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... alles zum Besten kehren

Christsein verstehen
Veröffentlicht von in Theologie mit Humor · 7 Mai 2020
Tags: CoronaGeboteNächstenliebe

T h e o l o g i e   m i t   H u m o r
... alles zum Besten kehren
Klaus Straßburg | 07/05/2020

Vorgestern war ich im Supermarkt. Der Fahrradständer war mal wieder von einem Verkaufsstand zugestellt. Ärgerlich. Keiner denkt im Autoland an die Radfahrer.

Zwei Frauen kommen aus dem Markt, reißen sich die Masken vom Gesicht und schreien: „Luft! Endlich wieder Luft!" Ich denke: Was haben die denn für ein Problem? Ist im Markt die Klimaanlage ausgefallen? Oder halten die es nicht mal 'ne halbe Stunde unter der Maske aus? Die Leute können wirklich nichts mehr ab.

Ich finde einen Platz zum Anschließen des Fahrrades neben einem Behindertenparkplatz. Jetzt nimmt mein Fahrrad einen Teil des Parkplatzes ein. Nicht ideal. Aber was soll ich machen?

Also Maske vors Gesicht und rein. Auf den Einkaufswagen verzichte ich. Wer weiß, wer den heute schon alles angefasst hat.

Drinnen lauter Vermummte. Die Luft ist normal, kein Problem. Aber es gibt immer noch Leute, die nicht wissen, was Abstand ist. Oder die nicht wissen, dass 1 Meter 50 mehr ist als 50 Zentimeter. Oder die einfach so vor sich hin trällern. Ich versteh' das nicht.

Ist schon komisch, von allen nur die Augen zu sehen. Aber es guckt sowieso keiner den anderen an. Ist jetzt eigentlich die muslimische Verschleierung, bei der nur die Augen zu sehen sind, bei uns verboten oder nicht? Und müssen die sich verschleiernden Frauen jetzt unter ihrem Schleier noch einen Mund-Nasen-Schutz ...?? – Schwierige Frage. Dazu habe ich jetzt keine Zeit.

Jedenfalls war die Verschleierung ja heiß umstritten. Das ginge doch nicht, dass man von seinem Gegenüber nur die Augen sieht. Jetzt laufen wir alle so rum. Jedenfalls im Supermarkt und in Bus und Bahn. Geht doch.

Mit ein paar Handgriffen greife ich in die Regale und packe alles in meine Tasche. Das geht ziemlich schnell, ich weiß ja, wo die Sachen stehen.

Dann zur Kasse. Zwei sind geöffnet, beide haben lange Schlangen. Ich reihe mich ein. Vor mir eine vermummte junge Frau. Hinter mir reiht sich ein vermummter junger Mann ein. Ich hasse es, in der Schlange zu stehen. Es geht mal wieder überhaupt nicht weiter.

Vor mir die Frau bewegt sich gar nicht voran. Der Abstand zu dem vor ihr Stehenden wird immer größer. Das nervt. Was soll das, denke ich. Warum geht sie nicht weiter? Dann macht sie einen Minischritt nach vorn. Ich ziehe nach. Aber der Abstand zu ihrem Vordermann beträgt immer noch 3 Meter.

Das ist doch übertrieben, denke ich. Oder steht sie vielleicht gar nicht an, sondern einfach nur rum? Ärgerlich, dass es so gar nicht weitergeht. Es gibt Leute, die können nicht mal in einer Schlange anstehen.

Ich weiß schon, dass ich auch nicht schneller dran wäre, wenn sie den Abstand verringern würde. Aber ich hätte wenigstens das Gefühl, dass es dann schneller ginge.

Der Vermummte hinter mir hält es auch nicht mehr aus und kommt immer näher. Als er einen halben Meter hinter mir steht, drehe ich mich spontan um, strecke ihm den Arm entgegen und sage durch die Maske: „Halten Sie bitte Abstand!" Er blickt verdutzt von seinem Handy auf, an dem er rumdaddelte, und geht 20 Zentimeter zurück. Das reicht mir nicht. Weil ich keinen Ärger machen will, weiche ich zur Seite aus, um den Abstand zu vergrößern. Unmöglich, wie sich manche benehmen!

