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"Eine Kultur der Entfeindung schaffen"

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie aktuell · 28 November 2022

T h e o l o g i e   a k t u e l l
"Eine Kultur der Entfeindung schaffen"
Wie die evangelische Kirche um die Friedensethik ringt (Teil 3)
Klaus Straßburg | 28/11/2022

Die Wogen im Internet schlugen hoch. Vor allem die sogenannten Sozialen Medien kehrten wieder einmal ihre asoziale Seite hervor. Ein Shitstorm ergoss sich über die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und ihre höchste Repräsentantin Annette Kurschus. Es hagelte Beschimpfungen und Drohungen mit Kirchenaustritten (laut Eule-Magazin).

Was war geschehen? Die EKD-Ratsvorsitzende hatte am Reformationstag in der Schlosskirche zu Wittenberg eine Predigt über Psalm 46 gehalten und darin den Ukraine-Krieg thematisiert. In der Predigt hatte sie Verhandlungen mit Russland gefordert. Daraufhin warf der ehemalige ukrainische Botschafter Andrij Melnyk der EKD auf Twitter einen "Eiertanz mit dem Kriegsverbrecher Putin" vor, eine "Anbiederung an die russisch orthodoxe 'Kirche'" und einen "heuchlerischen Verrat am ukrainischen Volk", den "wir Euch, Dienern des Judas, NIE verzeihen" werden. Darauf folgte die besagte Eskalation (laut Eule-Magazin).

Es sei nur kurz angemerkt, dass die EKD-Ratsvorsitzende den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. bereits mehrfach scharf kritisiert hat. Von einer "Anbiederung an die russisch orthodoxe 'Kirche'" kann deshalb keine Rede sein. Zu den anderen Äußerungen Melnyks möchte ich mich nicht äußern, da sie mehr über ihn aussagen als über die EKD.

Doch warum hat die Kurschus-Predigt die Gemüter derart erhitzt? Sehen wir uns die Predigt einmal genauer an.


1. Angst kann ein Indikator für Gefahr sein

Der Predigt lag, wie gesagt, der 46. Psalm zugrunde, und zwar in der Luther-Übersetzung:

2 Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. 3 Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, 4 wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die  Berge einfielen. 5 Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. 6 Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben; Gott hilft ihr früh am Morgen. 7 Die Völker müssen verzagen und die  Königreiche fallen, das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt. 8 Der HERR Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz. 9 Kommt her und schauet die Werke des HERRN, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet, 10 der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt. 11 Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will mich erheben unter den Völkern, ich will mich erheben auf Erden. 12 Der HERR Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz.

Kurschus knüpft an das Bild vom Weltuntergang in Vers 3 an und gesteht:

Ich fürchte mich sehr wohl. Und wie. Bisweilen überfällt mich große Angst vor dem Schreckensszenario: dass die Welt untergeht und die Berge ins Meer stürzen und die Fluten Menschen und Tiere, Häuser und Gärten, Hab und Gut verschlingen. Tatsächlich ist mir bang vor einer Katastrophe von kosmischen Ausmaßen, verursacht durch atomare Kräfte oder Naturgewalten.

In diesem Zusammenhang zitiert die Ratsvorsitzende Bundespräsident Steinmeier, der nach einem Besuch in Kiew sagte:

Es ist alles viel furchtbarer, als wir uns das in Deutschland vorstellen.

Ich finde es wichtig, dass Kurschus offen von ihrer Angst spricht. Das hört man in den Diskussionen um den Ukraine-Krieg selten. Alle, die oft voller Überzeugung ihre Meinung kundtun, scheinen Angst nicht zu kennen. Aber ein Leben ohne Angst gibt es nicht. Und die atomare und ökologische Bedrohung können nur Angst auslösen. Angst ist auch nicht unbedingt ein schlechter Ratgeber, wie man oft hört. Sie kann auch ein wichtiger Indikator für eine bedrohliche Situation sein. Wer keine Angst hat, läuft möglicherweise Gefahr, blindlings in die Katastrophe zu rennen.

Darum ist es von Belang, dass Kurschus offen ihre Angst bekennt. Sie bringt damit zum Ausdruck: Die Situation ist gefährlich. Wir dürfen nicht zur Tagesordnung übergehen, sondern müssen Verantwortung übernehmen.

Die meisten Menschen in Deutschland können sich Krieg wahrscheinlich nicht vorstellen, weil sie ihn noch nicht erlebt haben. Andere stecken den Kopf in den Sand und verdrängen die Gefahr. Wir können uns deshalb nur bedingt ein Urteil darüber bilden, was Krieg bedeutet. Der Bundespräsident hat es in Kiew gesehen – und eingestanden, dass es viel furchtbarer als unsere Vorstellung ist. Krieg ist schrecklich. Wir sollten ihn und seine Gefahr für uns deshalb nicht auf die leichte Schulter nehmen.


