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Jesus oder Buddha?

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie zum Weiterdenken · 29 Juli 2020
Tags: WeltreligionenLebenNeuschöpfungDialog

T h e o l o g i e   z u m   W e i t e r d e n k e n
Jesus oder Buddha?
Klaus Straßburg | 29/07/2020

Der Buddhismus übt auf manche Menschen eine große Anziehungskraft aus. Dabei sind seine Lehren für uns europäisch geprägte Menschen oft schwer verständlich. Es geht um einen völlig anderen Blick auf die Wirklichkeit. Begib dich also mit mir auf eine Reise in eine andere Welt.

Im Buddhismus gibt es wie auch im Christentum unterschiedliche Strömungen. An dieser Stelle werde ich nur einige Hauptlehren des Buddhismus vorstellen und mit den christlichen Vorstellungen vergleichen. Auch bezüglich der Hauptlehren gibt es aber Unterschiede in den verschiedenen buddhistischen Schulen, die ich hier nicht alle darstellen kann. Ich biete also nur einen Auszug aus den buddhistischen Lehren.

Gleich zu Beginn möchte ich auch betonen, dass meine Beurteilung des Buddhismus kein Urteil über einzelne Buddhist*innen beinhaltet. Über Menschen zu urteilen ist allein Gottes Sache.


1. Was ist der Mensch?

Der Buddhismus versteht die Wirklichkeit anders, als wir es gewohnt sind. Alle von uns wahrnehmbare Wirklichkeit ist ihm eine vergängliche Illusion. Es gibt keine stabile, gleichbleibende Materie, sondern nur eine Wolke von aufeinander einwirkenden Kräften, die sich ständig verändert. Alles, was wir als Ganzes wahrnehmen, ist in buddhistischer Sicht aus Teilen zusammengesetzt. Das gilt auch für den Menschen. Er besteht aus fünf Bestandteilen: Körper, Gefühle, Wahrnehmungen (z.B. Hören und Sehen), Willensregungen (z.B. Wünsche, Begierden, Absichten) und Erkenntnis. Im Tod des Menschen treten diese Teile wieder auseinander.

Es fällt auf, dass zum Menschen keine Seele gehört. Und tatsächlich hat der Buddha Gautama (der erste Buddha und Begründer der Lehre) die Lehre vertreten, dass der Mensch keine Seele habe, keinen innersten Kern seiner Person, kein „Ich". Auch das „Ich", ein handelndes oder leidendes Subjekt, ist eine Illusion.

Das widerspricht natürlich unserer Wahrnehmung. Und es ist nach der Lehre Buddhas auch nur durch innere Erleuchtung erkennbar und durch Meditation erfahrbar. In der Meditation kann der Mensch erfahren, dass alles leer ist. Auch er selbst ist leer.

Das ist nichts Negatives, sondern im Gegenteil positiv. Denn wenn der Mensch leer ist, ist er frei von seinen Wünschen, Begierden und Absichten. Und weil seine Wünsche, Begierden und Absichten Leiden mit sich bringen, endet sein Leiden, wenn er frei von alldem wird.

So fremd uns diese Sicht der Wirklichkeit auch sein mag: Auch das Christentum kennt die Erfahrung der Leere in der christlichen Meditation. Es kann befreiend sein, auf alles eigenmächtige Wollen und Begehren zu verzichten.

Und dass Materie nichts Festes und Beständiges ist, sondern einem ständigen Werden unterworfen, in dem alle Energien aufeinander einwirken, ist eine physikalische Tatsache.

Ein christlicher Mensch würde sich allerdings in allem Werden und Vergehen vertrauensvoll dem Wollen Gottes anvertrauen und gerade in diesem Vertrauen alles eigene Wollen zurückstellen. Er würde sich als geliebtes Geschöpf verstehen, das ein „Ich" und einen Namen hat und von Gott bei seinem Namen gerufen (Jes 43,1) und durchs Leben geleitet wird (Ps 23).


2. Was ist Leben?

Das Leben ist für Buddhist*innen ein dauerndes Werden und Vergehen und darin nichts als Leiden. Dennoch gibt es den menschlichen Lebenswunsch, das Begehren zu leben. Der Mensch, der mit diesem Begehren stirbt, erzeugt darum nach buddhistischer Vorstellung ein immer Neues Leben und damit auch Leiden. Man spricht vom Rad der Wiedergeburten: So wie sich ein Rad unendlich dreht, so gibt es eine unendliche Zahl von Wiedergeburten, die ein Mensch erzeugt – wenn, ja wenn er nicht vom Begehren nach Leben frei wird.

Es mag uns pessimistisch erscheinen, dass alles Leben Leiden ist. Aber indem die Tage, Minuten und Sekunden vergehen, vergeht auch etwas von uns. Wir sind der Zeit auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, und am Ende steht immer unser Tod. Und da auch jede Freude vergeht und ihr Vergehen schon in sich trägt, kann man tatsächlich das Leben als Leiden verstehen.

So gibt es für Buddhist*innen vier „edle Wahrheiten":
  • Die edle Wahrheit vom Leiden:
   Alles Leben ist Leiden.
  • Die edle Wahrheit vom Ursprung des Leidens:
   Leiden entsteht aus Begehren (Wünschen, Wollen, Absichten, Neigungen).
  • Die edle Wahrheit von der Aufhebung des Leidens:
   Wer das Begehren aufhebt, beendet das Leiden.
  • Die edle Wahrheit vom Weg zur Aufhebung des Leidens:
   Erkenntnis, verantwortungsvolles Handeln und Meditation führen zur Aufhebung des Begehrens    und damit des Leidens.

Weil alles Leben leiden ist, besteht das Heil also darin, dass auch der Wunsch nach Leben in immer neuen Gestalten aufhört. Und die Erlösung ist ein Tod ohne erneute Wiedergeburt.

