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Geschenkte Wahrheit

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie kurz gefasst · 24 April 2020
Tags: WahrheitAbsolutheitsanspruchGeist

T h e o l o g i e   k u r z   g e f a s s t
Geschenkte Wahrheit
Klaus Straßburg | 24/04/2020

Schon oft habe ich Sätze gehört wie „Es gibt keine Wahrheit" oder „Die Wahrheit gibt es nicht."

Ich habe dann immer widersprochen und etwa gesagt: „Wenn es keine Wahrheit gibt, wird alles beliebig" oder „Es gibt sehr wohl eine Wahrheit, aber keiner kann sie vollkommen erkennen."

Heute denke ich: Vielleicht waren die Sätze nur eine unbeholfene Formulierung dafür, dass jemand sich von anderen Menschen nicht vorgeben lassen wollte, was er zu glauben habe.

Das ist völlig berechtigt.

Denn kein Mensch „hat" die Wahrheit. Wir sind vielmehr alle auf der Suche nach ihr – nach dem wahren Sinn des Lebens, nach dem wahren Glück, nach dem wahren ethischen Handeln, nach der politischen Wahrheit.

Wir können nicht leben in der Nacht der Beliebigkeit, in der alle Katzen grau sind. Wir müssen uns täglich entscheiden. Und um uns entscheiden zu können, brauchen wir Wahrheit.

Wir müssen Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden, um nicht der Unwahrheit zu erliegen.

Wo aber finden wir die Wahrheit? Und: Was ist eigentlich Wahrheit? Diese Frage richtete schon Pontius Pilatus an Jesus, als er ihn verhörte (Joh 18,38).

Im allgemeinen verstehen wir Wahrheit als Übereinstimmung einer Aussage mit der Wirklichkeit. Wenn ich sage „Die Ampel ist rot" und sie ist wirklich rot, dann halten wir die Aussage für wahr.

Doch dass schon solche scheinbar einfachen Aussagen mitunter schwer zu überprüfen sind, zeigen Gerichtsprozesse, in denen Zeugen dieselbe Situation völlig unterschiedlich schildern: Während die einen sagen, die Ampel sei rot gewesen, behaupten die anderen, sie sei grün gewesen.

Noch viel schwieriger wird es bei komplexen Zusammenhängen. Die Suche nach der Wahrheit über das Glück beispielsweise muss sich vielen Fragen stellen: Was ist überhaupt Glück? Bedeutet Glück für jeden dasselbe? Ist des einen Glück vielleicht des anderen Unglück? Wie kann man unterschiedliche Glücksansprüche auf einen Nenner bringen? Wie lässt sich eine Aussage über das wahre Glück überprüfen?

Die letzte Frage leitet dazu über, uns die Person dessen, der eine Aussage macht, vor Augen zu führen. Wir kennen wohl alle einen Menschen, den wir für vertrauenswürdig und wahrhaftig halten und dem wir deshalb gern Glauben schenken. Wir sind bereit, uns auf eine Aussage dieses Menschen einzulassen, ohne einen Beweis für die Wahrheit seiner Aussage zu haben.

Wahrheit bekommt damit eine personale Dimension. Einem Menschen, den wir für wahrhaftig halten, trauen wir zu, dass er die Wahrheit sagt. Er ist nämlich selbst ein Teil dieser Wahrheit.

Im Neuen Testament bezeichnet Jesus sich selbst als die Wahrheit (Joh 14,6). Er sagt die Wahrheit (Joh 8,45) und bezeugt sie (Joh 18,37), nämlich die Wahrheit Gottes (Joh 1,14).

Damit knüpft Jesus an das Alte Testament an. Dort bedeutet „Wahrheit" die Treue, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit eines Menschen oder auch Gottes (z.B. Ps 57,11). Gott ist in seiner Treue zu Israel und in seinem liebevollen Handeln an Israel absolut zuverlässig und glaubwürdig. Auf ihn ist Verlass. Insofern ist er die Wahrheit.