2. Das zweite Gebot ebnet den Weg zum Frieden

Kurschus stellt fest, dass die Menschen in Israel, die den Psalm sangen, offensichtlich Gewalterfahrungen gemacht haben und Kriegsangst hatten (Verse 2 und 9f). Sie bezieht diese Erfahrungen auf die gegenwärtige Situation in der Ukraine:

Menschen fliehen, suchen in ihrer Todesangst eine feste Burg, die sie schützt, hasten in den Keller, in das Theater, in den U-Bahnschacht, beten dort: "Gott ist unsere Zuflucht und unsere Stärke. Er hilft uns früh am Morgen." Menschen rufen nach guter Wehr und Waffen, um Leib und Leben zu verteidigen, nach Hilfe in den großen Nöten, die sie getroffen haben.

Anschließend greift Kurschus die im Psalm geschilderte Erfahrung auf, dass Gott selbst das feindliche Heer zunichte gemacht hat (Verse 8 bis 10), und sie bezieht diese Verse auf die Situation in der Ukraine:

Bekannte erzählen von der Ukrainerin, die bei ihnen wohnt: Sie habe zufrieden gestaunt, als sie die zerstörte Krim-Brücke sah. Aber: Sollten diese Zerstörungen wirklich Gottes Werke sein?

Die Frage ist berechtigt. Zugleich muss aber wahrgenommen werden, dass der Psalm die Opferperspektive einnimmt, die nicht unsere Perspektive ist. Kurschus fragt:

Wie sollte ich es verurteilen, wenn ein Mensch, der angegriffen wird, Gott für jeden kleinen Sieg dankt? Und  wie sollte ich kategorisch Nein sagen dazu, ihm mit Wehr und Waffen zu helfen, damit er den Raketenangriffen nicht wehrlos ausgeliefert ist?
Aber darf ich wirklich einstimmen in die Melodie des Psalms, die auf Vernichtung der
Feinde sinnt? Dürfen das meine Töne werden, die solche Vernichtung als Gottes Werk besingen?

Kurschus warnt davor, sich die Perspektive des Psalms bruchlos zu eigen zu machen und sich dadurch Gottes zu bemächtigen:

Leider sind die Kirchen dieser Versuchung allzu oft erlegen. "Gott mit uns!" hieß es etwa im Ersten Weltkrieg, und auf welcher Seite im Krieg sie auch standen, sie haben Gott vor den Karren ihrer eigenen Interessen gespannt, sich Gottes bemächtigt. Der Soziologe Hans Joas schreibt in seinen "Denkskizzen" zu Psalm 46: "Die Gefahr gibt es nicht nur im Kampf der Nationalismen, sondern überall dort, wo die eigene Sache ganz für die gute gehalten wird. Der Friede mag dann sehr wohl gewünscht werden, aber es soll ihn nur geben unter den eigenen Bedingungen. Nur wenn auch die anderen bereit seien, unseren Gott anzuerkennen,  unsere Werte zu teilen, dann werde Friede möglich." [...] Wir sollten uns hüten, Gott allzu schnell als "unseren" zu bezeichnen und ihn allzu sicher auf unserer Seite zu verorten. [...] "Gott anzuerkennen als den einen universalen Gott", sagt Hans Joas, "das muss aber heißen, nicht die eigene Sache ungebrochen zur universalen zu erklären. Es gibt zwar die universale Forderung Gottes. Aber sie ist auch und an erster Stelle eine Forderung an uns selbst."*

Diese Sätze enthalten Sprengstoff. Die Theologin analysiert in wünschenswerter Klarheit die Übertretung des (nach lutherischer Zählung) zweiten Gebotes, das den Missbrauch des Namens Gottes für eigene Ziele verbietet. Der Übertretung dieses Gebotes machen sich alle schuldig, die Gott vor den Karren ihrer eigenen Interessen spannen, die sich selbst und die eigene Sache für ungebrochen gut erklären und Gott fraglos auf die eigene Seite ziehen. Denn niemand darf sich seiner Sache allzu sicher sein und allzu schnell das eigene Handeln zu einem Handeln im Sinne Gottes erklären. Gottes Forderung ist nicht zuerst eine Forderung an den Andersdenkenden, sondern an uns selbst.

Die Übertretung des Gebotes ist nicht nur eine Verletzung der Ehre Gottes, sondern auch eine Verhinderung von Frieden. Denn Friede wird nur möglich, wenn man darauf verzichtet, dass der Andersdenkende die eigenen Werte, die man mit den Werten Gottes identifiziert, übernimmt. Man kann diese These, dass der Andersdenkende die eigenen Werte nicht übernehmen muss, mit Recht bestreiten, denn sie gilt, wie alle ethischen Thesen, sicher nicht in jeder denkbaren Situation. Es kann Situationen geben, in denen man nach ausführlicher Prüfung und intensiver Abwägung zu dem Ergebnis kommt, dass das als gut Erkannte vom Gegenüber anerkannt werden sollte. In wohl den meisten Situationen ist aber die Relativität auch der eigenen Werte anzuerkennen.