Für Christ*innen ist solch eine negative Sicht des Lebens ungewohnt. Sie wissen auch um das Leid, das das irdische Leben mit sich bringt. Aber sie leben doch auf ein Ziel hin, das bleibende Freude bedeutet. Und sie verstehen sich als geliebte Geschöpfe, die geschaffen sind, um zu leben, sich selbst und anderen zur Freude und zum Segen. Ihnen ist nicht der Tod die Erlösung, sondern das Leben nach dem Tod, in dem sie diese Freude in vollkommener Weise erwarten.

Christ*innen stellt sich eine andere Frage: die Frage, wie ein die Menschen liebender Gott so viel Leid zulassen kann. Insofern ist die christliche Sicht auf das Leben nicht durchweg positiv. Das Leid ist auch für den christlichen Glauben eine beständige Herausforderung.


3. Was ist Erlösung?

Erlösung ist also für Buddhist*innen die Freiheit davon, immer aufs Neue in anderer Gestalt zu leben. Zugleich ist Erlösung aber auch die Freiheit von dem Bemühen, das Rad der Wiedergeburten durch eigenes Verhalten zum Stillstand zu bringen. Wenn der Mensch diesen Zustand der Freiheit erreicht hat, spricht man vom „Nirvana". Das Wort bedeutet so viel wie „verwehen, verlöschen". Jedes Bemühen, jedes Wollen und Beabsichtigen verlöscht. Es gibt kein Wünschen und Begehren mehr und darum auch kein Leiden, keinen Hass und keine Verblendung.

Das Nirvana kann nicht beschrieben werden. Wir können es vielleicht als einen Glückszustand verstehen. Aber das Nirvana ist nach buddhistischer Lehre kein Etwas; es ist aber auch nicht nichts. Es ist eben unbeschreiblich. So ist das Nirvana auch nicht „etwas", was man „besitzen" könnte. Eben dies soll man sich in der Meditation bewusst machen.

Wie kommt ein Mensch zum Nirvana? Wie stellt es sich ein? Es gibt einen Weg zum Nirvana, der eine Struktur hat und gelernt werden kann. Dieser Weg heißt der „Achtfache Pfad". Er umfasst eine genaue Methodik, die ein Mensch als Schüler eines buddhistischen Lehrers erlernen kann. Dabei geht es, kurz gesagt, um die rechte Erkenntnis über das Leben und die Wirklichkeit, um die Entscheidung für den buddhistischen Weg und schließlich um die Umsetzung des Erkannten in praktisches Handeln. Die Meditation steht dabei erst an letzter Stelle des Weges mit dem Ziel, alles Begehren hinter sich zu lassen.

In der regelmäßig geübten Meditation versenkt sich der Mensch zum Beispiel in die Vergänglichkeit, in das Ausstrahlen von Mitgefühl und Freude und in die Sphäre des Nichts.

Zur Meditation gehört auch, dass man sich bewusst wird, dass das eigene „Ich" nur eine Illusion ist. Man soll deshalb auch seinen eigenen Tod und seine Verwesung meditieren. Der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh hat es so formuliert:

Stell dir vor, dass alles, was von deinem Körper übrig geblieben ist, ein weißes Skelett ist, das auf der Erde liegt ... Erkenne, dass du nicht das Skelett bist. Du bist nicht deine körperliche Form. Sei eins mit dem Leben. Lebe ewig in den Bäumen und dem Gras, in anderen Menschen, in den Vögeln und anderen Tieren, im Himmel und in den Wellen des Meeres ...
(Thich Nhat Hanh: Lächle deinem eigenen Herzen zu. Wege zu einem achtsamen Leben. Hg. von J. Bossert und A. Meutes-Wilsing. Freiburg i.Br. 1995. S. 142. Zitiert nach Hans-Martin Barth: Dogmatik. Evangelischer Glaube im Kontext der Weltreligionen. Ein Lehrbuch. Gütersloh 2001. S. 765f)

Die religiöse Praxis der meisten Buddhist*innen unterscheidet sich aber von genau eingehaltenen Übungen, die wohl in der Regel nur von Mönchen praktiziert werden. Die meisten Buddhist*innen bemühen sich darum, ethische Regeln zu befolgen, einen Buddha zu verehren (es gibt im Buddhismus mehrere Buddhas, also „Erleuchtete") und buddhistische Sprüche zu lesen, zu sprechen oder abzuschreiben.

Dabei vermeiden sie, schlechte Taten zu tun, die automatisch eine niedrigere Wiedergeburt zur Folge hätten. Die Taten des Menschen werden sein „Karma" genannt (in der Sprache des Sanskrit: „Handlung"). Das Karma ist das eiserne Gesetz von Ursache und Wirkung: Es entscheidet über die Gestalt der Wiedergeburt nach dem Tod des Menschen. Je nachdem, welches Karma ein Mensch angesammelt hat, gibt es eine Wiedergeburt auf der Ebene der Tiere, der Geister, der Menschen oder der Erleuchteten. Gutes Karma kann zum Beispiel durch die Verehrung eines Buddhas angesammelt werden, durch Spenden an die Mönche oder durch das Führen eines selbstlosen Lebens.

Ein selbstloses Leben kann bedeuten, kein Leben zu zerstören, nicht zu lügen oder zu stehlen, keine Drogen zu sich zu nehmen und keinen unkeuschen Lebenswandel zu führen. Wer nach strengeren Regeln lebt, verzichtet auf Nahrungsaufnahme nach dem Mittag, auf Schmuck und Parfüm sowie an Festtagen auf Tanz, Singen und Fröhlichkeit.

Aber das Ziel des Buddhismus ist, wie gesagt, im Nirvana vom Rad der Wiedergeburten erlöst zu sein – und so auch vom schicksalhaften Karma befreit zu sein.