Die Frau vor mir hat das mitbekommen, dreht sich zu mir um und schüttelt den Kopf. Ich nicke und lächle dabei (das kann sie aber nicht sehen) und denke: Jetzt mach hier keinen Aufstand, wenn der hinter mir das mitkriegt, wie peinlich!

Sie kann sich gar nicht wieder einkriegen und murmelt etwas in ihre Maske, das ich nicht verstehen kann, nur ein Wort kommt bei mir an: „... BEKLOPPT ...". Ich nicke wieder und lächle (damit will ich sie beruhigen, aber sie kann das immer noch nicht sehen) und denke nur: Hoffentlich bekommt der hinter mir nichts mit, so schlimm ist es doch auch wieder nicht.

Dann beruhigt sie sich wieder und wir warten weiter. Jetzt weiß ich, warum die Frau vor mir so viel Platz zum Vordermann ließ: Sie nimmt es eben sehr ernst mit dem Abstand. Und sie hat mich gut verstanden mit meiner Reaktion. Eine Vernünftige im Meer der Ignoranten. Jetzt ist sie mir richtig sympathisch.

Die letzten Minuten Wartezeit achte ich sehr auf meinen Abstand zu ihr. Ich will sie ja nicht enttäuschen.

Komisch, wie schnell sich die Beurteilung eines anderen Menschen ändern kann. Zuerst fand ich ihr Verhalten sehr merkwürdig und nervig, und von einer Sekunde auf die andere ist sie mir sympathisch geworden.

Warum habe ich nicht von Anfang an verstanden, dass sie es einfach ernst genommen hat mit dem Abstand? Und selbst wenn sie nur etwas rumgeträumt und dabei das Weitergehen vergessen hätte – was wäre daran so schlimm gewesen?

Nicht sie war das Problem, sondern ich.

Mir fällt Martin Luthers Erklärung zum achten Gebot ein „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten" (nach reformierter Zählung das neunte Gebot - auch so ein kirchliches Kuriosum). Es geht zwar in meinem Fall nicht um Reden, sondern um Denken. Aber alles Reden fängt ja mit dem Denken an.

Alle Erklärungen zu den Geboten 2 bis 10 beginnen bei Luther mit den Worten „Wir sollen Gott fürchten und lieben" und greifen damit das 1. Gebot auf: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben." Das erklärt Luther so: „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen."

Das gilt nun auch für das achte Gebot. Darin wurzelt unser richtiges Handeln, dass wir Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen. Dann erklärt Luther kurz, was wir nicht tun sollen: den Nächsten belügen, verraten, schlecht über ihn reden usw. Und was sollen wir stattdessen tun? „Ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren."

An die Formulierung „alles zum Besten kehren" muss ich oft denken. Wann gelingt mir das schon? Wie schnell bin ich dabei, den anderen in ein schlechtes Licht zu rücken, ihn schlechter darzustellen, als er ist? Aber alles zum Besten kehren? – Fehlanzeige.

Wann versuche ich ernsthaft, denjenigen, den ich nicht verstehe oder der mich nervt und ärgert, in ein gutes Licht zu rücken – schon in meinen Gedanken?

Ich habe diesmal etwas gelernt im Supermarkt. Oder bin jedenfalls an etwas erinnert worden.

Draußen, als ich mein Fahrrad aufschließe, sehe ich noch den Mann, der hinter mir stand, in sein Auto einsteigen. Jetzt unvermummt. Vielleicht hat er einfach nur über seinem Handy den Abstand vergessen. Das ist verzeihlich. Aber ich finde es trotzdem gut, dass ich ihn freundlich darauf hingewiesen habe. Sollte jedenfalls freundlich sein. Ist mir vielleicht nicht gelungen. Daran kann ich noch arbeiten.

Das mit dem „alles zum Besten kehren" ist jedenfalls eine bleibende Herausforderung.


* * * * *


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