Für den Ukraine-Krieg würde das bedeuten, dass keine Seite meint, vorbehaltlos im Recht zu sein. Keine Seite darf davon ausgehen, dass die eigene Sicht, die eigene Interpretation der Vorgeschichte und Geschichte des Krieges und das eigene politische System Setzungen sind, die allein wahr und richtig und deshalb unbedingt durchzusetzen sind. So gut die eigene Absicht auch sei: Wenn Friede möglich und Menschenleben gerettet werden sollen, wird man von Maximalforderungen absehen müssen und letztlich um einen Kompromiss nicht herumkommen.

Ich denke, die Ratsvorsitzende richtet sich mit dieser Forderung nicht in erster Linie an die gebeutelten Ukrainer, sondern an den Angreifer und die die Ukraine unterstützenden Länder.


3. Wir sollen auf Gottes Handeln blicken

Im letzten Teil ihrer Predigt vollzieht Kurschus eine Wende: Sie richtet ihren Blick nicht mehr auf das immer fragwürdige Handeln der Menschen, sondern auf das Handeln Gottes und vollzieht damit die Blickrichtung des Psalms nach:

Kommt her, ruft die Stimme in Psalm 46, schaut die Werke des HERRN, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet, der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt.
Die Überlebenden, die hier sprechen, sehen die Verwüstung, die verlassene Stadt, die Skelette der zurückgelassenen feindlichen Waffen – und sind froh, dass der Feind weg ist. Der Krieg ist zu Ende. Eine große Stille kehrt ein. Kein Siegestaumel, weil die eigenen Krieger so tapfer waren. Kein Triumphgeheul, weil die eigene Verteidigung den Feind in die Flucht geschlagen hat. Sie danken Gott. Sie glauben: Gott selbst hat der Gewalt Einhalt geboten und den Krieg beendet.

Wendet man den Blick auf das Handeln Gottes, dann relativiert sich das eigene Handeln. Es ist nicht bedeutungslos, aber es erhält einen anderen Stellenwert. Das eigene Handeln ist nicht alles. Das bedeutet für den Krieg: Das menschliche Handeln, die militärische Taktik und die geopolitische Strategie, die Siege und Niederlagen, die Errungenschaften und Zufälle sind nicht alles. Es gibt noch eine andere Dimension: In und mit dem sichtbaren menschlichen Handeln, in und mit den zufälligen Ereignissen, ereignet sich das verborgene Handeln Gottes. Das bekennt der christliche Glaube.

Denn Gott ist ein Gott der Geschichte. Das Alte und das Neue Testament erzählen in weiten Teilen Geschichten: vom Volk Israel und seinen Feinden, von Königen, Priestern, Nomaden und Bauern, von Jesus, seinen Jüngerinnen und Jüngern und von deren Gegnern. Selbst die Prophetenbücher, die Psalmen und die neutestamentlichen Briefe bieten selten abstrakte Lehren, sondern sprechen fast immer in geschichtliche Situationen hinein.

Das bedeutet: Die Bibel erzählt von einem in der Geschichte handelnden Gott. Und wie Gott in vielen Taten Israels, seiner Könige und einfachen Leute, in den Taten Jesu und derer, die ihm nachfolgten, handelte, so ist er auch heute in manchen Taten von Menschen am Werk.

Darum ist Gott es, der – in der Geschichte wirkend – "den Kriegen ein Ende macht, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt." Und weil Gott es ist, gibt es nach dem Krieg keinen Siegestaumel und kein Triumphgeheul. Stattdessen gibt es Dankbarkeit dafür, dass Gott dem Krieg ein Ende bereitet hat.

Ich weiß, dass damit nicht alle Fragen beantwortet sind. Was ist mit den Menschen, die im Feuer verbrannt sind? Was mit denen, die hingeschlachtet wurden, so dass ihre Bögen und Spieße zerbrochen wurden? Der Psalm gibt darauf keine Antwort. Aber er behauptet auch nicht, dass im Himmel oder von Gott selbst aufgrund der toten Soldaten ein Freudengesang angestimmt worden wäre. Eben darum sollen es auch die Menschen nicht tun.


