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Verschwörungstheorien, Angst und Macht

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie aktuell · 10 Juli 2020
Tags: VerschwörungsmythenCoronaMachtAngst

T h e o l o g i e   a k t u e l l
Verschwörungstheorien, Angst und Macht
Klaus Straßburg | 10.07.2020

Es gehört zum Wesen unseres Menschseins, dass wir Macht über unser Leben haben wollen. Wir wollen selbstbestimmt und eigenverantwortlich leben. Und das ist gut so. Schon in der Genesis (1. Buch Mose) räumt Gott dem Menschen Entscheidungskompetenz ein und beteiligt ihn so an seinem Schöpfungswerk (Gen/1Mo 2,19f).

Allerdings ist unsere Macht über unser Leben sehr begrenzt. Wir sind anderen Menschen, Krankheiten und Bedrohungen ausgesetzt, deren wir nicht Herr werden können. Schnell verlieren wir die Kontrolle über unser Leben. Das erzeugt Angst. Wir versuchen, die Kontrolle wiederzugewinnen. Aber das gelingt nur teilweise oder gar nicht. Wenn wir es erleben, machtlos einem anderen Menschen oder einer Krankheit ausgeliefert zu sein, ist das wohl eine der schlimmsten Erfahrungen, die wir machen können.

Es gibt viele Strategien, vor unserer Machtlosigkeit die Augen zu verschließen. Wir können sie einfach verdrängen und uns einbilden, wir hätten schon alles im Griff. Wir können Kranke, Alte und Sterbende an den Rand der Gesellschaft schieben, so dass wir sie möglichst nicht zu Gesicht bekommen. Wir können uns der Zerstreuung hingeben, die kurzfristig Glücksgefühle erzeugt und alles Negative ausblendet. Und doch holt uns die Machtlosigkeit immer wieder ein.

Gestern Abend lief im ZDF eine Sendung über „Die Macht der Corona-Mythen". Darin ging es um Verschwörungstheorien über das Virus, zum Beispiel: Es sei nicht gefährlicher als eine Grippe. Es sei von den Regierenden geschaffen worden, um uns zwangsweise zu impfen. Mit der Impfung werde uns ein Chip eingepflanzt, der die personale Identität jedes Menschen enthalte, die digital auslesbar ist. Es werde versucht, eine digitale Diktatur zu errichten. Bill Gates finanziere die Weltgesundheitsorganisation zu 80 Prozent.

Wie kommt es zu solchen Verschwörungstheorien? Zunächst ist festzustellen, dass es Verschwörungstheorien zu allen Zeiten gab. Sie sind also nichts Neues. Auch im 20. und 21. Jahrhundert gab es sie zuhauf. Einen Überblick findest du auf Wikipedia.

Im ZDF-Beitrag traten zwei Expertinnen für Verschwörungstheorien auf, darunter eine Psychologin. Sie erklärten die Entstehung dieser Theorien so: Verschwörungstheorien basieren auf Angst. Die Menschen haben Angst, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Gegen diese Angst suchen sie ein Gegenmittel und finden es, indem sie einen neuen Feind konstruieren: einen, der bezwingbar erscheint. Das Virus ist unsichtbar und von ihnen nicht zu bekämpfen; der neue Feind aber ist sichtbar und angreifbar.

Man glaubt gern an den neuen Feind, den man bekämpfen kann, und schließt sich gegen ihn zusammen. Extremisten greifen das Thema dankbar auf und zeigen Verständnis für die geängsteten Menschen. Außerdem bieten sie Möglichkeiten des gemeinsamen Widerstands. So entsteht das Gefühl, gar nicht so machtlos zu sein: „Gemeinsam sind wir stark." Die in eine emotionale Notlage geratenen Menschen werden auf diesem Wege radikalisiert. Der Mund-Nasen-Schutz wird zum Symbol für den täglichen Verlust der Kontrolle über das Leben und für alle damit verbundenen Leiden.

Ich kann nicht beurteilen, ob diese Analyse stimmt. Wahrscheinlich wird es mehrere Gründe dafür geben, dass Menschen sich Verschwörungstheorien hingeben. Mir leuchtet aber ein, dass die Erfahrung von Machtlosigkeit ein Faktor dafür sein kann.

