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Sagen Christen die Wahrheit?

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Veröffentlicht von Klaus Straßburg in Theologie verständlich · Donnerstag 08 Feb 2024
Tags: ErkenntnisWahrheitWissenBibelOffenbarungGerichtAbsolutheitsanspruch

Sagen Christen die Wahrheit?
Karl Barth über christliches Denken und Reden
Klaus Straßburg | 08/02/2024

Jeder christliche Mensch ist ein Theologe. Er ist es, weil er sich Gedanken über Gott macht. Das Wort "Theologe" ist nämlich zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern theós und lógos, also Gott und Wort/Überlegung/Vernunft.

Man kann sogar noch weiter gehen: Nicht nur jeder christliche Mensch, sondern überhaupt jeder Mensch ist in seiner Weise Theologe. Denn jeder Mensch hat einen Gott oder mehrere Götter, die sein Denken über die Welt und dann auch sein Handeln in der Welt prägen. Alles, was es in der Welt gibt, kann zu solch einem Gott werden: die Natur, die Vernunft, der "Fortschritt", eine Religion oder eine ganz unreligiöse Ideologie, ein bewunderter Mensch oder eine Gruppe von Menschen und vieles mehr.

So ähnlich hat es der evangelische Theologe Karl Barth in seiner letzten Vorlesungsreihe ausgedrückt, die er im Wintersemester 1961/62 in Basel hielt. Die Vorlesung trug den Titel "Einführung in die evangelische Theologie". Sie richtete sich aber nicht nur an Theologiestudenten, sondern an jeden Christen und jede Christin sowie jeden an der Theologie interessierten Menschen.

Denn, wie gesagt: Jeder Mensch hat etwas, das er für unentbehrlich für sein Leben hält, hängt einer Weltanschauuung an, ohne die er nicht leben kann und will, und verehrt in dieser Weise etwas, das ihm göttliche Bedeutung hat. Insofern betreibt er Theologie.


Die beste oder gar allein wahre Theologie
müsste die Theologie Gottes selber sein

Aber was verbindet eigentlich all diese so unterschiedlichen Theologien, die Menschen betreiben? Nach Karl Barth besteht die Verbindung darin, dass all diese Theologien sich für die einzig richtige und wahre oder zumindest für die beste Theologie halten. An diesem Wettstreit der Theologien möchte sich Barth allerdings nicht beteiligen.

Denn Barth nimmt die christliche Theologie ausdrücklich davon aus, sich selbst für die einzig richtige, wahre oder für die beste Theologie zu halten. Das mag überraschen. Scheint doch die christliche Theologie gegenüber allen anderen Theologien gern die Wahrheit für sich zu beanspruchen.

Die beste oder gar allein wahre Theologie müsste jedoch die Theologie Gottes selber sein. Sie müsste das denken und zum Ausdruck bringen, was Gott selbst über sich denkt. Sie müsste das aussprechen, was Gott selber spricht.

Diese Formulierungen verraten schon die Absurdität dieses Gedankens. Denn kein Mensch kann das denken und aussprechen, was Gott selber denkt und ausspricht. Wir können immer nur das denken und aussprechen, was wir erlebt, gehört und aus dem Erlebten und Gehörten kombiniert haben. Und wir können das alles nur mit den unvollkommenen Wörtern unserer menschlichen Sprache denken und aussprechen.

Wer über Gott nachdenkt und spricht, muss sich auf das beziehen, was andere ihm über Gott gesagt haben und was er in der Bibel über ihn gelesen hat. Aber all das, auch die Bibel, ist nicht das unmittelbare Wort Gottes. Wir vernehmen Gottes Sprechen nicht unmittelbar, sondern vermittelt über das Sprechen von Menschen. Auch die Verfasser der biblischen Schriften waren Menschen. Was sie aufschrieben, war nicht das unmittelbar von Gott selbst Gesprochene.