4. Gott will Leben und Zukunft für alle Menschen

Was bedeutet dieser Perspektivwechsel für den Ukraine-Krieg? Die Ratsvorsitzende konkretisiert:

Viele sagen: Frieden in der Ukraine kann erst werden, wenn Russland geschlagen, seine Moral und Rüstung erschöpft und seine Regierung abgelöst ist. Und solange helfen nur Waffen. Wo bliebe schließlich die Gerechtigkeit, wenn einer, der den Nachbarn überfällt, am Ende Gewinn davon hat? [...]
Ich rechne mit Gottes unverfügbarem Wort, das die Kraft hat, Frieden zu stiften. Ich rechne mit Gottes Gerechtigkeit. Gottes Gerechtigkeit – auch das hat Martin Luther uns neu aufgeschlossen! – ist ja mehr und anders als jene Gerechtigkeit, die die Bösen bestraft und die Guten belohnt. Gottes Gerechtigkeit macht Leben und Zukunft möglich für alle. Und darauf kommt es doch an. Menschen können frei und ohne Furcht leben: Das ist Gottes Wille, darauf zielt Gottes Wirken, und wo das Wirklichkeit wird, ist es Gottes Geschenk.

Kurschus setzt dem auf Sieg ausgerichteten bewaffneten Kampf etwas Überraschendes entgegen: das Wort Gottes, das Frieden stiftet. Und sie setzt der Gerechtigkeit, die der Ukraine widerfahren soll, ein biblisches Verständnis der Gerechtigkeit entgegen. Tatsächlich bezeichnet der Begriff "Gerechtigkeit Gottes" in der biblischen Tradition nicht die ausgleichende Gerechtigkeit, die jedem das gibt, was er verdient hat, was ihm rechtmäßig zusteht. Gottes Gerechtigkeit meint im Alten und Neuen Testament vielmehr die Treue Gottes zu seinem Bund mit Israel und das Heilshandeln Gottes an allen Menschen. Der Begriff wird nicht mit gerechter Strafe in Zusammenhang gebracht, sondern mit Barmherzigkeit, Güte und Freude.

Wenngleich der Gedanke einer ausgleichenden Gerechtigkeit der Sache nach auch in der Bibel vorhanden ist, setzt Kurschus einen anderen Akzent: Das barmherzige Handeln Gottes, das allen Menschen Leben und Zukunft ermöglicht und insofern Frieden stiftet. Das gilt natürlich für die Menschen in der Ukraine, die zu Unrecht angegriffen wurden und werden. Aber es gilt auch für die Soldaten auf russischer Seite, die in einem sinnlosen Krieg ihr Leben lassen müssen.

Kurschus beschreibt damit eine Dilemma-Situation: Zum einen soll der Krieg nach Gottes Willen beendet werden, um allen Menschen Leben und Zukunft zu ermöglichen. Weil aber Waffen den Krieg offensichtlich nicht so bald beenden können, sondern im Gegenteil immer mehr Menschenleben fordern, bleibt zum anderen die Frage: Wie soll der Krieg beendet werden, wenn die Interessen beider Kriegsparteien weit auseinander liegen?


5. Wie Verhandlungen gelingen können

Kurschus schließt, dass dem Willen Gottes, nämlich dass alle Menschen leben können und Zukunft haben, nur auf dem Verhandlungsweg Genüge getan werden kann:

An Gottes Gerechtigkeit richten wir uns aus, wenn wir als Christen reden und handeln. Ja, wir erkennen das Recht an, sich gegen Angriffe zu verteidigen. Und zugleich erinnern wir uns selbst und andere unermüdlich an die friedensstiftende Kraft des Wortes. Wir können Gottes Wirken nicht ersetzen, aber wir können und sollen ihm vorlaufend die Bahn ebnen. Durch kleine, vermeintlich unscheinbare Gesten, die manchmal Unvermutetes bewirken und eine Kultur der Entfeindung schaffen. [...]
Friede wird am Ende nicht durch Waffen. Echter und womöglich auch ein annähernd gerechter Friede kann nur werden, wo Menschen miteinander reden und verhandeln. Und das geht nur, wenn der "böse Feind" nicht zum Teufel ernannt wird.

Die Dilemma-Situation zeigt sich auch darin, dass es nach Kurschus zum einen ein Recht auf Verteidigung gibt, wir zum anderen aber dem Frieden stiftenden Wort Gottes "die Bahn ebnen" sollen. Gottes Wort die Bahn ebnen – dazu gehört nach Jes 40,3-5, dass man in der Wüste eine Straße baut, dass Täler aufgeschüttet und Berge abgetragen werden, so dass eine Ebene entsteht, auf der die Herrlichkeit Gottes sichtbar wird.

Es soll also geradezu etwas Unerwartbares geschehen, etwas Unerwartbares, das aber nichts Unmögliches ist, weil Gott selbst darin wirkt. Kurschus sieht dieses Unerwartbare darin, dass die Kriegsparteien beginnen, miteinander zu reden und zu verhandeln. Verhandeln heißt, miteinander nach einer Lösung des Konflikts und einem Weg zu suchen, auf dem die Waffen schweigen. Dazu gehören Gesten der Entfeindung, Gesten des Aufeinander-Zugehens, welche die Unkultur des Krieges durch eine "Kultur der Entfeindung" ersetzen.