Und Jesus ist die Wahrheit, indem er an Gottes Wahrheit in vollkommener Weise Anteil hat und uns diese Wahrheit in einzigartiger und verbindlicher Weise kundtut (Joh 1,16-18).

Nun brauchen wir diese Wahrheit Gottes eigentlich nur noch mit unseren Herzen aufzunehmen. Aber genau das können wir nicht (Joh 1,9-11). Darum besitzt kein Mensch die Wahrheit.

Wenn es aber doch dazu kommt, dass ein Mensch in der Wahrheit Gottes lebt und diese Wahrheit tut (Joh 3,21), dann gelingt ihm das nicht aus eigener Kraft. Es ist vielmehr die Kraft des Geistes Gottes, die ihn zur Wahrheit führt (Joh 16,13). Gott selbst bewirkt es also, dass ein Mensch in der Wahrheit Gottes lebt.

Den Geist Gottes aber besitzen wir nicht. Er weht, wo er will (Joh 3,8). Er muss uns immer neu geschenkt werden und kann uns auch verlassen. Und wir können ihn betrüben und unterdrücken (Eph 4,30; 1Thess 5,19; Gott lässt sich von uns betrüben und unterdrücken!).

Darum kann kein Mensch, und sei er noch so fromm, die absolute Kenntnis der Wahrheit Gottes für sich beanspruchen.

Und er kann natürlich auch nicht gegenüber anderen behaupten, dass er diese absolute Kenntnis der Wahrheit Gottes habe. Er ist vielmehr, wie alle Menschen, darauf angewiesen, diese Wahrheit immer wieder gesagt zu bekommen (Joh 8,40; Röm 10,17).

Wir öffnen uns für Gottes Wahrheit im Hören auf den anderen. Eine wichtige Dimension dieses Hörens ist das Gespräch. Wer schon alles weiß, kann aber kein Gespräch mehr führen. Er kann nur den anderen unterdrücken.

Damit aber unterdrückt er Gottes Geist. Denn Gottes Geist ergreift nicht einfach einen einzelnen Menschen, sondern führt den einzelnen Menschen in die Gemeinschaft der Christ*innen (Apg 2,42-47).

Und wer den anderen unterdrückt, der unterdrückt zugleich die Wahrheit Gottes, die sich im Gespräch durchsetzt. Die Gemeinschaft der Christ*innen ist der Ort, an dem wir glauben lernen und im Glauben wachsen.

Das alles bedeutet nicht, dass nun alles grenzenlos pluralistisch, also beliebig wird. Das Kriterium der Wahrheit Gottes ist und bleibt Jesus Christus. An ihm sind alle Wahrheitsansprüche zu messen.

Gerade deshalb kann aber kein Mensch einen Absolutheitsanspruch auf die Wahrheit erheben. Damit würde er sich an die Stelle Jesu Christi setzen. Er ist der einzige Mensch, der absolute Wahrheit für sich beanspruchen kann.

Wer so denkt und handelt, schafft Frieden. Denn Frieden entsteht gerade nicht dadurch, dass man alle Kriterien für die Wahrheit über Bord wirft. Dann entbrennt der Streit um die Wahrheit umso heftiger.

Frieden wird dann geschaffen, wenn alle sich der Unvollkommenheit ihrer eigenen Erkenntnis bewusst sind. Und wenn sie lernen, mit dieser Unvollkommenheit zu leben.

Wenn wir um Gottes Treue zu den Unvollkommenen wissen, können wir mit unserer Unvollkommenheit leben.

Dann muss keiner mehr dem anderen vorschreiben, was er zu glauben hat.


* * * * *


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9 Kommentare
2020-04-25 10:36:04
Hallo Klaus,

danke für diesen Artikel, der mir wieder gute Impulse gibt. Ein paar Punkte, die du hier zum Thema Wahrheit ansprichst, kamen mir auch sofort bei dem Stichwort in den Sinn, so die Frage des Pilatus: Was ist Wahrheit? Oder auch das Jesus-Wort: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.