Keine Theologie darf sich als Weisheit oder Lehre ausgeben,
die mit der Wahrheit Gottes identisch ist

An diesem Punkt aber scheiden sich die Geister. Denn fundamentalistische Christinnen und Christen halten die Bibel für das unmittelbare Wort Gottes, das den Verfassern der biblischen Schriften wortwörtlich von Gott eingegeben wurde. Wenn man davon ausgeht, kommt die Bibel dem lebendigen Sprechen Gottes gleich.

Tatsächlich reden manche Fundamentalisten auch selber so von Gott, als würde in diesem Moment Gott selbst sprechen. Ich habe Christen kennengelernt, die so genau über Gott Bescheid wussten, wie es eigentlich nur Gott selber kann. Und sie haben es mit einer Autorität vorgetragen, als gebe es überhaupt keinen Zweifel an dem, was sie sagten. So haben sie sich im Grunde jeder Diskussion entzogen. Sie sprachen so, als wäre ihr Wort identisch mit dem lebendigen Wort Gottes.

Karl Barth meinte, dass jede Theologie, die sich so ausdrückt, als wäre sie die allein wahre Theologie Gottes selbst, sich schon dadurch als eine Theologie verraten hat, die eben das nicht ist.

Keine Theologie darf sich als Weisheit oder Lehre ausgeben, die mit der Wahrheit Gottes identisch ist. Und zwar deshalb nicht, weil Gott jeder Theologie gegenüber schlechthin überlegen ist und seine Wahrheit immer neu erschließt. Diese Wahrheit muss daher immer wieder neu entdeckt werden. Es gibt deshalb in der Theologie – im Nachdenken aller Christinnen und Christen über Gott – keinen Stillstand. Nur dort, wo Gott sich selbst immer wieder neu zu erkennen gibt und wo Menschen sich darauf einlassen, können Erkenntnisse über Gott wachsen.


Christliche Theologie ist eine Wissenschaft,
bei der es in der Natur ihrer Sache liegt, dass sie
von Gott selbst einer dauernden Krise ausgesetzt wird

So erwartet und erhofft die Theologie nicht von sich selbst, sondern allein von Gott, dass sie in die Lage versetzt wird, Gottes Wahrheit auszudrücken. Christliche Theologie gibt nur Gott und Jesus Christus, nicht aber sich selbst die Ehre. Insofern ist christliche Theologie nach Barth eine "bescheidene Wissenschaft".

Ihre Bescheidenheit zeigt sich auch darin, dass sie nie an ein Ende kommt. Sie lebt vielmehr davon, sich immer wieder auf das Ereignis einzulassen, dass Gott sich ihr neu zu erkennen gibt. Sie macht daher keinen Halt bei dem, was frühere Menschen einmal von Gott erkannt haben – und seien es die größten Theologen und beeindruckendsten Glaubensvorbilder gewesen.

Insofern ist christliche Theologie nach Barth eine "eminent kritische Wissenschaft" – eine Wissenschaft, bei der es in der Natur ihrer Sache liegt, dass sie von Gott selbst einer dauernden Krise ausgesetzt wird. Wer diese Krise seines eigenen Denkens und Redens über Gott nicht aushalten kann, mag zwar ein Christ sein, aber er wird wohl bei dem, was er früher einmal über Gott gelernt hat, stehen bleiben und sich neuen Erkenntnissen über Gott verschließen.

Dabei kann man diese Krise, dieses Gericht Gottes (das griechische krisis heißt auch Gericht) getrost über sich ergehen lassen. Denn Gott ist kein höchstes Wesen, das fern von uns sein Dasein fristet, sondern er ist ein Gott, der sich in die Niedrigkeit unseres Menschseins und unserer Theologie herablässt und gerade in dieser Niedrigkeit seine Hoheit hat. Denn diesem Gott liegt an uns und unserem theologischen Denken und Reden.