Wie kann das geschehen? Die Predigerin ist hier wenig konkret. Sie fordert immerhin, den Feind nicht zu dämonisieren; denn mit dem Teufel kann man nicht verhandeln. Und wenn man den Feind zum Inbegriff des Bösen macht, kann man sich selbst umso besser als der Gute von ihm abheben.

Man könnte hinzufügen: Eine Kultur der Entfeindung ist nur möglich, wenn man darauf verzichtet, den Gegner besiegen zu wollen, wenn man eigenes mögliches Fehlverhalten eingesteht, wenn man von Maximalforderungen abrückt – und, ja, wenn man bereit zum Leiden ist. Denn ohne Bereitschaft zum Leiden wird es kein Leben und keine Zukunft für alle geben, sondern den Kampf bis zum Ende – einen Kampf, in dem möglichst nur der Feind leiden soll.

Aber wird nicht eine solche Fortsetzung des Krieges mit mehr Leiden für beide Seiten, also für alle, verbunden sein? Andererseits fragt die politische Vernunft: Darf man es einem Aggressor zugestehen, dass er sein Ziel erreicht und Gebietsgewinne macht?

Für Glaubende ist entscheidend, dass nicht die eigene Sache zur Sache Gottes erhoben wird, sondern umgekehrt Gottes Sache zur eigenen Sache gemacht wird. Das kann auch bedeuten, darauf zu vertrauen, dass Gott mit seinem friedenstiftenden Wort in der Geschichte wirkt, dass er sich für die Ukraine einsetzt und sie nicht einfach dem Angreifer auf Gedeih und Verderb ausliefert – auch dann nicht, wenn dieser einen Teil der Ukraine besetzt halten kann.

Kurschus formuliert dies zwar nicht ausdrücklich. Aber wenn man ihre Gedanken zu Ende denkt, ist das die Konsequenz.

Im Vertrauen darauf, dass Gott auf der Seite der unter Fremdherrschaft lebenden Menschen steht und dass er ihr Leid begrenzen wird, könnte die Ukraine einen Schritt auf den Aggressor zu machen, um Leben zu retten – auch wenn alle politische Vernunft dem zu widersprechen scheint. Gerade darum hat das Gebet eine entscheidende Bedeutung: das Gebet, das um die Verwirklichung der Sache Gottes bittet, und zwar auch dort, wo es um etwas für die politische Vernunft Unerwartbares geht.

Der Psalm macht am Beginn von Vers 11 klar, was dieses Vertrauen auf Gottes friedenstiftende Gegenwart für die Glaubenden bedeutet. Luther hat dort übersetzt "Seid stille!" Treffender ist die Übersetzung "Haltet ein, lasst ab [vom Kampf]!" Wer sein Leben und seine Zukunft in Gottes Händen bewahrt weiß, muss um sein Leben und seine Zukunft nicht mehr um jeden Preis kämpfen, indem er dem anderen Leben und Zukunft nimmt.

Kurschus weist in diese Richtung, indem sie ihre Predigt folgendermaßen beschließt:

Niemals darf Krieg die Politik ersetzen. Darum: Verachtet Verhandlungen nicht. Glaubt an die Kraft des geistesgegenwärtigen Wortes. Traut den kleinsten Schritten etwas zu. Und betet unablässig um Frieden. Um Frieden, der durch menschliche Vernunft werden kann. Und um den Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


6. Wie die evangelische Diskussion um den Krieg sich entwickelt

Die Empörung, die sich an diese Predigt anschloss, ist verständlich. Denn für die meisten Menschen ist der Glaube, dass das Leben und die Zukunft der eigenen Person wie auch des eigenen Volkes in Gott geborgen sind, keine Lebenswirklichkeit. Dass ein Gott in der Weltgeschichte wirkt, gehört für sie nicht in den Bereich der Realität. Oder es ist ihnen nur ein theoretischer Gedanke, der keine Auswirkungen auf das eigene Denken und Handeln hat.

Viele Menschen können daher nur das menschliche Wirken und das heißt die politische Vernunft gelten lassen. Diese kommt jedoch zu unterschiedlichen Ergebnissen – oft zu dem Ergebnis, dass Verhandlungen in der gegenwärtigen Situation des Krieges nicht in Frage kommen. Wer eine entschieden christliche Sicht vertritt, wird deshalb auf einen Shitstorm gefasst sein müssen.