Ich stimme dir auch zu bei der Einschätzung, dass es zwar Wahrheit gibt, auch Wahrhaftigkeit, dass aber kein Mensch die Wahrheit exklusiv für sich beanspruchen kann.

Ich würde aber gern etwas ergänzen: es ist zwar meist schwer, objektiv zu erkennen und vor allem zu belegen, dass etwas wahr ist. Umgekehrt ist es aber oft möglich, zu zeigen, dass etwas nicht wahr ist, nicht wahr sein kann. Das gilt z. B. bei in sich widersprüchlichen Aussagen. Und wenn sich zwei Personen in ihren Aussagen klar widersprechen, können nicht beide recht haben. Ich gehe z. B. auch davon aus, dass Aussagen, die gut gesicherten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen klar widersprechen, nicht wahr sind. Damit lässt sich schon eine Menge Unwahres aussortieren.

Ich habe den Eindruck, dass gerade die Kirchen ein großes Problem mit der Wahrheit haben. Sie beanspruchen Wahrheit, unter anderem unter Berufung auf das von dir zitierte Jesus-Wort. Dabei wissen Theologen eigentlich, dass noch nicht einmal gesichert ist, dass Jesus das selbst gesagt hat.

Es gibt nicht wenige Christen, die die Bibel für wörtlich wahr halten, in jedem einzelnen Satz. Und auch viele von denen, die auf konkretes Nachfragen einräumen, dass es wohl nicht so ist, verwenden die Bibel praktisch dann doch, als wäre es so, wenn sie z. B. einen einzelnen Vers aus der Bibel zitieren, um eine ihrer Aussagen zu belegen. Dabei kann man in der Bibel diverse Aussagen finden, die sich untereinander widersprechen, so dass mindestens eine davon falsch sein muss.

Auch gibt es unterschiedliche christliche Konfessionen und Dogmatiken, die alle Wahrheit für sich, beanspruchen, manchmal sogar exklusiv. Dabei ist doch klar, dass nicht alle zugleich recht haben können. Vom Abgleich mit anderen Religionen habe ich dabei noch gar nicht gesprochen.

Es gab und gibt viele Personen in den Kirchen, die ich für wahrhaftig halte. Unter den moderneren davon spielt für mich Dietrich Bonhoeffer eine besondere Rolle. Er hat mich auch in kritischen Zeiten bei der Kirche gehalten, weil er sich meinem Eindruck nach getraut hat, auch für die Kirche selbst und ihre Wahrheitsansprüche unbequeme Sätze zu sagen, z. B. wenn er Defizite der Kirchen im Hinblick auf ihre intellektuelle Redlichkeit konstatiert. Ich glaube, dass Kirche hier noch einen weiten Weg zu gehen hat.

Deshalb lese ich auch lieber bei Philosophen als bei Theologen nach, wenn ich etwas zum Thema Wahrheit wissen will.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas
2020-04-25 21:29:42
Hallo Thomas,

vielen Dank für deine ausführlichen Ergänzungen. Ich denke, wir sind uns darin einig, dass kein Mensch (Jesus ausgenommen) die Wahrheit exklusiv für sich beanspruchen kann, also auch niemandem vorzuschreiben hat, was er glauben muss, um ein Christ zu sein. Das bedeutet natürlich nicht, dass ein Christ einem anderen Menschen bezeugen sollte, was er für die christliche Wahrheit hält. Das tun wir letztlich in jedem Gespräch.

Zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube möchte ich sagen: Die Erkenntnisse bewegen sich auf verschiedenen Ebenen. Die naturwissenschaftliche Erkenntnis bestätigt oder widerlegt durch Versuchsanordnungen Gegebenheiten, die die Materie betreffen, aus der unsere Welt besteht. Die Glaubenserkenntnis kommt durch eine innere Gewissheit zustande, die sich im Leben bestätigen oder durch bessere Erkenntnis widerlegt werden kann, und sie bezieht sich nicht einfach auf materielle Gegebenheiten der Welt, sondern primär auf Gott und erst von daher auch auf den Menschen. Gott ist naturwissenschaftlich weder beweisbar noch widerlegbar. Dasselbe gilt von Gottes Gnade, Gottes Zorn, Gottes Handeln in der Welt usw. Es geht also um unterschiedliche Erkenntnisgegenstände. Wie der Glaube keine Aussagen darüber machen kann, ob die Erde ein Teller ist oder ein Ball, so die Naturwissenschaft keine Aussagen darüber, ob die Erde Schöpfung Gottes ist oder durch Zufall entstanden. Oder anders gesagt: Dem Glauben geht es nicht um die Wahrheiten der Naturwissenschaft, sondern um die Wahrheiten, die von Gott her relevant werden. Und der Naturwissenschaft geht es nicht um die Wahrheit Gottes, sondern um die
Wahrheiten der materiellen Welt. Darum sollte der Konflikt gar nicht auftreten, dass von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen her unwahre religiöse Erkenntnisse aussortiert werden. Wenn Christen sich zutrauen, naturwissenschaftliche Aussagen zu machen, überschreiten sie ihre Kompetenz. Auch die Bibel will keine Naturwissenschaft betreiben, sondern Gott bezeugen.

Damit bin ich beim zweiten Thema: die Wahrheit der Bibel. Dazu nur soviel: Es geht den biblischen Autoren nicht um historische oder naturwissenschaftliche Wahrheiten, sondern um Glaubenswahrheiten. Damals kannte man gar keine Geschichtswissenschaft im Sinne einer „objektiven" Geschichtsschreibung. Und man kannte auch keine Naturerforschung durch Versuchsanordnungen, wenngleich man schon Beobachtungen machte und ordnete. Die „wörtliche Wahrheit der Bibel" ist deshalb für mich immer eine Verkündigungswahrheit, keine historische oder naturwissenschaftliche. Den biblischen Autoren ging es um Verkündigung. Darum habe ich auch keine Probleme mit den unterschiedlichen Überlieferungen in den Geschichten der neutestamentlichen Evangelien oder in den Jesusworten. Ich glaube allerdings, dass die Geschichten und Jesusworte nicht einfach aus der Luft gegriffen sind, sondern etwas mitteilen, was so oder so ähnlich geschehen ist oder von Jesus gesagt wurde, oder was zumindest so geschehen sein und von Jesus gesagt worden sein könnte. Was die Bibel schildert, entspricht also der Person, dem Handeln und Reden Jesu und widerspricht ihm nicht. Darauf vertraue ich, und darin sehe ich die Wirksamkeit des Geistes Gottes: dass er die biblischen Autoren nichts hat aufschreiben lassen, was seinem Willen widerspricht. Das lässt sich natürlich nicht beweisen, denn es ist eine Glaubensaussage. Es lässt sich aber auch nicht widerlegen. Die Widersprüche in der Bibel verstehe ich so, dass sie auf den Reichtum des Wesens Gottes hinweisen, der eben nicht in eindimensionale Wahrheiten zu fassen ist, sondern manchmal auch in uns widersprüchlich erscheinenden Sätzen. Gottes Wahrheit ist größer als unser Verstehen. Die Theologie spricht bewusst von einem spannungsvollen, dialektischen Verständnis Gottes, das heißt: Spannungsvolle Aussagen widersprechen dem Wesen Gottes nicht, sondern gehören dazu!

Dasselbe gilt für Dogmatiken und Konfessionen. Sie sind alle Verstehensversuche auf dem Weg zu Gott. Sie sind also noch nicht am Ziel. Wir leben alle im Glauben, nicht im Schauen (2Kor 5,7), und wir erkennen Gott jetzt nur wie in einem antiken Spiegel, der bloß ein verzerrtes Bild lieferte (1Kor 13,12). Darum kann keine Dogmatik oder Konfession einen Absolutheitsanspruch erheben, sondern alle können nur ihr jeweiliges Zeugnis in das Gespräch über Gott einbringen. Wer meint, er hätte die letztgültige Erkenntnis, wähnt sich schon am Ziel, nämlich im Himmel – und irrt sich sehr. Denn erst im Himmel werden wir Jesus nichts mehr fragen (Joh 16,23).

