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Was gute Wünsche tragfähig macht

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie kompakt · 6 Dezember 2020
Tags: WorteWeisheitReligionWahrheitGlück

T h e o l o g i e   k o m p a k t
Was gute Wünsche tragfähig macht
Klaus Straßburg | 06/12/2020

Hast du dir schon mal Gedanken gemacht über die verschiedenen Abschiedsformeln, die sich viele Fernsehmoderator*innen zur Regel gemacht haben? Wie geht es dir damit? Findest du es nett, mit einem guten Wort verabschiedet zu werden? Oder geht es dir auf die Nerven, wenn jemand mit immer demselben Satz seine Moderation beendet?

Vielleicht erinnerst du dich noch an den ausgesprochen seriös wirkenden Moderator der Tagesthemen Ulrich Wickert. Er wünschte am Ende der Sendung regelmäßig eine „geruhsame Nacht". Das klang einerseits sehr beruhigend, andererseits nach „Jetzt ist Schlafenszeit". Immerhin ist es berechtigt, den Zuschauern Ruhe zu wünschen. Wickert wollte am Ende der Tagesthemen beruhigen. Könnte es sein, dass sich dahinter ein heimliches Unbehagen verbarg, wieder so viel Beunruhigendes in den Nachrichten verbreitet zu haben? Ach, wäre das schön, nach 30 Minuten Tagesthemen beruhigt ins Bett zu gehen. In Wirklichkeit aber musste man erstmal die aufrüttelnden Katastrophenmeldungen verarbeiten, bevor man zur Ruhe kam. Wenn überhaupt ...

Der freundliche Thomas Roth, der bis 2016 ebenfalls die Tagesthemen moderierte, verabschiedete sich mit dem Satz „Kommen Sie gut durch die Nacht!" Das lässt geradezu aufschrecken: Warum sollte ich nicht gut durch die Nacht kommen? Welche Gefahren lauern, die ich nicht bedacht habe? Sind alle Türen und Fenster geschlossen? Wünscht mir jemand „Komm gut nach Hause!", wenn ich ins Auto steige, dann ist das berechtigt, denn im Straßenverkehr, das wissen wir, ist man nie vollkommen sicher. Aber „Komm gut durch die Nacht"? Welche Fallstricke gibt es auf dem Weg ins Bett? Und was für Gefahren bringt die dunkle Nacht mit sich, wenn ich schlafe? Was könnte passieren, während ich im Tiefschlaf ... Ich will das nicht weiter ausführen. Jedenfalls kann man geradezu ängstlich werden angesichts dieses sicher gut gemeinten Wunsches. Nach all den beunruhigenden Tagesthemen möchte ich nicht noch für die Zeit im Bett beunruhigt werden.

Da lob' ich mir doch den Wunsch des immer adretten Ingo Zamperoni: „Bleiben Sie zuversichtlich!" Zuversicht – das ist ein hohes Gut. Doch stock' ich schon: Ich soll zuversichtlich bleiben. Das setzt voraus, dass ich es schon bin. Aber woher will Herr Zamperoni das wissen? Vielleicht bin ich (nach überstandenen Tagesthemen) gar nicht mehr zuversichtlich. Da wäre doch eher angebracht: „Werden Sie wieder zuversichtlich!" Aber damit würde Herr Zamperoni natürlich seine eigene Sendung diskreditieren: „Nach alldem, was ich Ihnen heute geboten habe, werden Sie doch bitte bitte wieder zuversichtlich!"

Nun, bleiben wir lieber beim Positiven: Zuversicht ist gut. Aber sie stellt sich leider nicht automatisch ein. Wie soll ich das denn machen, zuversichtlich zu bleiben oder zu werden oder was auch immer? Welchen Grund gibt es, zuversichtlich zu sein? Zuversicht ist doch kein naiver Optimismus, der das Negative einfach ausblendet und alles durch die rosarote Brille sieht. Nein, „Bleiben Sie zuversichtlich!" ist ein grundloser Appell. Er hängt völlig in der Luft. Er will Positives vermitteln, ohne das wirklich zu können. Tut mir leid, Herr Zamperoni, ich mag Sie und Ihre freundliche Art, uns das Weltgeschehen näherzubringen, wirklich gern und schätze auch den Versuch, uns am Ende der Sendung etwas Positives mitzugeben. Aber mir fehlt einfach der Grund, der mich zuversichtlich sein lässt – besonders nach einer Nachrichtensendung.

