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5 Tipps zum rechten Verstehen der Bibel

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie zum Weiterdenken · 27 Juni 2020
Tags: BibelGottesbildWahrheitWissenschaft

T h e o l o g i e   z u m   W e i t e r d e n k e n
5 Tipps zum rechten Verstehen der Bibel
Klaus Straßburg | 27/06/2020

Die Bibel ist für mich das wichtigste Buch überhaupt. Ich habe mir angewöhnt, sie genau zu lesen, sozusagen Wort für Wort zu buchstabieren. So erschließen sich mir immer neue Wahrheiten über Gott, die Menschen und die Welt. Man kommt mit der Bibel an kein Ende. Sie ist für mich das wundervolle Dokument der Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen.

Es gibt aber Arten, die Bibel zu lesen, die einem das Lesen auf die Dauer verleiden können. Die sogar eine korrekte Auslegung unmöglich machen. Man entdeckt dann in der Bibel Aussagen, die einem das Verstehen schwer machen. Oder man entdeckt Widersprüche; dann kann es sein, dass man die Bedeutung der Bibel überhaupt anzweifelt oder gar aufgibt. Das kann sogar dazu führen, dass man seinen Glauben verliert, weil einem die Bibel nicht mehr vertrauenswürdig erscheint.

Andererseits kann es sein, dass man krampfhaft an der Bedeutung der Bibel festhält. Man blendet einfach alle schwierigen Aussagen und Widersprüche aus. Dann besteht die Gefahr, dass man meint, Dinge glauben zu müssen, die man nicht verstehen kann. Oder dass man in der Bibel immer wieder nur das findet, was man sowieso schon zu wissen meint. Man lernt nichts dazu.

Es geht nicht darum, die Bibel unter Ausklammerung unserer Vernunft zu lesen, sondern mit Hilfe unserer Vernunft. Unsere Vernunft soll uns helfen, das zu verstehen, was geschrieben steht. Denn auch die Vernunft ist eine Gabe Gottes. Darum sagte Martin Luther im Kleinen Katechismus: „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat ..., mir Leib und Seele ..., Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält".

Die Vernunft ist also nicht an der Kirchentür abzugeben, wie manche Kritiker behaupten. Sie ist auch nicht vor dem Aufschlagen der Bibel wegzuschließen. Die Vernunft ist vielmehr ein großer Freund des heiligen Geistes, der uns zum Verstehen anleiten, zur Wahrheit führen will (Hi 32,8; Joh 16,13a; 1Kor 2,14f). Darum auch berichtet das Neue Testament, dass der Christ Philippus einen hohen äthiopischen Beamten, der in der Bibel las, fragte: „Verstehst du auch, was du liest?" (Apg 8,30)

Es gibt also Dinge, die uns für das Verstehen der Bibel hinderlich sein können. Darum gebe ich hier 5 Hinweise, die das rechte Verstehen ermöglichen:


1. Den Autoren der Bibel ging es nicht um wissenschaftliche Geschichtsschreibung, sondern darum, Gottes Liebe zu den Menschen und seine Taten in der Geschichte bekannt zu machen.

Die Autoren der Bibel erzählen oftmals Geschichten. So bezeugen sie lebensnah und praxisbezogen Gottes Liebe. Sie schreiben keine theoretische Abhandlung über ein theologisches Thema. Das hat einen Grund. Denn unser Gott ist ein Gott der Geschichte, ein Gott, der in unserer Weltgeschichte handelt, der Beziehungen zu Menschen aufbaut und pflegt. Das unterscheidet ihn zum Beispiel von den griechisch-römischen Gottheiten, von denen zwar Geschichten aus ihrer Götterwelt erzählt wurden, die aber mit der Menschenwelt eigentlich nichts zu tun hatten.

Etwas anders verhält es sich mit den neutestamentlichen Briefen. Sie erzählen zwar keine Geschichten, aber sie nehmen in anderer Weise lebensnah zu einem bestimmten Thema Stellung. Das Thema hat dabei immer mit einem konkreten Ereignis, einer Frage oder einem Konflikt zu tun, also mit einer Geschichte, die sich zugetragen hat. Zu dieser Geschichte oder Frage äußert sich der Briefschreiber.

Die biblischen Autoren erzählen also von Gottes Handeln in der Weltgeschichte und zugleich von den Menschen, an denen Gott handelt. Es kommt den biblischen Autoren darauf an, Gottes Liebe zu verkündigen, geschichtliche Ereignisse zu deuten und den Menschen den Weg zu weisen, um ihr Leben in guter Weise zu gestalten. Dadurch wollen sie Glauben bei den Lesenden wecken und sie zu entsprechenden Taten aufrufen.

Das ist das Ziel der biblischen Autoren. Ihr Ziel ist also nicht, möglichst objektiv über historische Ereignisse zu berichten. Die biblischen Autoren sind keine Historiker in unserem Sinn. Zwar geht es ihnen auch um geschichtliche Ereignisse, aber sie deuten sie im Licht ihres Glaubens. Sie sind nicht objektiv (soweit das überhaupt möglich ist), sondern als glaubende Menschen höchst subjektiv. Das heißt: Sie bringen ihre persönliche Sicht ein, wenn sie über geschichtliche Ereignisse sprechen. Einer ihrer Zeitgenossen würde die Ereignisse möglicherweise anders schildern. Das ist normal und heute nicht anders. Denn jede Schilderung eines Ereignisses ist bereits eine subjektive Deutung. Das, was geschildert wird, wird von dem, der es schildert, geformt und gibt seine subjektive Sicht wider.

Wir dürfen also die Bibel nicht als Geschichtsbuch verstehen – nicht so, wie Historiker heute Bücher über die Geschichte schreiben. Die Bibel erzählt zwar Geschichten, aber in der Perspektive des Glaubens. Sie deutet die Geschichten vom Glauben her. So will sie Gottes Geschichte mit seinen Geschöpfen verkündigen.


2. Die Bibel ist kein Buch aus einem Guss, sondern eine Sammlung von Schriften, die in einem Zeitraum von ca. 1.000 Jahren in höchst unterschiedlichen historischen Situationen entstanden sind.