Ich habe mich gefragt, ob der christliche Glaube dabei helfen kann, die Erfahrung von Machtlosigkeit zu bewältigen. Meine erste Antwort: Er scheint sie sogar noch zu vergrößern. Denn nach christlichem Verständnis hat Gott allein die Macht (z.B. Mt 28,18; Eph 1,21). Dem Menschen bleibt nur, sich Gottes Macht unterzuordnen. Er ist nicht Herr seines Lebens, sondern Gott ist es. Der Mensch ist dem ausgeliefert.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Gott herrscht zwar über den Menschen, aber er herrscht nicht totalitär. Seine Herrschaft ist von anderer Art als die vieler weltlicher Herrscher. Gott herrscht nicht, indem er sich mit Gewalt durchsetzt, sondern indem er seinen Geschöpfen dient: ihnen Gutes tut. Jesus hat nicht Leben zerstört, sondern sein eigenes Leben zerstören lassen (Mk 10,42-45; Mt 20,25-28).

Dieser Gott lässt sich von uns und unseren Wünschen beeinflussen. Wir dürfen und sollen mitbestimmen über unser Leben. Wir sollen keine willenlosen Marionetten sein, sondern Gott will, dass wir ihm unsere Ängste und Sehnsüchte mitteilen. Wir sollen ihn bitten: um Befreiung von unseren Ängsten und um Erfüllung unserer Sehnsüchte (Ps 50,15; Phil 4,6). Die biblische Auffassung ist: Gott erhört Gebete (z.B. 1Sam 7,9; Lk 1,13) und befreit von Angst und Sorge, wenn wir unser Leben in seine Hände legen (z.B. Phil 4,6f; 1Petr 5,7).

Dennoch macht Gott sich nicht abhängig von uns. Er bleibt frei in allem, was er tut. Er erfüllt nicht automatisch all unsere Wünsche, kann sogar massiv gegen sie handeln. Wir verstehen das oft nicht, fragen uns, warum er nicht hilft. Stehen wir also doch wieder machtlos vor dem mächtigen Gott, der schließlich doch macht, was er will?

Nicht ganz. Es wäre nicht gut, wenn Gott sich Menschen und anderen weltlichen Bedrohungen ausliefern würde. Er wäre dann dem, was uns das Leben schwer macht, genauso ausgeliefert wie wir selbst. Er hätte wie wir die Kontrolle verloren. Das wäre keine Hilfe gegen unsere Angst.

Gott wird nicht alles, was uns bedroht, sofort aus dem Weg räumen. Aber er wird uns durch das Bedrohliche hindurch zu neuer Lebenskraft führen. So wie er Jesus durch den Tod hindurch zum Leben geführt hat. Denn all das Bedrohliche hat nur vorübergehende Macht über uns. Die letzte Macht aber hat Gott. Der Gott, der uns liebt und seine Liebe – trotz allen Leids und in allem Leid – wirksam werden lässt.

Das würde ich Menschen sagen, die Angst bekommen angesichts der eigenen Machtlosigkeit. Der Trost liegt nicht darin, sich einen Feind zu suchen, den man für die eigene Machtlosigkeit verantwortlich macht und den man dann bekämpft. Denn ständig mit einem Feindbild vor Augen, ständig im Kampf gegen das vermeintlich Böse wird man nicht glücklich. Mit Bildern von Verschwörung und Weltuntergang im Kopf gehst du auf Dauer kaputt.

Ich verstehe die Angst vor der eigenen Machtlosigkeit. Ich kenne das Gefühl auch – es ist furchtbar. Ich kenne aber auch den Trost, der vom Glauben an einen Gott ausgeht, der mächtiger ist als alle weltlichen Mächte. Ein Gott, der mich liebt, auch wenn ich das nicht immer spüre. Ein Gott, der auch, wenn ich mich machtlos fühle, mein Leben in seinen liebenden Händen hält. Und der mich am Ende aus aller Machtlosigkeit befreien wird.

Das alles sind Glaubenssätze. Aber auch Verschwörungstheoretiker produzieren Glaubenssätze. Jeder Mensch kann selber entscheiden, welcher Glaube ihm lieber ist.


* * * * *





2 Kommentare
elke schweisfurth
2020-07-10 21:58:22

mit den lezten sätzen stimme ich dir auch zu.
diese erfahrung habe ich auch mit gott gemacht. wenn man tiff gleubig ist und im einklang
mit gott ist. ich glaube auch schon das die höhrere kraft gott uns trägt im schweren stunden.
die lezten worte waren sehr trötstlich und sie stimmen auch.
verschwerungsteorien die im haß sind brigen nichts. sie bringen
einen nur in unruhe.
ein weiter nachdenken bringt weiter in liebe.
2020-07-10 22:22:10
Ja, so ist es.
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