Wir müssen nicht ängstlich auf dem beharren,
was wir irgendwann einmal für richtig befunden haben

So ist Gottes Nein zu uns und unserer Theologie eingeschlossen in sein gnädiges Ja zu uns und unserer Theologie. Wir müssen nicht ängstlich auf dem beharren, was wir irgendwann einmal für richtig befunden haben. Wir müssen uns nicht um unsere Rechtgläubigkeit sorgen, weil der gnädige Gott uns auch unseren Irrglauben verzeiht. Wir können daher auch in unserem theologischen Reden getrost und bestimmt auftreten.

Denn unser ängstliches oder auch kritisches Denken über Gott darf auf keinen Fall dazu führen, dass wir nur verschüchtert zurückhaltend oder gar überhaupt nicht mehr von Gott reden, weil wir uns ja irren könnten. Das wäre eine falsche Bescheidenheit. Dann würden wir einen Gott verehren, der nur das Nein zu unserer Theologie kennt.

Wir glauben aber an einen Gott, dessen erstes und letztes Wort nicht Nein ist, sondern Ja. Mit diesem Ja tut Gott, wo und wann er will, durch unsere menschlich schwachen und unvollkommenen Worte seine göttliche Wahrheit kund.

Sagen Christinnen und Christen also die Wahrheit? Sie sagen dann die Wahrheit, wenn Gott seine Wahrheit durch ihre Worte zum Ausdruck bringt. Und sie beten darum und vertrauen darauf, dass Gott dies immer wieder tut.

Darum ist christliche Theologie und jedes ernsthafte christliche Nachdenken und Reden über Gott und die Welt eine "dankbare und darum fröhliche Wissenschaft".


* * * * *


Verwendete Literatur:
Karl Barth: Einführung in die evangelische Theologie. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn. 2. Aufl. Gütersloh 1977. S. 9-16. Alle Anspielungen und Zitate aus den angegebenen Seiten.


Foto: 7854 auf Pixabay.




14
Rezensionen
ok
Freitag 09 Feb 2024
Das Thema der lAbsolutismen "beste ... allein ... einzig ... göttlich ..." aus der Perspektive des kleinen und beschränkten Menschen mit seiner Projektion auf das größere Beschränkte seien es Endlichkeiten oder Unendlichkeiten gepaart mit Unbekanntheiten & Unwissenheiten. Wir sehen eben nur teilweise. Aber nicht nur wir, sondern auch alle anderen Geschöpfe außerhalb der Wahrnehmung des Menschen. Ich kenne nur meine Wahrheit und damit Wahrhaftigkeit, wann ich etwas entspreche oder eben nicht entspreche. Wenn der Eine die Wahrheit ist, dann sind wir ein Teil davon, aber eben halt nur ein Teil, ein kleiner winziger Teil, und doch alle zusammen ergeben sie. In Grund mehr zusammenzuarbeiten und damit Lieben zu lernen. Vielleicht sollte wir lernen, uns auf unsere Wahrheit zu konzentrieren damit wir die Unwahrheit besser in uns und anderen zu erkennen, wofür es ohnehin bald ein wegweisendes Gericht und eine trennende Weichenstellung gibt. Auch "ich bin die Wahrheit", aber eben nur eine Kleine, als Tür für größere Wahrheiten durch andere. Und dann landen wir bei Beziehungen, Vertrauen und der Kunst Beziehungen konstruktiv, weise, befruchtend zu leben, damit sie die Weg des Lebens, des ewigen Lebens, erschließen und begehbar werden ...
Freitag 09 Feb 2024
Hallo Pneuma,

ich ahne, was du meinst, und stimme dem zu, auch wenn ich es anders ausdrücken würde. Paulus schreibt, dass wir jetzt durch einen antiken Spiegel (der nicht mit unseren Spiegeln zu vergleichen ist) ein nur verschwommenes Bild Gottes sehen, später aber von Angesicht zu Angesicht. Das "Ich bin die Wahrheit" würde ich deshalb gern bei Jesus belassen. Dass die Einsicht in unsere persönlich begrenzten Erkenntnisse die Beziehungen zu unseren Mitmenschen und die Offenheit für ihre Erkenntnisse fördert, ist eine wichtige Ergänzung zu meinem Artikel.
Michael Kröger
Freitag 09 Feb 2024