Denke einmal tausend Jahre zurück – du bist im tiefsten Mittelalter. Man lebt anders als wir heute, man denkt anders, man spricht anders. Es ist eine andere Welt. Auch damals gab es viele Christ*innen, aber sie dachten anders über Gott und lebten ihren Glauben anders, als es die meisten Christ*innen heute tun. Nicht dass alles falsch war, was sie über Gott dachten und wie sie lebten. Aber derselbe Glaube wurde von ihnen anders ausgedrückt, und es wurden andere Akzente gesetzt. Sie würden Vieles in Frage stellen, was wir heute über Gott denken und wie wir unseren Glauben leben. Und wenn wir manche christliche Schriften aus der damaligen Zeit lesen würden, würden wir uns fragen: Wie kann man nur so über Gott schreiben?

Die Geschichte ist einfach weitergegangen, das Denken hat sich verändert und mit ihm auch das Nachdenken über Gott.

Sicher verändern sich heute die Lebensumstände viel schneller als zu biblischen Zeiten. Wir müssen aber gar nicht so weit zurückgehen, um festzustellen, dass der Glaube sich in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich ausdrückt. Afrikanische Christ*innen feiern ihre Gottesdienste anders als wir, und selbst innerhalb Deutschlands gibt es unterschiedliche christliche Kulturen: Charismatische Christ*innen denken anders über Gott als landeskirchliche, Katholiken anders als Protestanten, und alle feiern ihre Gottesdienste anders. Sie kommen aus unterschiedlichen christlichen Kulturen, und diese prägen ihr Denken, Fühlen und Handeln.

Das Christentum ist kein monotoner Gesang, sondern ein vielstimmiger.

So war es schon vor etwa 2.000 bis 3.000 Jahren im Judentum und unter den ersten Christ*innen, als die biblischen Schriften entstanden. Der Glaube drückte sich in vielen Stimmen aus. Die Lebenserfahrungen veränderten sich. Die Perspektiven wechselten. In Zeiten eines starken Staates musste man anders über Gott sprechen als in Zeiten des Krieges, der Fremdherrschaft und des Exils, in Zeiten sozialer Ungerechtigkeit anders als in Zeiten des allgemeinen Wohlstands. Und doch war es derselbe Gott, von dem alle sprachen.

Manches, was in der Bibel steht, klingt für uns heute widersprüchlich. Aber der Widerspruch liegt nicht in Gott begründet: Gott widerspricht sich nicht. Der Widerspruch liegt begründet in den unterschiedlichen Lebenserfahrungen derer, die ihre Erfahrungen mit Gott aufschrieben. So hat jede Glaubenserfahrung, die auf Gott zurückgeht, ihr Recht. Die Wahrheit liegt gerade in der Vielstimmigkeit.

Darum auch führen die biblischen Autoren keinen Meinungsstreit über Gott. Sie bekämpfen sich nicht gegenseitig. Der Prophet Jeremia wettert nicht gegen Jesaja, und Matthäus schreibt sein Evangelium nicht, um das Markusevangelium zu ersetzen. Die biblischen Autoren stellen ihre Perspektive ganz einfach neben die der anderen. Das ist ein entscheidender Hinweis darauf, dass sie die Vielstimmigkeit akzeptierten.

Es ist wie ein vielstimmiger Gesang, der erst durch die Vielstimmigkeit seinen wunderbaren Klang gewinnt.

Vielstimmig heißt aber nicht beliebig. Es ist eben kein chaotisches Getöse und Geschrei, ohne gemeinsame Tonart und ohne die einzelnen Töne zu treffen. Die gemeinsame Tonart ist gegeben, die Töne werden getroffen, aber die Vielstimmigkeit macht den Gesang erst interessant und wunderbar. Ein einstimmiger, monotoner Gesang ist auf die Dauer langweilig, wie auch manche christliche Literatur, die nur immer wieder dieselben Aspekte wiederholt. Erst der vielstimmige Spannungsreichtum eines Gesangs macht das Wunderbare aus.

So weist auch erst das vielstimmige und spannungsreiche (nicht beliebige!) Reden auf das Wunderbare dieses Gottes hin, der sich nicht in eine Schublade stecken lässt. Seine Liebe ist vielmehr immer wieder neu, er geht immer wieder neu auf uns ein, und darum spricht er immer wieder neu und anders zu uns – so, wie wir es gerade brauchen. Und gerade so bleibt Gott „gestern und heute derselbe und in Ewigkeit" (Hebr 13,8).

Die Vielstimmigkeit der Bibel ist nichts Schreckliches, sondern beschreibt die wunderbare Vielfalt unseres Gottes, der in kein Schema passt.


3. Jesus sprach von Gott vor allem in Gleichnissen, und die biblischen Autoren reden von Gott oft in Bildern. Denn Gott ist und bleibt ein Geheimnis, das von unserem Denken und Reden niemals gelüftet werden kann.

Gott gibt sich uns zu erkennen. Aber er entblößt sich nicht vor uns. Er macht sich uns begreifbar, aber er lässt sich nicht von uns fassen und greifen. Wir bekommen ihn nicht in den Griff. Er bleibt ein Geheimnis, auch wenn wir etwas von ihm verstehen.

Darum sollen wir uns kein in Stein gemeißeltes Bild von Gott machen (Ex/2Mo 20,4). Gott ist nichts, was wir einmal und dann für immer verstanden hätten. Er ist kein harmonisches Gesamtbild, das wir nun in unserem Kopf mit uns tragen könnten. Sondern er ist frei, uns immer wieder in anderer Weise und überraschend zu begegnen. All unser Reden und Denken von ihm ist deshalb unvollkommen. Wir erkennen ihn jetzt nur bruchstückhaft und in rätselhafter Gestalt (1Kor 13,12).

Das muss uns nicht erschrecken. Denn trotz unserer unvollkommenen Erkenntnis haben Glaube, Hoffnung und Liebe Bestand (1Kor 13,13). Es geht nicht darum, dass du Gott möglichst vollkommen erkennst. Sondern es geht darum, dass du Gott vertraust, auf ihn hoffst und dich an seiner Liebe ausrichtest.

Gottes Liebe zu uns ist nicht abhängig davon, wie groß unsere Gotteserkenntnis ist. Gerade der liebende Gott ist einer, der auf uns eingeht (Gen/1Mo 18,23-33; Ex/2Mo 3,7-9), sich von uns umstimmen lässt (Ex/2Mo 32,9-14) und sein eigenes Handeln bereuen kann (Jer 42,10). Liebe ist kein unveränderlicher Felsblock, an dem man zerschellt, sondern ein flexibles Netz, das uns auffängt, und gerade so ist sie unveränderliche Liebe.