Kurschus selbst hat ihre Sicht im Vergleich zu ihren Äußerungen im Juni und Juli dieses Jahres offenbar weiterentwickelt. Damals bezeichnete sie Waffenlieferungen an die Ukraine als "verantwortbare politische Entscheidung" , die "mit christlichen Grundsätzen vereinbar" sei, weil alles Handeln das Ziel haben müsse, "das Recht des Einzelnen auf ein Leben in Freiheit und Würde zu verteidigen" und die Souveränität der Ukraine zu wahren. Von einem Frieden stiftenden Wort Gottes, einer Kultur der Entfeindung und Verhandlungen über einen Waffenstillstand hat die Ratsvorsitzende damals nichts verlauten lassen. Sie hatte allerdings schon unmittelbar nach dem russischen Angriff auf die Ukraine angemahnt, das diplomatische Gespräch nicht abreißen zu lassen.

Interessant ist nicht nur, dass Kurschus jetzt andere Akzente setzt als noch im Juni/Juli, sondern auch, dass sie dies in Auslegung eines biblischen Textes tut. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Beschäftigung mit biblischen Texten unsere Gedanken in eine andere Richtung lenkt, als es dann der Fall ist, wenn wir ohne solchen Rückbezug auf die heilige Schrift eine vermeintlich christliche Stellungnahme abgeben.

Dieser Rückbezug auf die heilige Schrift zeichnet auch die Predigt der Ratsvorsitzenden gegenüber der Diskussion zwischen Katrin Göring-Eckardt und Friedrich Kramer aus, über die ich bereits berichtet habe. Kurschus argumentiert entschieden theologisch, was in der besagten Diskussion nicht der Fall war.

Die Rückbesinnung auf die biblischen Texte ist aber für christliche Stellungnahmen unverzichtbar, will man nicht einer das Christliche verfehlenden rein politischen Logik folgen. Es bleibt zu hoffen, dass die Christenheit sich auch in Fragen politischer Ethik entschieden auf ihr Fundament besinnt, nämlich das Wirken Gottes und das Handeln Jesu Christi, das in den Schriften des Alten und Neuen Testaments bezeugt wird.


* * * * *


* Als Quelle für die Joas-Zitate wird angegeben Hans Joas: Denkskizzen IV, S. 354.

Foto: Gaby Stein auf Pixabay.





6 Kommentare
2022-11-29 11:01:40
Hallo Klaus,

die Predigt von Kurschus fand ich gut, auch damals, als sie sie gehalten hat. Einziger kleiner Makel ist für mich die Befürwortung von Waffenlieferungen an die Ukraine. Persönlich finde ich die auch richtig, zu dem christlich gebotenen Pazifismus passt sie nicht. Aber diese Diskussion hatten wir ja bereits.

Viele Grüße

Thomas
Michael Kröger
2022-11-29 11:21:56
Hallo Klaus

".....denn mit dem Teufel kann man nicht verhandeln. Und wenn man den Feind zum Inbegriff des Bösen macht, kann man sich selbst umso besser als der Gute von ihm abheben.
.... Eine Kultur der Entfeindung ist nur möglich, wenn man darauf verzichtet, den Gegner besiegen zu wollen,...."

Dein Text bietet für mich den Vorteil, dass er unterschiedliche Perspektiven zu Ende denkt und so eine Distanz zu den Schrecken in der Ukraine ermöglicht. Das ist gerade heute eine ziemliche Leistung.

Trotzdem lässt sich unsere Angst nicht ausblenden wie Du zu Recht schreibst. Und wenn ich ehrlich zu mir bin: hängt meine Angst nicht auch mit der Angst zusammen, dass Gott uns - zumindest zeitweise - aus den Augen verloren hat ...? Ich muss mich schon sehr auf mich konzentrieren, um diesen Gedanken nicht zu stark werden zu lassen ...

Danke für deine Gedanken ....

Michael
2022-11-29 11:25:41
Hallo Thomas,

ich finde, Kurschus ist schon sehr viel vorsichtiger geworden bezüglich der Befürwortung von Waffenlieferungen. Im Juni/Juli hat sie diese noch vorbehaltlos bejaht, während sie jetzt betont, sie könne nicht "kategorisch Nein dazu sagen", dem Angegriffenen mit Waffen zu helfen, "damit er den Raketenangriffen nicht wehrlos ausgesetzt ist" - sie sagt aber eben auch nicht kategorisch Ja dazu. Und jemandem gegen Raketenangriffe zu helfen (z.B. mit Abwehrraketen) ist etwas anderes, als ihm prinzipiell Waffen in die Hand zu drücken. Es bleibt zwar etwas schwammig, was Kurschus genau meint - doch der nächste Satz schränkt die fraglose Lieferung von Waffen deutlich ein: "Aber darf ich wirklich einstimmen in die Melodie des Psalms, die auf Vernichtung der Feinde sinnt?" Mal abgesehen davon, dass ich diese Melodie im Psalm nicht finde: Kurschus stellt damit ihr eigenes "kategorisches Nein" in Frage. Es darf nicht der Vernichtung, also doch wohl dem Töten der Feinde gelten.