Das gilt natürlich auch für die Kirchen. Sie können Anspruch auf Wahrheit nur in dem genannten Sinn erheben. Wenn sie das tun, dürfte es auch keine Defizite bzgl. ihrer intellektuellen Redlichkeit geben. Die Kirchen sollten natürlich ihre Sicht auf die Wahrheit Gottes kundtun und alle religiösen Aussagen an Jesus Christus messen. Jesus Christus ist nun mal ihr Kriterium der Wahrheit, das sie auch nicht aufgeben dürfen, wollen sie nicht sich selbst verraten. Aber sie müssen sich immer bewusst sein, dass es Erkenntnis Jesu Christi nicht nur in ihren Reihen gibt, sondern dass Gott überall Erkenntnis schaffen kann, im Bild gesprochen: dem Abraham aus Steinen Kinder erwecken kann (Mt 3,9; Lk 3,8).

So, nun ist es wieder sehr lang geworden – ich kann nicht anders. Ich hoffe aber, dass es weiterführt, d.h. zum Weiterdenken anregt.

Liebe Grüße
Klaus
2020-04-26 07:29:15
Guten Morgen Klaus,

ich gebe dir recht, das Theologie und Naturwissenschaften unterschiedliche Sachverhalte mit unterschiedlichen Methoden bearbeiten. Aber Bibel und Natur sind nicht vollständig voneinander getrennt. In der Bibel stehen einige Aussagen, die die Natur betreffen. Und Jesus war Teil dieser Welt, zwischen „vom Weibe geboren“ und „am Kreuz gestorben“, und das gehört von Anfang an zu einer der stärksten christlichen Botschaften. Es gibt diverse biblisch berichtete Wunder, die aus heutiger naturwissenschaftlicher Sicht so nicht stattgefunden haben können. Es mag sein, dass viele Christen dieser unangenehmen Wahrheit aus dem Wege gehen können; ich als Dipl.-Ing. kann das nicht, wenn ich wahrhaftig und ehrlich zu mir selbst sein will. Bei mir tritt der Konflikt zwischen christlichem Glauben und Naturwissenschaft auf, ich muss ihn für mich lösen.

Du sprichst von Glaubenswahrheiten und Verkündigungswahrheiten. Was bitte ist das anderes als Glauben und Verkündigung? Die Wahrheit hat es nicht verdient, als bedeutungsarmes Anhängsel dieser Begriffe zu enden. Überhaupt bin ich skeptisch, ob es sinnvoll ist, von Wahrheit im Plural zu sprechen.

Einen schönen Sonntag!

Thomas
Birgit Daub
2020-04-26 11:15:09
Hallo Klaus und hallo Thomas ,
Vielen Dank für eure " Diskussion " .
Du Klaus, du sprichst,mir was die Naturwissenschaften an geht aus dem Herzen -komme selbst aus diesem Bereich und habe Probleme mit der " Wahrheit" der biblichen Aussagen.
Ich klammere mich dann immer an die Aussagen von Klaus, wie oben von ihm beschrieben: die Wahrheit lt. Altem Testament =vertrauen...
Ich versuche, darauf zu vertrauen, dass es einen liebenden Gott gibt, der aber gleichzeitig ein Geheimnis für mich bleibt .
Auch die Gebete und ihre Wirkung stelle ich in Frage (Autosuggestion??) . Ich fange an, meine Zweifel zu akzeptieren als zu mir gehörend, und ich hoffe vertrauensvoll auf die Wahrheit Gottes und damit auch auf Jesus.
Nochmal ein Dankeschön an euch beide 👍
Bleibt optimistisch und genießt den Frühling mit all seiner Schönheit
Birgit
2020-04-26 11:39:05
Hallo Thomas,