Es ist uns meist nicht bewusst, aber wir selbst reden oft in Bildern und Gleichnissen über das, was schwer zu verstehen ist – was uns ein Geheimnis ist. Um auszudrücken, wie groß deine Liebe ist, kannst du sagen: „Ich hab' dich zum Fressen gern." Oder auch: „Ich liebe dich von der Erde bis zum Mond." Und Trauernde, die gefragt wurden, was sie empfinden, verglichen ihr Gefühl mit Landschaften: Die Zeit der Trauer war ihnen eine Mondlandschaft, eine Trümmerwüste, ein Katastrophengebiet, ein verwunschener Ort, ein langes und gewundenes Tal, eine unerforschte Wildnis. Sie erlebten zwischen sich und der Welt einen Riss, eine Wand oder eine Barriere und fühlten sich selbst wie in einer Blase oder einem Kokon.

Wir drücken alles, was uns ein Geheimnis ist, durch Bilder und Gleichnisse aus. Auch die Autoren der Bibel und Jesus selbst haben vom Geheimnis Gottes in Bildern und Gleichnissen gesprochen: Gott wird zum Beispiel verglichen mit einem Hirten (Ps 23,1), einem Fels (Ps 28,1), einem Schutzschild (Ps 3,4), einer Quelle (Jer 2,13), einem Licht (Ps 27,1), einem König (1Tim 1,17), einer Mutter (Jes 66,13), einem Vater (Mt 6,26).

Kein Bild von Gott kann das Geheimnis Gottes lüften. Alle Bilder zusammen lassen in unvollkommener Weise etwas von Gott erkennen, weil Gott sich durch sie zu erkennen gibt. Darum sollen und können wir mit unserer begrenzten Erkenntnis leben und glauben.

Doch es kann auch falsche Bilder von Gott geben. Darum ist es notwendig, die Geister zu unterscheiden (1Kor 12,10). Das können wir nicht aus eigener Kraft, sondern mit Hilfe des Geistes Gottes. Er will uns zur Wahrheit leiten (Joh 16,13). Er hat auch die Autoren der Bibel geleitet. Das ist mit 2Tim 3,16f gemeint. Richtig übersetzt lautet der Satz: „Jede von Gott eingegebene Schrift ist auch nützlich zur Belehrung, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes richtig beschaffen sei, zu jedem guten Werk ausgerüstet". Man sollte das Eingeben nicht so verstehen, dass Gott dem Schreibenden Wort für Wort diktiert, was er zu schreiben hat. Sondern Gott schenkt dem Schreibenden seinen Geist, und diese Geistbegabung führt dazu, dass der Autor keinen Unsinn über Gott verbreitet, sondern etwas aufschreibt, was der Wahrheit Gottes gerecht wird.

Dass die Autoren, deren Schriften in der Bibel gesammelt sind, von Gottes Geist begabt waren, ist ein Glaubenssatz. Es gibt keinen Beweis dafür. Es gibt nur das Vertrauen darauf, dass Gott sie geleitet hat und bis heute durch sie zu uns sprechen will. Wir glauben aber nicht an ein Buch. Sondern wir glauben an Jesus Christus – an den Gott, der nicht zwischen zwei Buchdeckel passt, der nicht Buch wurde, sondern ein lebendiger Mensch.


4. Die biblischen Autoren standen nicht außerhalb dessen, was man zu ihrer Zeit über die Welt wusste, sondern sie teilten das Weltbild ihrer Zeit.

Es ging den biblischen Autoren um Verkündigung, nicht um Naturwissenschaft. Aber sie hatten auch etwas über die Natur zu sagen, die sie als Gottes Schöpfung verstanden. Sie setzten dabei das Weltbild voraus, das in ihrer Zeit herrschte. So verstanden sie die Erde als eine Scheibe, die auf starken Pfeilern im Wasser ruhte und über der eine Kuppel aufgespannt war. Über der Kuppel war wiederum Wasser.

Das war es, was man damals über die Welt wusste oder zu wissen meinte. Wir werden diese Vorstellungen nicht übernehmen. Genauso wenig müssen wir es übernehmen, dass die Welt in sieben Tagen erschaffen wurde. Die Bibel selbst relativiert diesen Zeitraum, indem sie feststellt, dass vor Gott tausend Jahre so viel sind wie ein einziger Tag (Ps 90,4).

Es geht in Gen/1Mo 1,1-2,4 auch gar nicht um naturwissenschaftliche Aussagen über die Weltentstehung. Sondern es geht darum, das gütige und fürsorgliche Schaffen Gottes zu beschreiben. Dazu gehört auch, dass die Welt, in der es oft so chaotisch zugeht, von Gott ursprünglich wohlgeordnet ist. Gen/1Mo 1 atmet in all seinen Aspekten den Geist einer Ordnung, die Ruhe vermittelt und in der man sich aufgehoben fühlen kann. Damit soll den verunsicherten Menschen verkündigt werden: In allem Chaos, das uns begegnet, gibt es doch eine Macht, die das Chaos besiegt, die Ordnung schafft und immer wieder Leben ermöglicht. Darauf zu vertrauen, lädt die Schöpfungsgeschichte ein.

Man verstellt sich leicht den eigentlichen Sinn der biblischen Aussagen, wenn man sie naturwissenschaftlich deutet. Man übersieht dann das, was eigentlich verkündigt werden soll. Schlimmer noch: Man könnte an der ganzen Bibel verzweifeln, weil sie Aussagen über die Natur enthält, die heute nicht mehr haltbar sind. Man könnte sich dann fragen, was denn überhaupt an der Bibel wahr ist.

Aber man muss sich einfach klarmachen: Die Bibel will uns gar keine Wahrheiten über naturwissenschaftliche Zusammenhänge vermitteln. Ihr Thema ist ein anderes: Sie bezeugt uns Wahrheiten über den Ursprung, den Sinn, den Weg und das Ziel unseres Lebens. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wer bin ich? Was soll ich tun? Das sind die Fragen, zu denen die biblischen Autoren etwas Entscheidendes zu sagen haben.