Es wäre auch ein eklatanter Widerspruch, einerseits "Leben und Zukunft für alle" zu fordern, und andererseits das Leben und die Zukunft der "Feinde" zu zerstören. Die "Kultur der Entfeindung" kann eigentlich nur bedeuten, dass man vom Töten, soweit irgend möglich, Abstand nimmt und sofort das Gespräch sucht, und zwar ohne Maximalforderungen und in der Bereitschaft, schmerzliche Kompromisse auf sich zu nehmen.

Viele Grüße
Klaus
2022-11-29 11:57:57
Hallo Michael,

danke für deine freundliche Rückmeldung. In der Tat finde ich es wichtig, wie du sagst, die unterschiedlichen Perspektiven zu Ende zu denken, was leider in vielen Diskussionen nicht geschieht.

Zur theologischen Dimension: Man kann zwar den Eindruck gewinnen, dass Gott uns "aus den Augen verloren hat". Die Formulierung wäre mir aber zu scharf. Ich glaube nicht, dass Gott uns verliert, auch nicht aus den Augen. In Jes 54,8 heißt es: "Im Aufwallen des Zornes verbarg ich einen Augenblick mein Antlitz vor dir, aber mit ewiger Güte habe ich mich deiner erbarmt". Das heißt: Nicht Gott hat uns aus den Augen verloren, sondern er verbirgt sich vor uns, so dass wir ihn nicht mehr sehen können, er sich unseren Augen entzogen hat. Das ist eine Erfahrung des Glaubens: Gott ist uns nicht verfügbar, sondern offenbart sich oder verbirgt sich vor uns. In Reaktion auf das abgrundtief böse Handeln des Menschen (Gottes "Zorn") kann er sich "einen Augenblick" vor uns verbergen, um uns zur Rückkehr zu ihm zu bewegen. Aber zugleich ist sein Erbarmen so groß, dass in dieser Verborgenheit seine ewige Güte lebendig bleibt. Dem Sich-Verbergen für einen kurzen Augenblick steht also die ewige Güte gegenüber (was ist schon ein Augenblick gegenüber der Ewigkeit?).

Von daher könnte man sagen: Es macht uns Angst, wenn wir von Gott nichts spüren. Aber die Befreiung von dieser Angst liegt in Gott selbst: Auch wenn wir ihn nicht im Blick haben - er hat uns im Blick und behält uns im Blick mit ewiger Güte, und er wird sich nur kurze Zeit vor uns verbergen. Würde das nicht heißen: Die Antwort auf unsere Angst liegt darin, uns auf Gott zu konzentrieren statt auf unsere Gefühlswelt, unsere Blindheit für Gott, unser augenblickliches Nicht-sehen-Können? Das hieße: glauben gegen den Augenschein - nicht leicht, aber auch eine Glaubenserfahrung, die den Glauben wachsen lassen kann.

Viele Grüße
Klaus
Hermann Bamberger
2022-11-30 18:37:12
In fast allen Beiträgen wird von außen oder von oben herab distanziert über die Thematik gesprochen, und es kommen wirklich tiefe und bedenkenswerte grundsätzliche Gedanken zum Tragen, die finde ich alle weitgehend okay.
Aber: welche Rolle spielen bei diesen Überlegungen die Ukrainer selbst? Sie wollen sich verteidigen, ihre Existenz, ihr Land; sie sind zu diesen Blutopfern bereit, scheuen nicht den Tod, riskieren alles. Wenn sie vor ihren zerstörten Häusern stehen, ihrem ruinierten Leben, hörte ich in keinem Medienbeitrag: aufhören, wir wollen lieber leben als das alles jetzt und weiter ertragen zu müssen. Nein, sie erbitten die Waffen mit allen Konsequenzen daraus. Sollen wir jetzt beruhigend auf sie einwirken: nein, wir wollen euren Tod nicht, euer Elend und die vielen Toten, ihr kriegt keine Waffen, wir möchten euch vor euch selbst schützen, damit ihr zur Vernunft kommt. Wäre das der richtigere Weg? Nein! Solange das ukrainische Volk um Hilfe schreit, um Hilfe bettelt, müssen wir ihre Entscheidung respektieren und ihnen helfen und sie nicht "väterlich" auf den Weg unserer Ethik bringen wollen....
2022-11-30 22:15:21
Guten Abend Herr Bamberger,

vielen Dank für Ihren wichtigen Kommentar. Ich halte Ihre Frage "Welche Rolle spielen bei diesen Überlegungen die Ukrainer selbst?" für vollkommen berechtigt. Ich würde sie so beantworten: Die Ukrainer sind vollkommen frei in ihrer Entscheidung. Die Waffenlieferanten aber auch. Ich kann mir vorstellen, dass wir darüber Einigkeit erzielen könnten: Weder die Ukrainer noch die Waffenlieferanten sollten irgendetwas tun müssen, was ihren ethischen Überzeugungen widerspricht.