"Sie sagen dann die Wahrheit, wenn Gott seine Wahrheit durch ihre Worte zum Ausdruck bringt."


hallo Klaus

woher stammt eigentlich dieser so tragische Wunsch des christlich geprägten Menschen sich an "der Wahrheit" und dann auch noch an der unendlichen Wahrheit Gottes zu orientieren? Könnten wir denn nicht auch etwas demütiger werden und lieber von "unserer Form von gelebter Wahrheit" sprechen? Dann müssten wir doch nicht unter diesem hehren Anspruch "leiden" eine Wahrheit zu ergründen, die schlechterdings für uns Menschen unergründlich bleibt.....

Freitag 09 Feb 2024
Hallo Michael,

danke für deine interessante und berechtigte Frage! Es ist doch immer gut, wenn jemand von "außen" auf theologische Äußerungen blickt. Da tun sich manchmal Fragen auf, auf die man als Theologe gar nicht kommt.

Ich will versuchen, mit einigen Gedankengängen zu antworten. Zunächst geht es mir um den Begriff der Wahrheit selbst. Du sprichst von "gelebter Wahrheit". Und tatsächlich muss Wahrheit gelebt werden, wenn sie nicht nur ein Dogma oder ein Gedanke sein will. Nun leben Menschen auf unendlich viele Arten und leben dabei unzählige Wahrheiten oder jedenfalls das, was sie für Wahrheit halten. Es ist ja heute schwer, überhaupt von Wahrheit zu sprechen, weil darin schnell ein allgemeingültiger Wahrheitsanspruch mitgehört wird, den man dann zu übernehmen habe. Auf der anderen Seite ist es aber schwierig, das Reden von Wahrheit zu unterlassen, weil dann Leben eigentlich gar nicht mehr möglich ist. Ringen wir nicht alle um Wahrheit - nicht um beliebig viele Wahrheiten, sondern um die eine Wahrheit, die unser Leben sinnvoll und lebenswert macht? Suchen wir nicht beständig nach der Wahrheit über unser Leben, unsere Welt, unsere Mitmenschen, über das Glück oder zumindest den Frieden, der uns unser Leben mit Zufriedenheit leben lässt? Und versuchen wir nicht, die Wahrheit zu leben, von der wir meinen, dass sie uns, wenn schon kein dauerhaftes Glück, so doch das größte Wohlbefinden bereitet?

Ich denke, dass alle Menschen nach solch ein...
Michael Kröger
Freitag 09 Feb 2024
"Ich denke, dass alle Menschen nach solch einer Wahrheit suchen. Und der Streit über politische Konzepte, über die "beste" Philosophie, über die menschenfreundlichste Weltanschauung und auch über unzählige naturwissenschaftliche Erkenntnisse zeigt doch, dass es im Grunde zu unserer Natur gehört, nach der Wahrheit zu suchen und sie zu leben."

...das mag so sein. Aber ich empfinde diesen Wunsch dann im Grunde umso weniger erstrebenswert. Dieser "Wettbewerb" um die jeweils optimalste Annäherung an die Wahrheit führt dann umso mehr nicht zur Wahrheit sondern eher zur Einsicht, dass es im Grunde für jeden und jede zu jeder Lebenszeit eine jetzt passende Form von Übereinstimmung mit mir selbst gibt. Ich kann diesen Zustand Wahrheit nennen muss es aber nicht. So entlaste ich mich von dem Zwang einer finalen Wahrheit (nämlich meines Lebens) auf die Spur kommen zu müssen....vielleicht ist diese meine Sicht jetzt doch pragmatisch aber ich empfinde sie als lebenspraktisch....


Samstag 10 Feb 2024
Dieser "Wettbewerb" um die jeweils optimalste Annäherung an die Wahrheit führt dann umso mehr nicht zur Wahrheit sondern eher zur Einsicht, dass es im Grunde für jeden und jede zu jeder Lebenszeit eine jetzt passende Form von Übereinstimmung mit mir selbst gibt.