Und was wird aus dem Menschen, wenn er ins Nirvana eingegangen ist?

Nach buddhistischer Lehre zerfällt jeder Mensch nach dem Tod in seine verschiedenen Bestandteile. Das soll er sich schon zu Lebzeiten bewusst machen, und er soll in diesen Zerfallsprozess einwilligen. Leben und Sterben gehören zum Kreislauf des Seins und sind deshalb leer. Auch der Mensch selbst ist leer.

„Leer" heißt für mich: inhaltslos, wesenlos, aber auch bedeutungslos. Das ist nicht negativ gemeint. Man könnte folgern: Weil die ganze Wirklichkeit inklusive Leben und Sterben eine Illusion ist, ist sie bedeutungslos. Auch der Mensch selbst ist bedeutungslos. Diese Bedeutungslosigkeit zu erkennen und danach zu leben macht frei davon, dem Leben irgendeine Bedeutung geben zu müssen.

Man kann dann gelassen dem Leben und dem Sterben gegenüberstehen. Daran erinnert vielleicht die freundliche Gelassenheit so vieler Buddhastatuen. Gelassenheit ist durchaus auch eine christliche Tugend. Der Grund der christlichen Gelassenheit ist aber ein anderer: Der sich in Gottes Händen geborgen wissende Mensch kann gelassen durchs Leben gehen. Er weiß ja: „Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln" (Ps 23,1).

Nach buddhistischer Lehre kommt der Mensch nirgendwo her und geht nirgendwo hin. Wenn der Buddha Gautama gefragt wurde, ob der ins Nirvana eingegangene Mensch weiter existiert oder nicht existiert, ließ er diese Frage unbeantwortet. Offenkundig war es für ihn nicht von Bedeutung. Denn auch der ins Nirvana eingegangene Mensch ist leer.

Wie kann es aber zu einer Wiedergeburt kommen, wenn der Mensch leer ist? Oder anders gefragt: Was bleibt von ihm nach dem Tod?

Die Wiedergeburt ist nicht zu verwechseln mit einer Seelenwanderung. Denn eine Seele gibt es ja nach buddhistischem Verständnis nicht. Nur in der hinduistischen Vorstellung der Wiedergeburt lebt der verstorbene Mensch als ein neu entstehendes Wesen weiter.

In der buddhistischen Vorstellung der Wiedergeburt aber geht es nicht um ein Weiterleben des früheren Menschen in anderer Gestalt. Sondern es geht darum, dass – ausgelöst durch etwas Früheres – etwas Neues entsteht. Es ist wie beim Billardspiel: Eine Billardkugel stößt die andere an, die dadurch in Bewegung gerät. Die erste Billardkugel geht aber nicht in die zweite ein. Nur die Energie der ersten Kugel löst etwas Neues aus. So geht auch der verstorbene Mensch nicht in das neu entstehende Wesen ein oder wird in es verwandelt, sondern es entsteht ein neues Wesen in Abhängigkeit vom Karma des verstorbenen Menschen.

Es geht bei der Wiedergeburt nicht darum, dass vom verstorbenen Menschen etwas überlebt, sondern darum, dass der verstorbene Mensch aufgrund seines Karmas etwas Neues auslöst. Vielleicht kann man sagen: Es geht nicht darum, dass etwas bleibt, sondern darum, dass Energien die Bedingung für etwas Neues sind.

Judentum und Christentum haben eine völlig andere Weltsicht entwickelt als der Buddhismus. Das Leben und die gesamte Wirklichkeit laufen auf ein Ziel hin: auf eine neue Schöpfung, die Gott herbeiführen wird. Das Leben ist also nicht ein immer sich wiederholendes Leiden, das beseitigt werden muss, sondern ein Weg, der leidvoll sein kann, der aber durch das Leiden hindurch zu einem guten Ziel führt. Für jüdische und christliche Menschen bedeutet das konkret: Nach Leid und Tod ist ihnen ewiger Friede und ewige Freude in der Gemeinschaft mit Gott verheißen.

Diese Gemeinschaft ist nicht auf das Jenseits beschränkt, sondern kann ansatzweise auch schon im Diesseits erlebt werden, wenn der Mensch sich im Glauben auf das Ziel, das Gott ihm bestimmt hat, ausrichtet. Nicht das Nirvana bringt den Erleuchteten schon jetzt das Erlebnis der Leere und die Freiheit vom Leiden. Sondern das Vertrauen darauf, dass Gott die Glaubenden zum Ziel der Lebensfülle führen will, ist ihnen schon jetzt Trost in allem noch zu ertragenden Leid.

Christ*innen können dieses Vertrauen und die damit verbundene Freude als ein neues Leben, eine „Wiedergeburt", bezeichnen. Das Wort „Wiedergeburt" meint also im christlichen Zusammenhang etwas fundamental anderes als im buddhistischen: Dem Menschen wird im Diesseits ein neues Leben im Glauben geschenkt; es geht also um etwas durchweg Positives. Im Buddhismus hingegen ist der Begriff „Wiedergeburt" der jeweiligen Verkörperung im Jenseits vorbehalten. Sie ist das Negative schlechthin und soll überwunden werden.

Der christliche Glaube lebt davon, in allen Widrigkeiten des Lebens von Gott geliebt zu sein. Auch das abgrundtiefe Versagen des Menschen kann ihn nicht von Gottes Liebe trennen. Diese Liebe kann der Mensch sich nicht verdienen. Sie ist schon vor ihm da. Darum ist das Heil des Menschen nicht von seinen Taten abhängig. Im recht verstandenen christlichen Glauben gibt es keinen Leistungsdruck und keine Selbsterlösung. Dort, wo Christ*innen Leistungsdruck und Selbsterlösung praktizieren, sollten sie ihr Gottesverständnis überdenken.

