott der Liebe. Darum ist jede Aussage über Gott zugleich eine Aussage über den Menschen und über die ganze Schöpfung.

Ich hoffe, was ich meine, ist damit etwas klarer geworden. Sonst frag ruhig nochmal nach.

Viele Grüße
Klaus
2020-06-10 16:51:33
Hallo Klaus,

meinem Eindruck nach hatte die Kirche das ökologische Thema damals nicht auf dem Schirm, und ich mache ihr daraus noch nicht einmal einen Vorwurf. Außerdem wird die Bedeutung von kirchenseitigen und theologischen Aussagen und Verlautbarungen in Insiderkreisen wohl viel höher eingeschätzt als von außen.

Zu Theologie allgemein: nach deiner Antwort verstehe ich, ehrlich gesagt, weniger als vorher. Für mich ist dieses Fach nicht wirklich greifbar. Dabei habe ich ca. 1,5 m theologische Bücher im Regal stehen. Ich versuche jeweils hinter den ganzen Begrifflichkeiten, Interpretationen und Auslegungen von Interpretationen so etwas wie eine Statik zu erkennen. In der Regel ist mein Fazit: Über diese Brücke gehe ich nicht.

Mein Eindruck ist, dass, abgesehen von den altsprachlichen und historischen Teilen, Theologie zurzeit vor allem der Erhaltung des eigenen Fachs und der philosophischen und dialektischen Ausbildung des künftigen Pfarrpersonals dient. Innovation, die für den Rest der Welt interessant und relevant wäre, kann ich nicht erkennen.

Viele Grüße
Thomas
2020-06-11 11:23:26
Hallo Thomas,

zur Theologie nur noch soviel: Sie ist keine empirische Wissenschaft, sondern eine historische, dogmatische und praxisbezogene. Es geht in ihr also nicht um „objektive" Erkenntnisse, die sich im Versuch bestätigen oder widerlegen lassen, sondern um Deutung der Wirklichkeit. Ihre Wahrheit liegt auf einer anderen Ebene als die Wahrheit der empirischen und mathematischen Erkenntnis. Wo Deutung der Wirklichkeit erfolgt, gibt es immer auch unterschiedliche Deutungen. Das kann den Eindruck erwecken, dass hier nur wild herumspekuliert wird, was mit Wahrheit wenig zu tun hat. Wir haben aber die Wahrheit Gottes sozusagen nur im Plural, also in unterschiedlichen Deutungen. Niemand hat die Wahrheit für sich allein. Keine noch so „gute" Theologie kann beanspruchen, Gottes Wahrheit im Griff zu haben; sie bedarf immer der Ergänzung und Korrektur durch andere Theologien. So ist es schon innerhalb der biblischen Schriften, in denen unterschiedliche Theologien zur Sprache kommen, ohne dass diese sich gegenseitig bekämpfen. Die verschiedenen Schriften wurden einfach nebeneinandergestellt. Das ist kein Manko, sondern liegt in der Natur der Sache. Denn die Sache der Theologie ist Gott, und Gott lässt sich nun mal nicht „objektiv", also vergegenständlicht, darstellen, so dass seine Erkenntnis sich im Versuch bestätigen oder widerlegen ließe. Würde man das tun, so würde man ein Stück Welt erkennen, aber nicht Gott.

Auch die Sprache der Theologie ist eine andere als die der empirischen Wissenschaften. Ihre Begriffe sind oft metaphorisch und lassen einen gewissen Deutungsspielraum. Dadurch herrscht nicht die scheinbare Klarheit der empirischen Wissenschaften, schon gar nicht die mathematischer Erkenntnisse. Das liegt wiederum daran, dass die Theologie es nicht mit einem Stück Welt zu tun hat, sondern mit Gott, der sich eben nicht in menschliche Begriffe fassen lässt und schon gar nicht in mathematische Formeln. Alle menschlichen Begriffe sind im Grunde unzulängliche menschliche Versuche, Gott zu verstehen, und sie können nur dann etwas von Gott vermitteln, wenn Gott selbst sie für sich in Beschlag nimmt und sich durch sie offenbart. Gottes Wahrheit ist uns unergründlich. Darum muss er selbst sich uns ergründen. Das alles kann den Eindruck erwecken, dass theologische Aussagen nicht recht fassbar sind, immer in der Schwebe bleiben. Das ist aber gut so, denn die Alternative wäre, dass wir Gott im Griff haben. Ein Gott in unserem Griff aber wäre kein Gott.