Ich lehne diesen Wettbewerb ebenfalls ab. So wie auch Karl Barth sich nicht am Wettstreit um die einzig wahre Wahrheit beteiligen wollte. Die christliche Wahrheit ist eben eine, die nicht aus unserem Wettstreit geboren wird, sondern die sich selbst uns implementiert. Das schließt die gemeinsame Suche nach und auch den Streit um die Wahrheit nicht aus. Wie sollte es unter Menschen anders sein? Sich dem zu entziehen, würde doch bedeuten, die Welt sich selbst zu überlassen und sich in sein persönliches Wohlfühl-Kämmerlein zurückzuziehen, in dem man nichts mehr dazulernen will und kann, sondern immer nur sich selbst bestätigt.

Der "Streit" um die christliche Wahrheit wird jedoch, wenn es recht zugeht, nie einer auf Leben und Tod sein, sondern einer, der fehlerfreundlich und lernbereit das Gespräch sucht. Es ist ein Streit, in dem alle das bezeugen, was sie als Wahrheit in der gegenwärtigen Phase ihres Lebens erkannt zu haben meinen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dazu gehört die Bereitschaft, sich beständig zu revidieren. Und wenn es gut läuft, profitieren alle davon. Darum gibt es für mich auch keinen "Zwang, einer finalen Wahrheit auf die Spur kommen zu müssen", sondern n...
Jochen
Sonntag 11 Feb 2024
Hallo Klaus,
meine Fragen beziehen sich hauptsächlich auf den achten und neunten Absatz des Artikels.

Ich bin gelegentlich Lektor in der Heiligen Messe. Wenn ich eine Lesung beendet habe, sage ich "Wort des lebendigen Gottes". Die Gemeinde antwortet mit "Dank sei Gott." Mehr noch: Kurz darauf steht der Priester am Ambo und sagt etwa: "Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes". Die Gemeinde -- jetzt stehend -- macht dreimal das Kreuz-Zeichen und antwortet: "Ehre sei dir, o Herr!". Was meinen sie dann damit? Ähnlich machen es die Orthodoxen, die Armenier, die Kopten, teilweise auch die Protestanten, eigentlich die überwiegende Mehrheit des Christentums. Was meinen sie damit, wenn sie nach einem Bekenntnis "Amen" sagen, wenn sie nicht meinen die Wahrheit auszusprechen -- mit ihren unzulänglichen Worten, mindestens, wenn sie nicht überzeugt wären, dass das was sie ausgesprochen haben, "kongruent" zu der göttlichen Wahrheit ist, die uns Jesus mitgeteilt hat? Was bedeutet dann der Anfang des Johannes-Evangeliums oder was wäre der Sinn der Augenzeugen-Berichte, denen zufolge Jesus in der Synagoge in Kapharanum nicht wie ein Theologe sprach, sondern wie einer der Vollmacht hat? Also an der Stelle habe ich den Eindruck, dass Christen vor uns nicht klüger aber sorgsamer mit dem Glauben umgegangen sind, den sie haben. Vermutlich ist es Karl Barths Zeitgenosse, der Geschichtsphilosoph Josef Pieper, der gemeint hat, dass ein Kennzeichen der Moderne sei, dass die Mens...
Sonntag 11 Feb 2024
Hallo Klaus,

dass und warum ich nach der Lektüre Karl Barths "Einführung in die christliche Theologie" zunächst einmal mit Theologie und mehr oder weniger auch dem Christentum fertig war, haben wir anderer Stelle schon einmal diskutiert. Mit Wahrheit und dem Sagen der Wahrheit hat das für mich eine Menge zu tun, ist aber hier nicht das Hauptthema.