Dass sie dabei Kinder ihrer Zeit waren und das Wissen ihrer Zeit teilten, muss uns nicht erschrecken. Denn Gott spricht durch unvollkommene Menschen mit ihrem begrenzten Wissen zu uns. Darauf zu vertrauen, dass Gott trotz ihrer Begrenztheit und Unvollkommenheit zu uns spricht – darauf kommt es an. Und nicht darauf, dass ihre Aussagen über die Natur und die Weltentstehung wissenschaftlich korrekt sind.


5. Zur Auslegung eines biblischen Textes müssen der Textzusammenhang, die Gesamtbotschaft der Bibel und Jesus Christus als Kriterium der Wahrheit herangezogen werden.

Die Bibel enthält schwierige Aussagen. Dazu gehören z.B. die Texte über den sogenannten „Bann", d.h. die Vernichtung des Gegners im Krieg. Dtn/5Mo 20,16f lautet: „In den Städten dieser Völker, die dir der Herr, dein Gott, zu eigen geben wird, sollst du nichts am Leben lassen, was Atem hat, sondern den Bann sollst du an ihnen vollstrecken." Die Tötung der gesamten Bevölkerung, also auch der Kinder und Frauen, erscheint uns zutiefst unmenschlich. Es ließen sich viele ähnliche Texte nennen.

Die theologische Forschung geht davon aus, dass der Bann in dieser brutalen Form nie wirklich vollstreckt wurde. Es sei den biblischen Autoren nur darum gegangen, die Macht des Gottes Israels zu beschreiben. Die Kriegsberichte der Assyrer und Babylonier würden deren Götter noch viel blutrünstiger darstellen, z.B. so, dass sie ganze Täler mit Leichen und Blut gefüllt hätten.

Dennoch stehen diese Texte nun mal in der Bibel. Wie gehen wir damit um?

Die Frage stellt sich auch bei sich widersprechenden Aussagen. So wird Gott auf der einen Seite als unsichtbar beschrieben (Ex/2Mo 33,20.23), während auf der anderen Seite berichtet wird, dass Mose, Aaron und andere ihn gesehen hätten (Ex/2Mo 24,9-11).

Es ist zunächst wichtig, den jeweiligen Text im Zusammenhang zu lesen. Was steht davor und was dahinter? Worum geht es eigentlich in diesem Text? Könnte er im übertragenen Sinn gemeint sein, so dass er kein historisches Geschehen widergibt, sondern sozusagen ein inneres Geschehen: Mose und Aaron haben Gott innerlich „gesehen", erkannt, verstanden. Wenn wir nur einzelne Sätze lesen und nicht den Textzusammenhang, kann das leicht zu Missverständnissen führen.

Auch der größere Zusammenhang ist zu berücksichtigen: Was will das ganze biblische Buch (also z.B. Ex/2Mo) uns sagen? Wie passt der Text mit den anderen Aussagen des Buches zusammen? Welche Anliegen verfolgen die Autoren des Buches? Wie waren die historischen Gegebenheiten zu ihrer Zeit? Die theologische Forschung versucht, alle diese Fragen zu beantworten. Es gibt viel Literatur, durch die sich auch theologische Laien einen Einblick in die Forschungsergebnisse verschaffen können.

Natürlich können und müssen wir die Texte auch so lesen, wie sie uns vorliegen – ohne umfangreiche Vorkenntnisse. Wir sollten uns dann nur zwei Dinge bewusst machen: Erstens: Unser Verstehen ist nur ein begrenztes. Und zweitens: Auch schwierige und widersprüchliche Aussagen können wir stehen lassen. Unser Glaube muss nicht daran zerbrechen.

Es ist zudem wichtig, die Gesamtbotschaft der biblischen Schriften zu berücksichtigen. Es gibt eben auch Texte, die ein friedliches Miteinander der Völker zum Ziel haben (Jes 2,4; Mi 4,3) und die so human wirken, dass ein Krieg gar nicht mehr möglich erscheint (Dtn/5Mo 20,5-9).

Das entscheidende Kriterium für die Wahrheit aber ist Jesus Christus selbst (Joh 14,6). In ihm hat Gott sich uns in einzigartiger Weise sichtbar gemacht (Joh 14,9). Dieses „Ebenbild" Gottes hat geboten, das Schwert stecken zu lassen (Mt 26,52; Joh 18,11).

In Jesus Christus hat die christliche Bibel ihr Zentrum. Was ihm widerspricht, kann nicht die Wahrheit Gottes sein. Wenn wir alle biblischen Worte von dem einen Wort her, das Jesus Christus ist, verstehen, dann relativiert sich manch schwieriger und widersprüchlicher Text. Er hat dann eine durch Jesus Christus eingeschränkte Bedeutung.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wir glauben nicht an einen zeitlosen, unbeweglichen, nur jenseitigen Gott, sondern an einen, der Mensch geworden ist. Gott offenbart sich in unserer Menschengeschichte. Dieser Gott hat sein Wort in einem einzigartigen Menschen hörbar und sichtbar gemacht. Und er hat außerdem sein Wort in den Mund vieler Menschen gelegt. Jesus Christus ausgenommen, hat keiner von ihnen die Wahrheit allein. Das heißt: Jeder biblische Autor bedarf der anderen biblischen Autoren. Und er bedarf es vor allem, an Jesus Christus gemessen zu werden.

Es ist kein Grund zum Erschrecken, wenn manchen biblischen Texten weniger Bedeutung zukommt als anderen. Es ist sogar Grund zur Freude. Wir leben von der Bibel, wir empfangen unendlich viel von ihr. Wir dürfen nicht eigenmächtig irgend etwas aus ihr streichen (Mt 5,18). Denn sie ist zu unserer Freude und zu unserem Trost geschrieben. Gott spricht durch ihre unvollkommenen menschlichen Worte zu uns.

Aber er ist der freie Gott, der sich uns immer neu und überraschend offenbart. Er ist nicht zwischen den Buchdeckeln der Bibel eingeschlossen (Joh 5,39). Jesus selbst hat deshalb manche Aussagen seiner Bibel (das war das Alte Testament) relativiert (Mt 5,21f und öfter). Denn er vertraute nicht den Buchstaben, sondern dem lebendigen Gott.

So sollen wir es auch tun: Dem vertrauen, der größer ist als alles menschliche Denken, Reden und Schreiben, größer als all unser Verstehen (Phil 4,7).


