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Naivität des Glaubens

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie kompakt · 17 September 2021
Tags: GlaubeVertrauenGelassenheitArmut

T h e o l o g i e   k o m p a k t
Naivität des Glaubens
Klaus Straßburg | 17/09/2021

Ein Freund von mir pendelt seit Jahren zwischen Deutschland und Kenia hin und her. Er hat in Kenia eine einheimische Lebensgefährtin, die zutiefst gläubig ist. Ihr Glaube drückt sich in Äußerungen wie diesen aus: „Jesus wird es schon machen." „Ich habe das Problem an Gott abgegeben." „Wenn ich sterben soll, dann sterbe ich eben." „Warum denkst du daran, was in drei Tagen ist? Mach dir keine Sorgen!"

Uns aufgeklärten Westeuropäern mag das naiv vorkommen. Wir sind es gewohnt, Probleme anzupacken, um sie zu lösen, und zwar selbstständig. Wenn wir selber nicht weiter wissen, fragen wir einen Experten. Wir sind es auch gewohnt, die Zukunft zu planen, um sie nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Insofern treffen wir Vorsorge. Und schließlich haben wir es uns zur Gewohnheit gemacht, den Tod so weit wie möglich in die Zukunft zu verschieben. Nur wenn es gar nicht anders geht, lassen wir ihn an uns heran. Zur Beerdigung muss man wohl oder übel gehen. Man lässt sie aber auch gern möglichst schnell wieder hinter sich.

In Kenia ist das anders. Dort ist der Tod eine tägliche Realität. Sieben Geschwister der Lebensgefährtin meines Freundes – nennen wir sie Ruth – sind im jungen Alter an heilbaren Krankheiten gestorben, zum Teil an Malaria. Es fehlte ihnen das Geld für ein schützendes Moskitonetz und für die heilenden Malariatabletten. Der frühe Tod ist ein Phänomen der Armut. Für die Armen ist er allgegenwärtig und lässt sich nicht verdrängen.

Was setzt man dem Tod entgegen? Was den Problemen, die man nicht lösen kann? Was der Ungewissheit, wenn man nicht weiß, wovon man morgen leben soll? Man setzt all dem einen naiven Glauben entgegen, der Gott vertraut, alles in seine Hände legt und dem immer möglichen Tod mit dem Gleichmut der Hoffnung entgegensieht.

Der Mensch braucht Gott, könnte man nun sagen. Und weil er Gott braucht, zimmert er sich einen, der Hilfe gewährt, sagte der Philosoph Ludwig Feuerbach (1804-1872). Wir Aufgeklärte zimmern uns keine Gottesstatuen, sondern ein Gottesbild im Kopf. So kommen wir leichter mit unseren Problemen und mit dem Tod zurecht.

Unser Bedürfnis nach einem helfenden Gott mag ja ein Grund dafür sein, dass es Religionen gibt, die einen helfenden Gott verehren. Es ist aber kein Beweis dafür, dass es einen solchen Gott nicht gibt. Auch wenn wir uns nach einem helfenden Gott sehnen, heißt das nicht, dass es diesen Gott nicht geben kann.

Übrigens sagt schon das zweite Gebot (nach reformierter Zählung), dass wir uns kein Bild von Gott machen sollen, unsere Vorstellung von Gott also nicht nach unseren Wünschen und Vorstellungen formen sollen (2Mo/Ex 20,4-6; 5Mo/Dtn 5,8-10). Gott begegnet uns vielmehr immer wieder neu und auch anders, als wir es erwarten. Darum ist es unangemessen, ihn auf ein bestimmtes Gottesbild zu fixieren. Er ist auch – der uns Fremde.

Insofern ist die Bibel selbst religionskritisch. Die Theologie ist es inzwischen auch. Sie entwickelte ihre eigene Religionskritik. Diese hält fest, dass unsere Gottesbilder allesamt an dem lebendigen Gott zerbrechen. Gott ist immer auch der fremde Gott, der sich den Vorstellungen, die wir uns von ihm machen, entzieht. Das macht die Theologie zwar nicht sprachlos, aber bescheiden.

Doch ist die Theologie, ist der christliche Glaube nicht naiv, wenn er von einem Gott ausgeht, dem man bedingungslos vertrauen kann, der uns in unseren Problemen hilft und uns schließlich ein Leben nach dem Tod gewährt?