Die buddhistische Tradition kennt keine Sünde, kein Versagen gegenüber einer göttlichen Instanz. Sie kennt auch kein göttliches Gericht über den Menschen. Sie kennt aber das Schicksal, das durch gutes oder schlechtes Karma bedingt ist. Und sie ist darauf gerichtet, dass der Mensch selbst sich die Erlösung von der Macht des Karma verschafft, indem er den „Achtfachen Pfad" geht (Erkenntnis, ethisches Handeln, geistige Übungen und Meditation).

Zusammenfassend kann man sagen: Buddhist*innen und Christ*innen wollen das Leid überwinden und so Erlösung finden. Der Weg dorthin ist aber ein grundverschiedener. Christ*innen suchen nicht eine von allem losgelöste Leere. Sie suchen vielmehr das Leerwerden von allem eigenmächtigen Wollen und Begehren, indem sie sich Gottes Willen anvertrauen. Das ist ihnen keine Überwindung des Lebens, sondern die Fülle des Lebens. Der Weg zur Erlösung besteht nicht darin, dass das Leiden und mit ihm das Leben überwunden wird durch regelmäßige Übungen und Meditationen. Auch wenn Meditation durchaus ein Bestandteil des christlichen Lebens sein kann, ist diese keine Voraussetzung für das Heil. Sie ist keine Pflicht, die Christ*innen erbringen müssen, sondern eine freiwillige religiöse Übung – man kann sie praktizieren oder auch nicht. Denn nach christlicher Vorstellung ist das Heil ein Geschenk Gottes. Das Leiden wird überwunden durch ein neues Leben, das den Menschen von Gott geschenkt wird. Dieses Überwinden beginnt schon im Diesseits, wenn ein Mensch der Liebe Gottes gewiss wird und selber in der Liebe zu Gott und allen seinen Geschöpfen lebt.


4. Was ist Gott?

Im Buddhismus gibt es nicht die Vorstellung eines Gottes im Sinne einer „Person". Es gibt aber die Vorstellung des Absoluten, das im Nirvana erlangt wird: Man ist losgelöst von allem Weltlichen und darum leer geworden.

Da der Buddha Gautama ins Nirvana eingegangen ist, kann man nicht sagen, ob er noch existiert oder nicht mehr existiert. Dennoch werden in Teilen des Buddhismus der Buddha Gautama oder mehrere Buddhas wie Götter verehrt. Daneben gibt es sogenannte Bodhisattvas, die ebenfalls verehrt werden: Sie haben die Erlösung erlangt, sind aber nicht ins Nirvana eingetreten und darum noch nicht von allem Weltlichen losgelöst. Sie haben noch Bezug zur Welt, und zwar, um den anderen Menschen dabei zu helfen, auch die Erlösung zu erlangen. Sie sind nicht an die Naturgesetze gebunden und können eingreifen, wo Hilfe erbeten wird. Dabei können sie sich, obwohl sie überirdische Wesen sind, in menschlicher Gestalt den Menschen nähern, um sie zu retten.

Die Verehrung eines Buddhas oder Bodhisattvas kann so aussehen: Der Mensch stellt vor dem Bild des Buddhas oder Bodhisattvas eine Vase mit Blumen auf, verbeugt sich, wirft sich nieder, singt Abschnitte aus den heiligen Schriften und zündet Weihrauch an. So erwirbt er sich Verdienste, gutes Karma.

Ein anderer Buddha, der Buddha Amida, wird durch die dauernde Wiederholung des Satzes „Verehrung sei dem Buddha des unermesslichen Lichtglanzes" gepriesen. Dadurch geht das gute Karma des Buddhas auf seine Anhänger über.

Der Unterschied zum christlichen Glauben ist offensichtlich: Im Christentum gibt es die Vorstellung eines Gottes, der personale und apersonale Eigenschaften hat. Er wird verehrt als der Gott, der in der Gestalt Jesu Mensch geworden ist, für die Menschen Leid und Tod erlitten hat und durch den Tod hindurch zum ewigen Leben gelangt ist.

Christ*innen verehren also einen Gott, der aus Liebe zu seinen Geschöpfen in die Welt und ihr Leid gekommen ist. So hat er aus Liebe zu den Menschen gelitten und den Menschen die Liebe entgegengebracht, mit der sie sich vom Leiden erlösen lassen können.

Buddhist*innen hingegen verehren mit Buddha Gautama einen Menschen, der ins Nirvana eingegangen ist. So hat er sich selbst vom Leiden erlöst und den Menschen die Lehre hinterlassen, mit der auch sie sich vom Leiden erlösen können.


5. Schlussgedanken

Manche Menschen in den westlichen Ländern fühlen sich vom Buddhismus angezogen. Vielleicht auch deshalb, weil sie von Christ*innen enttäuscht wurden. Nicht selten wird auch ein Mix aus verschiedenen Religionen praktiziert. Denn sowohl in den asiatischen Ländern als auch in der westlichen Welt basteln sich Menschen heute gern ihre „Privatreligion", ohne nach traditionellen Lehren zu fragen.

Die Beschäftigung mit dem Buddhismus kann in jedem Fall den Horizont erweitern. Wenn man den anderen besser versteht, ist das immer eine wertvolle Sache. Und wenn es geschieht, dass Buddhist*innen ihren Mitmenschen mit Freundlichkeit, Sanftmut und Toleranz begegnen, können Christ*innen möglicherweise von ihnen lernen. Denn ein solches Verhalten entspricht der christlichen Liebe.