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12 Kommentare
2020-07-02 11:19:34
Hallo Klaus,

danke für diesen sehr guten und sehr wichtigen Beitrag. Für mich persönlich ist Punkt 4 besonders wichtig. „Die biblischen Autoren standen nicht außerhalb dessen, was man zu ihrer Zeit über die Welt wusste, sondern sie teilten das Weltbild ihrer Zeit“. Für die naturwissenschaftlichen Teile kann man heute ziemlich gut sagen, dass und wie unzutreffend das damalige Weltbild war. Muss man den theologischen Teil nicht genau so hinterfragen? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, worin besteht und worauf beruht dann in der Theologie nachvollziehbarer Fortschritt?

Viele Grüße

Thomas
2020-07-02 21:43:30
Hallo Thomas,

das ist eine interessante Frage, über die ich erstmal nachdenken musste.

Du schreibst: „Für die naturwissenschaftlichen Teile kann man heute ziemlich gut sagen, dass und wie unzutreffend das damalige Weltbild war." Tatsächlich sind wir heute diesbezüglich klüger als die Menschen vor 2.000 bis 3.000 Jahren. Die empirische Forschung aufgrund der technologischen Fortschritte haben gegenüber den damaligen Beobachtungen enorme Erkenntnisfortschritte gebracht, wenngleich längst nicht alle Fragen beantwortet sind und auch die Forschungsergebnisse immer wieder aufgrund neuer Erkenntnisse korrigiert werden müssen.

Du fragst, ob man den theologischen Teil nicht genauso hinterfragen müsse. Übertragen auf den theologischen Teil würde dein Satz so lauten: „Für die theologischen Teile kann man heute ziemlich gut sagen, dass und wie unzutreffend das damalige Gottesbild (und damit auch Menschen- und Weltbild) war."

Wenn ich diesen Satz lese, empfinde ich bereits die Schwierigkeiten, die darin liegen, wenn man die theologischen Erkenntnisse den naturwissenschaftlichen gleichstellt. Denn es stellt sich sofort die Frage, welches Kriterium ich denn habe, um heute ziemlich gut zu sagen, dass und wie unzutreffend das damalige Gottesbild war. Bezüglich der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse habe ich das Kriterium der empirischen Forschung. Bezüglich der theologischen Erkenntnisse kann ich mich aber auf keine Empirie berufen und auch nicht auf technologische Fortschritte.

Von daher ist mir schlichtweg kein Kriterium bekannt, aufgrund dessen ich die theologischen Erkenntnisse der heutigen Zeit denen der damaligen Zeit überordnen könnte. Ist der Mensch in Fragen der Gotteserkenntnis klüger geworden? Ist seine Vernunft diesbezüglich leistungsfähiger geworden? Ist ihm Gott aufgrund der Fortschritte in Mathematik und Technologie deutlicher erkennbar geworden? Erlauben ihm neue Offenbarungen, die Offenbarung Gottes in Jesus Christus, wie er uns im NT überliefert ist, in Frage zu stellen? Ich würde diese Fragen alle verneinen. Aber vielleicht übersehe ich ja etwas und du kannst mir ein Kriterium nennen, das uns erlauben würde, die Gotteserkenntnis der biblischen Autoren für unzutreffend zu erklären.

Ich gehe also davon aus, dass die biblischen Autoren vom Geist Gottes bewegt waren, so dass sie die Wahrheit Gottes in menschlich unvollkommenen Worten und in den Denkkategorien ihrer Zeit verkündet haben. Dennoch bin ich der Meinung, dass gewisse biblische Aussagen relativiert werden müssen. Wie ich bereits beschrieben habe, kann aber das Kriterium dafür allein Jesus Christus sein, der eben in Joh 1,1 das Wort Gottes schlechthin ist. Auch die anderen Evangelien konzentrieren sich ja auf die Person Jesu und verkündigen ihn als denjenigen, mit dem das Reich Gottes nahegekommen ist. Insofern gilt also für mich wieder die Geistbegabung der biblischen Autoren.

Wenn ich von der Geistbegabung der biblischen Autoren ausgehe, ist das eine Glaubensaussage. Auch dass die Aufnahme bestimmter Schriften in den biblischen Kanon und der Ausschluss anderer Schriften nicht ein Zufallsprodukt ist, sondern ein geistgewirktes Geschehen innerhalb der jungen Kirche, ist eine Glaubensaussage. Insofern beziehe ich mich auf den 3. Artikel des Glaubensbekenntnisses. Dort heißt es ja nicht nur, dass ich an den heiligen Geist glaube, sondern auch, dass ich „an die heilige christliche Kirche" glaube. An die Kirche zu glauben, heißt also, an das Wirken des Geistes Gottes in ihr zu glauben, durch das die Kirche geheiligt ist.

Davon unbenommen gibt es natürlich viel Unheiliges in der Kirche. Aber ich glaube dennoch, dass aufs Ganze gesehen Gott seine Kirche (nicht unbedingt die sichtbare Institution, sondern die unsichtbare, nicht empirisch verifizierbare Gemeinschaft der Glaubenden) leitet. Darum schrieb ich, dass Gott dafür gesorgt hat, dass die so geleiteten biblischen Autoren keinen Unsinn über Gott verbreitet haben.

Nachvollziehbarer Fortschritt in der Theologie würde dann darin bestehen, dass man die biblischen Schriften mit den Methoden der historischen Wissenschaft teilweise besser interpretieren kann als ohne sie. Er würde aber letztlich allein darin bestehen, dass Gott auch heute der Kirche und mit ihr den Theologen seinen Geist schenkt und sie so zwar nicht zu neuen Erkenntnissen führt, aber dazu, die alten Erkenntnisse aus der biblischen Zeit immer neu in die Sprache unserer Zeit zu übersetzen und so den veränderten Denkkategorien gemäß zu verdeutlichen.

Inwiefern das für Menschen nachvollziehbar ist, weiß ich nicht. Es ist ja letztlich auch wieder ein Glaubenssatz. Aber für mich keiner, der die Vernunft opfert, um glauben zu können, sondern der sehr gut mit der Vernunft zusammenpasst – allerdings einer Vernunft, die davon ausgeht, dass Gott da ist und in dieser Welt wirkte und bis heute wirkt. Das freilich ist mit Hilfe der Vernunft nicht zu beweisen, sondern eben nur – zu glauben.