Die Vereinnahmung aller Menschen als Theologen weise ich für mich schlicht zurück. Gerade weil ich Theologie schon aus ihrer Grundstruktur heraus für tendenziös und damit nicht bereit für bestimmte, möglicherweise unangenehme Wahrheiten halte, möchte ich da nicht einbezogen werden. Außerdem ist nicht jeder, der zwei und zwei zusammenrechnen kann, ein Mathematiker, und ebensowenig jeder, der sich Gedanken über irgendeine Form von Gott macht, ein Theologe.

Wenn Karl Barth sagt: "Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen und eben damit Gott die Ehre reden", dann ist das für mich eine theologische Insolvenzerklärung. Mit Insolvenzverwaltung in eigener Regie. Wie problematisch so etwas ist, sehen wir gerade in der Wirtschaft bei einem österreichischen Immobilienunternehmer.

Du schreibst: "Sagen Christinnen und Christen also die Wahrheit? Sie sagen dann die Wahrheit, wenn Gott seine Wahrheit durch ihre Worte zum Ausdruck bringt." Und wann ist das? Man weiß es nicht.

I...
Sonntag 11 Feb 2024
Hallo Jochen,

du beantwortest deine Frage am Schluss eigentlich schon selbst: In der Bibel geht es um Zeugen-Aussagen, also Aussagen von Menschen, die das, was sie als die Wahrheit Gottes erkannt haben, bezeugen. Ich könnte es auch anders ausdrücken: Was sie aufgeschrieben haben, ist Gottes Wort, aber im Munde von Menschen. Es ist also nicht unmittelbar Gottes Wort, sondern das über Menschen uns vermittelte, bezeugte Wort Gottes.

Nun könnte man sagen, das mache doch keinen Unterschied. Aber angenommen, Paulus hätte geglaubt, dass aus seinem Mund unmittelbar Gott spricht - dann hätte Paulus keine andere christliche Botschaft mehr neben oder nach sich dulden können. Wenn der Evangelist Matthäus geglaubt hätte, dass der Evangelist Markus die allein wahren und einzigen Worte Gottes, so wie Gott selbst sie gesprochen hat, aufgeschrieben hätte, dann hätte er niemals sein Evangelium schreiben und damit andere Akzente als Markus setzen und manche Unterschiede gegenüber dem Markusevangelium anbringen dürfen.

Das Wort Gottes ist nach Joh 1 Jesus selbst. Was er in Wort und Tat lebte, kann ich als unmittelbares Wort Gottes verstehen. Ich finde es aber wichtig, dieses Wort von all unseren menschlich-unzulänglichen Worten, wie du selber es nennst, zu unterscheiden. Vielleicht kann man die biblischen Worte als "kongruent zu der göttlichen Wahrheit" bezeichnen, wie du es tust. Darum ist das "Amen" der Gemeinde zu den biblischen Worten richtig. Für mich sind die...
Sonntag 11 Feb 2024
Hallo Thomas,

es war nicht meine Absicht, dich für irgendetwas zu vereinnahmen. Ich fühle mich selbst als studierter Theologe aber nicht besser in der theologischen Erkenntnis als ein nichtstudierter Christ, der ganz einfach die Bibel liest. Von solchen Christen kann man auch als studierter Theologe manchmal große Worte vernehmen und etwas lernen. Auf der anderen Seite gibt es aber leider auch Christen, die, wie ich schon im Artikel schrieb, so sprechen, als spreche in diesem Moment Gott selbst aus ihnen. Etwas Demut und Bescheidenheit wären in diesem Fall schon angebracht. Darauf wollte ich mit meinem Artikel hinweisen.

Die von dir zitierten Worte Karl Barths sind ein Zeugnis dieser Demut und Bescheidenheit. Man könnte auch sagen: der Unzulänglichkeit aller christlichen Erkenntnis (vgl. 1Kor 13,12). Man kann ja an Karl Barth vieles kritisieren, aber nicht, dass er sich selbst mit seinen theologischen Erkenntnissen zu ernst genommen hätte.