Aber was heißt eigentlich „naiv"? Das Duden Herkunftswörterbuch nennt für „naiv" die Bedeutungen „natürlich, unbefangen; kindlich; treuherzig, arglos; einfältig"*. Das Wort kommt aus dem Französischen und bezeichnet nach Grimms Wörterbuch aus den Jahren 1852-1961 eine natürliche Einfachheit, ein ungezwungenes Wesen, eine Offenheit. Immanuel Kant (1724-1804) verwendet das Wort „Naivität" im Sinne einer ursprünglichen und natürlichen Aufrichtigkeit im Gegensatz zu jeder Verstellungskunst**.

Das Wort hat also nicht nur die negative Bedeutung, in der es heute oft verwendet wird: Demnach ist ein naiver Mensch eine einfältige, etwas dümmliche, leichtgläubige Person, die einen Sachverhalt nicht angemessen beurteilen kann. Das Wort kann in seiner positiven Bedeutung auch einen unbefangenen, unverstellten und offenen Menschen beschreiben, einen Menschen, der sich etwas davon bewahrt hat, was wir oft als kindliche Natürlichkeit bewundern. Immehin sprechen wir bis heute auch von naiver Malerei.

Ein naiver Glaube wäre dann ein Glaube, der sich eine gewisse Unbefangenheit bewahrt hat, die frei ist von allzu vielen kritischen Überlegungen und verstandesmäßigen Zweifeln. Der naiv glaubende Mensch würde dann, ähnlich wie ein Kind, den Aussagen des Glaubens offen, aufnahmebereit, unverstellt und in diesem Sinne natürlich begegnen – frei von vorausgesetzten Bedenken, Anfragen und Vorbehalten.

Das kritische Denken und Fragen will ich damit gar nicht verurteilen. Wir kommen von ihm in unserer westlichen Welt auch nicht los. Wir sind von klein auf in der Schule dazu erzogen worden. Es hat auch durchaus sein Recht. Es hat aber auch seine Schattenseiten. Vielleicht ergriff Jesus deshalb Partei für die Kinder, als seine Jünger diesen den Segen Jesu verwehrten: „Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird gewiss nicht hineinkommen" (Mk 10,15).

Damit ist kein Ausschluss aus dem Himmel gemeint; denn „alles ist möglich bei Gott" (Mk 10,27). Gemeint ist vielmehr, dass wir es uns selbst schwer machen, die Geborgenheit bei Gott schon jetzt zu erfahren, wenn wir uns die Naivität des Glaubens nicht gestatten. Den Segen Gottes spüren nur diejenigen, die sich kindlich auf ihn einlassen (Mk 10,16).

Diese Naivität des Glaubens schließt ein kritisches Denken nicht aus. Es schließt aber aus, das kritische Denken derart wichtig zu nehmen, dass es ein aufnahmebereites Vertrauen behindert oder gar verhindert. Das würde einem Menschen gleichen, der keinem anderen mehr vertrauen kann, weil er prinzipiell allen Menschen mit Vorbehalten und Misstrauen begegnet.

Der christliche Glaube kann also durchaus naiv im positiven Sinne des Wortes sein, ohne sich einer kritiklosen Leichtgläubigkeit hinzugeben. Andererseits kann jemand, der meint, alle Probleme selbst lösen zu können, seine Zukunft im Griff zu haben und der den Tod konsequent verdrängt, naiv im negativen Sinn des Wortes sein: unrealistisch, leichtgläubig, was seine eigenen Fähigkeiten anlangt und unreflektiert, was seine Grenzen betrifft.

Es wird für uns Westeuropäer schwer sein, einen Glauben wie Ruth aus Kenia anzunehmen. Wir müssen es auch nicht. Wir sollten aber vielleicht versuchen, einer gewissen Naivität im Glauben nicht im Wege zu stehen. Und vielleicht geht es im Glauben auch nicht ganz ohne sie.

Übrigens erkrankte auch der einzige Sohn von Ruth an Malaria. Er kam nach Hause, und ein heftiger Fieberanfall erfasste ihn ganz plötzlich. Er zitterte am ganzen Leib. Ruth war klar, dass es die Malaria war. Sie legte ihren Sohn auf ein Bett und begann sofort, laut zu beten und zu flehen: „Willst du mir meinen einzigen Sohn nehmen?" Zwei Frauen aus der Nachbarschaft, die das mitbekommen hatten, kamen hinzu und beteten mit. Das dauerte etwa 15 Minuten. Dann hatte sich der Sohn beruhigt und konnte einschlafen. Einige Tage später war er genesen.