Viele Grüße und danke für deine wichtige Frage
Klaus
2020-07-03 07:07:16
Fortschritt in der Theologie, im Wissen über Gott könnte man vielleicht über vergleichende Religionslehre erreichen. In so einer Richtung war ich mal Anfang 20 unterwegs, gleichzeitig mit meiner Hesse-Phase. Spezialisierte und noch dazu konfessionalisierte Theologie kommt mir seitdem zu eng vor.
2020-07-03 21:58:07
Was du schreibst, trifft dann zu, wenn man alle Religionen gleichwertig betrachtet. Ich sehe, wie gesagt, die entscheidende Offenbarung Gottes in der Person Jesu Christi, an der deshalb alles Religiöse - auch das der biblischen Schriften und natürlich unser eigenes Denken - zu messen ist. Diesen Ansatz finde ich auch im Neuen Testament wieder.

Das schließt nicht aus, dass es auch in anderen Religionen oder bei "religionslosen" Menschen wahre Gotteserkenntnis gibt. Ihr Kriterium ist aber für mich Jesus Christus. Ohne dieses Kriterium sehe ich die Gefahr einer Beliebigkeit der Gottesvorstellungen.
2020-07-04 16:19:58
Heute nacht habe ich etwas Bibellese laut Leseplan nachgeholt. Dabei war 1. Könige 11 dran, wo Salomo verschiedene andere Kulte mitmacht, u.a. den der Astarte. Die Schuld wird auf seine entsprechend engagierten Nebenfrauen geschoben ("cherchez la femme"), aber für einen ausgesprochenen Günstling Gottes finde ich das trotzdem schon sehr erstaunlich. Ich sehe es durchaus auch positiv im Sinne eines Schauens über den Tellerrand.

Und im übrigen muss ich daran denken, dass wir Christen die originelle Situation haben, dass unsere Zentralfigur einer anderen Weltreligion angehörte.

Ich will damit bestimmt nicht einer Vermischung von Religionen das Wort reden. Das geht schief und bei Salomo folgte denn auch die Strafe in den nachfolgenden Generationen. Trotzdem sehe ich solche Religionsvergleiche schon als ein Option, in der Theologie voranzukommen.
2020-07-04 22:04:37
Ich schaue auch gern mal über den Tellerrand, aber das ist etwas anderes, als eine fremde Gottheit anzubeten, wie Salomo es tat (was dann ja auch die "Strafe" Gottes hervorrief).

Ich denke, man kann durch Religionsvergleiche weiterkommen, weil dadurch der Sinn für das Spezifische der eigenen Religion geschärft wird. Mitunter kann man sogar etwas von anderen Religionen "lernen", was einem zuvor verborgen geblieben war, obwohl es auch in der eigenen Religion schon angelegt war. Kriterium ist für mich nach wie vor Jesus Christus.

Der war unbestritten Jude, wurde und wird aber von den Juden (die messianischen Juden ausgenommen) nicht als Messias anerkannt. Das ist der springende Punkt.
Jochen
2020-07-06 17:52:31
Ich frage mich, ob das erste Missverständnis nicht schon da anfängt, wenn man sich biblische "Autoren" im heutigen Sinne vorstellt. Lukas ist nach meinem Verständnis durchaus so einzuordnen, indem er allem von Anfang an gründlich nachgeht, und bemüht ist, Orte und Zeiten klar zu nennen. Für den Anfang des Alten Testaments gilt das sicher nicht. Allerdings vermute ich, dass hinter dem "Buch der Weisheit" (im ev. Bereich wohl apokryph?) bereits das moderne Weltbild der Antike (Erde=Kugel) steht, wenn der Autor die Abfolge aller Sonnenwenden, den Wandel der Jahreszeiten und die Stellung der Sterne kennt und ausserdem ein genauer Beobachter der Tier- und Pflanzenwelt ist (Weish 7,17-21).

Zur Frage ob Mose Gott wirklich gesehen hat, oder ob Menschen Gott wirklich sehen können, ist für mich persönlich Psalm 42 aufschlußreich. Unsere wissenschaftliche Lesart (nur "innerlich" gesehen) führt dazu, dass wir die Sache für heute und wohl für immer auch innerlich gewissermaßen abhaken, es war ja nur innerlich und man kann Gott in Wirklichkeit nicht sehen. Also ist das Weltbild wieder in Ordnung. Der Psalmist denkt wie andere Israeliten darüber ganz anders, weil er sich damit nicht wie wir modern-aufgeklärte Leser abfindet:

"Meine Seele dürstet nach Gott, / nach dem lebendigen Gott. Wann darf ich kommen / und Gottes Antlitz schauen?
Tränen waren mein Brot bei Tag und bei Nacht; / denn man sagt zu mir den ganzen Tag: / «Wo ist nun dein Gott?»
Das Herz geht mir über, wenn ich daran denke: / wie ich zum Haus Gottes zog in festlicher Schar, / mit Jubel und Dank in feiernder Menge.
Meine Seele, warum bist du betrübt / und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, / meinem Gott und Retter, auf den ich schaue." (Ps. 42,3-6)

Der objektive Befund ist also ähnlich, nur die innere Einstellung ist eine ganz andere. Also bräuchte man irgendwie noch einen Punkt 6, damit das rechte Bibelverständnis nicht so sehnsuchtslos bleibt.


2020-07-06 20:32:55
Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar und die Ergänzungen. Ich hoffe, dass ich alles einigermaßen richtig verstanden habe und möchte in vier Punkten antworten:

1. Ich denke, wir unterscheiden uns nicht darin, dass man sich die biblischen Autoren nicht im heutigen Sinne vorstellen sollte. Ich habe ja versucht, das Verständnis der biblischen Autoren vom heutigen Verständnis eines Autors abzugrenzen. Die biblischen Autoren waren weder Historiker noch Naturwissenschaftler im heutigen Sinn. Es ging ihnen nicht um historische oder naturwissenschaftliche Wahrheiten, sondern um Glaubenswahrheiten. Diese wollten sie bezeugen. Insofern waren sie höchst subjektiv. Heutige Historiker und Naturwissenschaftler bemühen sich um größtmögliche Objektivität, weil ihre Erkenntnisse nachprüfbar sein müssen. Das schließt nicht aus, dass auch die biblischen Autoren nach damaliger Erkenntnis „objektive" Fakten in ihre Zeugnisse einbezogen haben.