Zum Thema Innovation: Ich denke, dass die Welt immer wieder neu an das erinnert werden muss, was das Evangelium (die frohe Botschaft für alle Welt) sagt. Dieses Evangelium ist ja der Welt nicht zu eigen. Was Luther der Welt zu sagen hatte, war ihr völlig neu, obwohl es das „alte" Evangelium war. Das Evangelium und die ihm entsprechende Ethik ist nichts in der Welt bleibend Vorhandenes. Darum muss es immer wieder innovativ, nämlich auf die jeweiligen Zeitfragen und Denkstrukturen eingehend, gesagt werden. Ich erlebe das als ausgesprochen innovativ und kreativ. Nicht innovativ im technischen Sinn, aber in dem Sinne, dass die „alte", aber niemals alt werdende christliche Deutung der Wirklichkeit immer neu innovativ zur Sprache gebracht werden muss. Die Liebe zur Welt und zu aller Kreatur, die dabei deutlich werden soll, wird niemals alt.

Viele Grüße
Klaus
2020-06-14 08:26:52
Kleiner Nachtrag:

Tageslosung für Sonntag, 14. Juni 2020

Du hast den Menschen zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan.

Psalm 8,7
2020-06-14 16:16:24
Danke für den eindrücklichen Vers, den ich noch nicht in diesem Zusammenhang gelesen habe.

Es fragt sich, wie man dieses Herrsein, die Herrschaft des Menschen über die Schöpfung interpretiert - als technologisches Sich-zunutze-Machen, also objektivierendes Vergegenständlichen und Vereinnahmen für eigene Zwecke, oder als Teilhaben an Gottes Herrschen, also einfühlendes Zusammensein mit der Mitkreatur und Durchsetzen der lebenschaffenden Zwecke Gottes mit seiner Schöpfung. Die technologische Revolution hat sich die erste Alternative zu eigen gemacht, mit allen bekannten Folgen. Darum ist ein grundlegender Paradigmenwechsel nötig. Fragt sich nur, wie der vollzogen werden soll.

Der Psalmvers drückt Gottes Vertrauen zu uns Menschen aus und zugleich unsere Verantwortung Gott gegenüber.
2020-06-14 19:07:35
Ganz ehrlich, der Versuch, das "alles hast du unter seine Füße getan" als einfühlendes Zusammensein mit der Mitkreatur zu interpretieren, überzeugt mich nun wirklich nicht. Für mich spricht aus diesem Psalmvers vor allem Machtphantasie des Psalmisten, wie sie bestimmt nicht unüblich war für die damalige Zeit.

Dass wir ein Lebewesen unter anderen Lebewesen innerhalb eines komplexen Ökosystems sind, das wir in unserem wohlverstandenen Eigeninteresse erhalten sollten, ist dagegen eher eine neuzeitliche Erkenntnis. Ganz zu schweigen von der Vermutung, dass es noch andere intelligente Populationen im All gibt, was unserer Eitelkeit möglicherweise einen weiteren, vielleicht heilsamen Schlag versetzt.
2020-06-14 22:18:01
Es ist immer die Frage, ob man dem biblischen Autor grundsätzlich skeptisch oder vertrauensvoll gegenübersteht. Im ersten Fall kann man ihm sicher Machtgehabe unterstellen, im zweiten wird man seinen Herrschaftsauftrag positiv bewerten. Der Psalm lässt aber nur den zweiten Fall zu, wenn man ihn im Zusammenhang liest (und nicht sozusagen fundamentalistisch isoliert): V 1 bezeichnet Gott als den Herrscher, nach V 6 hat Gott dem Menschen eine beinahe göttliche Stellung eingeräumt, was nur bedeuten kann, dass der Mensch nach V 7 das Handeln Gottes an der Schöpfung fortzuführen hat im Sinne dessen, der ihn zum Herrscher (oder Herrn) eingesetzt hat. Und da ich Gott dem Herrscher kein Ausleben von Machtphantasien beim Erschaffen der Schöpfung unterstelle, kann dies auch nicht der Sinn seines Übertragens von Herrschaft an den Menschen sein. Es geht ja im V 7 nicht darum, was wie der Mensch faktisch mit seiner Herrschaft über die Schöpfung umgeht, sondern darum, was Gott ihm aufgetragen hat. Nun kann man natürlich dem Autor unterstellen, dass er Gott Machtgehabe andichten wollte. Das ist aber ziemlich unmöglich angesichts des Lobgesangs auf Gott in V 1-5.10. So würde wohl kaum jemand einen Gott preisen, der sich in Machtphantasien ergeht.
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Christsein
verstehen
Christsein
verstehen
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Christsein
verstehen
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Christsein
verstehen
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
Zurück zum Seiteninhalt