Das ist kein Beweis für die Existenz oder das Wirken Gottes. Aber es ist ein Beispiel des naiven Vertrauens, dass Gott helfen und heilen kann.

Ich wünsche uns allen ein bisschen von diesem naiven Vertrauen.


*   Duden Etymologie. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. 2. Aufl. Mannheim u.a. 1989. Seite 479.
** Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/21.


* * * * *




8 Kommentare
2021-09-18 17:40:08
Hallo Klaus,

vielen Dank für diesen Artikel.

"Ich bin naiv, das weiß ich, ...", enthalten in oben anklickbarer Seite.

Herzlichen Gruß
Hans-Jürgen


2021-09-18 22:22:41
Hallo Hans-Jürgen,

vielen Dank für deinen schönen Artikel. Du triffst den Nagel auf den Kopf.

Einen gesegneten Sonntag
Klaus
2021-09-19 12:19:28
Hallo Klaus

Deine guten Gedanken aus unterschiedlichen Perspektiven erinnern mich an Markus 6:1-6

Euch einen geistreichen Sonntag
2021-09-19 18:31:39
Hallo Pneuma,

danke für deine freundliche Rückmeldung.

Viele Grüße
Klaus
2021-09-21 21:51:20
Hallo Klaus,

es gibt gute Momente, wo ich ganz naiv glauben kann.

Wenn sich allerdings jemand vorne hinstellt, der gewandet ist wie ein Richter oder früher die Professoren und seinen Gottesdienstbesuchern theoriebasiert erklären will, was Sache ist, dann kann und will ich mich nicht naiv geben.

Viele Grüße
Thomas
2021-09-22 10:21:47
Hallo Thomas,

ich finde, es ist ein großes Geschenk, wenn man als reflektierter Mensch naiv glauben kann – auch wenn es nur Momente sind.

Der Talar ist tatsächlich ein Anachronismus. Wenn man keine Autorität besitzt, versucht man offenbar, sie durch Äußerlichkeiten zu gewinnen. Aber die Zeit dafür ist vorbei und schlägt ins Gegenteil um. Es ist ein Schade, dass die Kirchenleitungen das noch nicht gemerkt zu haben scheinen. Dieses Gewand entfremdet Predigende und Hörende voneinander anstatt sie einander näher zu bringen. Dabei haben die Predigenden den Hörenden außer ein wenig Sachwissen nichts voraus: Glaubende, Suchende, Zweifelnde sind sie allemal. Das müsste durch zivile Kleidung vermittelt werden. Gott sei Dank sind immerhin Ausnahmen möglich, aber leider noch nicht die Regel.

Jede Predigtaussage sollte nicht naiv (im Sinne von unkritisch), sondern reflektiert übernommen werden, im Sinne von Paulus: „Prüfet alles, und das Gute behaltet" (1Thess 5,21).

Ich hoffe, dass ich selbst dir in meinem Blog nicht manchmal als ein mit Talar gewandeter Prediger erscheine, der theoriebasiert erklärt, „was Sache ist". Sollte das so sein, dann tut mir das leid. Das ist nicht meine Absicht. Ich versuche nur, aus meiner Sicht und von meinem Glauben her Verstehenshilfen zu geben und bitte alle Lesenden, selbst zu prüfen, ob sie damit etwas anfangen können oder nicht.

Viele Grüße
Klaus
2021-09-22 22:19:07
Hallo Klaus,

persönlich war das auf keinen Fall gemeint. Als Frontalprediger im Talar bist du mir nie begegnet.

Und ich sage auch, dass ich schon ein paar wirklich gute Predigten in dieser klassischen Form gehört habe. Trotzdem bin ich der Meinung, dass die Kirche andere Formen finden muss. Dazu wird sie aber erst in der Lage sein, wenn sie zahlenmäßig noch sehr viel kleiner geworden ist.

Viele Grüße

Thomas
2021-09-23 10:04:23
Hallo Thomas,

deine Kirchenkritik teile ich. Und deine Aussage zu meinem Erscheinungsbild beruhigt mich.

Viele Grüße
Klaus
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