Ein geradezu kritischer Geist meldet sich dagegen in Maybrit Illners Abschiedswort „Bleiben Sie heiter – irgendwie!" Hier wird der reine Appell mit einem gewissen Skeptizismus verbunden. Der Gedanke wird einbezogen, dass es mit dem Heiter-bleiben offenbar nicht so einfach ist. „Irgendwie" soll man heiter bleiben. Wie das geht, verrät die Moderatorin nicht. Wahrscheinlich weiß sie es selber nicht – das Eingeständnis ist ehrlich. Denn es ist wirklich schwer, ohne Jenseitsperspektive heiter zu bleiben in unserer Welt – es sei denn, man ist nach dem Illner-Talk erheitert darüber, wie intelligente Menschen sich wieder mal um klare Antworten gedrückt und herrlich aneinander vorbeigeredet haben.

Apropos Jenseits – der gutmütig und väterlich wirkende Markus Gürne, der die „Börse vor acht" präsentiert, verabschiedet uns regelmäßig, indem er uns einen schönen Abend wünscht, „wo auch immer Sie uns zusehen". Der gute Wunsch ist also weltumfassend gemeint: Wo auch immer in dieser Welt man sich befindet, man möge einen guten Abend haben. Lassen wir mal die Tatsache beiseite, dass nicht überall zugleich Abend ist, dann kann man Herrn Gürnes Wunsch geradezu als päpstlichen Segen urbi et orbi verstehen (Segen für die Stadt und den Erdkreis). Wow, das ist ein hoher Anspruch. Man könnte mutmaßen, dass dieser Anspruch irgendwie mit der erdumfassenden Macht des Geldes zusammenhängt, um das es ja im Börsenbericht geht. Vielleicht liegt ja darin der tiefe Grund für den allumfassenden Wunsch des Herrn Gürne – freilich ohne dass er sich dessen bewusst ist. Vom Geldwunsch an der Börse zum Weltwunsch für alle ist kein weiter Weg. Dahinter steht die immer wieder vorgebrachte Hypothese, dass der Reichtum Weniger den Wohlstand Aller fördere. Niemand also soll von den Segnungen des Börsenhandels ausgenommen sein und deshalb einen guten Abend haben. Das beinhaltet den Gedanken, dass auch die in Ausbeutung, Armut und Unterernährung Lebenden einen guten Abend haben könnten. Man darf das mit Fug und Recht bestreiten.

Scheinbar platt kam das Abschiedswort von Tom Buhrow daher, der jahrelang die Tagesthemen moderierte: „Das waren die Tagesthemen von heute. Morgen ist ein neuer Tag." Man fragt sich, ob das eine Verheißung oder eine Drohung sein sollte. Soll man sich auf die Tagesthemen des nächsten Tages freuen oder vor ihnen erzittern? Aber vielleicht unterschätzen wir Herrn Buhrow (immerhin ist er seit 2013 Intendant des WDR). „Morgen ist ein neuer Tag" kann durchaus eine entlastende Wirkung haben: Morgen kann alles besser werden. Man muss nicht am Alten hängen bleiben, denn jeder neue Tag bietet neue Chancen. Aber leider bringt jeder neue Tag auch neue Risiken mit sich. Aus welchem Grund also sollte man optimistisch sein? Der neue Tag mit seinen Tages-Katastrophen-Themen könnte auch beängstigend sein.

Ich fühlte mich jedenfalls spontan an das Jesuswort aus Mt 6,34 erinnert: „Sorgt nicht für den morgigen Tag! Denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen; es genügt dem Tag seine [eigene] Plage." Auch Jesus nahm also den nächsten Tag in den Blick. Und er appelliert, nicht für ihn zu sorgen. Ist das nicht fahrlässig? Wir müssen doch nicht nur für den nächsten Tag, sondern für viel größere Zeitspannen sorgen. Der Kontext dieser Aussage Jesu macht aber deutlich, dass Gott für den nächsten Tag sorgen wird. Der Appell hat also einen Grund. Er hängt nicht in der Luft. Darum liefert Jesus auch sofort die Grundlage des Appells: „Denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen." Gemeint ist: Gott, der der Herr aller Tage ist, wird dafür sorgen, dass du morgen versorgt bist. Er wird dir alles geben, was du brauchst, wenn du so lebst, wie es seinem guten Willen für dich entspricht (Vers 33).