Wenn du schreibst, man wisse nicht, wann der Geist Gottes durch Menschen spreche, dann sehe ich das genauso. Das macht die Orientierung nicht einfacher. Letztlich ist jeder Christ und jede Christin aufgerufen, unter Gebet und Studium (nicht akademisch gemeint) sich selbst ein Bild zu machen. Und das funktioniert auch ganz gut, wenn man sich seiner eigenen Unzulänglichkeit bewusst bleibt, für neue Erkenntnisse offenhält und die biblischen Schriften als Maßstab nimmt. Dennoch bleibt es eine lebenslange Aufgabe und fi...
Jochen
Samstag 24 Feb 2024
Hallo Klaus,
ich sehe meine Fragen nicht so ganz beantwortet, denn der Aussage "Es ist nicht unmittelbar Gottes Wort, sondern das über Menschen uns vermittelte, bezeugte Wort Gottes", der ich an sich zustimmen würde, wird von der gegenwärtigen Theologie offenbar ein defizitärer Charakter der unzuverlässigen Überlieferung zugemischt, so nach dem Motto: vorbehalten, dass es tatsächlich Gottes Wort wäre, ...
Deswegen fragte ich, was das Wort "Amen" für einen, sagen wir ruhig mal nicht-fundamentalistischen Christen tatsächlich bedeutet. Oder "Wort des lebendigen Gottes", oder das ur-protestantische Emblem: V. D. M. I. AE.
Ich denke nicht, dass etwa eine Theologin wie Frau Eta Linnemann gemeint hat, dass die Bibel vom Himmel gefallen wäre, dennoch kritisiert sie die Unterstellung, "dass Bibelwort und Gotteswort nicht identisch sind" ("Original oder Fälschung -- Historisch-kritische Theologie im Licht der Bibel, CLV, 1999, 2. Aufl.). Im katholischen und orthodoxen Bereich, der der Heiligen Schrift die Tradition gegenübergestellt wird, ist dieser Gedanke, die Bibel sei vom Himmel gefallen, geradezu absurd.
Samstag 24 Feb 2024
Hallo Jochen,

ich glaube, dass wir um eine Abstufung dessen, was Gottes Wort ist, nicht herumkommen. Für mich ist Jesus Christus das eine, unfehlbare Wort Gottes - ein Wort, das in menschlicher Person erschienen ist. Die Worte der Bibel können nicht auf derselben Ebene Gottes Wort sein, sonst träten sie in Konkurrenz zu Jesus Christus. Sie bezeugen aber dieses Wort in für uns maßgeblicher Weise, wobei ich tatsächlich den Vorbehalt machen würde, dass sie tatsächlich Jesus Christus bezeugen - was ich zumindest für einige alttestamentliche Texte schwierig finde. Die Forschung hat deshalb immer nach einer "Mitte der Schrift" gesucht, die maßgebend für alle biblischen Texte ist - und z.B. auf Jesus Christus oder die Rechtfertigungslehre verwiesen. Martin Luther meinte, Wort Gottes sei, "was Christum treibet". Dass unsere Worte bzw. heutige Predigten nicht in derselben Weise Gottes Wort sein können wie Jesus Christus selbst oder wie die biblischen Schriften, ist vielleicht am wenigsten strittig.

Darum gilt für mich, mich an die biblischen Schriften zu halten, sie aber im Zweifel daran zu messen, ob sie Christus wiedergeben, den ich natürlich nur aus diesen Schriften entnehmen kann. Damit bewegen wir uns in einem hermeneutischen Zirkel. Und es ist deutlich, dass "Christus wiedergeben" sehr unterschiedlich verstanden werden kann. Das ist die Schwäche aller heutigen Theologie, die deshalb darauf vertrauen muss, vom heiligen Geist getrieben zu sein - was sich n...
Ursel Helene Maria Decker
Freitag 08 Mär 2024
Danke Klaus, für diesen Beitrag !

Liebe Grüße Ursel
Freitag 08 Mär 2024
Sehr gern!

Liebe Grüße
Klaus
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