du hast recht damit, dass die Bibel auch Aussagen über die Natur macht. So wird z.B. der Hase als Wiederkäuer bezeichnet (Lev/3Mo 11,6; Dtn/5Mo 14,7). Das sind Aussagen, die der damaligen Erkenntnis entsprechen. Solche Aussagen über die Natur machen aber nicht den Kern der biblischen Botschaft aus. Wir sehen daran nur, dass die Bibel von fehlbaren Menschen geschrieben wurde, die immer auch Menschen ihrer Zeit waren und darum in den Kategorien ihrer Zeit dachten. Das kann man nur dann ignorieren, wenn man einem "Buchstabenglauben" anhängt, der letztlich an den biblischen Buchstaben glaubt, was nicht ungefährlich ist.

Was die Wunderberichte anlangt, hatte ich noch nie Probleme damit zu glauben, dass der Schöpfer der Naturgesetze sich auch über die Naturgesetze hinwegsetzen kann. Dennoch sind Wunder keine Mirakel oder so etwas wie Zauberei. Für mich geht es um das Wirken Gottes in der Geschichte, und zwar durch die Naturgesetze oder auch ihnen entgegen. Und ich glaube, dass es so etwas auch heute noch gibt. Es gibt z.B. unerklärliche Heilungsprozesse, die in der Medizin dann "Spontanheilungen" genannt werden - ein säkularer Begriff für ein Wunder. Aber wie gesagt: Es geht nicht um Spektakuläres, Unerklärliches, sondern um Gottes wunderbares Handeln in dieser Welt. Das eigentlich Wunderbare ist für mich, dass Gott diese Welt und uns Menschen noch immer nicht aufgegeben hat, sondern dass er für uns handelt und leidet und unsere Welt vor dem Untergang bewahrt. Ob durch oder gegen die Naturgesetze, ist für mich dann zweitrangig.

Mit Glaubens- und Verkündigungswahrheiten meine ich das, was Christ*innen als Wahrheit erkannt haben und bekennen, was aber nicht immer identisch ist. Insofern gibt es viele erkannte Wahrheiten, die alle etwas von der einen Wahrheit Gottes in unvollkommener Weise abbilden und wiedergeben. Du hast recht: Es gibt nur eine Wahrheit Gottes. Da aber niemand diese "objektive" Wahrheit vollkommen erkennen kann, gibt es viele erkannte "subjektive" Teilwahrheiten. Und ich denke, wenn wir bereit sind, die von den anderen erkannten Wahrheiten zu hören, zu prüfen und ggf. von ihnen zu lernen, dann ereignet sich Gemeinde, dann kann Gottes Geist unter uns wirken und uns im Glauben und Erkennen wachsen lassen.

In diesem Sinne auch dir einen schönen Sonntag!
Klaus
2020-04-26 11:44:40
@Birgit:

Hallo Birgit,

deine Stellungnahme bewegt mich dazu, mich darüber zu freuen, dass Gott ein Geheimnis ist. Wie wunderbar, dass nicht alles an ihm offen zutage liegt! Schon ein Mensch ist für uns nicht bis ins Kleinste ergründbar, sondern bleibt ein Geheimnis, und das ist gut so. Wie ärmlich wäre ein Gott, der kein Geheimnis mehr wäre! Und der dann auch unsere Gebete so erfüllen müsste, wie wir es uns vorstellen. Das wäre kein Gott, sondern ein menschengemachter Roboter.

Genieße auch diesen Sonntag mit den Wundern der Schöpfung!
Klaus

2020-04-26 13:44:52
Hallo Klaus,

wenn ich solche Sätze lese:

"Was die Wunderberichte anlangt, hatte ich noch nie Probleme damit zu glauben, dass der Schöpfer der Naturgesetze sich auch über die Naturgesetze hinwegsetzen kann",

dann habe ich immer das Gefühl, dass ich vielleicht doch bei den sog. Humanisten besser aufgehoben wäre.