2. Das Buch der Weisheit ist evangelischerseits tatsächlich ein apokryphes Buch. Dennoch enthält es sicher Wahrheiten. Ich bezweifle allerdings, dass der Autor die Erde bereits als Kugel verstand. Er müsste dann ja außerhalb seiner Zeit gestanden haben. Man kann zwar der Meinung sein, Gott hätte ihm diese Erkenntnis geschenkt. Aber er wäre dann eben kein Mensch in seiner Zeit gewesen, wie es alle Menschen sind. Er wäre sozusagen seiner Zeit erkenntnismäßig enthoben gewesen. Das mag ich bestenfalls für Jesus gelten lassen. Auch er lebte aber immerhin in den Vorstellungen und mit der Sprache seiner Zeit, auch wenn er in einzigartiger Weise mit Gott verbunden war und einzigartige Gotteserkenntnis hatte. Ich finde es auch nicht schlimm, dass die biblischen Autoren und selbst Jesus in den Vorstellungen ihrer jeweiligen Zeit lebten. Das macht sie doch menschlich, das macht auch Jesus menschlich. Dass Gott Mensch geworden ist, heißt für mich auch, dass er sich auf die menschliche Zeit mit ihren Bräuchen, Gedanken und Vorstellungen eingelassen hat. Im übrigen finde ich es auch nicht wichtig, ob der Autor des Weisheitsbuches die Erde als Kugel oder als Scheibe verstand. Es ging ihm doch sicher um etwas ganz anderes, ungleich Wichtigeres und Entscheidenderes als um diese kosmologische Erkenntnis.

3. Zur Frage der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit Gottes möchte ich sagen, dass ich innere Erkenntnis Gottes für wesentlicher halte als äußere Erkenntnis Gottes. Ich will also keineswegs „die Sache" damit „abhaken" oder sagen „es war ja nur innerlich". Im Gegenteil würde ich sagen: „Es war SOGAR innerlich." Ich frage mich allerdings: Was bringt es denn, wenn man weiß, wie Gott äußerlich aussieht? Allein diese Frage nach Gottes Äußerem finde ich schon unpassend. Wie sollte das auch geschehen, Gott mit den Augen unseres Körpers zu sehen? Hat Gott einen Körper aus Materie, den wir sehen und anfassen können? Dann wäre Gott doch sehr ins Weltliche gezogen. Jesus hatte sicher so einen Körper, aber von Gott sagt die Bibel nichts dergleichen. Die Frage aus Ps 42 „Wann darf ich kommen und Gottes Antlitz schauen?" kann sich m.E. nur auf innere Gotteserkenntnis beziehen. Denn im Alten Testament steht das „Antlitz" oder „Angesicht" Gottes für Gott selbst (wie auch z.B. seine „Hand"), nicht nur für sein Gesicht. Zum Beispiel Jer 44,11: „Siehe, ich wende mein Angesicht gegen euch zum Unheil", d.h. ich wende MICH gegen euch zum Unheil. Wäre Gott sichtbar, wie würdest du denn dann Ex 33,20.23 und 1Kor 13,12 verstehen?

Ich will damit gar nichts gegen mystische Erlebnisse sagen, in denen Gott wie ein Licht oder von mir aus auch wie ein Körper erscheinen kann. Aber ich denke, man sollte sich bewusst sein, dass das nur Gleichnisse für Gott sein können, die nicht Gottes Äußeres wiedergeben.

4. Deinen letzten Absatz verstehe ich leider nicht so recht. Ich empfinde jedenfalls mein Bibelverständnis nicht als „sehnsuchtslos". Ich sehne mich danach, auf viele Fragen eine Antwort zu bekommen und Gott intensiver zu begegnen, seine Liebe und seinen guten Willen für uns kennenzulernen. Aber ich sehne mich nicht danach, zu erkennen, wie er äußerlich ist. Aber vielleicht habe ich dich ja missverstanden und du kannst mir noch näher erläutern, wie du es meinst.
Jochen
2020-07-07 15:46:21
Hallo Klaus,
ich möchte nicht Dein Bibelverständnis kritisieren, hatte mich als Nicht-Theologe nur gefragt, ob die fünf Punkte schon wirklich hinreichend sind.
Zu 3. und 4. : In der Wahrnehmung des Psalmisten sind die Spötter (wo ist denn nun dein Gott?) eine harte Realität, denen er sich erbarmungslos ausgesetzt sieht. An dieser Realität, stelle ich mir vor, misst sich auch die Realität seiner Gotteswahrnehmung. Ich weiß nicht ob das verständlich ist. Reicht "innerlich" z. B. angesichts eines furchtbaren Unglücks, wenn die Menschen fragen Gott wo bist du? Als sehnsuchtslos habe ich es einmal empfunden, als eine Pfarrerin in einem Unglücks-Trauergottesdienst lediglich ein Rilke-Gedicht zu zitieren wusste.

Jedenfalls glaube ich schon (mit vielen anderen Christen und Juden), dass Gott in der Realität räumlich, zeitlich, substanziell gewirkt hat, und wieder wirken wird, wenn Er es will. Wirken meine ich dabei im physikalischen Sinne des Begriffs, um die psychologisch/physiologische Mehrdeutigkeit von "sehen" gleich zu vermeiden.
2020-07-07 21:14:13
Hallo Jochen,

ich finde es nicht schlimm, wenn du hier und da eine andere Sicht hast und wenn du berechtigte Fragen stellst. Keiner hat die Wahrheit allein, und wir lernen alle voneinander.

Man kann die fünf Punkte sicher noch um einige ergänzen. Ich wollte auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.

Ich kenne die Frage "Wo ist denn nun dein Gott?" zur Genüge. Sie wird immer dann gestellt, wenn ein Unglück geschehen ist. Dann fragen die Menschen "Warum lässt Gott das zu?", und gemeint ist: "Wie kann man an einen liebevollen Gott glauben, der so etwas geschehen lässt? Wo ist der liebevolle Gott, wenn Menschen so etwas erleiden müssen?"