Dennoch bleiben fundamentale Unterschiede zwischen christlicher und buddhistischer Religion. Natürlich hat jeder Mensch die Freiheit, sich aus beiden Religionen das herauszusuchen, was ihm gefällt. Die Frage ist jedoch, ob beide Religionen dann noch ernst genommen werden. Religionen sind ja kein Selbstbedienungsladen. Und der privat zusammengestellte Mischmasch aus dieser und jener Religion und Weltanschauung mag zwar den einzelnen Menschen befriedigen, wird aber den benutzten Religionen und Weltanschauungen nicht gerecht.

Geht man davon aus, dass ein Gott existiert, dann ist es unangemessen, nach der Devise zu verfahren: „Was Gott ist, bestimme ich selbst." Denn wie soll man einem Gott gerecht werden, den man selber sozusagen erschaffen hat? Man wird dann nur sich selber gerecht.

Christ*innen werden demgegenüber sagen: „Was Gott ist, bestimmt Gott selbst." Wir haben nicht die Möglichkeit, über Gott zu bestimmen; vielmehr bestimmt Gott über uns: „Was ich bin, bestimmt Gott." Christ*innen werden deshalb versuchen, Gott demgemäß zu beschreiben, wie sie von ihm beschrieben werden: als seine geliebten Geschöpfe.

So gesehen gibt es nicht nur Glauben, sondern auch Unglauben, Irrglauben und Aberglauben. Was Glaube ist, erschließt sich dem Menschen nach christlichem Verständnis nur dadurch, dass Gott selbst sich dem Menschen zu erkennen gibt. Das geschieht dadurch, dass man offen ist gegenüber den biblischen Schriften, der kirchlichen Tradition und anderen Christ*innen, aber auch gegenüber andersdenkenden Menschen und Menschen anderer Glaubensrichtungen und Religionen.

Insofern bietet die Begegnung mit dem Buddhismus drei Möglichkeiten: Erstens lernt man die andere Religion besser zu verstehen. Zweitens kann man durch die Unterschiede der Religionen das Besondere des christlichen Glaubens schärfer in den Blick bekommen. Und drittens kann man durch das (vielleicht überraschende) Auffinden von Gemeinsamkeiten und Weisheiten der anderen Religion entdecken, was einem bisher am christlichen Glauben verborgen geblieben war.


Literatur:
  • Artikel „Buddhismus". In: Hans-Dieter Betz u.a. (Hg.): Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Mohr Siebeck, 4. Aufl. Tübingen 1998. Band 1, Sp. 1829-1851.
  • Hans-Martin Barth: Dogmatik. Evangelischer Glaube im Kontext der Weltreligionen. Ein Lehrbuch. Chr. Kaiser / Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2001.
  • Bradley K. Hawkins: Buddhismus. Herder Verlag, 2. Aufl. Freiburg u.a. 2000.
  • Reinhard Hempelmann u.a. (Hg.): Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2001. S. 310-408.
  • Myrtle Langley: Von Abraham bis Zarathustra. Kleiner Führer durch die Weltreligionen. R. Brockhaus Verlag, Wuppertal / Zürich 1981/1995.
  • Wulf Metz u.a. (Hg.): Handbuch Weltreligionen. R.Brockhaus Verlag, 2. Sonderausgabe Wuppertal/Zürich 1992. S. 222-270.


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10 Kommentare
Jochen
2020-07-30 18:58:06
'Ein Nichts ist nicht notwendig.' Mit nur einem Satz kann man den Buddhismus widerlegen.
Ursel Decker
2020-07-30 19:48:41
Lieber Klaus,
ich werde mich bemühen, Gefühle und Prägungen, welche mich beeinflussen, fortzuhalten. Auch mangelt es mir an Hintergrundwissen, das Christentum und erst recht den Buddhismus betreffend.
Unser Körper ist, so wie das ganze, uns umgebende System, ständigen Veränderungen unterworfen. Seine Funktionen lassen sich physikalisch und chemisch erklären. Wenn der Buddhismus keine Seele, keinen innersten Kern, kein Ich, kein Selbst kennt, wie verhält er sich zu Descartes Ausspruch:" Ich denke, also bin ich!" Wobei das "Ich" im Unterschied zum "Selbst" durch Gene und Kultur in seinem Werden beeinflusst wird. Doch habe ich nicht das Gefühl, ausschließlich mein Körper zu sein. Das ist natürlich eine subjektive Behauptung. Ich bin nicht in der Lage, einen Beweis hierüber zu führen. Wenn das Nirwana kein Etwas, aber auch nicht Nichts ist, also vielleicht ein Glückszustand, im Christentum mit dem Himmel vergleichbar, wie kann dieser Zustand empfunden werden ohne ein GEGENÜBER, welches Empfänger hierfür ist? Das ist mir nicht schlüssig.
In beiden Religionen sucht der Mensch Erlösung. Er möchte leidfrei sein, im Himmel oder dem Nirvana. Das positive Handeln, der "Achtfache Pfad", sind Hilfen zum Ziel. Im Christentum der gnädige Gott, im Buddhismus ein gutes Karma, mit dem Ziel des Nirvana. Der Mensch WILL etwas. Sein Streben ist nicht frei von Eigennutz. Wenn nach buddhistischer Vorstellung, im Unterschied zum Hinduismus, keine Wiedergeburt, sondern eine Neuauslösung erfolgt, wieso leidet das verstorbene Individuum an seinem Karma ? Mit einem schlechten Karma löst es neues, fremdes Leid aus. Zeugungsunwilligkeit wäre für mich die Schlussfolgerung in einer patriarchalischen Gesellschaft.
Weisheit erkenne ich in den vier edlen Wahrheiten. Das Verhältnis zu den anderen Lebewesen und der Umwelt scheint mir im Buddhismus freundlicher. Da ich Schwierigkeiten mit der Vorstellung von Gott als PERSON habe, empfinde ich die Vorstellung von Gott als dem ABSOLUTEN als realitätsnäher. Dies ist vermutlich für die menschliche Psyche schwer, zu intellektuell, weil Nähe und Ferne zugleich vermittelt werden. Der Buddhismus hat das Problem, warum das Leid in der Welt ist, nicht gelöst, aber es stellt kein Theodizee-Problem mit dem LIEBEN GOTT dar.
Die Verehrungsform eines Buddhas oder Bodhisattvas kennen christliche Konfessionen in der Heiligenverehrung. Die Formen ähneln sich.