Naturgesetze sind für mich etwas komplett anderes als juristische Gesetze, die man übertreten und von denen ein Souverän willkürlich Ausnahmen beschließen kann. Ich glaube auch nicht, dass es jemals einen alten Herrn irgendwo im einem Himmel gegeben hat, der z. B. auf Wunsch eines gewisssen Josua die Sonne auf ihrem Weg um die Erde (bzw. die Erdrotation nach heutigem Verständnis) eine Zeit lang angehalten hätte, oder mal eben dafür gesorgt hätte, dass sich Wasser an der Chemie vorbei kurzfristig in Alkohol verwandelt hätte, weil sein Sohn aus Kana angerufen hatte, dass es bei einer Hochzeit nicht mehr genug zu trinken gäbe.

Natürlich ist das Zitat erst einmal nur deine persönliche Aussage, und dagegen kann ich eigentlich nichts haben. Aber solche Haltungen nehme ich als sehr verbreitet wahr.

Ich vermisse in meiner Kirche klare grundsätzliche ernsthaft moderne Ansagen zu solchen Themen. Stattdessen kommen Sätze wir deiner, die traditionell Gläubigen eine breite Brücke bauen, mir aber nur die Alternativen lassen, entweder Störenfried zu sein oder aber den Mund zu halten und wegzubleiben oder gleich aus der Kirche auszutreten.


Viele Grüße

Thomas
2020-04-26 20:59:44
Hallo Thomas,

ich habe den Satz bewusst als Ich-Aussage formuliert und wollte damit keinerlei Vorgaben für andere machen. Es ging mir nur um meinen persönlichen Umgang mit den Wunderberichten. Ob diese Haltung weit verbreitet ist, weiß ich nicht. Aber wenn es so wäre, würde das ja weder für noch gegen sie sprechen. Jedenfalls bist du für mich kein Störenfried, denn deine Einstellung stört mich überhaupt nicht, und du bist für mich auch keiner, der den Mund zu halten hat oder wegbleiben und aus der Kirche austreten sollte. Denn ich mache Glauben nicht daran fest, ob jemand an Mirakel glaubt oder nicht.

Noch einmal: Es geht bei den biblischen Wundergeschichten nicht um spektakuläres Durchbrechen von Naturgesetzen, sondern um die Macht des Schöpfers über den Tod, über alles Materielle und über die Gestirne, die in der Antike in vielen Völkern als Götter angebetet wurden. So kann ich auch die von dir genannte Josua-Geschichte verstehen, und das ergibt für mich einen Sinn, auch wenn ich nicht glaube, dass die Erde sich nicht mehr um die Sonne drehte. In diesem Fall würde ich also nicht an einen Stopp der Erdumdrehung glauben, aber darum geht es meiner Meinung nach auch gar nicht. Der viel tiefere Sinn der Geschichte liegt auf einer ganz anderen Ebene, und wer den Kern der Geschichte in der Durchbrechung der Naturgesetze sieht, verfehlt den wahren Sinn der Geschichte. Was für ein armseliger Gott, der seine Macht dadurch beweisen müsste, dass er den Erdumlauf stoppt! Dasselbe gilt für das Weinwunder in Kana und für viele andere Wundergeschichten. Es kann also meiner Meinung nach jemand, der nicht an der Durchbrechung der Naturgesetze klebt, die Geschichten viel tiefer verstehen als jemand, der den Akzent auf das Umwerfen der Naturgesetze legt. Trotzdem will ich Letzteres für manche biblischen Geschichten gar nicht ausschließen, aber ich verlange nicht, dass irgendjemand das genau so sieht.

Ich hoffe, meine Haltung damit klarer gemacht zu haben.

Viele Grüße
Klaus
2020-04-27 18:23:08
Hallo Klaus,

danke für die Klarstellung!

Viele Grüße

Thomas
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