Ich denke, wir Christen stehen dann so da, dass wir Gott nicht zeigen können. Wir können nur bekennen, dass wir trotz des Unglücks an den liebevollen Gott glauben. Wir können auf seine Verheißungen hinweisen. Wir können vielleicht positive Erlebnisse schildern, in denen wir Gottes Wirken erkennen. Aber wir können keine Antwort geben auf die Frage, warum Gott das Unglück hat geschehen lassen. Wir können nur unseren Glauben bekennen, dass Gott auch im Unglück die Menschen nicht verlässt. Dass es auch für die Verunglückten, Verzweifelten, Trauernden eine Zukunft gibt. Und dass es einen Trost gibt, weil das Leid und Tod nicht das Letzte sind.

Wenn du Gottes Sichtbarkeit so verstehst, dass Gott in unserer Wirklichkeit, in Raum und Zeit, in der Geschichte eines Menschenlebens wirkt, dann bin ich ganz bei dir. Aber das ist, finde ich, eine Glaubensaussage, und jemand, der nicht an Gott glaubt, wird dem nicht zustimmen können. Aber vielleicht wird er darüber ins Nachdenken kommen. Und wer weiß, wann unser Wort ihm wieder in den Sinn kommt und ihm vielleicht sogar zum Trost wird.
Jochen
2020-07-18 10:13:39
Hallo Klaus,
bei Jesus im Gespräch mit Marta hört sich das kräftiger an:

"Jesus erwiderte ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,
und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?"(Joh. 11,25-26)

und später

"Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?" (Joh. 11,40)

Ausserdem heißt es, dass Jesus "erschüttert" war, es ist also keinerlei Sentimentalität dabei, die nichts Tröstliches hat, sondern klipp und klar der Blick auf die trostlose Realität und der Glaube, der letztlich stärker ist. Diesem Glauben, den Jesus meint, versuche ich auf die Spur zu kommen (Lk 17,5: "Stärke unseren Glauben!"), in diese Richtung etwa würde mein Punkt 6 gehen, weniger als Erklärung sondern eher als offene Aufgabe. Dabei würde mich z. B. interessieren von einem Theologen zu hören, ob der Glaube, den Jesus meint, etwas ganz Neues ist, oder ob er etwa in Habakuk 2,1-5 schon teilweise beschrieben wird.
2020-07-19 12:34:06
Hallo Jochen,

ich glaube, ich verstehe dein Anliegen jetzt besser, und hoffe, dem mit meiner Stellungnahme gerecht zu werden:

Gott wirkt nicht nur im Himmel, sondern auch in der Welt, und man kann sein Wirken wahrnehmen. Man kann z.B. wahrnehmen, dass die Welt noch Bestand hat oder dass ein Kranker gesund wird. Aber nur ein glaubender Mensch wird dieses Geschehen als Wirken GOTTES deuten. Für die anderen ist es ein naturgegebener Ablauf. Die „Herrlichkeit Gottes zu sehen" würde dann heißen, Gottes Wirken im Weltgeschehen zu erkennen, auch in den Irrungen und Wirrungen und im für uns Menschen Unverständlichen. Diese Erkenntnis kann uns Menschen meiner Überzeugung nach nur geschenkt werden.

Punkt 6 könnte dann lauten: Lies die Bibel mit dem ehrlichen Wunsch und der Bitte an Gott, sein Wirken in ihr beschrieben zu finden. Ich hoffe, dass das deinem Anliegen nahekommt. Der Punkt ist sehr wichtig und könnte meine fünf Punkte gut ergänzen.

Nun zu deiner Frage, wie sich AT und NT zueinander verhalten: Das Thema wird in der Theologie immer wieder kontrovers diskutiert. Ich kann hier nur meine Meinung wiedergeben.

Ich verstehe den Glauben in erster Linie als Vertrauen auf das liebevolle Wirken Gottes an uns und an der ganzen Schöpfung. Dieses Vertrauen finde ich auch schon im AT, z.B. in Gen 12,1-4, als Abram auf Gottes Verheißung vertraute und seine Heimat verließ, oder bei den Propheten, die dem Volk Israel vorhalten, sich auf fremde Mächte und entsprechende politische Bündnisse verlassen zu haben statt auf Gott. Auch in Hab 2,4 heißt es ja: „Der Gerechte wird kraft seiner Treue [Gott gegenüber] am Leben bleiben" (vgl. Röm 1,17b). Das griechische Wort „pistis", das meist mit „Glaube" übersetzt ist, kann man übrigens auch mit „Treue" übersetzen. Im AT gibt es ensprechende Begriffe. Es geht also im Glauben um die Treue zu Gott, das Trauen auf seine Wege, das Vertrauen Gott gegenüber. Dazu wird auch im AT immer wieder aufgerufen.

Neu ist im NT aber (und das ist kaum zu bestreiten), dass dieser Glaube nicht nur Glaube an Gott, sondern auch an Jesus ist, weil er mit Gott eins ist und weil er uns Gott offenbart; weil seine Geschichte Gottes Geschichte ist. In ihm hat sich das Heil der Welt ereignet.

Neu ist im NT auch (eben weil sich in Jesus das Heil der WELT ereignet hat), dass dieser Glaube allen Völkern offen steht, während er im AT zwar nicht nur, aber doch weitgehend auf das Volk Israel beschränkt ist.

Vielleicht könnte man auch noch etwas Neues darin sehen, dass (eben weil sich in JESUS das Heil ereignet hat und nicht in menschlichen Taten) die Gnade Gottes im NT deutlicher in den Vordergrund tritt als im AT. Doch ist von ihr auch im AT, wenn man es recht versteht, immer die Rede, und das AT ist kein Buch, das „Werkgerechtigkeit" proklamiert. Aber für manche Passagen gilt dann vielleicht doch, dass das NT hier deutlicher ist. Ich würde das aber nicht als Unterschied, sondern bestenfalls als Akzentverschiebung beurteilen.

Alles in allem versuche ich, die Parallelen zwischen AT und NT zu sehen, von denen es ja sehr viele gibt. Dabei interpretieren sich beide Bücher gegenseitig: Das AT ist Grundlage des NT und die Bibel Jesu und der ersten Christ*innen, und das NT ist Weiterführung und vielleicht Vertiefung des AT. Ich würde also eher die Übereinstimmungen betonen als die Unterschiede. Dabei verstehe ich das AT natürlich vom NT her. Jüdische Auslegung des AT versteht Manches anders als christliche.

Ich hoffe, deine Frage damit einigermaßen beantwortet zu haben. Wenn du noch Fragen hast, lass sie mich wissen!
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