Jesus und Buddha zeigen, je mit verschiedenem Glaubenshintergrund, Wege zur Erlösung des einzelnen Menschen, als auch der Menschheit auf. Bei Jesus steht die Liebe und Zuwendung zum Leben, gespeist aus seinem Gottesbild, im Vordergrund.

Lieber Klaus,

Deine Abhandlung bietet noch sehr viel mehr Möglichkeiten zur Auseinandersetzung. Auch wäre es interessant, die Religionsgründer Jesus und Buddha einander gegenüber zu stellen. Aber das ist eine Aufgabe der vergleichenden Religionswissenschaft. Über Buddha gibt es noch weniger gesichertes Wissen als über Jesus.

Viele Grüße
Ursel
2020-07-31 10:09:35
@Jochen:

Ich finde ein Nichts auch nicht hilfreich. Allerdings soll das Nirvana weder nichts noch etwas sein, sondern unbeschreiblich. Aber etwas Unbeschreibliches hilft irgendwie auch nicht weiter. Man könnte nur negativ sagen: Es ist die Befreiung vom Rad der Wiedergeburten. Aber die Befreiung wozu? Zur Leere, zum Nichts? Das klingt für mich nicht sehr verlockend.
2020-07-31 10:10:58
@Ursel:

Liebe Ursel,

vielen Dank für deine Gedanken. Du hast einige wichtige Punkte angesprochen. Was mir auch nicht einleuchtet ist, wieso der einzelne Mensch unter dem Rad der Wiedergeburten leidet, wenn doch gar nicht er selbst es sein kann (ein Selbst gibt es ja nicht), der wiedergeboren wird. Ich habe aber gelesen, dass es darüber eine Diskussion innerhalb des Buddhismus gibt, was vom Menschen in die Wiedergeburt eingeht. Also irgendwie scheint es doch eine Kontinuität zwischen dem verstorbenen Menschen und dem wiedergeborenen Wesen zu geben. Worin die bestehen soll, muss ich hier offen lassen, zumal es ja im Hinduismus dieses persönliche Wiedergeboren-Werden gibt. Vielleicht sind die Übergänge fließend, und im volkstümlichen Buddhismus wird wieder Manches anders gesehen als in den buddhistischen Schulen. Aber, wie gesagt, über die Frage streiten sich selbst die Buddhisten.

Ähnlich ist die Problemlage beim Erleben des Nirvana. Nach unserem westlichen Verständnis kann ja nur ein Ich, ein Subjekt etwas empfinden. Wenn es das aber gar nicht gibt, wie kann der Mensch dann das Nirvana erleben? Ist es so, dass die Leere das Glück schlechthin ist? Sicher kann die Freiheit vom Wollen und Begehren entlastend sein. Aber die absolute Leere, in der man nichts mehr will, nichts mehr beabsichtigt, ganz einfach nur leer ist, leer auch von sich selbst – also eigentlich gar nichts mehr ist? Das klingt für mich eher gräulich als tröstlich.

Zwar hat der Buddhismus kein Leid-Problem mit dem liebenden Gott, aber er hat dafür ein Erlösungs-Problem, weil der Mensch sich selbst erlösen muss. Das erfordert dauernde Anstrengung. Auch nicht gerade anziehend, oder? Jedenfalls ist mir da die Liebesbotschaft näher, nach der Gott mich ohne eigene Anstrengung annimmt, allein aufgrund seiner Liebe, die sich auch durch das Böse in mir nicht kaputt machen lässt, sondern vielmehr das Böse kaputt machen und mich grundlegend verändern will. Das ist mir lieber als jede Selbsterlösungsbotschaft.

Zu Gott als dem Absoluten will ich noch sagen: „Absolut" heißt wörtlich losgelöst. Gott wäre dann also das von allem anderen völlig Losgelöste. Der Gott des Alten und Neuen Testaments wird aber gerade als ein engstens auf den Menschen und die Welt Bezogene dargestellt – eben als der Liebende. Und in Jesus begegnet er gar nicht losgelöst, sondern im Gegenteil abhängig von Mensch und Welt. Diese Linie lässt sich bis ins Alte Testament zurückverfolgen. Etwas anderes ist es, wenn man sich Gott a-personal vorstellt – als als eine Macht, als „Geist" oder
„die Weisheit". Das ist sicher möglich, wenn man von dieser Macht oder Weisheit zugleich ein Lieben und Handeln annimmt. Denn ohne Lieben, ohne Hören unserer Gebete, ohne Leiden an unserer Seite, ohne Sich-uns-Zeigen und ohne Handeln an uns gibt es den biblischen Gott nicht. Das wäre dann ein anderer Gott, der mit uns nichts zu tun hat. Aber wenn diese göttliche Macht, die man sich nicht als Person im Sinne einer menschlichen Person vorstellen muss, dies alles vollbringt, dann ist das ein Gottesverständnis, das ich für biblisch möglich halte.