Den Vogel abgeschossen mit ihrem Abschiedsstatement hat allerdings die immer sympathisch lächelnde Moderatorin und Autorin Nina Ruge. Bei ihr fiel es mir erstmals auf, dass jemand sich eine Abschiedsformel zugelegt hatte. Sie beschloss viele ihrer TV-Formate mit der Verheißung „Alles wird gut!" Mehr noch: Viele ihrer Bücher tragen den Satz „Alles wird gut" im Titel. Damit hat sich Frau Ruge selbst in den Himmel katapultiert. Denn den Satz „Alles wird gut" (wenn er denn mehr sein will als eine leere Phrase), diesen Satz kann doch eigentlich nur der liebe Gott selber sprechen – oder in diesem Fall die liebe Göttin. Offenbar ist sie mit diesem Satz sehr erfolgreich.

Das hat mich bewogen, einmal genauer nachzuschauen. Auf der Website von Frau Ruge (https://nina-ruge.de/person/) liest man zum Beispiel: „ALLES WIRD GUT, wenn ich das Leben als Ganzes annehme – als das, was mir täglich begegnet und mich täglich fordert." Das klingt nach Ganzheitlichkeit. Ich soll das Leben als Ganzes annehmen. Also mit allem, was zum Leben dazugehört. Es ist sicher nicht verkehrt, wenn wir versuchen, alles, was uns widerfährt, als Teil unseres Lebens anzunehmen. Fraglich bleibt nur, wie ich das schaffe, die schweren und schwersten Zeiten des Lebens anzunehmen.

Frau Ruges Antwort ist wohl: „ALLES WIRD GUT, wenn ich akzeptiere, dass Krisen unabänderlich zum Leben gehören – an denen ich wachse, wenn ich bereit bin, aus ihnen zu lernen." Auch das ist nicht verkehrt. Doch was mache ich mit den Krisen, an denen ich nicht gewachsen bin und aus denen ich auch nichts lernen konnte, sondern die mich einfach kaputt gemacht haben? Wie soll die Frau, die von ihrem Mann so schwer am Kopf verletzt wurde, dass sie bis zum Lebensende querschnittgelähmt ist, daran wachsen und daraus lernen?

Hilft der letzte Satz von Frau Ruge weiter? „ALLES WIRD GUT, wenn ich mich als Teil des großen Ganzen begreife, das in allem wirkt, was lebt." Spätestens jetzt ist die religiöse Dimension erreicht. Das große Ganze wirkt in allem, was lebt. Aha. Wieder Ganzheitlichkeit. Aber irgendwie kriecht mir die Frage durch den Kopf: Was ist denn dieses „große Ganze", das in allem wirkt? Eine gute Macht? Ist vielleicht so etwas wie Gott gemeint, nur mit anderen Worten ausgedrückt? Dann soll ich mich also als Teil Gottes begreifen. Und – schwuppdiwupp – bin ich selbst göttlich. Und wenn ich göttlich bin, kann ja nur alles gut werden.

Ich weiß nicht, ob Frau Ruge das so gemeint hat. Aber es würde gut zu uns Menschen passen: Wir tauschen mit Gott den Platz. Wir halten uns selbst für Gott und reduzieren dafür Gott auf den Menschen Jesus. Ich denke, Frau Ruge hat es sicher gut gemeint mit ihrem Satz und vielleicht sogar nicht wenigen Menschen geholfen; ihnen eine positive Perspektive vermittelt. Aber kann diese Hilfe dauerhaft sein? Reicht es aus, sich als Teil eines „großen Ganzen" zu begreifen, und schon bin ich auf Dauer und in jeder Krise, auch im Tod, sicher, dass alles – wirklich alles! – gut wird?

Dass alles gut wird, ist ein tief religiöser Satz. Im christlichen Glauben erwarten wir von Gott allein, dass alles gut wird. Es ist nichts, was in der Welt geschieht, sondern es gehört zu den letzten Dingen, auf die wir hoffen. Wenn der gute Gott in allem alles sein wird (1Kor 15,28), dann erst wird alles gut sein. Kein Mensch kann alles gut werden lassen. Kein Mensch kann deshalb ohne Glauben an Gott zu der Gewissheit gelangen, dass alles gut wird. Er kann sich vielleicht einbilden, selbst göttlich zu sein. Aber das könnte eine große Selbsttäuschung sein, die auch zum „großen Ganzen" gehört. Und vor dieser Selbsttäuschung bewahrt uns nicht das „große Ganze", sondern allein – Gott.


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