Niemand von uns ist in der Ukraine vor Ort. Darum können wir nicht wissen, wie die gebeutelten Menschen dort wirklich denken. Ich bin nicht so optimistisch, die Interviews mit Ukrainern, die den Kampf befürworten, für die allgemeine Volksmeinung zu halten. Auch was die Medien berichten, ist nicht repräsentativ. Ich könnte mir vorstellen, dass diejenigen, die ihren Sohn oder Ehemann und Vater verloren haben oder die auch nur all ihr Hab und Gut verloren haben, sich die Frage stellen, ob es das wert war.

Es gibt übrigens auch Männer, die aus der Ukraine geflohen sind, um dem Töten zu entgegen. Einer von ihnen sagte: "Meine Position ist: Jeder Mensch, der einen anderen tötet, ist schuldig vor Gott. Es gibt keine Ausnahme, in keinem Fall" (DIE ZEIT vom 11.8.22, S. 13).

Ich denke, auch jede Regierung muss sich diese Frage stellen, welchen Preis sie ihrem Volk zumuten will. Aber ebenso die Waffenlieferanten müssen sich fragen, wie viel Tod und Vernichtung sie mit den von ihnen gelieferten Waffen verantworten können. Wie die Antwort ausfällt, entscheidet für Christen die christliche Ethik. Die kann nicht bei allen Menschen vorausgesetzt werden, weder bei unseren politischen Entscheidungsträgern noch bei allen Ukrainern.

Wenn ich um eine christliche Antwort ringe, dann kann ich das meiner Meinung nach nicht aus dem warmen Sessel heraus. Darum versuche ich mir vorzustellen, wie ich handeln würde, wenn ich ein Staatsbürger der Ukraine wäre oder wenn ich es als deutscher Staatsbürger erleben würde, dass Deutschland angegriffen wird. An anderer Stelle habe ich bereits kundgetan, dass ich nicht wollen würde, dass auch nur ein junger Soldat oder eine Soldatin für meine politische Freiheit stirbt. Denn darum geht es ja: um die politische Freiheit. Dem stehen aber im Ukraine-Krieg inzwischen weit über zehntausend Tote entgegen, von den Verkrüppelten, Traumatisierten, bis ans Lebensende Gezeichneten ganz zu schweigen. So sehr ich die politische Freiheit schätze – der Preis wäre mir zu hoch.

Ich kann auch nicht sehen, dass in der Bibel ein solches Verhalten gerechtfertigt würde. Auch Jesus lebte, wie Sie wissen, unter einer Fremdherrschaft. Er hat aber mit keinem Wort zum gewaltsamen Aufstand aufgerufen, obwohl es solche Strömungen im damaligen Judentum gab und manche es wohl sogar von ihm erwartet haben. Jesu Bergpredigt spricht für mich eine andere Sprache. Sie lautet: Ich gehe lieber selbst ins Leid, als dass ich anderen Leid zufüge. So hat auch Jesus gelebt, bis zu seinem Tod. Übersetzt in die heutige Situation würde das bedeuten: Ich nehme lieber politische Unfreiheit auf mich, als den Tod Zehntausender zu veranlassen oder zu rechtfertigen.

Insofern bin ich mit der EKD-Ratsvorsitzenden einig. Gott hat die Menschen aus Liebe erschaffen und möchte, dass alle Leben und Zukunft haben. Leben und Zukunft gibt es aber auch unter einer Fremdherrschaft. Gerade wenn es um die Freiheit geht, weiß das Neue Testament: Auch der Versklavte kann in einer anderen, größeren Art frei sein als der politisch Freie (1Kor 7,22; Gal 3,28). Insofern ist christliche Freiheit etwas anderes als politische Freiheit.

Natürlich kann ich mir Hilfe durch humanitäre Maßnahmen und Wirtschaftssanktionen vorstellen, auch durch die Lieferung von Abwehrraketen, die die angreifenden Flugkörper zerstören.

Ich hoffe, dass ich Ihnen klarmachen konnte, dass ich nicht von oben herab aus der Distanz urteile. Ich gehe vielmehr von dem aus, was mir in der Bibel als christliche Ethik begegnet, und versuche mir vorzustellen, was das für mich als Angegriffener bedeuten würde. Ich finde, das sollten auch unsere politischen Verantwortungsträger tun. Wenn sie sich die Frage stellen würden, ob sie selbst an vorderster Front kämpfen würden oder ihre Kinder und Enkelkinder dorthin schicken würden – ich könnte mir vorstellen, dass dann manche Entscheidung anders ausfallen würde.

Ausführlicher habe ich mich zum Thema vor allem im Artikel Die EKD-Ratsvorsitzende zum Ukraine-Krieg geäußert.

Herzliche Grüße
Klaus Straßburg

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