Viele Grüße
Klaus
Ursel Decker
2020-07-31 14:20:16
Lieber Klaus,

wenn " Absolut" losgelöst bedeutet, so trifft diese Bezeichnung in meiner Vorstellung nicht auf Gott zu. Da er der Ursprung, das Dahinter ist, kann er doch nicht losgelöst vom Sein / Ist gedacht werden? Das diese Macht Lieben ist, entspricht unserer Sehnsucht, unserem Bedürfnis. Ohne Hoffnung ist keine gesunde Psyche möglich. Jesus war erfüllt vom Festhalten an den liebenden Gott. Er glaubte, was damals viele erwarteten, das Reich Gottes sei nahe. Seinen Schrei: Mein Gott, mein Gott, WARUM hast du mich verlassen! halte ich für authentisch.
Du sprichst folgerichtig vom ANDEREN Gott, der mit UNS nichts zu tun hat. Da Gott unserem Verstand nicht zugänglich ist, sind Gottesbilder immer Spekulationen. Sie mögen Teilwahrheiten enthalten und sind mächtig, solange sie als DIE Wahrheit gelten, aber sie sind ein Tasten, das Nachgehen einer Sehnsucht. Wenn diese Gottesbilder die Menschheit heiler machen, also ihr zum Heil gereichen, so sollten die Religionen auf Augenhöhe miteinander umgehen. Sie hätten die Kraft, gemeinsam, trotz Verschiedenheit, die Menschheit friedlicher zu machen. Wenn Gott denn Liebe ist, so hat er allen Zeiten und Menschen Wahrheit vermittelt. Das Wort " Heiden" ist und war immer ein diskriminierender Begriff. Er schloss Menschen aus, machte sie sozial kleiner und den eigenen Selbstwert größer ( so etwas liefert auch ein Feindbild). Mit solchen Spielchen gewinnt man angebliche Rechtfertigung für egoistisches Handeln.

Also: Mir geht es um Gott, nicht um Gottesbilder. Da fällt mir das Gedicht: Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, von Rilke ein. Es heißt darin: Ich kreise um Gott, den uralten Turm, ich kreise jahrtausendelang.....

Viele Grüße
Ursel
2020-07-31 18:36:31
Hallo Klaus,

danke für diese sehr gute Zusammenfassung.

Ich finde den Buddhismus auch sehr interessant. Vor allem finde ich ihn viel besser mit modernem naturwissenschaftlichem Denken vereinbar als das Christentum, natürlich auch nicht in allen Punkten, aber im Buddhismus knirscht doch lange nicht so grob. Angeregt, mich damit zu beschäftigen, wurde ich mit ca. 20 durch Hermann Hesses „Siddharta“. Irgendwann habe ich mich trotzdem entschieden, mich an das zu halten, worin ich auch kulturell verwurzelt bin.

Eine Bemerkung noch: Du schreibst: „Denn sowohl in den asiatischen Ländern als auch in der westlichen Welt basteln sich Menschen heute gern ihre „Privatreligion“, ohne nach traditionellen Lehren zu fragen.“

Einerseits kann ich deiner Kritik zustimmen. Andererseits hätte ich gern ein wirklich schlüssiges und für mich plausibles theologisches System von den Profis übernommen. Aber ich habe so etwas nicht gefunden. Es ist wie mit Kleidung von der Stange. Wenn du nur die Wahl hast zwischen Sachen, die anscheinend nur für bestimmte Figuren geeignet und dir an bestimmten kritischen Stellen sämtlich und immer zu eng sind, oder Sachen, die so weit sind, dass sie keinerlei Reiz mehr haben, dann gehst du irgendwann zum Maßschneider oder nähst dir selber etwas.

Viele Grüße

Thomas
2020-07-31 21:02:07
@Ursel:

Liebe Ursel,

danke für deine Antwort. Ich möchte kurz einige Punkte nennen:

1. Es mag sein, dass der liebende Gott, so wie wir ihn uns gern vorstellen, unserem Bedürfnis entspricht. Das sagt aber nichts darüber aus, ob er existiert oder nicht. Wichtiger aber finde ich folgende Feststellung: Auch der liebende Gott entspricht durchaus nicht immer unserem Bedürfnis. Denn er ist als der liebende auch der uns kritisierende, uns in die Krise stürzende Gott. Er bestätigt uns nicht einfach. Er entspricht nicht unserem Wollen und Bedürfen. Es passieren viele Dinge, die wir ganz und gar nicht wollen. Und dennoch steht er dahinter mit seiner Liebe. Also ein Schmusegott, ein unserem Harmoniebedürfnis entsprechendes Göttlein ist er nicht.

2. Ich sehe es auch so, dass wir nach Gott tasten. Unser Reden ist nur ein Stammeln. Wir wissen nicht, wie wir beten sollen (Röm 8,26). Die naturgegebene oder philosophisch-verstandesmäßige Weisheit des Menschen ist in Wahrheit Torheit (1Kor 2,14) - es sei denn, Gott tut sich selber kund (1Kor 2,10). Ich finde, du hast recht: Gott ist unserem Verstand nicht zugänglich, und UNSERE Gottesbilder sind immer Spekulationen. Aber KEINE Spekulation ist das, was Gott selbst von sich zu erkennen gibt. KEINE Spekulation, sondern konkrete Menschengeschichte ist die Erscheinung Jesu Christi.

3. Ich kann mir gut vorstellen, dass Gott sich immer einzelnen Menschen kundgetan hat, auch dann, wenn sie Jesus Christus nicht beim Namen nannten, weil sie ihn gar nicht kennen konnten. Ich rechne also damit, dass Gott sich Menschen anderer Religionen offenbart hat (er muss es aber nicht, wie er sich auch innerhalb des Christentums nicht muss). Das heißt für mich aber nicht, dass in anderen Religionen ebenso viel Wahrheit steckt wie im christlichen Glauben. Was Wahrheit ist, muss sich immer an Jesus Christus messen lassen. Was ihm nicht entspricht, ist nicht die Wahrheit - weder im Christentum (wo es genug Verrat an der Wahrheit gab und gibt) noch in anderen Religionen. Das ich meine Überzeugung.

4. Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, den Angehörigen anderer Religionen auf Augenhöhe zu begegnen. Auf Augenhöhe heißt für mich: mit Respekt vor ihrer Erkenntnis, mit fairem Dialog, mit Offenheit gegenüber ihren Aussagen, aber auch mit meiner eigenen Überzeugung. Ich denke, der Respekt vor dem anderen Menschen erfordert es auch, die eigene Überzeugung weder zu verschweigen noch gar aufzugeben. Denn was hilft es dem anderen, wenn ich meine Meinung nicht sage oder gar keine habe? In einem butterweichen Schwamm hat niemand ein echtes Gegenüber. Aber gerade als solche, die einander ein echtes Gegenüber sind, können wir Frieden schaffen, indem wir den Andersartigen, Andersdenkenden und Andersglaubenden respektieren, ohne seine Andersartigkeit zu übernehmen.

5. Das Rilke-Gedicht kannte ich noch nicht, habe es gerade im Internet aufgerufen: Schön, passt gut. Wir kreisen alle um diesen "uralten Turm". Nach dem von dir zitierten Vers heißt es: "Und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm / oder ein großer Gesang." Ich hoffe, dass wir ein großer Gesang sind, der vielstimmig das Lob Gottes singt - mit unserem Vertrauen, unserem Denken, Reden und Handeln.

Einen schönen Abend noch
Klaus
2020-07-31 21:21:33
@Thomas:

Hallo Thomas,

ja, ich hatte besonders bei der Deutung der Wirklichkeit als einer Wolke von aufeinander einwirkenden Kräften, die sich ständig verändert und auch das Gefüge der Materie ständig verändert, das Gefühl, dass der Buddhismus den modernen physikalischen Erkenntnissen sehr nahe kommt.

Ich finde, dass niemand auf eine bestimmte religiöse Kleidergröße oder eine bestimmte Kollektion festgelegt werden sollte. Hier gilt das Prinzip der freien Wahl. Obwohl ja Religion nicht eine reine Geschmacksfrage sein kann. Es geht ja immerhin um das, was wir "Gott" nennen, und der wird sich unseren Geschmacksrichtungen wohl immer entziehen (was vielleicht für uns nicht angenehm, aber doch verständlich ist, schließlich ist Gott nicht etwas, was unserem religiösen Geschmack oder unserem Verstand verfügbar ist). Jedenfalls stehen wir alle vor derselben Aufgabe (auch als Theologe musste ich das irgendwann erkennen): Wir müssen uns selber ein Bild machen. Wir müssen uns selber entscheiden, welches Kleid wir anlegen wollen. Allerdings denke ich, wir tun gut daran, uns vor allem die vielen biblischen Kleider und auch die der christlichen Tradition anzusehen und uns daran zu orientieren. Denn mit keinem von uns beginnt die Offenbarung Gottes, mit keinem von uns beginnt die Geschichte des Christentums und der Offenbarungen. Und keiner von uns ist auch dem Streit der Meinungen enthoben. Das zu erkennen war für mich nicht gerade angenehm, ist es doch viel einfacher, sich einer theologischen Autorität anzuschließen, so dass man nicht mehr selber suchen muss, wo denn das passende Kleidungsstück zu finden ist.

Es könnte aber auch sein, dass das, was wir für passend halten, gerade nicht passend für uns ist. Denn einen passgenauen Gott gibt es nicht. Vielleicht müssen wir unseren Geschmack ändern anstatt einen unserem Geschmack entsprechenden Gott zu suchen. Ich musste lernen, offen zu bleiben für immer Neues. Und ich lerne täglich dazu, auch durch die Diskussionen auf diesem Blog. Gerade das aber macht das Leben spannend, finde ich.

Viele Grüße
Klaus
Jochen
2020-08-01 12:18:46
Hallo Klaus,
auch wenn man ein Nirvana als unbeschreiblich charakterisiert, eine logische Schwäche bleibt, der Buddhismus ist im Kern hohl, oder leer wie eine Litfaßsäule, die ihre Notwendigkeit nur dadurch erhält, dass jemand was draufschreibt. Man könnte es netter formulieren, aber zu diesem Schluss komme ich, nachdem ich als Jugendlicher jahrelang Leuten wie Fritjof Capra (New Age/östliche Religionen/Quantenphysik) auf den Leim gegangen bin.
Deinen Schlussgedanken kann ich gut zustimmen. Was wir bei uns haben, ist ja wohl auch nicht der ganze Buddhismus, sondern nur buddhistische Elemente wo sie sich in ein ganzheitliches Konzept inkl. Vermarktung integrieren lassen (Management-Seminare, Wellness, .. ) Mein Vater musste so ein Seminar mal mitmachen, danach dauerte es Wochen bis er wieder der normale Papi war. Es wurde ihm aufgedrängt.
Der Befreiung vom Rad der Wiedergeburten kann man die christliche Lehre von der Proexistenz entgegenstellen, der Vorstellung vom Nirvana das ganze Vaterunser, aber auch Martin Bubers Lehre vom "Du". In allen Fällen sieht -- finde ich -- der Buddhismus ziemlich unattraktiv und vor allem hoffnungslos aus.
2020-08-01 22:02:34
Hallo Jochen,

ich empfinde es ähnlich wie du. Wenn du von Proexistenz sprichst und vom "Du", dann deutet das auf Beziehung hin. Davon finde ich im Nirvana nichts. Was aber bleibt, wenn es keine Beziehung mehr gibt? Der leere Mensch, die Leere überhaupt, das Nicht-Sein, das Absolute = von allem anderen Gelöste (von lat. ab-solvere = loslösen, beenden)? Das wäre für mich keine Erlösung, sondern bestenfalls die blanke Einsamkeit und Verlorenheit.

Aber vielleicht habe ich ja etwas falsch verstanden und jemand kann mir das Positive des Buddhismus erklären. Ich wäre dankbar dafür.
Theologische Einsichten für ein gutes Leben
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